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Lkw-Fahrer betrunken am Steuer

Alkohol-Schloss verhindert Abfahrt

Alkohol, Montage, Promillegrenze, Promille Foto: Spotpress, Grafik: Frieser, Quelle: ETSC *F: Busfahrer 0,2 %

Jeder vierte Unfallfahrer ist alkoholisiert. Betrunken am Lkw-Steuer sind oft Osteuropäer auf. Ein Alko-Schloss könnte abhelfen.

Mit 2,3 Promille hinter dem Steuer eines Gefahrgutlasters auf der Autobahn – wäre da nicht eine Alkoholkontrolle der Polizei dazwischengekommen, hätte sich der Fahrer wohl auf den Weg gemacht. Beamte des Verkehrskommissariats Walldorf haben kürzlich kurz vor Ende des Sonntagsfahrverbotes 377 Fahrer auf Raststätten überprüft, davon hatten 27 zu viel getrunken, stellten sie fest. Um solche Gefahrensituationen zu vermeiden, fordert der Europäische Verkehrssicherheitsrat (ETSC) insbesondere für Lkw den standardmäßigen Einbau von Alkoholmessgeräten, die eine Wegfahrsperre auslösen, sogenannten Alkohol Interlocks oder Alko-Schlösser.

Etwa ein Viertel aller Straßenverkehrstoten in der EU geht auf das Konto alkoholisierter Fahrer, Schätzungen zufolge werden 1,5 bis zwei Prozent der gefahrenen Kilometer angetrunken oder sogar im Vollrausch zurückgelegt. Von 25.670 Menschen, die im Jahr 2016 tödlich verunglückt sind, könnten 5.120 noch am Leben sein, wenn alle Fahrer nüchtern unterwegs gewesen wären, meint der ETSC. Auch wenn sich die generelle Einstellung beim Thema Alkohol am Steuer gewandelt habe, gibt es immer noch keine europaweit einheitlichen Regelungen, Statistiken werden nicht einheitlich erhoben, kritisiert die Organisation. Dabei hat die EU weltweit den höchsten Alkoholkonsum.

Insbesondere Osteuropäer sind montags blau

Das Verkehrskommissariat Walldorf hatte bereits Anfang September bei Stichprobenkontrollen auf Rastplätzen festgestellt, dass insbesondere Lkw-Fahrer aus Osteuropa während des Sonntagsfahrverbotes teilweise übermäßig Alkohol tranken. Von 70 überprüften Fahrzeuglenkern hatten sieben einen Promillewert zwischen 0,8 und 1,6. Vier Wochen später kamen die Beamten mit Verstärkung zurück und kontrollierten knapp fünf Stunden lang rastende Fahrer an der A5 und A6 auf den Parkplätzen Hardtwald-Ost und -West, Kraichgau-Nord und -Süd und Am Hockenheimring-Ost und -West.

Das erschreckende Ergebnis: 27 von ihnen lagen kurz vor Ablauf des Fahrverbots über dem Limit. Neun Fahrer waren mit Alkoholwerten von über einem Promille deutlich alkoholisiert, berichtet die Polizei. „Fünf Fahrer wiesen sogar einen Promillewert von über 1,5 auf“, berichten die Beamten. Den höchsten gemessenen Wert hatte mit 2,3 Promille eben jener Fahrer eines Gefahrgut-Lkw mit 20 Tonnen entzündbarer Flüssigkeit. Alle 27 Fahrer durften nicht weiterfahren, ihre Autoschlüssel wurden beschlagnahmt, drei von ihnen hatten noch am nächsten Morgen Promillewerte, die eine Weiterfahrt unmöglich machten.

Polizei will in Alkohol-Kontrollen investieren

Zumindest in diesem Bereich will die Polizei ihre Kontrollen von Lkw-Fahrern intensivieren, betont der Direktor der Verkehrspolizeidirektion des Polizeipräsidiums Mannheim, Dieter Schäfer. Das begrüßt der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL). „Grundsätzlich sprechen wir uns für eine Aufstockung des Personals bei den Kontrollbehörden aus, denn vor allem ein ausreichend hoher Kontrolldruck ist aus Gründen der Verkehrssicherheit wie der Wettbewerbsgleichheit geeignet, dem Problem „Alkohol im Straßenverkehr“ entgegenzutreten“, sagt Verbandssprecher Martin Bulheller im Gespräch mit trans aktuell.

Kontrollen sind erwiesenermaßen eine effektive Maßnahme zur Abschreckung. „Sie sind unerlässlich, um den Fahrern zu vermitteln, dass eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, erwischt und bestraft zu werden“, heißt es seitens des ETSC. In Polen wurden sie zwischen 2010 und 2015 jährlich um 39 Prozent erhöht. In Estland, Polen und Finnland war die Polizei 2015 am aktivsten und kontrollierte jeweils 677, 466 beziehungsweise 279 Fahrer auf 1.000 Einwohner. Deutschland erhebt keine entsprechenden Daten. Aber Befragungen von Fahrern sprechen für sich. Während sie in Polen die Wahrscheinlichkeit, in eine Kontrolle zu geraten auf 44 Prozent einschätzen, liegt sie in Deutschland bei gerade mal acht Prozent, in Frankreich geht man immerhin noch von 29 Prozent aus.

Alko-Schlösser könnten Problem technisch lösen

Angesichts der Personalknappheit, die überall herrscht, drängen sich Alko-Schlösser als technische Lösung nahezu auf. Und das nicht nur für straffällig gewordene Fahrer im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme, sondern auch präventiv für Lkw- oder Busfahrer, die eine erhöhte Verantwortung tragen. „Viele Flotten in Europa nutzen bereits solche Einrichtungen, sie sollten in Deutschland und im Rest der EU zum Standard werden“, betont ETSC-Direktor Antonio Avenoso. Er setzt auf die Verordnung zur allgemeinen Fahrzeugsicherheit, die von der EU-Kommission gerade überarbeitet wird. Mit einer Standardschnittstelle für alle Fahrzeuge könnten Alkohol-Wegfahrsperren leichter nachgerüstet werden, sagt er. Diese Vorgabe des Kommissionsvorschlags gegenüber den Autobauern könne Deutschland zumindest unterstützen.

Der Deutsche Speditions- und Logistikverband (DSLV) will sich zum Thema Alkohol-Schlösser nicht äußern. Der BGL plädiert für eine einheitliche Vorgehensweise in ganz Europa, nicht zuletzt weil im Lkw-Verkehr auf deutschen Straßen etwa jeder zweite Fahrer aus dem Ausland stammt. Sollte der Gesetzgeber zu dem Entschluss kommen, das Benutzen der Wegfahrsperren verpflichtend vorzuschreiben, plädiert der BGL im Sinne der Verkehrssicherheit für eine generelle Nutzungspflicht unabhängig von der Fahrzeugart. Eine Beschränkung auf einzelne Verkehrsteilnehmergruppen wie zum Beispiel Lkw-Fahrer lehnt der Verband als „ungerechtfertigte Stigmatisierung“ ab.

Es geht aber auch ganz anders. So gibt es Unternehmen wie die niederländische Spedition Bolk Transport, die für ihre Flotte aus rund 200 Lkw schon seit 2011 nur noch Fahrzeuge mit den höchsten Sicherheitsstandards anschafft (siehe unten: In der Praxis). Dazu gehören auch Atemalkohol-Wegfahrsperren, über die inzwischen - bis auf wenige Ausnahmen - alle Fahrzeuge verfügen.

In der Praxis

  • Bei der niederländischen Spedition Bolk aus Enschede verfügen nahezu alle der 200 Fahrzeuge über Atemalkohol-Wegfahrsperren
  • Die Initiative hierfür ging von einem Kunden aus
  • In die Lkw kommt bei Bolk alles, was in puncto Sicherheit auf dem Markt zu haben ist
  • Unter anderem sind das Freisprechanlagen, Abstands­regeltempomaten oder Reifendruck-Messsysteme sowie bereits seit dem Jahr 2011 auch die Alko-Schlösser von Dräger
  • Eine Obergrenze für das Sicherheitsbudget gibt es nicht bei der Spedition mit Sitz an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen
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Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Carsten Nallinger Carsten Nallinger Lkw-Navigation
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