Lkw-Fahren aus Leidenschaft

Faszination Fernverkehr

Foto: Helmut Huhn
Meinung

Immer mehr Fahrerinnen und Fahrer stellen die sogenannte Work-Life-Balance bei der Wahl einer Arbeitsstelle an erste Stelle, sie wollen am liebsten am Freitagabend daheim sein. Am Donnerstag sprechen wir bei FERNFAHRER live daher mit Menschen, die mit dem Lkw noch gerne möglichst lang und sehr weit wegfahren wollen.

Am Donnerstag, dem 30. Juli, wird sich Helmut Huhn, Fahrer der Spedition Maintaler, um 17 Uhr planmäßig von der Grenze zur Ukraine in die Sendung FERNFAHRER live dazu schalten. Seit Dienstag ist er dann mit seinem Actros von Prag auf dem Weg nach Kiew, wo am 5. August das Spiel im Achtelfinale der Europa League zwischen Donezk und Wolfsburg stattfindet. Helmut ist mit Eventmaterial auf dem Weg ins Stadion. „Vier Tage vorher muss ich dort sein“, so Helmut. Dann beginnt schon der Aufbau. Das Spiel kann er natürlich auch sehen. „Mir liegt es einfach, auf diese Weise immer noch Land und Leute kennen zu lernen.“

Seit 2008 fährt er für Maintaler europaweite Touren. Sein persönliches Highlight war eine siebenwöchige Tour im Mai 2019 nach Baku in Aserbaidschan zum Finale der Europa League zwischen Chelsea und Arsenal. Der Reiz für ihn: „Du bekommst einen Transportauftrag, den du erfüllen musst. Und unterwegs musst du, meist ganz auf dich allein gestellt, alle möglichen Widrigkeiten aus dem Weg räumen. Für mich ist das immer noch das Gefühl von Freiheit.“

Weit weg statt rund um den Kirchturm

Zugegeben, die Stimmung im deutschen Transportgewerbe ist mitten in der lang anhaltenden Coronakrise auf dem Tiefpunkt, auch Helmut war bei der ersten Demo in Berlin, die sein Chef Markus Grenzer mit organisiert hat. Bei der zweiten Demo war er schon wieder auf Tour in die Ferne. Auch er macht sich Sorgen um die Zukunft des deutschen Transportgewerbes im derzeit höchst unfairen Wettbewerb. Zum Glück hat sich Maintaler „in der Nische etabliert“, wie es so schön heißt, so dass der recht ungleiche Wettbewerb das Unternehmen zwar trifft aber nicht unmittelbar in der Existenz bedroht. Daher ist es legitim, in dieser Krise mit all ihren bedrückenden aktuellen Nachrichten über ein Thema zu diskutieren, das das Magazin FERNFAHRER auch weiterhin hochhalten wird: die Faszination Fernverkehr.

Italien ist immer eine Tour wert

Auch wenn heute immer mehr Fahrer bei den Vorstellungsgesprächen die sogenannte „Work-Life-Balance“ in den Vordergrund stellen und langjährige Fahrer vor allem dem zunehmenden Stress auf überlasteten deutschen Autobahnen entfliehen und lieber nur noch von Montag bis Freitag um den Kirchturm fahren wollen, so bleibt der Traum vom Lkw, der vor dem italienischen Restaurant mit Blick aufs Meer am Strand steht, doch bei vielen Fahrern erhalten.

So hat auch Sven Kopriva weiterhin große Freude, jede Woche nach Italien zu fahren, so wie er es bereits im Porträt der Spedition Wehle aus Straubenhardt in Heft 8 des FERNFAHRER geschildert hat. Mit einem Foto seines Lkw am Strand. Vor allem seit dort die Restaurants geöffnet haben. Zweimal pro Woche pendelt er mit Traktoren im Jumbo-Gliederzug zwischen Mannheim/Frankfurt und Norditalien. „Jeder Fahrer bei uns hofft, dass es zwischendurch mal eine lange Tour nach Süditalien gibt“, so Sven, „denn das ist dann fast so wie Urlaub.“ Seit seinem 18. Lebensjahr fährt Sven Lkw. „Ich kann gar nicht genau sagen, was mich am Fahren fasziniert. Für mich ist es einfach mein Leben, mein Hobby und vielleicht auch Lebenseinstellung. Ich mag dieses Fernfahrer-Leben einfach.“

Foto: Sven Kopivra
Sven Kopriva

Aus dem Allgäu nach Europa

Auch Stefanie Ardovara aus Oberjoch im Allgäu hat sprichwörtlich Diesel im Blut. Bereits 2013 hatten wir sie in unserer Serie „Profi im Profil“ vorgestellt. „Ich fahre mittlerweile seit zwölf Jahren, immer im internationalen Fernverkehr“, sagt sie. Den Betrieb der Eltern hat sie jetzt zusammen mit ihrem Bruder Daniel komplett übernommen.

„Ich bin schon als kleines Kind jede freie Minute mit meinem Papa im Lkw mitgefahren und wollte seit ich denken kann auch selber Lkw fahren.“ Meistens fährt sie mit dem Scania der R-Baureihe und einen Tankzug Milch nach Italien und holt Säfte zurück. Derzeit hat sie wieder einen Tieflader aufgesattelt und ist mit einem Bagger als Ladung über Cham auf dem Weg nach Tschechien. Dort will sie dann am Wochenende auch an einem Truckfestival teilnehmen.

„Mir gefällt die Unabhängigkeit, schöne Landschaften zu sehen und unterwegs nette Menschen und andere Kulturen zu sehen und kennen zu lernen“, schwärmt sie. „Und auch nach zwölf Jahren kommt man immer wieder an neue Plätze, wo man einfach denkt wow... Auch wenn viele sagen, der Beruf macht keinen Spaß mehr, ich freue mich nach wie vor, jeden Tag unterwegs zu sein und kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen.“

Foto: Stefanie Ardovara
Stefanie Ardovara

Traumziel Sizilien

Seit er vor 18 Jahren in Braunschweig als Berufskraftfahrer angefangen und gleich mit einem Lebensmitteltankzug international auf Tour war, ist Michael Zetzsche dabei geblieben. Wegen einer Insolvenz hat er einmal in Niedersachsen die Firma gewechselt, dann hat er zum zweiten Mal wegen seines Umzug an den Bodensee vor vier Jahren gewechselt. „In der ganzen Zeit bin ich also erst bei meiner dritten Firma.“

Aktuell ist er mit einen Scania S 500 und einem Vier-Kammer Lebensmitteltank von Mayar zwischen Deutschland, Süditalien, Südfrankreich, Österreich sowie den Beneluxstaaten unterwegs. „Die Faszination ist für mich immer noch, Neues in anderen Ländern zu entdecken“, erzählt Michael, „mit den Leuten aus anderen Ländern umzugehen, deren Mentalität zu verstehen oder zu sehen, wie diese etwa mit Problemen umgehen. Vor allem kulinarisch und vom Menschlichen her hat es mir Italien angetan, das ist einfach mein Lieblingsland, und Sizilien das Traumziel.“

Foto: Michael Zetzsche
Michael Zetzsche

Mit edlen Autos an die Côte d’Azur

Der fünfte und gleichzeitig älteste Teilnehmer unserer entspannten Diskussionsrunde ist Jürgen Franz, früher weltweit im Stahlbau unterwegs und seit 25 Jahren als Lkw-Fahrer im internationalen Transport. „Bis auf Russland war ich eigentlich überall in Europa“, sagt Jürgen. „Das liegt auch daran, dass jetzt ein russisches Unternehmen in unserem Auftrag die Touren fährt.“

Mit einem MAN Gliederzug mit geschlossenem Aufbau fährt er für Best Log aus München exklusiv für Rolls Royce und Bentley. Porsche, BMW und Audi sind ebenfalls langjährige Kunden. „Die Faszination für mich lässt sich leicht beschreiben. Wir haben Zeitfenster, die es sonst im Fernverkehr nirgendwo gibt. Wir haben Zeit. Hauptsache die Fahrzeuge im Wert von Millionen Euro kommen schadenfrei an.“

Auch das Miterleben der sich immer schneller wandelnden Automobiltechnik schätzt Jürgen. „Und das hautnah. Wir laden und entladen die Fahrzeuge selbst. Das bedeutet Anlieferung in Städten und Regionen, die man im "normalen" Transport nie sieht. Denn wer fährt schon zum anliefern beispielsweise an die Champs Elysee in Paris oder in den Yachthafen von Barcelona, in Schlösser im Alpenraum oder Golfclubs an der Cote d'Azur?“

Foto: Jürgen Franz
Jürgen Franz

Das ist nur ein kurzer Einblick in das zum Teil sicher auch ungewöhnliche Berufsleben von Stefanie, Helmut, Jürgen, Michael und Sven. Mehr werden wir von ihnen sicher in der Sendung von FERNFAHRER live am Donnerstag, dem 30. Juni, ab 17 Uhr erfahren.

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