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KLU-Studie zur Dekarbonisierung

Klimaschutz geht alle an

Foto: Jan Bergrath, arahan - Fotolia

Experten der Kühne Logistics University (KLU) in Hamburg fordern in einer Studie, bei der Dekarbonisierung des Güterverkehrs den Fokus stärker auf kleinere Unternehmen zu legen und mehr Anreize zur Verfügung zu stellen.

Die EU hat sich bei der Reduzierung der Treibhausgasemissionen des Güterverkehrs ehrgeizige Ziele gesteckt. Sie können aber nur erreicht werden, wenn vor allem die kleinen Unternehmen mehr in den Fokus rücken. Kleine Flottenbetreiber machen demnach 99 Prozent der Unternehmen im europäischen Straßengüterverkehr aus und spielen daher „eine Schlüsselrolle bei der notwendigen Reduzierung von CO2-Emissionen“, so die Studie, die vom Smart Freight Centre (SFC) und dem Center for Sustainable Logistics and Supply Chains (CSLS) der KLU erstellt wurde.

KMU entscheidend für den Erfolg von CO2-Strategien

Demnach ist auch der Erfolg der CO2-Strategien von Versendern und großen Logistikdienstleistern von der Einstellung und den Möglichkeiten der kleineren Unternehmen abhängig. Daher seien Unterstützungsmaßnahmen und Motivationen unabdingbar, etwa Vorgaben und Anreize durch die Politik, entsprechende technische Lösungen von den Fahrzeugherstellern und bei den Kunden ein Fokus auf mehr Nachhaltigkeit in der Beschaffung.

„Ziel der Studie war, die Dekarbonisierung des europäischen Straßengüterverkehrs aus der Perspektive der Spediteure zu untersuchen. Die Ergebnisse verdeutlichen die entscheidende Rolle der Spediteure, die aktuellen Schwierigkeiten und die dringende Notwendigkeit für alle Beteiligten im Logistiksektor, ihr Engagement zu verstärken“, sagt Moritz Tölke, Autor der Studie, KLU-Alumni und Junior Technical Manager am Smart Freight Centre. Die anonymisierten Daten für die Studie stammen von der Logistikplattform Transporeon, die dafür nach eigenen Angaben Daten von mehr als 800 Spediteuren aus 32 europäischen Ländern zur Verfügung gestellt hat.

Unternehmen mit größeren Flotten sind besser aufgestellt

Die überwiegende Mehrheit der Spediteure erkennt demnach die Wichtigkeit der Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs an. Jedoch seien Unternehmen mit größeren Flotten besser aufgestellt, konkrete Schritte zur Senkung der transportbedingten CO2-Emissionen zu gehen. Die Mehrheit der Spediteure mit weniger als 20 Fahrzeugen sehe dagegen derzeit nur einen geringen oder gar keinen geschäftlichen Vorteil in der Dekarbonisierung.

Hürden für die Dekarbonisierung sind laut der Studie für viele Unternehmen die damit verbundenen Kosten und die Unsicherheit über die Kundennachfrage sowie über Maßnahmen zur Emissionsreduzierung und neue Energietechnologien. 43 Prozent der Unternehmer wissen demnach nicht, wie sie ihre CO2-Emissionen berechnen können. Auch operative und technische Maßnahmen zur Kraftstoffeinsparung werden oft nicht durchgeführt oder sind nicht ausreichend bekannt. Dies stelle ein großes, noch unausgeschöpftes Einsparpotenzial dar, sowohl bei den Ausgaben der Spediteure als auch ihren CO2-Emissionen.

Umstellung auf alternative Fahrzeuge wird dauern

„Längerfristig müssen alle Speditionen, kleine wie große, von Diesel auf kohlenstoffarme Energiequellen umsteigen. Bei gleicher Geschwindigkeit, mit der Lkw in Europa im Jahr 2018 ersetzt worden sind, würde es etwa 13 Jahre dauern, alle Diesel-Lkw zu ersetzen“, sagt Alan McKinnon, Professor für Logistik an der KLU und Mitautor der Studie. „Im Jahr 2030 könnten also noch bis zu 90 Prozent der Lkw auf Europas Straßen mit Dieselmotoren betrieben werden.“ Welche Schritte bis dahin wichtig sind und wie KMU dabei vorgehen können, erläutert McKinnon in einem Interview mit trans aktuell (siehe Interview unten).

„2030 noch bis 90 Prozent Diesel“

Prof. Alan McKinnon von der Kühne Logistics University (KLU) zu den ersten Schritten zur Dekarbonisierung im Unternehmen

trans aktuell: Herr Prof. McKinnon, was halten Sie für sinnvoll, um das Thema Dekarbonisierung voranzutreiben – Flottenerneuerung etwa?

Prof. Alan McKinnon: Längerfristig müssen alle Speditionen, kleine wie große, von Diesel auf kohlenstoffarme Energiequellen umsteigen. Bei gleicher Geschwindigkeit, mit der Lkw in Europa im Jahr 2018 ersetzt worden sind, würde es etwa 13 Jahre dauern, alle Diesel-Lkw zu ersetzen. Und das kann erst losgehen, wenn die neuen kohlenstoffarmen Modelle in Massenproduktion hergestellt werden. Der Einsatz batteriebetriebener Fahrzeuge bis Mitte der 2020er Jahre und wasserstoffbetriebener Brennstoffzellenfahrzeuge bis Ende der 2020er Jahre in großem Umfang sind daher unwahrscheinlich. Im Jahr 2030 könnten also noch bis zu 90 Prozent der Lkw auf Europas Straßen mit Dieselmotoren betrieben werden.

Foto: CHRISTIN SCHWARZER
Prof. Alan McKinnon von der Kühne Logistics University (KLU).
Was ist bis dahin zu tun?

Da wir die CO2-Emissionen im Güterverkehr schnell reduzieren müssen, können wir nicht einfach auf eine neue Generation fossilfreier Lkw warten, wir müssen kurz- bis mittelfristig eine Reihe von CO2-reduzierenden Maßnahmen umsetzen, etwa Fahrertraining, Telematik, aerodynamisches Profiling, vorbeugende Wartung und Anti-Leerlauf-Systeme, um die Kraftstoffeffizienz zu erhöhen. Wir sollten auch die Digitalisierung nutzen, um Fahrzeugauslastung und Routenplanung zu verbessern. Diese Maßnahmen sind nicht nur schnell umsetzbar, sondern erfordern in der Regel nur geringe Investitionen und zahlen sich bereits nach kurzer Zeit aus.

Laut der Studie kann fast die Hälfte der KMU nicht den CO2-Fußabdruck des Unternehmens berechnen. Welche Schritte sind Ihrer Meinung nach am besten für KMU geeignet, um mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beginnen?

Die Messung von Emissionen ist sicherlich einer der ersten Schritte. Ein bewährtes Geschäftsprinzip besagt: Was ich nicht messen kann, kann ich nicht managen. Eine aggregierte Messung von CO2-Emissionen ist nicht schwierig, wenn man den Kraftstoffverbrauch misst und dann die Anzahl der Kraftstoff-Liter mit einem Standard-Emissionsfaktor multipliziert. Emissionen nach aufgeschlüsselt Fahrzeugen, Fahrern, Fahrten und Kunden zu erfassen, kann herausfordernder sein, ist aber mit der richtigen Wahl bei Beratung, Verfahren Software gut zu bewältigen.

Sobald ein Unternehmen seine Emissionen kennt, besteht der nächste Schritt darin, realistische Ziele für deren Reduzierung festzulegen. Wenn möglich, sollten diese Ziele mit den branchenweiten Reduktionszielen von Regierungen und der EU abgestimmt werden. Der dritte Schritt besteht darin, alle Optionen zu prüfen, um diese Ziele zu erreichen. Wie bereits erwähnt, gibt es viele solcher Maßnahmen, von denen die meisten sich gegenseitig verstärken und sowohl Geld sparen als auch CO2 reduzieren. Obwohl all dies für kleinere Spediteure, die in einem hart umkämpften Transportmarkt ums Überleben kämpfen, mühsam erscheinen kann, ist es in der Regel wirtschaftlich vorteilhaft. Unternehmen können so Kosten senken und zugleich die steigenden Umwelterwartungen der Kunden erfüllen.

Zur Person:

  • Prof. Alan McKinnon ist Professor für Logistik an der Kühne Logistics University (Hamburg), zu der er 2012 als Dekan und Leiter des Fachbereichs Logistik berufen wurde
  • Der Absolvent der Unversitäten Aberdeen, British Columbia und London ist seit 1979 auf den Bereich Transport und Logistik spezialisiert
  • Zwischen 1987 und 2012 lehrte er an der Heriott-Watt-Universität in Edinburgh
  • Neben der Lehre und Forschung arbeitet er als gefragter Berater, etwa für die EU-Kommission und das World Economic Forum
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