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Klosterfrau setzt auf Picavi-Brille

Datenbrillen bringen 30 Prozent Zeitersparnis

Picavi, Klosterfrau Healthcare Group, Berlin, Datenbrillen Foto: Franziska Nieß

Tradition trifft Moderne: Die Klosterfrau Healthcare Group will mithilfe von Datenbrillen die Prozesse digitalisieren und transparenter machen.

Wen im Herbst eine Erkältung heimsucht, der greift auch heute noch gern zur Naturarznei Klosterfrau Melissengeist. „Ein Glas warmes Wasser mit einem Teelöffel Klosterfrau Melissengeist und zwei Stück Zucker in kleinen Schlucken trinken“, beschreibt Andreas Paul, Leiter ­Logistik bei Klosterfrau Berlin, das bewährte Vorgehen im Falle einer Erkältung. Seit die Nonne Maria Clementine Martin die Arznei im Jahr 1826 auf den Markt brachte, hat sich vieles verändert, doch das Grundrezept mit 13 Heilpflanzen ist dasselbe geblieben.

„Wir produzieren etwa 600.000 Liter Klosterfrau Melissengeist im Jahr, wobei die Menge stark von den Erkältungswellen des jeweiligen Jahres abhängt“, erklärt Paul im Gespräch mit trans aktuell. So viel Melissengeist wie früher gehe allerdings nicht mehr über die ­Ladentheke.

Breites Portfolio von Ricola bis zu Kathetergleitmitteln

Darum hat sich die Klosterfrau Healthcare Group mittlerweile ein breiteres Portfolio angeeignet, zum dem weitere bekannte Marken wie die Hustenbonbons Ricola, das Nasenspray Nasic, der Hustensaft Bronchicum oder die Halstabletten Neo-Angin gehören. Am größten Produktionsstandort des Unternehmens im Süden des Berliner Bezirks Tempelhof-Schöneberg laufen vor allem Klosterfrau Melissengeist und Hustensäfte vom Band. Einen großen Anteil am Produktionsvolumen haben dort aber auch Kathetergleitmittel. „Eine Nische, die sich auch aufgrund des demografischen Wandels immer mehr lohnt“, erläutert Paul.

Nicht nur in den drei Produktionshallen im Berliner Süden fertigt Klosterfrau, sondern auch in Lüchow-Dannenberg (Niedersachsen) – dort vor allem feste Arzneiformen wie Hustenbonbons. In München produziert die Firma Kosmetikartikel der Marke Maria Galland. Wie viele Bereiche und Produkte tatsächlich zu Klosterfrau gehören, ist laut Paul vielen nicht bewusst. Was auch daran liege, dass der Arzneimittelhersteller nicht viel Werbung mache. „Trotzdem müssen wir als Traditionsunternehmen in Zeiten der Digitalisierung mithalten können“, erklärt der gelernte Pharmakant, der seit drei Jahren die Logistik am Berliner Standort verantwortet.

Prozesse transparenter und digitaler machen

Zuvor war der 60-Jährige nach eigenen Angaben „Mädchen für alles“ und vor allem in der Arbeitsvorbereitung und Produktionsplanung tätig gewesen. Seit rund 40 Jahren arbeitet er bereits bei Klosterfrau. Schon kurz nachdem er den Job des Logistikleiters übernommen hatte, stand für Paul fest: „Wir müssen die Prozesse transparenter und digitaler gestalten.“ Er bezeichnet sich als „prozess­verliebt“ und stieß vor zwei Jahren während eines Messebesuchs prompt auf eine Technologie, die seiner Vorliebe dient: Datenbrillen des Herstellers Picavi. Das Unternehmen aus Herzogenrath bei ­Aachen suchte zu diesem Zeitpunkt einen Vorzeigekunden im Berliner Raum.

Weil Klosterfrau als Pharma­unternehmen einem aufwendigen Validierungsprozess unterliegt, war die Geschäftsführung zunächst skeptisch. Auch die Lagermitarbeiter reagierten laut Paul erst einmal zurückhaltend. Das änderte sich allerdings schnell. „Nach einer Stunde Schulung kamen die Mitarbeiter mit der Datenbrille gut zurecht“, so der Logistikleiter. Die Testphase im Jahr 2016 lief problemlos, sodass nach sieben Wochen der Livebetrieb startete. Anfangs nutzten zwölf Lagermitarbeiter zwei Brillen. Mittlerweile sind acht im Einsatz.

Datenbrillen machen Mitarbeiter sicherer und selbstbewusster

Das gängige Vorurteil, die Technologie ersetze den Menschen, kann Paul nicht bestätigen. Im Gegenteil: Seit 2016 kamen zwei weitere Lagermitarbeiter hinzu. „Die Brillen sind Hilfsmittel, sie machen die Mitarbeiter sicherer und selbstbewusster“, berichtet Paul. Geschrumpft seien dagegen die Lagerplätze: von rund 12.000 auf 5.000 in den vergangenen Jahren. Paul: „Wir sind ein Produktions- und kein Lagerstandort.“ Ein weiterer Effekt des Datenbrillenein­satzes: 30 Prozent Zeitersparnis.

Andreas Paul, Leiter Logistik, Klosterfrau Healthcare Group, Berlin Foto: Franziska Nieß
Andreas Paul, Leiter Logistik Klosterfrau Berlin, hatte die Idee zu den Datenbrillen. Weitere Digitalprojekte sollen folgen.

Ein „virtuelles Vier-Augen-Prinzip“ und damit weniger Fehler gehen laut Paul ebenfalls mit den Brillen einher. Und während die früher verwendeten mobilen Scangeräte oft verlegt wurden, sitzt die Datenbrille ständig auf der Nase. „Wir bemerken sie eigentlich gar nicht“, erklärt Lagermitarbeiter René Würtz. Der dazugehörige Ringscanner, den die Mitarbeiter an der Hand tragen, erleichtere die Arbeit zusätzlich. Ein mobiles Akku- und Bedienelement, das einerseits der Brille eine ausreichende Stromlaufzeit für eine Acht-Stunden-Schicht garantiert und andererseits eine weitere Eingabeoption bietet, optimiert und vereinfacht die Nutzung nach Angaben der Mitarbeiter ebenfalls. Für die Augen entsteht laut Würtz keine Überanstrengung. Auch Brillenträger können die Technologie nutzen: Klosterfrau stellt ihnen eine Brille mit ihrer Sehstärke zur Verfügung.

Mitarbeiter entwickeln eigene Ideen

Bei den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten lässt Paul seinen Mitarbeitern weitgehend freie Hand. Das zahlt sich aus. Das Team kam so auf die Idee zu einem neuen Projekt. Unter den rund 400 Wareneingängen im Monat seien oft auch nicht identifizierbare Pakete. Die fotografieren die Mitarbeiter künftig mit der Brille und laden die Fotos in eine Art Cloud. So können sie die Pakete schneller zuordnen.

Bisher finden die Brillen vor allem in der Kommissionierung Verwendung. Die Lageristen bekommen ihre Aufgaben ins Sichtfeld projiziert: von der Entnahme bis zu Transport und Quittierung der Materialien in den Bereichen der Produktionsversorgung. In einem nächsten Schritt soll die Ware beim Entladen der Lkw mithilfe der Brille quittiert werden. „Damit sparen wir uns einen Zwischenschritt am Rechner“, erklärt Paul. Sein erklärtes Ziel ist es, den gesamten Materialfluss vom Wareneingang über die Qualitätskontrolle und den Materialverbrauch bis zum Versand mit der Datenbrille abzubilden.

Die Zukunftspläne gehen aber über Datenbrillen hinaus. Studenten der Technischen Hochschule Wildau in Brandenburg widmeten sich im Auftrag von Klosterfrau der autonomen Werksversorgung. „Die Ideen zu autonomen Fahrzeugen und Förderbändern liegen in der Schublade.“ Dem Spagat zwischen Tradition und Moderne scheint sich Klosterfrau erfolgreich zu stellen. Selbst wenn die Umsetzung noch Zeit braucht: Die nächste Grippewelle kommt, und die Produktion von Klosterfrau Melissengeist wird daraufhin ansteigen. Gut, wenn man sich auch auf Bewährtes verlassen kann.

Klosterfrau Healthcare Group, Berlin Foto: Franziska Nieß
Am Berliner Standort werden auch Arzneimittel produziert, darunter der berühmte Klosterfrau Melissengeist.

Das Unternehmen

  • Sitz der Klosterfrau Healthcare Group ist Zürich, die ­operative Hauptzentrale befindet sich in Köln
  • Rund 1.300 Mitarbeiter
  • CEO: Martin Zügel
  • Rund 220 Produkte; bekannt vor allem für Klosterfrau Melissengeist. Weitere Marken: Ricola, Nasic, Neo-Angin, Laxatan M, Bronchicum, Contramutan, Monapax, Femannose
  • Seit 1962 auch in Berlin ansässig, rund 300 Mitarbeiter
  • Weitere Standorte in Lüchow-Dannenberg und München
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