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Platooning bei DAF – Zeit ist Geld

DAF Foto: Jan Bergrath

Abstand wird auch in Sekunden gemessen, und je geringer der Abstand mehrerer Lkw ist, desto mehr Einsparungen beim Dieselverbrauch sind möglich. Verkehrssicher ist das aber derzeit nur bei voller Konzentration im Platooning-Testversuch.

Die wichtigste Faustformel für die Sicherheit eines Lkw-Fahrers im Straßenverkehr lautet: In einer Sekunde legt ein Sattelzug 22 Meter zurück. Dementsprechend errechnet sich für den gesetzlichen Mindestabstand von 50 Metern ein Wert von etwas über zwei Sekunden.

Wer heute auf den wichtigsten Transitstrecken Deutschlands unterwegs ist, trifft besonders bei dauerhaften Überholverboten immer öfter auf kilometerlange Lkw-Schlangen. Die Abstände, die dabei eingehalten werden, sind teils erschreckend gering. Mit oft fatalen Folgen, wenn es einen Stau gibt: der erste Lkw erkennt das Hindernis und bremst, der zweite Lkw schafft es gerade noch rechtzeitig, der dritte Fahrer reagiert zu spät und schiebt im schlimmsten Fall alle drei Lkw zusammen. Überspitzt gesagt, betreiben erschreckend viele Fahrer schon heute "Platooning", allerdings ist das dann eher Russisch (oder treffender: Polnisch) Roulette.

Solche Situationen gibt es heute fast täglich. Meist enden sie mit schwer verletzten Fahrern, immer öfter auch tödlich für Pkw-Insassen. Selbst Fahrzeuge, die über einen modernen Notbremsassistenten verfügen, sind von dieser Kettenreaktion betroffen. Denn auch Notbremsassistenten haben eine eingebaute "Reaktionszeit" von rund 1,4 Sekunden, die sogenannte Warnphase.

DAF Foto: Jan Bergrath

Mit der elektronischen Deichsel verbunden

Anlässlich des 90-jährigen Jubiläums von DAF Trucks durfte ich nun bei einer tatsächlichen Platooning-Fahrt auf dem DAF-Testgelände nahe Eindhoven dabei sein, als begeisterter Beifahrer von Ruud van der Velden (31), seit zehn Jahren Testexperte aus dem Team des Eco Twin Projekts der Niederländer, das bereits 2015 begonnen hat.

Ein unkommentierter Demo-Film von DAF zeigt, wie dicht die zwei oder drei Lkw hintereinander fahren können, wenn sie über die elektronische Deichsel miteinander verbunden sind. Diese erfolgt, vereinfacht gesagt, durch eine Kombination von ständiger Übermittlung der GPS-Daten der Lkw-Positionen, der neuesten Radartechnologie, hier von NXP aus den Niederlanden, und einer, wie es jedenfalls versprochen wird, mehrfach abgesicherten WLan-Verbindung nach dem dafür entwickelten Wifi 802.11 P für Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation.

Platooning als Teil einer Vision

2016 nahm DAF ebenfalls an der Platooning Challenge teil. "Man darf die Platooning-Challenge und damit die Technik nicht als isoliertes Thema betrachten", sagte Ron Borsboom, Leiter Produktentwicklung und Vorstandsmitglied bei DAF Trucks bereits 2016 im Interview. "Platooning ist Teil einer Vision, mit der die Einführung zahlreicher Fahrerassistenzsysteme einhergeht. Ziel ist es, dem Fahrer dabei zu helfen, dass er sicherer und effizienter fährt."

Noch in diesem Jahr will auch DAF, wie derzeit MAN in Deutschland und Scania in Spanien, in Großbritannien unter realen Bedingungen das Platooning auf der Autobahn testen. 

Es geht vorerst um den Dieselverbrauch

Natürlich ist es die Vision des völlig unfallfreien Fahrens eines schönen Tages, wenn vollkommen miteinander vernetzte Fahrzeuge ständig miteinander kommunizieren, und es allein durch diese ständige elektronische Vorabinformation über den Verkehrsfluss für den Fahrer oder vielmehr sein Fahrzeug keine plötzliche Überraschung mehr gibt, die ihn zum Bremsen veranlasst. Aber das ist wirklich noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte entfernt.

Derzeit geht es in erster Linie, und das liest sich auch aus den Berichten zu den aktuellen Platooning-Tests um die Frage eben der Effizienz, ob durch einen dauerhaft geringen Abstand eines Lkw zu dem vorausfahrenden Lkw eine Senkung des Dieselverbrauchs möglich ist. Und demzufolge, klar, um eine daraus resultierende umweltfreundliche Senkung des CO2-Ausstoßes. "Bei 80 Stundenkilometern und einem Abstand von 0,5 Sekunden ist eine Einsparung von acht bis zehn Prozent Diesel möglich“, sagt van der Velden. "Bei einem Abstand von 0,3 Sekunden wären es sogar bis zu 15 Prozent." Elf Meter Abstand ist derzeit die Umrechnung. Ein auf die geringstmögliche Zeit reduzierter Abstand der Lkw ist somit für den Unternehmer bares Geld.

DAF Foto: Jan Bergrath

Volle Konzentration auf der Testrunde

Drei Sattelzüge sind es, ein DAF XF 410, ein XF 430 und ein XF 460. Alle mit der aktuell verfügbaren Sicherheitstechnik ausgestattet. Van der Velden sitzt im mittleren Fahrzeug. Auf beiden Seiten des Fahrerhauses sind Kameras und Radar montiert, sie sind auf das Heck des vorderen Aufliegers ausgerichtet. Über seinem Fahrersitz ist ein Flachbildschirm installiert, dadurch kann van der Velden jederzeit sehen, was sich auf der Straße vor dem ersten Lkw abspielt. Platooning im Testversuch ist also kein totaler Blindflug. Auf einem Tablet neben sich erhält er wichtige Infos, wenn etwa der Dreierbund der Testfahrzeuge nach der ersten Runde "zusammengekoppelt" ist.  Und dann geht es sofort auf die erste schnelle Runde.

Van der Velden bleibt jederzeit gelassen. "Denn wenn der erste Lkw bremst wird diese Information in Millisekunden an die beiden hinteren Fahrzeuge weitergeleitet. Mein Lkw bremst also nahezu zeitgleich. Und der hinter mir ebenfalls." Darauf, so sagt er, sei immer hundertprozentig Verlass.

Am Ende der zweiten Runde kommt dann die Information über das Display: Platoon wird entkoppelt. Jetzt ist der Fahrer wieder ganz für sich allein gestellt. "Man muss halt immer mit voller Konzentration fahren", sagt van der Velden. "Hier auf der Testrunde wissen wir natürlich genau, wann die Lkw bremsen und sich der Platoon auflöst." Und, das betont van der Velden am Schluss, "es macht natürlich auf dem Rundkurs auch Spaß".

Fahrspaß oder dauerhafte Monotonie?

Was es aber für Fahrer bedeutet, stundenlang auf dasselbe Heck vor sich zu starren und trotzdem konzentriert bleiben zu müssen, werden erst die Praxisfahrten der verschiedenen Hersteller mit teilweise auch wissenschaftlicher Begleitung zeigen.

Schon jetzt klagen viele Fahrer über die gerade durch Überholverbote erzeugte Monotonie, wenn sie in Lkw unterwegs sind, die ihnen praktisch jeden Handgriff abnehmen. Im Platoon wird der Fahrer meines Erachtens andauernd unter Hochspannung stehen.

Deshalb zweifle ich daran, ob es der Weg ist, Fahrer, die ja gerade einen leistungsstarken Lkw möglichst selbstbestimmt fahren wollen, für die nahe Zukunft zu gewinnen. Die Option, dass eines Tages alle Lkw auf stark frequentierten Strecken mit dem gesetzlichen Mindestabstand von 50 Metern unterwegs sind und alle gleichzeitig bremsen, wenn es eine Störung gibt, um dadurch einen Folgeunfall zu verhindern, halte ich für sinnvoll.

Wenn es aber das erste Ziel ist, dass der Unternehmer durch extrem dichtes Auffahren der Lkw ein paar Cent auf Hundert Kilometer sparen kann, bin ich vorerst skeptisch. Der einzig positive Effekt: in diese kurzen Lücken drängelt sich in Zukunft kein Pkw-Fahrer mehr herein.

DAF Foto: Jan Bergrath
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