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Jans Blog

Der Mann, dem die Fahrer vertrauen

Jan Bergrath Foto: Jan Bergrath

Bei einer Veranstaltung des Bamberger Betriebsseelsorgers Norbert Jungkunz mit Gewerbeaufsicht, Gewerkschaft und Verkehrspolizei geht es um die grenzwertigen Arbeitsbedingungen in der Transportbranche.

09.02.2018

Zum ersten Mal habe ich Norbert Jungkunz im vergangenen September in Lichtenfels getroffen. Der 55-jährige Diplomtheologe ist schon seit 17 Jahren Pastoralreferent der katholischen Betriebsseelsorge Bamberg. Und er ist gewissermaßen die gute Seele der mir liebgewordenen Frankenstrolche, einem Verein aus engagierten Kraftfahrern und Unternehmern, die einmal im Jahr ein Trucker & Countryfestival ausrichten. Auch in diesem Jahr, vom 31. August bis zum 2. September, werden FERNFAHRER und ich mit der Roadshow “Drive Your Dream Tour“ in Oberfranken Station machen. Ich freue mich schon jetzt darauf. Und ganz besonders, Norbert Jungkunz wiederzusehen.

Regelmäßiger Frühschoppen

Vor zehn Jahren hat er zum ersten Mal in Coburg einen “Fernfahrer-Frühschoppen“ ins Leben gerufen, eine mittlerweile vier Mal im Jahr stattfindende gemeinsame Veranstaltung mit der Gewerbeaufsicht Coburg, der Gewerkschaft Verdi aus dem Landesbezirk Bayern und der Schwerlastkontrollgruppe der Verkehrspolizei Coburg. Dieses Treffen mit einem hohen Informationsgehalt ähnelt natürlich dem Konzept der Kraftfahrerkreise, besticht aber vor allem dadurch, dass sie von einem absolut charismatischen Menschen geleitet wird.

Denn Jungkunz ist der Mann, dem die Fahrer absolut vertrauen. “Ich bin Gesprächspartner, Zuhörer, Vermittler, Begleiter, Berater und Beter für die Menschen, die meinen Kontakt suchen. Manchen hat es geholfen, weiter zugehen, Perspektive zu bekommen oder das Leben wieder anzupacken.“

Immer wiederkehrende Sorgen

Es sind die immer wiederkehrenden Sorgen der Fahrer über die Arbeitsbedingungen in der Transportbranche, auf die er trifft. “Menschlich betrachtet geht der Wettbewerbsdruck in der Logistik eindeutig zu Lasten der Fahrer“, fasst Norbert seine bisherigen Erkenntnisse zusammen. „Mangelndes Selbstwertgefühl, Resignation und Zeitdruck bestimmen das Klima in vielen Familien.“ Gerade ältere Fahrer hätten keinen Spaß mehr an Ihrer Arbeit, seien aber trotzdem treu und pflichtbewusst im Alltag.

Es gebe zuhauf Unverschämtheiten an den Ausladestellen, der Stress mit den Disponenten werde nicht mehr so locker wir früher weggesteckt. “Ich bewundere bei manchem Fahrer die Selbstdisziplin und die Fairness. Smartphones haben die Beziehungen und Partnerschaften nicht leichter gemacht. Einsamkeit und Eifersucht belasten besonders junge Familien sehr. Viele junge Fahrer hören mit dem Fernverkehr auf, sobald Kinder auf die Welt kommen.“

Trennung von der Familie wird zum entscheidenden Grund

Seine Erkenntnisse ähneln in erschreckender Weise meinen Blog zu den aktuellen Arbeitsbedingungen der Fahrer, die nicht gerade vom BAG befragt wurden. Aber es sind nicht nur junge Fahrer betroffen. Auch der langjährige Lkw-Fahrer Christoph Brinker aus dem Sauerland, der sich via Facebook auf sehr ungewöhnliche Weise beschwert hat, dass ich in meinem Thema des Monats im aktuellen FERNFAHRER Heft 3/2018 nicht all seine vielen Motive genannt hättee, warum er nach 30 Jahren aus dem Fernverkehr ausgeschieden ist, führt die Trennung von der Familie als entscheidenden Grund an. Ich hole es hiermit nach: “Meine Frau und meine Tochter haben unter meiner langen Abwesenheit mehr gelitten, als ich es mir vorstellen konnte“, sagt Brinker. “Auch wenn sie es bis vor einem halben Jahr so nie zugegeben hätten.“

Ausflug in die Wallachei

Und so war auch ich am 4. Februar in die Wallachei geladen, einer Gaststätte in Lichtenfels und damit einem der Orte, wo die Treffen regelmäßig stattfinden, um zum hochaktuellen Thema „Sozialdumping“ einen passenden Ausschnitt aus meinem Roman "Spur der Laster“ zu lesen und mit den 60 Teilnehmern aus der Region Coburg, Kronach und Lichtenfels darüber zu diskutieren. Was man Norbert weiter hoch anrechnen muss: Es gelingt ihm immer wieder, auch die Lokalpresse zu überzeugen, über diese Treffen zu berichten, und damit die Sorgen und Nöte der Fahrer der Bevölkerung näher zu bringen.

Drängende Themen

“Häufig geht es um das Thema Fahrerkarte“, erzählt Norbert, „außerdem um die allgemeine und immer krasser werdende Situation auf der Straße, dazu die arbeitsrechtlichen Themen sowie Kündigungen und Mindestlohn.“ Viele Fahrer, das wird in Lichtenfels klar, fühlen sich vor allem von den Kontrollorganen im Stich gelassen, wenn sie den akuten Parkplatzmangel und das wachsende Rowdytum auf den Autobahnen ausbaden müssen. Interessant: Laut BAG kommen mittlerweile rund 15 Prozent derFahrer auf deutschen Lkw aus dem Ausland

Deren Arbeitsbedingungen seinen kaum zu verbessern, befürchtet David Merck von Verdi, denn sie verweigerten aus Sorge, ihre Arbeitsplätze in Deutschland zu verlieren, noch stärker als deutsche Fahrer den Kontakt zur Gewerkschaft. “Sie lassen im Grunde fast alles mit sich machen“, sagt Merck. “Die Arbeitsverträge, die wir immer mal wieder in die Hand bekommen, sind arbeitsrechtlich oft eine Katastrophe.“ Der Fall der sonntags auf einem Autohof von der Polizei kontrollierten 34 osteuropäischen Fahrer einer deutschen Spedition zeigt, dass beim Thema regelmäßige Wochenruhezeit noch vieles im Argen liegt.

Besorgniserregende Entwicklung

Und so habe ich vor allem auch die Schilderungen von Polizeihauptkommissar Michael Lang, Leiter der Schwerlastkontrollgruppe der Verkehrspolizei Coburg und treuer Gast der Frankenstrolche, in Erinnerung behalten: Auch wenn seine Mannschaft mit der A73 eine weniger befahrene Autobahn abseits der Transitstrecken kontrolliert, stellt Lang doch eine erschreckende Zunahme des Missbrauchs von Fahrerkarten fest. Vor allem bei deutschen Firmen.
Im Sommer werden nun seine langwierigen Ermittlungen gegen den Geschäftsführer einer mittelständischen Firma aus Oberfranken vor dem Landgericht in Coburg verhandelt. Zehn Prozesstage sind angesetzt. Die Verfahren gegen die Fahrer selbst sind bereits abgeschlossen. “Was mich am allermeisten erschreckt“, betont Lang, der sich dringend eine Verstärkung seiner Mannschaft wünscht, “ist, dass die Fahrer diesen dauerhaften Missbrauch mitgemacht haben.“

Den nächsten Frühschoppen mit Norbert Jungkunz und seinen Mitstreitern gibt es am 29. April ab 9.00 Uhr im Pfarrzentrum St. Augustin in Coburg. Dort, wo vor genau zehn Jahren alles begann.


Auch meine Lesereise geht weiter. Hier die beiden nächsten Stationen:

17. Februar, Kleinostheim
Ab 17.30 Uhr, im Rahmen des Treffens des
Kraftfahrerkreis Aschaffenburg-Miltenberg
Calpam Autohof (A 3)
Stockstädter Str. 6
06027 Kleinostheim

24. Februar,  Magdeburg
Ab 12.30 Uhr, Kraftfahrerkreis Magdeburg-Harz
Korti's Kantine
Lübecker Str. 53-63
39124 Magdeburg 

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