Interview mit Martin Schmitz, VDV Technik-GF

"Wir können nicht bis 2020 auf E-Busse warten!"

Foto: Thorsten Wagner

Die Elekbu-Konferenz in Berlin entwickelt sich immer mehr zum Hotspot in Sachen Elektrobusse, auch wenn der elektrische Mercedes Citaro noch nicht ausgestellt war. Wir sprachen mit VDV Technik-Geschäftsführer Martin Schmitz über die langsam in Fahrt kommende Elektrifizierung der Flotten und die Zukunft der Konferenz.

Was hat Sie als VDV zur Pressemeldung anlässlich der Vorstellung des Mercedes Citaro motiviert?

Durch die diversen gestarteten Förderprogramme steigt die politische Erwartungshaltung auf unsere Branche, E-Busse zu beschaffen. Das geht aber selbst mit entsprechenden Fördermitteln nur dann, wenn es ausgereifte Fahrzeuge zu vernünftigen Preisen und in entsprechenden Stückzahlen zu kaufen gibt. Daher erwarten wir auch von unseren Partnerfirmen und der Zulieferindustrie, jetzt Produkte zur Verfügung zu stellen, die verlässlich eingesetzt werden können. Deshalb sehen wir es positiv, dass auch Daimler jetzt als ein weiterer Anbieter von Elektrobussen auftritt, auch wenn es noch eine Weile dauert mit der Lieferung.

Wir brauchen möglichst die gesamte Fahrzeugindustrie in diesem Markt, denn nur dann gelingen Standarisierungen und Serienproduktionen zeitnah. Wir müssen der Bundesregierung durch den vermehrten Einsatz von E-Bussen zeigen, dass wir bereit sind, auch beim Linienbus noch umweltfreundlicher zu werden, also unseren Beitrag für mehr Klimaschutz im Verkehr nochmal zu erhöhen. Das muss jetzt passieren, denn der politische Handlungsdruck ist nach dem Fahrverbotsurteil hoch und wir können als Branche zur Problemlösung beitragen. Wir können es uns also nicht erlauben, dass uns Hersteller sagen, dass sie erst ab 2020 liefern können.

Was sagen Sie zum Konzept des elektrischen Mercedes Citaro und der Ankündigung der zweiten Generation Batterien bevor die erste überhaupt in Serie lieferbar ist, deren „systemrelevante Reichweite“ nur 150 Kilometer beträgt?

Diese Eingrenzung ist sicher ein Problem, das sich stellt, aber das muss der Markt jetzt entscheiden. Da geht es natürlich auch um die Flexibilität der Hersteller und das Verhandlungsgeschick der Betreiber. Der Trend geht ganz klar zu großen Reichweiten, um eine gewisse betriebliche Flexibilität zu erhalten beziehungsweise höchstens einmal am Tag eine Zwischenladung durchzuführen und über Nacht im Depot wieder komplett nachzuladen. Die Ankündigung der Einführung einer neuen Batterietechnologie zeigt uns aber auch die hohe Dynamik in der Entwicklung und die Motivation Fahrzeuge zu liefern, die den Marktanforderungen gerecht werden.

Ist für sie die Anschaffung von Elektrobussen die allein seligmachende Lösung der Emissionsprobleme?

Nein, natürlich nicht. Der Nahverkehr bietet heute schon die nachhaltigste Mobilität mit den geringsten Emissionen an. Aktuell findet auch eine Vermischung der Ziele zur europäischen grenzüberschreitenden Luftreinhaltung mit den geforderten NOx-Grenzwerten und der Senkung der CO2-Emissionen statt. Auf kurze Sicht sehen wir als schnelle und zielführend Maßnahmen eine Erneuerung der Busflotte mit modernen Euro VI-Fahrzeugen an, um zum Beispiel Fahrverbote in belasteten Kommunen zu verhindern.  Mit einer Senkung des Flottenalters könnten wir die NOx-Emissionen deutlich reduzieren und alle Anforderungen der Grenzwertvorgaben einhalten. Zum zukünftigen Ausstieg aus der Nutzung von fossilen Kraftstoffen reicht eine weitere Optimierung der Verbrennungstechnologie allerdings nicht aus und wir müssen alternative Antriebstechnologien nutzen. Diesen Weg gilt es konsequent zu beschreiten und Fortschritte zu erzielen. Es dauert ja durchaus noch einige Zeit, bis Elektrobusse in den Unternehmen stabil laufen, wie wir auf der Konferenz in diversen Erfahrungsberichten wieder gehört haben. Wir müssen wissen, welche Fahrzeuge wir bekommen können, bevor wir in aufwendige Infrastruktur investieren, das ist ein echter Schlüsselfaktor in der ganzen Investitionsentscheidung.

Gibt es vom VDV eigentlich Festlegungen in Sachen zwingende Verwendung von grünem Strom?

Nein, diese Aussage gibt es derzeit nicht, auch wenn natürlich eine Verwendung von nachhaltig erzeugtem Strom gerade bei Elektrobussen sicher sinnvoll wäre, wenn wir langfristig die fossilen Kraftstoffe ersetzen wollen, um emissionsfrei unterwegs zu sein. Im Moment haben wir noch ein wenig das Henne-Ei-Problem bezüglich der Emissionen, beschaffen wir jetzt schon Elektrobusse oder warten wir bis die Stromerzeugung komplett auf Ökostrom umgestellt wurde? Generell haben alle Sektoren das Ziel gesetzt bekommen, die CO2-Emissionen zu reduzieren und bis 2050 fast komplett zu unterbinden.Daher muss nun jede Branche für sich die Lernkurve durchlaufen und die Voraussetzungen schaffen, möglichst schnell tatsächlich CO2-frei ihre Leistungen zu erbringen.

Glauben Sie, die Nachrüst-Richtlinie für Abgassysteme bringt etwas, da die Hersteller ja weiter mauern?

Die Effektivität von Nachrüstungen hängt bedeutend von der Motorenvariante der Euro V-Motoren ab. Hierbei wird es höhere Einsparungseffekte bei Varianten ohne SCR-Technologie geben. Der hinter der Förderung stehende, gut gemeinte Wille könnte sich jedoch nachteilig auswirken, da bei Investitionen in alte Fahrzeuge die Restlebensdauer erhöht wird und wir damit diese älteren Fahrzeuge länger einsetzen müssen. Das Thema stellt sich außerdem im ÖV auch ganz anders als beim Pkw, bei dem man nachrüsten muss, um überhaupt die Emissionswerte der entsprechenden und zugesagten Norm im Fahrzeugbetrieb einhalten zu können. Die optimale, aber teurere Lösung ist sicher die Neuanschaffung von Fahrzeugen. Leider hat die Bundesregierung die Neubeschaffung von Euro VI-Bussen  bislang nicht in den Förderprogrammen integriert, obwohl das zeitnah und als Übergangslösung der sinnvollste Weg wäre, um innerstädtisch weitere Emissionsverbesserungen beim Bus zu erreichen.

Was sind die Hürden für ein Zusammengehen der mittlerweile stark angewachsenen Elekbu-Konferenz und der jungen Bus2Bus-Messe in Berlin?

Diese Hürden sind zumeist verbandspolitischer Art. Die Bus2Bus wird vom bdo inhaltlich als Tagung des bdo angesehen und vermarktet. Damit ist auch eine politische Richtung vorgegeben, die nicht unbedingt immer deckungsgleich mit unseren Positionen ist. Auf dieser Ebene ist eine Teilnahme an Bus2Bus für uns deshalb schwierig. Mit einer reinen technischen Ausstellung hätten wir keine Probleme. Ich denke, und das zeigen ja erfolgreiche Beispiele wie die InnoTrans, dass man eine Messe, bei der Produkte und Technik im Vordergrund stehen sollen, nicht zu sehr politisch aufladen sollte. Denn das Politische entspricht zwar dem Wesen der Verbände, aber man macht eine Messe ja für die Aussteller und die Besucher und nicht für sich selber. Der Erfolg unserer stetig wachsenden Elektrobusmesse Elekbu mit Fachkonferenz liegt unter anderem darin begründet, dass wir die Fahrzeuge, Komponenten und Betriebskonzepte rund um den Elektrobus ganz klar in den Mittelpunkt stellen. Wir denken als nächsten Schritt darüber nach, die Zukunftsthemen aus der Elekbu mit der VDV-Konferenz zum autonomen Fahren zusammenwachsen zu lassen. Auch da geht es um Konzepte und Technologien für die Mobilität der Zukunft und nicht so sehr um politische Meinungen. Dafür ist an anderer Stelle ausreichend Platz im Veranstaltungskalender aller Verbände, auch beim VDV.

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