IAA vs. Innotrans

Spielen Busse auf der IAA noch eine Rolle?

Impressionen Setra Foto: Joachim Mottl
Meinung

Im direkten Fokus standen Busse auf der IAA bisher schon selten, obwohl das VDA Messe-Logo eine gleichwertige Eintracht von Truck, Bus und Van suggerieren will. Innotrans und Elektromobilität könnten die Leitmesse der deutschen Industrie nachhaltig verändern.

Der eine oder andere Kollege und Besucher stimmt bereits einen Abgesang an: „Busbauer wandern zur Innotrans ab!“ oder „Halle 11 ist ja völlig leer und uninteressant!“. Nun ganz so schlimm ist es sicher nicht, aber ein Trend ist erkennbar: Hersteller, die nicht den Truck in der Hinterhand haben als Hintergrundfolie und in dessen Sog mitschwimmen können, sehen es immer weniger ein, viel Geld für eine sehr lange Messe auszugeben, von der sie letztlich nicht sehr viel haben, da sie nur die dritte Geige spielen. So haben sich gleich zwei der (noch) führenden Elektrobusbauer (Solaris und VDL) für einen Auftritt in Berlin entschieden, auch wenn bei Solaris der neue Eigentümer CAF eine Rolle als Bahnbauer gespielt haben dürfte (man nennt sowas dann „industrielle Logik“). VDL verzichtet sogar völlig auf eine Präsentation seiner in diesem Jahr gelaunchten Reisebusse mit neuer DAF Driveline – denen hatte man bereits im Frühsommer einen eigenen großen Event gegönnt, der breites Medienecho fand.

Vorpressekonferenzen nehmen Neuheiten vorweg

Überhaupt geht der Trend immer mehr in Richtung von großen Vorpressekonferenzen, in denen alle Infos schon sattsam ausgebreitet werden. Im Falle von Mercedes-Benz hatte man sogar zweimal zum Start des neuen eCitaro geladen, einmal zum Elektro-Workshop, einmal zur Enthüllung zum meisterwarteten Elektrobus des Jahrzehnts. Da fragt man sich schon, welchen Sinn ein großer Messeauftritt dann noch macht. Echte Weltpremieren und Neuheiten sind denn in Hannover eher rar, auch weil im Reisebussektor durch die Einführung der ECE R66.02 bereits viele Unternehmen in den letzten beiden Jahren ihr innovatives Pulver verschossen hatten. Und die Angst, medial im Windschatten von Truck und Van unterzugehen, ist deutlich spürbar. In manchen Pressekonferenzen ist der Bus eh nicht mehr als eine Randnotiz – so öfters schon bei Scania erlebt.

Neue Zeiten

Und wo geht es inhaltlich hin? Auch wenn bei MAN zum Beispiel die Verteilertruck-Studie CitE dem fast serienreifen Lion’s City E die Show gestohlen hat (die Münchener konnten den Coup bis zuletzt unter der Decke halten), so stehen die Elektrobusse doch immer mehr im Fokus. Kein Hersteller kann es sich leisten, auf das Thema zu verzichten. 2018 wird zudem als das Jahr in die Busannalen eingehen, in dem das Imperium der deutschen Industrie zurückschlägt: Seht her, wir können es auch! Oder wie MAN unfreiwillig komisch textet: „Wir gehen schon mal vor!“ So mancher stolpert beim Vorauseilen schon mal über die eigenen Füße – der Serienanlauf musste schnell wieder nach hinten verschoben werden, einige Aufträge sogar wieder gecancelt werden. Bei Daimler brechen zudem kommunikationsstrategisch ganz neue Zeiten an: nicht nur werden die Lieferanten der Batterie auf dem silbernen Tablett serviert (bisher ein absolutes Sakrileg), auch breitet man vor der staunenden Presse und Kundschaft seine Batteriestrategie für die nächsten vier Jahre aus. Wozu?

Problemfall Batterie

Planungssicherheit bekommt der Kunde wohl nur insoweit, dass er weiß, die erste Generation Batterien aus dem hessischen Langen lohnt sich sicher nicht zu ordern. Zumal es keine Konzepte für ein irgendwie geartetes Upgrade auf Batterie 2.0 gibt. Heute schon die vielmals gehypten Feststoffbatterien anzukündigen war dagegen ein echter Coup des Stils „Das Beste oder Nichts“. Wirklich einig ist sich die Branche aber nicht, ob sie der Stein des Weisen sind. Alle stehen noch am Anfang beim Thema und bewegen sich sehr unsicher auf dem Terrain: „Vorreiter“ ESWE aus Wiesbaden hat gerade zum dritten Mal seine von Anwälten geleitete Ausschreibung angepasst, nicht ohne noch vollmundig seine Rolle als Innovator und Technologiebeschleuniger zu betonen (das Unternehmen kann bisher ausschließlich auf seine Euro 6 Diesel verweisen).

Wo wird geladen?

Auch der Kulturkampf zwischen Depotladung und Opportunity Charging, der ein wenig an die AGR versus SCR Debatte vor rund zehn Jahren erinnert, spielt eine große Rolle dabei: will man den Kunden wirklich bevormunden wie MAN oder Scania und nur eine Lösung anbieten („Wir geben unserem Bus am Morgen die ganze Energie mit auf den Weg, den er den Tag über braucht“), oder ist der Kunde König, und kann er selbst entscheiden, was er benötigt und ob er Batterien oder Passagiere befördern will? Hier scheiden sich schnell die Geister und die eigentlichen Unterschiede kommen in den Strategien der Hersteller zutage.

Persönliche Enttäuschung

Was ist meine persönliche Enttäuschung auf der IAA? Auch die hat mit der Elektromobilität zu tun: das Fehlen von Alternativen für den Reisebus. Zwar zeigen Scania und Iveco Gaskonzepte für den Überlandbus, Scania gibt sogar den Pionier in Sachen LNG, aber beim Thema Hybrid ruht seit Jahren der See still und leise. Dabei steht jetzt mit dem ZF Traxon mit Hybridmodul ein passendes Getriebe zur Verfügung, das ein rein elektrisches Einfahren in die kritischen Innenstädte erlauben könnte. Auf Nachfrage bekommt man überall die wohlfeilen, aber überholten Argumente: Wirtschaftlichkeit nicht gegeben, Kunden haben kein Interesse. Alles schon gehört. Hat man aus der Misere mit dem Stadtbus denn so gar nichts gelernt? Hieß es vor zehn Jahren nicht auch, das brauchen wir gar nicht? Wir haben doch unsere guten Dieselmotoren? Heute sind die Kommunen auf Gedeih und Verderb auf Ebusse angewiesen, um Herrn Resch von der Klageschippe zu hüpfen. Und dann kauft man im Zweifel eben nicht deutsch – wenn es anders nicht geht. Oder besichtigt medial wirksam Busflotten in China.

CO2-Gesetzgebung als Innovations-Blocker?

Oder liegt es an der bisherigen Nichtberücksichtigung des Busbereiches in der kommenden CO2-Gesetzgebung, die nach Aussage des EU-Kommissionsmitglieds Nikolaus Steininger bis weit in die 20er Jahre hinein andauern könnte? Das wäre mit Verlaub ein Armutszeugnis, denn dass alleine Gesetzgebung unsere saubere Mobilität voranbringt, glaubt hierzulande sicher niemand mehr. Schließlich werden die Elektrobusse den Herstellern auf der anderen Seite wiederum positiv angerechnet, was durchaus etwas schräg anmutet. Also mehr Mut! Und auf der nächsten IAA bitte mindestens einen Reisebus mit Hybridantrieb ausstellen! Sonst wandere ich zur Innotrans ab und boykottiere Hannover! Vielleicht.

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