Herzinfarkt im Lkw

Notruf Autobahnkante

Alexander Hald
Meinung

Die Meldungen kommen jetzt bald jede Woche: Fahrer brechen unterwegs am Steuer zusammen, die Lkw landen im Feld oder im Straßengraben. Ein gesundheitliches Problem ist immer öfter der Grund für diese Unfälle. Droht durch Fahrermangel, Stress und Überalterung nicht nur der Versorgungs-, sondern auch der Fahrerkollaps?

Mit diesem Blog mache ich diesmal aus gutem Grund etwas Werbung für den FERNFAHRER 12/2019, der ab Samstag im Handel ist. Abonnenten sollten das Heft bereits in den Händen halten. Es ist mit über 300 Gramm und 140 Seiten „ein ordentlicher Brocken“ geworden, wie Chefredakteur Markus Bauer in seinem Editorial zur XXL-Ausgabe geschrieben hat. Der konkrete Inhalt ist hier zu finden.

Daher vorab nur wenige Sätze zu meinen Beiträgen: Praktisch zum Auftakt der nächsten Brüsseler „Trilog“-Verhandlungen am 4. und 5. November beenden wir unsere kleine Serie über die weiter drohenden Fallstricke des kommenden Mobilitätspaketes am Beispiel der extrem komplizierten angedachten neuen Regelungen für die Entsendung von Fahrern aus Osteuropa auch in die deutschen Wirtschaftsregionen. Ich habe in diesem Heft zudem erstmals überhaupt eine Fortsetzungsreportage geschrieben - über den Lkw-Fahrer Jens Naujok. Fünf Jahre war Jens mit einem DAF für den Fuhrbetrieb Uwe Michael aus Dadeleben im nationalen Fernverkehr mit Baustoffen unterwegs, bis er das Unternehmen Anfang 2019 als neuer Inhaber am Standort Badersleben übernommen hat. Ein mutiger Schritt für einen jungen Mann, der praktisch zur selben Zeit auch noch Vater geworden ist. Und den nahtlosen Übergang vom Chef zum Arbeitgeber laut Aussage seiner ehemaligen Kollegen ohne Probleme gemeistert hat. Die kleinen Unternehmen bilden nach wie vor das Gros der Transportleistung im Transportgewerbe.

Eine vollkommen andere Größenordnung steckt hinter der Schäflein AG aus Röthlein, die in diesem Jahr in dritter Generation bereits das 80-jährige Firmenjubiläum gefeiert hat und den 186 eigenen Fahrern an sechs Standorten ausschließlich tarifliche Arbeitsbedingungen bietet sowie regelmäßige Verkehre mit festen planbaren Zeiten. Obwohl viele Fahrer immer wieder auf Facebook etwa ihre individuelle Freiheit im Fernverkehr stark betonen, so gibt es doch immer mehr, vor allem auch junge Kolleginnen und Kollegen, die sich still und heimlich aus diesem stressigen Beruf zurückziehen und lieber Linie fahren wollen.

Gesundheit – ein Thema wider Willen

Stichwort stressiger Beruf: Die Reportage im neuen FERNFAHRER, auf die ich hier ganz besonders hinweisen möchte, betrifft das Thema Gesundheit. Es ist bei Fahrern nicht der Top-Seller, das weiß ich. Aber so wie ich regelmäßig die Meldungen über Lkw-Unfälle am Stauende recherchiere, so sehr bin ich mittlerweile erschüttert, dass sich nun die Meldungen häufen, bei denen ein Lkw von der Fahrbahn abgekommen ist, weil der Fahrer am Steuer einen Herzinfarkt hatte.

Erst gestern hat mir der Fahrer Stephan Friebe diese traurige Meldung zukommen lassen. Kurz zuvor hatte EMS TV über einen ähnlich dramatischen Fall berichtet. Auch hier war der Fahrer am Steuer verstorben. Stephan Friebe ist 51 Jahre alt, hat 2001 nach zwölf Jahren Bundeswehr zunächst den Berufskraftfahrer für Personenverkehr gemacht, ist zwei Jahre Bus gefahren, seither Lkw. „Es wird nicht besser werden, sondern schlimmer“, hat er mir auf meine Bitte zu den Zuständen im Transportgewerbe geschrieben. „Da werden Rentner reaktiviert, um den Fahrermangel zu kompensieren. Es mag sein, das sie sich noch fit fühlen, aber der Stress ist mittlerweile ein völlig anderer geworden. Das Fahren selbst hat sich so verändert. Und dann redet die Politik davon, dass wir noch länger arbeiten sollen bis zur Rente. Wahnsinn! Unsere Tagesschichtzeit beträgt schon jetzt dreizehn bis fünfzehn Stunden. Woche für Woche! Um 06.00 anfangen, um eventuell um 21.00 Uhr Feierabend zu haben. Das ist mit unserer Verkehrssituation nicht mehr vereinbar. Da ist abends keiner mehr fit am Steuer! Alles Glücksache, dass nicht noch mehr passiert! Aber es passiert ja schon genug!“

Nicht nur die Versorgung droht zu kollabieren

Derzeit zeichnet vor allem der BGL das Szenario des drohenden Versorgungskollapses durch den akuten Fahrermangel. Einerseits bleiben Lkw stehen, auf der anderen Seite holen die übrigen Fahrer für ihre Firmen unter Hochdruck die Kohlen aus dem Feuer oder besser: die Paletten aus den Lagern. Auch aus diesem Grund mehren sich die Meldungen über Unfälle aus gesundheitlichen Problemen. So deute ich meine eigene, sicher nicht repräsentative Sammlung der auf den Webseiten der Tageszeitungen veröffentlichen Unfälle. Vor allem Fahrer Mitte 50 bis Mitte 60, also all die gestandenen Männer, die seit vielen Jahren im Transport Raubbau am eigenen Körper betreiben, scheinen am meisten betroffen.

Denn diese Fahrer sind in der Tat auch auf Grund des Fahrermangels immer noch voll und ganz im Einsatz und bessern immer öfter als feste Aushilfen ihre wenig üppige Rente auf, was wiederum der Tatsache geschuldet ist, dass sie in jungen Jahren, so wie es heute vor allem die Fahrer aus Osteuropa tun, vor allem auf die möglichen Nettospesen und gelegentlich schwarz ausbezahlte Sonntagszuschläge scharf waren. Der „Fuffi“ fürs Ausladen beim Kunden, den es in den 80er Jahren mal gab, ist längst flach gefallen. Das machen die Fahrer heute gänzlich umsonst im Rahmen von pauschalen Löhnen, stellen dabei immer noch den Tacho auf Pause und kommen so dabei locker auf mindestens 60 Stunden Arbeitszeit die Woche. Das macht auf Dauer krank.

Dazu kommen die tägliche Suche nach Parkplätzen auf überlasteten Autobahnen, ständige Wartezeit in Staus, unregelmäßige und schlechte Ernährung auf mittlerweile arg überteuerten Rasthöfen, wenig Bewegung, Druck aus der Dispo, die Zeitfenster einzuhalten, Ärger mit dem Personal der Kunden, Sorgen um die steigenden Kosten bei kaum wachsenden Löhnen. Das alles führt auf Dauer zu Stress. Das geht auf Dauer auf die Pumpe. Und die macht das irgendwann nicht mehr mit

"Lebensstil ändern, Risikofaktoren verringern!"

"Ein medizinischer Notfall", so heißt also die vierseitige Reportage im Heft, von der eine Seite dem Interview mit der Bonner Intensivmedizinerin Christine Mühler gewidmet ist, die Herzinfarkt & Co. aus dem klinischen Alltag nur zu gut kennt. Sie klärt darüber auf, wie man die Warnzeichen für einen drohenden Herzinfarkt erkennt, wann man nach einem überstandenen Herzinfarkt mit einer anschließenden Reha unter welchen Bedingungen wieder fahren darf – und wie man diesem Kollaps am Steuer durch eine und sei es auch nur moderate Änderung des täglichen Lebens vorbeugen kann.

Dem Tod von der Schippe gesprungen

Vor allem aber bin ich sehr froh, dass ich mit Thomas Limmer, bekannt auch als „Tom Straight“ bei Facebook und jahrelanges Mitglied der Franken-Strolche, sowie Christian Rumpf, der seine eigenen Blogs schreibt, zwei in der „Szene“ durchaus bekannte Fahrer gewinnen konnte. Sie haben mir offen erzählt, wie sie dem Tod buchstäblich von der Schippe gesprungen sind. Weil sie die Warnzeichen eben rechtzeitig erkannt und es gerade noch zum Arzt geschafft haben - beziehungsweise den Notarzt direkt aus dem Lkw heraus verständigen konnten.

Für den Mut der beiden Fahrer, ihre persönlichen Geschichten als mögliche Hilfe für die Kollegen zu veröffentlichen, möchte ich mich hier herzlich bedanken! Denn Männer, insbesondere gestandene Kraftfahrer, reden nicht gern über Gesundheitsthemen. Und sterben leider viel zu oft allein im Lkw an der Autobahnkante.

Unsere Experten
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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Teaser Element Zuko 2019 19. bis 20. November 2019

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