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Happy End in Dover

Trucking home for Christmas

Foto: Diez Spedition

Ein kleines Weihnachtswunder: Ein tagelang in Dover festsitzender Lkw-Fahrer der Spedition Diez aus Dettingen/Teck ist am zweiten Weihnachtsfeiertag zu Hause eingetroffen.

Ein kleines Weihnachtswunder hat sich in Dettingen/Teck (Landkreis Esslingen) ereignet. Nach sechs Tagen quälender Ungewissheit in England ist Lkw-Fahrer Mario Mertel mit seinem Actros wieder wohlbehalten in seiner Heimatstadt angekommen. Der Mitarbeiter der Spedition Diez war wie Tausende seiner Kollegen rund um Dover gestrandet, nachdem Frankreich als Folge der Corona-Mutation zunächst gar keine Reisenden aus Großbritannien mehr ins Land lassen wollte, später dann aber die Einreise bei Vorlage eines aktuellen negativen Testergebnisses gewährte.

Foto: Diez Spedition/Pulswerk
Spediteur Andreas Diez ist erleichtert und enttäuscht zugleich. Erleichtert über die Rückkehr eines Fahrers, enttäuscht über die politisch Verantwortlichen.

Mertels erster Weihnachtswunsch nach seiner Ankunft? „Erst mal wird kräftig geduscht, nach fünf Tagen ohne Dusche fängt es an zu müffeln“, berichtet der Fahrer unmittelbar nach seinem Eintreffen auf dem Speditionshof gegenüber SWR-Moderatorin Petra Klein. Der SWR 1 hatte den Fahrer in den vergangenen Tagen medial begleitet und immer wieder zu seiner Lage befragt.

Mertel bezeichnet die Rückkehr nach Dettingen/Teck als sehr emotionalen Moment. „Natürlich sind Tränen geflossen, sowohl bei mir, als auch bei meinen Chefs und auch der Familie.“ Seine Chefs Andreas und Matthias Diez hätten auch über Weihnachten mitgefiebert und seien in Gedanken bei ihm gewesen. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass ich so einen Staatsempfang bekommen würde.“ Nun müsse er die Geschehnisse erst einmal verarbeiten, die ganzen Nachrichten beantworten, die aufgelaufen seien, und dann mit der Familie Weihnachten nachfeiern.“

Foto: Diez Spedition
Machen gute Miene zum bösen Spiel: Lkw-Fahrer Mario Mertel (Mitte) ist zu Hause eingetroffen, seine Kollegen Leo Podovei und Liviu Enea sitzen noch in Dover fest (Stand zweiter Weihnachtsfeiertag).

Tagelang saß der Lkw-Fahrer mit Tausenden Kollegen am ehemaligen Militärflughafen Manston in der Grafschaft Kent fest, nachdem Frankreich die Grenzen dicht gemacht hatte. Die Versorgung („zwei halbgare Burger am Tag und eine Flasche Wasser“) ließ nach Angaben von Andreas Diez zu wünschen übrig – erst recht die sanitären Voraussetzungen vor Ort. Als die Rede davon war, dass Frankreich wohl Reisende mit negativem Testergebnis einreisen lassen würde, war lange unklar, wo es Schnelltests geben würde. Dieses Problem löste schließlich das britische Militär mit mehr als 1.200 Einsatzkräften, die Fahrer auf das Coronavirus testeten.

Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags wurde Mario Mertel getestet, eine halbe bis dreiviertel Stunde später war das negative Ergebnis da. „Gegen zwölf sind dann die Lkw vor mir gefahren“ berichtet Mertel. „Irgendwann war ich an der Reihe und zack war ich im Hafen in Dover“, berichtet er im SWR. „Es ist so schnell gegangen, wo es davor alles so ewig gedauert hat.“ Um halb sieben morgens war der Fahrer auf der Fähre nach Calais, um neun in Frankreich. Danach hieß es, um mit Chris Rea zu sprechen, dann: Driving home for Christmas. In der Nacht fuhr er dann nach Hause und war am zweiten Weihnachtsfeiertag da.

Foto: Diez Spedition
Endlich freie Fahrt zu den Fähren nach Calais: Der Stau in Dover löst sich auf.

Ende gut, alles gut? Die Ankunft von Mario Mertel hat dem Geschäftsführenden Gesellschafter Andreas Diez nicht alle Sorgen nehmen können. „Nach vielen Tagen, die wir durch die plötzliche Grenzschließung in dauernder Unsicherheit verbracht haben, im dauernden Kontakt mit unseren Fahrern, sind wir froh, dass unser Fahrer Mario wieder zu Hause angekommen ist“, sagt er erleichtert. „Andererseits ist die Situation selbst nach sechs Tagen noch nicht unter Kontrolle. Zwei unserer Fahrer stehen immer noch vor dem Eurotunnel“, berichtet der Unternehmer gegenüber eurotransport.de.

Spediteur Diez: eine unmenschliche, unwürdige Situation

Seine Rückschau auf die vergangene Woche: „In Summe war es eine unmenschliche, unwürdige Situation, die eigentlich mit der europäischen Green Lanes-Vereinbarung gar nicht möglich gewesen wäre“, kommentiert der Spediteur und wirft den politisch Verantwortlichen „Machtspiele auf Kosten 10.000er Fahrer aus ganz Europa“ vor. „Wir sind sehr ernüchtert durch diese Situation“

Sowohl über die Verbände als auch über das Bundesaußen- und Bundesverkehrsministerium hatte Andreas Diez sich Gehör zu schaffen versucht und Abhilfe angemahnt. „Die Lage in England ist gerade mehr als Ernst, es kommt schon zu Meutereien unter den Fahrern“, teilte er am Mittwoch in einer Mail den beiden Bundesministern Heiko Maas (SPD), Andreas Scheuer (CSU) und dessen Staatssekretär Steffen Bilger (CDU) mit. „Die Fahrer müssen unter menschenunwürdigen Bedingungen, ohne Toiletten und Essen vor Ort ausharren“. So war der Stand der Dinge noch bis zum Tag vor Heiligabend, ehe sich zumindest die Versorgung ein Stück weit besserte.

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Bei Mertels Kollegen löste das Chaos auf der Insel Verdruss und Verärgerung aus. „So wir mit den angeblichen Helden umgegangen“, „eine unglaubliche Schande“ und „man sollte einfach nicht mehr nach England fahren“, lauteten nur drei der Kommentare auf eine Meldung zu den Staus rund um Dover auf eurotransport.de.

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