Greyhound-Übernahme

Flixbus geht in die Vollen

Foto: Thorsten Wagner

Mit dem Erwerb der US-Traditionsmarke Greyhound steht das ehemalige Start-up Flixbus vor einer neuen Ära, die auch klarer Entscheidungen bedarf. Bisher nahm sich das US-Unternehmen eher als Gegenentwurf zu den Münchnern aus.

Das ist ein echter Paukenschlag: Das Flixbus-Mutterunternehmen FlixMobility hat Ende Oktober die Greyhound Lines – den größten Fernbusanbieter in Nordamerika – von der britischen First Group übernommen. „Diese Akquisition ist ein weiterer wichtiger Schritt in der Vision von FlixMobility, erschwingliche und umweltfreundliche Mobilität für Menschen auf der ganzen Welt anzubieten," so die Pressemeldung.

Greyhound besteht seit über 100 Jahren, war schon zweimal in der Insolvenz und gehört trotzdem zum „Tafelsilber" der US-Marken. Deutsche Medien bis hin zu Welt und FAZ kramen in den Archiven und präsentieren Film- und Songtitel mit Greyhound-Bezug. „Mit einer über 100-jährigen Geschichte wissen wir, wie wertvoll die Marke Greyhound ist, und wir freuen uns darauf in der Zukunft von der Erfahrung zu profitieren," so eine Antwort aus München auf unsere Frage nach der zukünftigen Markenführung.

Erstmals kauft Flixbus eigene Busse

Weltweit besteht das Portfolio von Flixbus aus mehr als 400.000 täglichen Verbindungen mit über 2.500 Zielen in 36 Ländern außerhalb der USA – eine beispiellose europäische und digitale Erfolgsstory. Greyhound verbindet aktuell 2.400 Ziele in Nordamerika mit fast 16 Millionen Fahrgästen pro Jahr – mithin der Gegenentwurf zum hippen, europäischen Start-up. Wie verschiedene Medien berichten, wurde Greyhound mit rund 1.200 Bussen (Durchschnittsalter circa fünf Jahre), aber ohne die teilweise ramponierten Busbahnhöfe und die Pensionsverpflichtungen der Fahrer für 172 Millionen US-Dollar übernommen.

Auch bei der Flotte hat die Zeit für Flixbus gespielt, es hat sich bei den Bussen einiges getan in den letzten Jahren: „Tatsächlich hat Greyhound in den letzten Jahren den Großteil seiner Flotte erneuert. Im Durchschnitt ist ein Bus der aktuellen Flotte weniger als fünf Jahre alt und entspricht damit den neuesten Umweltstandards," so die Stellungnahme aus der Münchner Zentrale.

Im Zuge der Covid-Pandemie hatte Greyhound 2020 einen Verlust von rund zehn Millionen US-Dollar eingefahren, was sicher den Druck auf First Group zu einem Verkauf massiv vergrößert hatte, das 2007 noch 3,6 Milliarden US-Dollar für die Busikone gezahlt hatte.

Was bedeutet die Übernahme konkret, wollten wir von Flixbus wissen: „Wir haben das Unternehmen gerade erst übernommen. Aktuell bleibt alles beim Alten, und die beiden Unternehmen arbeiten getrennt voneinander. Wir haben noch keine Entscheidungen getroffen," so antwortet man aus München. „Wie bei Akquisitionen dieser Art üblich werden wir erst jetzt damit beginnen, gemeinsam mit den Teams zu analysieren und zu prüfen, wie die beiden Unternehmen bestmöglich zusammengeführt werden können." Die Zentrale von Flixbus befindet sich in Los Angeles, von dort wird der größte Teil des Netzes gesteuert. „Insgesamt sehen wir in dieser Übernahme eine große Chance, die nordamerikanische Fernbusbranche nicht nur zu erhalten, sondern auch zu stärken. Wir haben das Ziel kollektive Mobilität für die US-Kunden attraktiver zu gestalten," heißt es in der Antwort weiter.

Mit dem Fernbus in eine grüne Zukunft

Die hervorragende Umweltbilanz von Fernbussen in Bezug auf den CO2-Ausstoß (30 Gramm pro Personenkilometer laut UBA-Statistik; bei voller Auslastung im Doppeldecker noch unter zehn Gramm laut lastauto omnibus-Verbrauchstest) zeigt für Flixbus ganz klar: „Dieser Verkehrsträger wird für eine nachhaltige Mobilitätswende weltweit entscheidend sein." Immerhin gab es schon mehrere Tests mit elektrischen Reisebussen in den USA, die bereits von MCI, Van Hool und bald auch Temsa gebaut werden. Der neue Mercedes-Benz Tourrider wird dagegen in einer elektrischen Variante noch auf sich warten lassen.

Dazu Flixbus: „Nachhaltigkeit ist Teil unserer DNA und wir sind immer bestrebt neue Projekte zu starten und Tests durchzuführen. In den USA sind bereits passende Fahrzeuge verfügbar und wir streben definitiv weitere Tests an. Nichtsdestotrotz sehen wir auch in den USA, dass die Infrastruktur noch weiteren Ausbau bedarf. Europäische Hersteller können aktuell leider noch keine Reisebusse mit entsprechender Reichweite anbieten – das hält uns jedoch nicht davon ab weitere Projekte zu starten."

Grüne Technik kostet viel Geld – auch das sei vorhanden: „Auch die jüngst abgeschlossene Finanzierungsrunde ist für FlixMobility ein klares Zeichen in Richtung grüner Zukunft", wie weiter verlautet wird. „So kommt FlixMobility durch die Akquisition von Greyhound seiner Vision, grünes und erschwingliches Reisen allen Menschen zugänglich zu machen, entscheidend näher." Das Unternehmen hatte rund 650 Millionen US-Dollar bei diversen Investoren (darunter erstmals auch „Canyon Partners") in einer neuerlichen Finanzierungsrunde eingesammelt. Einem Börsengang, über den immer wieder spekuliert wird, erteilt André Schwämmlein, Mitgründer und CEO von FlixMobility, dem Handelsblatt gegenüber jedoch eine klare Absage.

Flixbus bereits als US-Marke wahrgenommen

Weiter wird Schwämmlein in der Pressemeldung zitiert: „Menschen in ganz Nordamerika wünschen sich völlig zu Recht erschwingliche und nachhaltige Reisealternativen zum privaten Auto. Gemeinsam werden Flixbus und Greyhound der gestiegenen Nachfrage nach umweltfreundlicher Mobilität in den USA Rechnung tragen."

Ob und wie lange die traditionsreiche Marke weiterbestehen wird, ist derzeit noch nicht final geklärt. Bei unserem letzten Besuch in der Flixbus-Zentrale in Los Angeles Anfang 2020 sagte der US-CEO Pièrre Gourdain auf die Frage nach der relativen Unbekanntheit der Marke Flixbus: „Die Amerikaner verstehen besser als jedes andere Land die Kraft der Marke. Tatsächlich wurde das Franchising, das Flixbus vervollkommen hat, in den USA erfunden. Wir haben also ein amerikanisches Geschäftsmodell, das in Europa seinen Anfang nahm und jetzt ‚nach Hause kommt'. In ein paar Jahren wird es Amerikaner geben, die nach Europa kommen und sagen: ‚Ich kann es kaum glauben, dass diese Jungs auch schon hier gestartet sind.' Flixbus wird hier als lokale Marke wahrgenommen, darauf sind wir sehr stolz."

Jochen Engert, Mitgründer und CEO von FlixMobility, sagt zu dem epochalen Deal: „Eine stetige Weiterentwicklung unseres Netzes durch Kooperationen oder Zukäufe ist schon immer ein wesentlicher Teil unserer Wachstumsstrategie, um unsere globale Präsenz weiter auszubauen. Die Übernahme von Greyhound bringt uns hier einen entscheidenden Schritt weiter und stärkt die Position von Flixbus in den USA. Beide Unternehmen teilen die gemeinsame Vision für erschwingliche, smarte und nachhaltige Mobilität für alle."

David Martin, Executive Chairman der First Group: „Der Verkauf von Greyhound an FlixMobility ist Teil unserer Strategie zur Neuausrichtung unseres Portfolios, um die First Group als eines der führenden Unternehmen im öffentlichen Personenverkehr in Großbritannien neu aufzustellen. Die Stärke von Greyhound sind die Mitarbeitenden und ich möchte ihnen für ihr unermüdliches Engagement im Sinne ihrer Kunden danken. Ich bin davon überzeugt, dass Greyhound als Teil von FlixMobility gut aufgestellt sein wird, um die traditionsreiche Marke noch viele Jahre lang fortzuführen und auszubauen."

Flixbus ist größter Fernbusanbieter Europas

In den vergangenen acht Jahren hat sich Flixbus zum größten Fernbusanbieter Europas entwickelt und allein im Jahr 2019 über 62 Millionen Menschen an ihr Ziel gebracht. Die Akquisition von Greyhound stellt einen wichtigen Meilenstein in der globalen Expansion von FlixMobility dar und ist ein entscheidender Faktor für das zukünftige Wachstum des Unternehmens, das derzeit auch an einem Einstieg in den brasilianischen Markt arbeitet. Dieses sei insbesondere für „die Stärkung des kollektiven Verkehrs notwendig, um dem Trend zum Individualverkehr per Pkw während und nach der Pandemie zu entgegnen".

Flixbus USA startete 2018 mit 27 Zielen in den größten Städten des Südwestens, darunter Los Angeles, CA, Las Vegas, NV, und Phoenix, AZ. Seitdem hat das Unternehmen seinen Betrieb ausgeweitet und bietet Reisen in weitere Städte im Südwesten, Süden, Nordosten und pazifischen Nordwesten. Laut Handelsblatt sind die Flixbus-Linien an der US-Westküste sogar schon profitabel, was nicht für viele Strecken der Fall sein dürfte. Siehe hierzu auch unseren Bericht in lastauto omnibus 3/2020.

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