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Gewinner auf beiden Seiten

Flüchtlinge als Fachkräfte in Speditionen

Mahdi Haydari Foto: karldischinger

Die Integration von Flüchtlingen gilt als große Herausforderung. Drei aktuelle Beispiele zeigen, wo dies schon gelungen ist.

Etwa bei den Logistikdienstleistern Dachser und karldischinger und über die IHK Ulm. Beispiel karldischinger: Hier startete der heute 22-jährige Flüchtling Mahdi Haydari im Frühjahr 2016 seine Berufslaufbahn als Praktikant. Es folgte eine Einstiegsqualifizierung (EQ), ein von der Agentur für Arbeit gefördertes sozialversicherungspflichtiges Praktikum. Dann begann die eigentliche Ausbildung.

Vor wenigen Wochen war es dann so weit: Der 22-jährige Afghane nahm bei der Mitgliederversammlung des Verbands Spedition und Logistik Baden-Württemberg (VSL) sein Abschlusszeugnis zum Fachlageristen entgegen – mit Auszeichnung.

Erste Station Notunterkunft

Dabei begann Mahdis Weg in Deutschland zunächst in der Notunterkunft – wie bei jedem Flüchtling. In Mahdis Fall in Karlsruhe. Die Tage dort sind lang. Es gab nur eine Abwechslung: die Sprachkurse. Über seinen Deutschlehrer erhielt Mahdi den Tipp, sich für eine Ausbildung beim Logistikdienstleister karldischinger zu bewerben. Diese begann im September 2016.

Dort verlief zunächst nicht alles reibungslos. In der Pharmalogistik konnte Mahdi zunächst nicht im Kühllager arbeiten – der niedrigen Temperaturen wegen. Immerhin zählen Teile Afghanistans zu den wärmeren Subtropen. Doch inzwischen hat er sich an die Kältegrade gewöhnt, ebenso wie an die anderen Anforderungen.

Sprachkenntnisse essenziell

„Wir freuen uns sehr, dass sich Mahdi bei uns so gut integriert hat“, betont Firmenchef Karlkristian Dischinger gegenüber trans aktuell. Die Gründe für den Erfolg liegen seiner Ansicht nach auf beiden Seiten: Das Unternehmen unterstützte Mahdi nach Kräften – zum Beispiel mit Sprachkursen. Und auch Mahdi strengte sich an, indem er rasch Deutsch lernte.

Kerstin Sacherer, Mitglied der Geschäftsführung bei karldischinger, hält Sprachkenntnisse für essenziell bei der Ausbildung von Flüchtlingen: „Nur wer sich verständigen kann, versteht den anderen und kann sich integrieren.“

Zurzeit wohnt Mahdi noch in einem Flüchtlingsheim. Hier teilt er sich ein Zimmer mit drei Mitbewohnern. „Wir möchten Mahdi helfen, eine Wohnung zu finden – wie bei anderen Mitarbeitern und Auszubildenden von auswärts auch“, betont Sacherer. Auch im Schwarzwald ist der Wohnungsmarkt recht angespannt.

Fachlagerist in der Pharmalogistik

Seit Juli arbeitet Mahdi nun als ausgebildeter Fachlagerist in der Pharmalogistik. Er möchte seinen Berufsweg bei karldischinger fortsetzen. Ob er das kann, ist jedoch offen. „Wir hoffen, dass Haydari eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis bekommt“, erklärt Kerstin Sacherer. Momentan besitzt Mahdi nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Grundsätzlich können Unternehmen den Aufenthaltsstatus im Aufenthaltsdokument ersehen. In den Nebenbestimmungen ist dort auch der Zugang zum Arbeitsmarkt vermerkt, zum Beispiel: „Beschäftigung gestattet“, „Beschäftigung mit Erlaubnis der Ausländerbehörde“ oder „Beschäftigung nicht gestattet“. Das Beispiel Mahdi zeigt, dass Flüchtlinge Lücken beim Fachkräftemangel schließen können.

Gilt das auch für den Fahrermangel? Die Jobcenter Biberach und Ulm sowie die IHK Ulm sagen Ja. Daher riefen sie die Teilqualifikation (TQ) Berufskraftfahrer ins Leben. Hierbei haben sich 14 Teilnehmer von 28 bis 54 Jahren aus sechs Nationen beteiligt: Indien, Irak, Iran, Kosovo und Syrien – und: Deutschland.

TQ sind abgeleitete Kompetenzfelder aus anerkannten Ausbildungsberufen. Geringqualifizierte Personen über 25 Jahre können sich hierbei schrittweise weiterbilden, um später einen Berufsabschluss nachzuholen. Ziel ist es, den Erwachsenen einen erfolgreichen Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Flüchtlinge als Fahrer

Von den 14 Teilnehmern der TQ haben 13 den Führerschein der Klasse C bestanden, zwölf den der Klasse CE und acht die beschleunigte Grundqualifikation. Von den acht Teilnehmern, die die Führerscheine und die beschleunigte Grundqualifikation bestanden haben, haben bereits sechs Arbeitsverträge unterschrieben. Zwei absolvieren noch Berufspraktika, die zur Qualifizierungsmaßnahme gehören.

Welche Voraussetzungen sollten die Interessenten mitbringen? „Die Teilnehmer sollten über ein Sprachniveau von mindestens B1 verfügen und bereits berufliche Kenntnisse in dem Umfeld gesammelt haben“, erklärt die IHK Ulm auf Anfrage von trans aktuell. Im Berufsfeld Lager sei der Fachkräftebedarf in der Region Ulm ebenfalls sehr groß, weshalb aktuell eine TQ-Maßnahme im Ausbildungsberuf Fachlagerist begonnen hat.

Auch bei der IHK Bodensee-Oberschwaben haben Mitte Juni neun Flüchtlinge ihre Prüfung zum Berufskraftfahrer abgeschlossen und arbeiten jetzt für das Dachser-Logistikzentrum in Baindt bei Ravensburg.

Berufskraftfahrer Güterbeförderung

Das Familienunternehmen hat mit einem ganzheitlichen Ausbildungskonzept reagiert: Mit der eigens gegründeten Dachser Service und Ausbildungs GmbH fördert Dachser die Aus- und Weiterbildung von Berufskraftfahrern. Damit will Dachser mittelfristig Kapazitätsengpässe in der Transportlogistik vermeiden.

Im Rahmen einer sechsmonatigen Umschulung in Zusammenarbeit mit Dekra, dem Jobcenter des Landratsamts Ravensburg und der Allgäu Akademie Wild absolvierten die neun syrischen Flüchtlinge zwischen 20 und 30 Jahren die TQ Berufskraftfahrer Güterbeförderung. Dazu gehören der Erwerb des Lkw-Führerscheins, der ADR-Schulungsbescheinigung für Fahrzeugführer sowie die Ausbildung zum Flurförderzeugführer/Gabelstaplerfahrer. Auch Ladungssicherung sowie Fahrpraxis waren Bestandteil der Schulung.

Deutschkurse und Fachsprache

„Die größte Herausforderung war die Sprachbarriere, da es sämtliche Prüfungsunterlagen nur auf Deutsch gibt“, sagt Salvatore Di Nolfi, Niederlassungsleiter des Dachser-Logistikzentrums Bodensee-Oberschwaben. „Doch mit viel Motivation und Ausdauer haben unsere jungen Kollegen samstags ihre Deutschkurse absolviert, die Fachsprache gelernt und so am Ende die Prüfung gemeistert.“

„Wir freuen uns, dass sich unser Engagement auszahlt und wir neun Geflüchteten eine berufliche Perspektive eröffnen können“, sagt Christian Stützle, der als Fuhrparkmanager bei Dachser der Hauptansprechpartner für die Umschüler war. Stützle plant einen weiteren Durchgang und das Projekt weiterzuführen.

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