Gewerkschaft und Fahrer

Was macht eigentlich Verdi?

Foto: Verdi
Meinung

Verdi ist die einzige legitime Vertretung der Lkw-Fahrer gegenüber den Arbeitgeberverbänden. Sie konnte über die ETF im sozialen Dialog auch in Brüssel beim Mobilitätspaket mitreden. Dennoch ist das Verhältnis vieler Fahrer zu den Kollegen, die sich dort ehrenamtlich engagieren, abwehrend bis destruktiv.

Dieser Blog wird vermutlich wieder einmal polarisieren. Das ist immer so, wenn ich über die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, Verdi, schreibe. Ich rechne mir auch nicht aus, dass ich damit auf unserem Portal unter den beliebtesten Beiträgen lande. So etwa, wenn ich etwas zum Thema Zusatzbeleuchtung am Lkw oder Truckfestivals schreibe. Dann schießen die Klicks durch die Decke. Ich bin mir sicher, würde Verdi eine Meinung zum Thema „Zusatzbeleuchtung“ haben oder Lampen als offiziellen Lohnbestandteil fordern, die Mitgliederzahlen gingen deutlich in die Höhe.

Ich bin meine eigene Gewerkschaft

Schreibe ich über Licht, kommen gleich andere Fahrer, die mich über die sozialen Medien auffordern, ich solle doch endlich einmal etwas über die schlimmen Arbeitsbedingungen in der Transportbranche schreibe. Das mache ich zwar regelmäßig, aber ich komme dabei fast immer zu der Erkenntnis, dass es die Fahrer, außer beim grundsätzlichen Problem wie der Verkehrsüberlastung im größten europäischen Transitland mit Parkplatzmangel und den baustellenbedingten Staus, weitestgehend selber in der Hand haben, ob sie sich von üblen Unternehmern ausbeuten lassen oder an den Rampen des Einzelhandels als Abladepersonal missbraucht werden. Dann fällt mir immer wieder der Satz eines Fahrers ein, den ich vor Jahren schon anlässlich einer Umfrage im FERNFAHRER gehört habe: „Ich bin meine eigene Gewerkschaft.“

Dominanz der ehemaligen Postgewerkschaft

Dieser Blog ist die Ergänzung zu meinem Thema des Monats im FERNFAHRER 7/2019, der am 1. Juni erscheint. Unter dem Titel: „Eine große Chance“ beschreibe ich dort, wie ein Lkw-Fahrer und langjähriges Verdi-Mitglied, Sven Fritzsche von Sachsentrans aus Chemnitz, nun Anfang April als sogenannter „Ehrenamtlicher“ in den Bundesfachgruppenvorstand der Fachgruppe 2, „Speditionen, Logistik und KEP“ gewählt worden ist. Diese Fachgruppe ist wiederum Teil des Fachbereichs 10, „Postdienste, Speditionen und Logistik“, in der 2001, bei der Gründung von Verdi, die damals auch für Lkw-Fahrer zuständige ÖTV (Öffentlicher Dienst, Transport und Verkehr) mit der Postgewerkschaft zusammengelegt wurde. Lange und zum Teil bis heute gilt: Wer auf Grund der meisten Mitglieder das meiste Geld hat, der bestimmt auch, was gemacht wird. Bis hinein in die Bezirksebene, wo die aktive Betreuung der Lkw-Fahrer stattfindet, dominieren hauptamtlich beschäftigte Fachsekretäre, die aus den Beiträgen der Mitglieder finanziert werden.

Geringe Mitgliedschaft

Und so ist es eigentlich logisch: Bei nur rund fünf Prozent Mitgliedern aus Lkw-Fahrern ist der Einfluss auf die Entscheidungen, welchen Themen Verdi als Ganzes nun Gewichtung gibt, schlicht unterrepräsentiert. Anderseits zeigen die turnusmäßigen Tarifverhandlungen zwischen den Landesfachbereichen von Verdi mit den Landesverbänden der Arbeitgeber, dass mit den Lkw-Fahrern nichts zu erreichen ist. Liest man etwa auf Facebook immer wieder von Streiks, die es geben müsste, damit alles besser würde, so zeigt die nüchterne Realität, dass Verdi die Streiks heute mit dem gut organsierten stationären Personal der Logistikkonzerne oder der großen, im Arbeitgeberverband vertretenen Speditionen macht. Kommt es dann zu den erkämpften Lohnerhöhungen, profitieren auch die Fahrer, die in einem tarifgebundenen Unternehmen beschäftigt sind gleichermaßen davon.

Fehlendes Wissen über Strukturen und Möglichkeiten

Ich sage es einmal nüchtern – vielen Fahrern fehlt leider das Wissen um die Strukturen und Aufgaben der Verbände und der Gewerkschaften aus der Transportwirtschaft. Bestes Beispiel ist die spontane Reaktion auf Facebook, als der Bundesverband Güterverkehr, Logistik und Entsorgung, BGL, die Gründung des Vereins PROFI ankündigte, sich für ein besseres Image einzusetzen. Sofort hieß es unisono, der BGL solle erst einmal bessere Arbeitsbedingungen schaffen. Aber der BGL kann etwa bei der Berliner Politik und über die IRU in Brüssel auch nur Lobbyarbeit machen. Das macht er mit seiner neuen Struktur unter dem Vorstandssprecher Dirk Engelhardt sehr gut. Nur selber kann der BGL weder Parkplätze bauen noch die Rampensituation verbessern.

Identische Probleme

Der BGL hat dasselbe Problem wie Verdi. Er ist lediglich die Dachorganisation der einzelnen Landesverbände, die ihn, wie bei Verdi, durch die Beiträge der Mitglieder finanzieren. In den einzelnen Landesverbänden kämpft man ebenfalls um Mitglieder, die sich in der Tarifbindung befinden und damit die Verhandlungspartner der jeweiligen Verdi-Landesfachgruppen sind. Die Mehrzahl der überwiegend kleinen Unternehmen aber auch viele Mittelständler sind nicht im Verband. Sie handeln, so wie sie es für richtig halten. Oft analog zu den Fahrern: „Ich bin mein eigener Verband.“

Daher ist es im Grund einfach so: Erst wenn sich alle Speditionen und Frachtführer darauf einigen, dass die Fahrer nicht mehr abladen müssen, und das von allen gewerkschaftlich organisierten Fahrern mitgetragen würde, könnte man es in einem Tarifvertrag festzurren und mit der Forderung zum Einzelhandel gehen, dass der dafür mehr Personal einstellt. Das aber ist, wie gesagt, eine Vision. Denn die meisten Frachtführer haben nicht den Mut, den Kunden andere Bedingungen in die Verträge zu schreiben. Und viele Fahrer unterlaufen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen, indem sie, trotz Fahrermangel, den Tacho immer noch beim Abladen auf Pause stellen. Da kann der BGL also tatsächlich nur appellieren. Natürlich stellt er seinen Mitgliedern alles rechtliche Wissen zur Verfügung. So wie etwa Verdi-Mitglieder Anspruch auf Rechtsberatung haben.

Von unten nach oben

„Gewerkschaft funktioniert von unten nach oben“, sagt der Lkw-Fahrer Burghard Taggart, langjähriges Verdi-Mitglied und Mitbegründer des ersten Kraftfahrerkreises Miltenberg-Aschaffenburg vor acht Jahren. Er begrüßt es daher, dass die Kollegen wie Sven Fritzsche oder andere Gründer der mittlerweile 14 Kraftfahrerkreise nun versuchen, mehr Einfluss für die Anliegen der Fahrer zu bewirken. „Wir haben ja festgestellt, dass sich die einzelnen Landesverbände von der Bundesverwaltung in Berlin nichts sagen lassen“, so Taggart. „Viele sind in die Richtung orientiert, die die meisten Mitglieder haben. Dort sind natürlich auch viele Mitglieder, die ehrenamtlich tätig sind. Das fängt auf der Ortsebene bzw. Betriebsebene an, geht über die Landesebene bis in die Bundesebene. Dort überall sitzen Ehrenamtliche, die die Richtung vorgeben. Dort findet in Arbeitsgruppen die Tarifpolitik oder auch politische Gewerkschaftsarbeit statt.“

Das heißt: Die hauptamtlichen Gewerkschafter können nicht gegen die sogenannten Ehrenamtlichen arbeiten. Das würden sich die Ehrenamtlichen nicht gefallen lassen. „Da die Ehrenamtlichen gewählt werden“, so Taggart, „sind sie auch die demokratisch legitimierten Vertreter. Sie sind halt die Fachleute. Mittlerweile gibt es auch Kraftfahrer, die erkannt haben, dass wir unsere Interessen innerhalb von Verdi durchsetzen müssen, eben auch gegen die Interessen zum Bespiel der Postler. Die finden das im Übrigen gut.“

Informationen für Fahrer

So sind die Kraftfahrerkreise, in denen sich Fahrer für andere Fahrer engagieren, eigentlich eine gute Sache. Fahrer, Mitglieder von Verdi, laden regelmäßig Experten ein, die dort mit anderen Fahrern diskutieren. So konkret, das verriet mir unlängst der SPD-Politiker Udo Schiefner, selber Schirmherr des KfK Düren-Aachen, dass die SPD-Parteivorsitzende Andrea Nahles von einem Treffen mit Fahrern den Wunsch nach einer dringenden Erhöhung der Spesen mitgenommen hat, die sie nun mit dem Parteikollegen und Finanzminister Olaf Scholz zum baldigen Abschluss bringen will.

Es sind viele kleine Schritte, Treffen mit der zuständigen Polizei, mit dem Amt für Arbeitsschutz, mit Experten zur Verkehrssicherheit. „Auch wenn viele Fahrer nach einer langen Woche einfach zu kaputt sind, um sich noch zu politisch oder gewerkschaftlich zu organisieren“, wie es der Fahrer Maik Erdmann anmerkt. So ist es der Versuch, etwas zu tun, als sich den Bedingungen einfach zu ergeben - auch wenn Fahrer eben keine hauptamtlichen Profis sind und manchmal im Übereifer Dinge im Internet raushauen, wo man sich schon einen zweiten Blick der Korrektur gewünscht hätte.

Eskalation im Internet

Ich schließe diesen Blog mit dem Auszug aus einem offenen Brief von Sven Fritzsche, der bereits komplett auf der Homepage der Kraftfahrerkreise veröffentlich wurde. Denn, wie er zu Recht beklagt, gab es im Internet in der jüngeren Vergangenheit immer wieder Posts von einem kleinen Personenkreis, „die die Arbeit der Kraftfahrerkreise in Misskredit bringen und in sarkastischer Weise verzerren.“ Ein falsches Wort, ich habe es selber auf Facebook erlebt, und es eskaliert.

„Viele Kolleginnen und Kollegen sind von diesem ganzen Hickhack mehr als genervt“, so Fritzsche, „und zudem wird damit das Ansehen derer, die sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich für die Sache der Kraftfahrer einsetzen, in den Schmutz gezogen. Wenn in öffentlichen Foren und in den sozialen Medien mit Dreck geschmissen wird, kriegen oft auch Unbeteiligte Spritzer ab. Es wird uns zum Vorwurf gemacht, dass wir uns von Gewerkschaften,Verbänden und anderen Vereinen instrumentalisieren lassen. Das ist haltlos und unwahr.

Man muss uns zugestehen, dass wir mit Idealismus und Offenheit für die Belange aller Kolleginnen und Kollegen der fahrenden Zunft einstehen und für ein gesundes Miteinander auf Augenhöhe kämpfen. Wenn Einzelne meinen, dass man dieses Engagement kaputt reden muss und das dann auch noch als freie Meinungsäußerung deklarieren, ist das einfach nur schädlich für die Sache.“

Dem ist meinerseits nichts hinzuzufügen.

Reaktion des BGL

Der BGL hat bereits auf den Blog reagiert. "Als PROFI-Mitglieder sind ausdrücklich auch Lkw-Fahrer herzlich willkommen, ob als Einzelpersonen oder z.B. in Kraftfahrerkreisen organisiert", sagt BGL-Vorstandsprecher Dirk Engelhardt. "Interessierte können sich jederzeit gerne unter profi@pro-fahrer-image.de melden, um gemeinsam für die Belange der Branche einzutreten."

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