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Freitag wertet gebrauchte Lkw-Planen auf

Stylische Tasche frisch vom Trailer

Freitag stellt Taschen aus Lkw-Plane her Foto: Freitag 13 Bilder

Bei Freitag in der Schweiz entstehen aus Lkw-Planen stylische Taschen. Speditionen sparen nicht nur die Entsorgung sondern bekommen sogar noch Geld.

03.07.2018 Regina Weinrich

Das Recycling von Plastik ist eine der drängenden Umweltherausforderungen. Bei Freitag in Zürich macht man das schon seit 25 Jahren und stellt aus alten Lkw-Planen gefragte Taschen her. Was als kleines Start-up der Brüder Markus und Daniel Freitag begann, ist längst zu einem Unternehmen mit einem weltweiten Absatzmarkt geworden, das ständig auf der Suche nach neuem "Roh-Stoff" ist.

Zwei Studenten in einem Industriegebiet der teuren Schweizer Bankenmetropole arbeiten Anfang der 90er Jahre an einer wasserabweisenden, robusten Tasche, um ihre Entwürfe zu transportieren. Die beiden Grafikdesigner experimentieren mit verschiedenen Materialien, dabei donnern Lastwagen am Haus vorbei und liefern die zündende Idee für eine erfolgreiche Zukunft. Heute verarbeitet Freitag im Jahr Planen mit einem Bruttogewicht von über 460 Tonnen, das entspricht etwa 14 Sattelaufliegern pro Tag. Und der Bedarf wächst, insbesondere auf dem asiatischen Markt. Während früher bei den Kunden eher Ökologie und Praktikabilität im Vordergrund standen, ist inzwischen auch Vintage angesagt.

Der Freitag-Prototyp, die Messenger Bag F13 TOP CAT, wird immer noch gefertigt und für 195 Euro verkauft, die Lkw-Plane ist dabei mit ausrangierten Fahrradschläuchen als Einfassung und gebrauchten Autogurten als Schulterriemen ergänzt. Inzwischen spricht man aber längst nicht mehr nur Fahrradfahrer an, es gibt auch eine große Palette an stylischen Damenhandtaschen, das Sortiment umfasst Laptop-Hüllen oder Rucksäcke und Reisetaschen, insgesamt über 80 verschiedenen Modelle. Und da jede gebrauchte Lkw-Plane einmalig ist, ist jedes Produkt ein Unikat und stellt den Besitzer als Individualisten vor.

Beim Nachschub brauchen die Freitag-Mitarbeiter Geduld

Vier Einkäuferinnen sind damit beschäftigt, für Nachschub zu sorgen. "Wir verarbeiten nur gebrauchte Planen", sagt Neziye Voltolini-Bitgen, deren Visitenkarte sie als "Tarp-Buyer" ausweist. Ihr Arbeitsgebiet ist ganz Europa, dabei ist Deutschland der größte Markt. Alle Freitag-Mitarbeiter wissen um die Knappheit ihres wichtigsten Gutes und haben den Planen-Blick. Wer unterwegs, egal wo und wann, einen interessanten Lkw sieht, zückt die Kamera und schickt das Foto in die Zentrale.

Dort kümmern sich dann Neziye und ihre Kolleginnen um das Objekt der Begierde und sprechen die zur Plane gehörigen Unternehmen an. "Dabei brauchen wir viel Geduld", sagt sie lachend. Manchmal dauert es mehrere Jahre, bis es nach der ersten Anfrage zu einem Geschäftsabschluss kommt, denn Planen werden ja nur alle fünf bis zehn Jahre ausgetauscht. Wichtig für die Einkäuferinnen, die in einigen Ländern auch von Agenten unterstützt werden, ist die Farbe des schweren Stoffes, denn Freitag möchte jederzeit ein möglichst buntes, gut gemischtes Taschen-Spektrum anbieten.

Nicht alle Farben sind gefragt

Besonders gefragt sind die selten anzutreffenden Planenfarben Dunkelrot, Pink, Violett, Dunkelgrau oder Schwarz. "Dafür nehmen wir durchaus weite Wege in Kauf", sagt Voltolini-Bitgen. Am unteren Ende der Wunschliste rangieren Blautöne, Hellgrau und Silber. Nur zur Not werden auch gelbe, orangefarbene oder blaue Planen mit gelbem Design eingekauft, denn davon gibt es auf den Transitrouten und auch bei Freitag nämlich mehr als genug. Für die Reise in die Schweiz sollten dann bis zu fünf Planen – ordentlich aufeinandergestapelt – auf einer Palette mit Spanngurten befestigt sein.

Im Gewerbehaus Nœrd in Zürich Oerlikon angekommen, werden die durch Wetter, Abgase und Dreck gegerbten Planen dann von Schnallen, störenden Gurten und Ösen befreit, in kleinere Stücke geschnitten und in große Industriewaschmaschinen gestopft, bevor Designer mit ihren Schablonen und dem Auge für den richtigen Ausschnitt das Teppichmesser ansetzen. Zu einer Tasche zusammengenäht werden die nummerierten Einzelteile dann in Osteuropa – ein Komplettfertigung in der Schweiz geben die hohen Lohnkosten dann doch nicht her.

Das Unternehmen

  • Markus und Daniel Freitag gegründeten die Firma unter ihrem Nachnamen im Jahr 1993
  • Das Unternehmen beschäftigt rund 200 Mitarbeiter
  • Gefertigt werden rund 450.000 Produkte pro Jahr
  • Der Materialverbrauch soll demnächst bei mehr als 500 Tonnen Lkw-Planen liegen
  • Derzeit werden außerdem 130.000 Autogurte und 12.000 Fahrradschläuche jährlich verwertet

Lieferant werden

  • Die Lieferanten von Planen können pro Planenseite mit 50 bis 220 Euro rechnen
  • Der Betrag ist abhängig von Farbe, Größe und Qualität
  • Daneben sparen sie Abfallentsorgungskosten und verbessern außerdem ihre Umweltbilanz
  • Weitere Infos gibt es auf der Webseite von Freitag
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