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EU-Parlament will Notbremsassistent vorschreiben

Lkw müssen sicherer werden

Daimler ABA 4 IAA-Preview Foto: Daimler

Automatische Notbremsassistenten mit Fußgänger-, Radfahrer- und Motorradfahrerekennung sollten von der EU-Kommission insbesondere für Lkw verpflichtend vorgeschrieben werden. Das fordert das Europäische Parlament in seiner Entschließung "Rettung von Menschenleben: Mehr Fahrzeugsicherheit in der EU". Der BGL will die Hersteller verstärkt in die Pflicht nehmen.

15.11.2017 Regina Weinrich

Lkw sollten unbedingt durch verpflichtend vorgeschriebene Assistenzsysteme sicherer werden, fordern das Europäische Parlament (EP) und die Transportbranche einhellig. Die EU-Kommission müsse den Einbau automatischer Not­brems­assis­ten­ten mit Fußgänger-, Radfahrer- und Motor­rad­fahrer­erken­nung insbesondere für Lkw vorschreiben, betonen die Parlamentarier. Der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) kritisiert, dass derzeit kein einziger Lkw-Hersteller Abbiegeassistenten anbietet, die im Gefahrenfall automatisch bremsen.

Auch wenn es darum geht, den Fahrer zumindest akustisch vor einer Gefahr beim Abbiegen zu warnen, sieht es düster aus, meint der BGL: "Nur ein einziger Lkw-Hersteller bietet ein solches, radargestütztes System für einen Teil seines Sortiments an. Alle anderen haben nichts dergleichen im Angebot."

Kamerasysteme seien kein gleichwertiger Ersatz für automatische Abbiegeassistenten, erläutert der Verband. Schließlich müsse der Fahrer neben dem dazugehörigen Monitor gleichzeitig noch ein halbes Dutzend Rückspiegel, den Gegenverkehr, den Querverkehr und den Bereich vor seinem Fahrzeug im Blick haben, um dort Gefahrensituationen zu vermeiden.

"Automatisch warnende oder automatisch bremsende Systeme sind unverzichtbar", unterstreicht der BGL und fordert von Verordnungsgeber, Lkw- und Komponentenherstellern "endlich konkrete Angebote zum Schutz der schwächsten Verkehrsteilnehmer bei Abbiegeunfällen". Es müsse beschleunigt praxistaugliche und zuverlässige Lösungen geben.

Lkw-Fahrer gehören zu den indirekten Opfern

Zu den indirekten Opfern gehörten bei den Unfällen neben Angehörigen, Polizei und Rettungskräften auch die Lkw-Fahrer, die die Erinnerung an eine fatale Kollision häufig ein Leben lang nicht mehr loslasse. Dieses Risiko wollten immer mehr Transportunternehmen und Spediteure ihren Fahrern nicht mehr zumuten.

Der BGL engagiert sich bereits seit mehreren Jahren für die verbindliche Einführung von Abbiegeassistenten und initiierte beispielsweise den "Runden Tisch Abbiegeunfälle" beim Bundesverkehrsministerium. Daraufhin bekam die Bundesanstalt für Straßenwesen den Forschungsauftrag "Abbiege-Assistenzsystem für Lkw – Grundlagen eines Testverfahrens" und schloss ihn bereits 2015 ab.

Aus den Forderungen des Verbandes spricht inzwischen auch der Frust über mangelnde Fortschritte. Als Erfolg schreibt er sich allerdings die EU-weit verbindliche Einführung von Fahrzeugassistenzsystemen für alle neuzugelassenen schweren Nutzfahrzeuge seit Ende 2015 auf die Fahnen.

Notbremsassistenten haben hohes Potenzial zur Vermeidung von Unfällen

Notbremsassistenten, die Fußgänger oder Zweiradfahrer erkennen, hätten durch die autonome kräftige Bremsung und den verkürzten Bremsweg ein hohes Potenzial zur Vermeidung von Unfällen, betonen auch die Europaparlamentarier in ihrer Entschließung "Rettung von Menschenleben: Mehr Fahrzeugsicherheit in der EU".

Da Lkw an 15 Prozent der Todesfälle im Straßenverkehr beteiligt seien, müssten außerdem schneller differenzierte ehrgeizige Normen für die Direktsicht von Fahrern und intelligente Geschwin­dig­keits­assis­tenz­sys­te­me verbindlich eingeführt werden.

Es wird erwartet, dass die EU-Kommission im ersten Quartal 2018 eine überarbeitete Fassung der Verordnung zur allgemeinen Fahrzeugsicherheit vorlegen wird. Vor diesem Hintergrund verlangen die Abgeordneten eine sicherere Gestaltung der Lkw-Vorderseite, damit die Fahrer eine bessere Sicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer haben: Die Erweiterung der Direktsicht des Fahrers bei Lkw und Bussen sowie die Beseitigung toter Winkel seien "entscheidend, um die Straßenverkehrssicherheit dieser Fahrzeuge zu verbessern". Die Kommission wird aufgefordert, "ehrgeizige und differenzierte Normen für die Direktsicht und den Einsatz von Front-, Seiten- und Rückfahrkameras sowie von Sensoren und Abbiegeassistenten vorzuschreiben".

Ein übersteuerbarer Spurhalteassistent, der nicht nur warnt, sondern auch angemessen eingreift, ohne dem Fahrer den direkten Eingriff zu verwehren, sollte ebenfalls obligatorisch werden. Zusätzlich will das EP, dass die Voraussetzungen für das Anbringen von Zündschlosssperren geschaffen werden, die den Konsum von Alkohol registrieren, ebenfalls sollte es Systeme zur Erkennung von Ablenkung und Müdigkeit des Fahrers geben.

E-Call-Pflicht ab 2019 auch für Lkw und Busse?

Die Einbauverpflichtung für das Rettungssystem E-Call sollte ab 2019 auf Lkw und Busse ausgeweitet und das System für die Nachrüstung verfügbar gemacht werden. "Aufgrund der gemeinsamen Nutzung von technischen Komponenten wie Sensoren und Kameras durch verschiedene Fahrerassistenzsysteme und durch die erhöhten Stückzahlen, die verbaut werden müssen, ist nur mit einer minimalen Preis­erhö­hung des Gesamtfahrzeugs zu rechnen", sagte EP-Berichterstatter Dieter-Lebrecht Koch (CDU).

Fahrerassistenzsysteme sollten helfen, das Fehlverhalten von Fahrern zu kompensieren, und jeder sollte von ihnen profitieren können. Straßenverkehrssicherheit dürfe keine Frage des Geldbeutels sein, erklärte der Unions-Politiker. "Die EU-Kommission muss diese Forderungen nun aufgreifen und Anfang 2018 endlich einen Vorschlag für mehr Fahrzeugsicherheit vorlegen", verlangte der EP-Abgeordnete Michael Cramer von den Grünen.

Der verkehrspolitische Sprecher der Sozialdemokraten, Ismail Ertug, wiederum sagte: "Es wird höchste Zeit, dass die EU-Kommission bei der Verkehrssicherheit auf den neuesten Stand der Technik kommt." Es würden laufend neue Technologien entwickelt, aber die Behörde reagiere nur stark zeitverzögert.

Der BGL berichtet, dass einige seiner Mitglieder inzwischen zur Selbsthilfe greifen. Als Beispiel wird ein Unternehmen aus dem bayerischen Ingolstadt genannt, das mehrere Lkw zusätzlich zu einem Kamerasystem mit Ultraschallsensoren für den Nahbereich rechts des Fahrzeugs ausgerüstet hat. Sie sorgen jetzt dafür, dass akustisch Alarm geschlagen wird, wenn Gefahr droht.

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Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
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