Erfolgreich zustellen

Virtuell angeleint

Foto: Felix Kästle 7 Bilder

Der Onlinehandel boomt seit vielen Jahren, und ein Ende des Sendungswachstums ist nicht in Sicht. Bis zu 200 Pakete bringt ein Zusteller pro Tag zu den Empfängern. Um die Paketflut künftig besser meistern zu können, hat ZF daher den Innovation Van aufgelegt. Der ist durch seinen elektrischen Antrieb emissionsfrei unterwegs und geht selbstständig auf Parkplatzsuche. Ein smarter Algorithmus berechnet die effizienteste Zustellroute.

Die Idee ist nicht ganz neu, aber höchst aktuell. Bereits in den 1990er-Jahren fuhr ein autonomes Fahrzeug erstmals im normalen Straßenverkehr von München bis nach Kopenhagen. Unter Aufsicht, versteht sich, um bei Gefahren jederzeit manuell in die Technik eingreifen zu können. Ernst Dieter Dickmanns hat das „sehende Fahrzeug“ entwickelt. Der deutsche Robotiker und ehemalige Professor an der Universität der Bundeswehr in München gilt als Pionier des dynamischen maschinellen Sehens und der autonomen Fahrzeuge. Seine Idee setzte sich damals nicht durch, weil der Industriepartner – ein deutscher ­Autobauer – aus dem Projekt ausstieg. Die Zeit war noch nicht reif dafür.

Foto: ZF
Im Innenraum der automatisierten Fahrzeuge sind weder Lenkrad noch Pedale zu finden. Der Zusteller fährt nicht mehr selbst, sondern nimmt auf der Beifahrerseite Platz. Vorteil: Er muss beim Aussteigen nicht mehr ums Fahrzeug herumlaufen.

ZF legt seinen Innovation Van an die virtuelle Leine

Jetzt reden wieder alle vom Auto der Zukunft, und autonomes Fahren ist längst keine Vision mehr. Marktforscher schätzen, dass bis 2035 bereits 95 Millionen selbstfahrende Fahrzeuge verkauft werden. Die Technologie macht rasante Fortschritte. Menschen steuern die Fahrzeuge nicht mehr ausschließlich allein. Eine steigende Zahl von Fahrerassistenzsystemen greift in die Fahrfunktionen ein – zur ­Sicherheit und um die Fahrer zu entlasten. Das ist auch das Ziel von ZF, das mit seinem rein elektrisch angetriebenen Innovation Van seine umfassenden Kompetenzen für automatisiertes Fahren auf die Logistikbranche überträgt. Bereits 2016 hatte ZF das Thema Letzte-­Meile-Logistik in seiner Zukunftsstudie aufgegriffen und sich mit den Herausforderungen beschäftigt, denen Paketzusteller auf den letzten Kilo­metern zum Endempfänger ausgesetzt sind. Durch die Kundenanforderungen und unterschiedlichen Rahmenbedingungen wie Fachkräftemangel oder alternde Belegschaft in urbanen und ländlichen Räumen wird sich die letzte Meile stark verändern. Das Transport­aufkommen wird in Metropolen überdurchschnittlich wachsen. Das bestätigen die aktuellen Zahlen der KEP-Studie 2018 des Bundesverbands Paket & Expresslogistik (BIEK). Demnach wurden im vergangenen Jahr in Deutschland 3,35 Milliarden Sendungen transportiert – fast doppelt so viele wie im Jahr 2000, Tendenz weiter steigend. Bis 2022 erwartet der BIEK 5,2 Prozent mehr Sendungen pro Jahr.

Für die Zusteller ist das ein hartes Geschäft. Bis zu 200 Pakete liefern sie tagtäglich bei den Kunden ab. Die Wege zwischen den Empfängern legen sie oft im Laufschritt zurück, um dann an der Haustür nach dem Klingeln zu warten, bis ihnen geöffnet wird oder auch nicht und sie ein zweites Mal kommen müssen. Den Transporter stellen sie eiligst in ­zweiter Reihe ab, weil in den Innenstädten häufig weder Ladezonen noch ausreichend Parkmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Genau hier setzt das Konzept von ZF an: Es soll den Paketzustellern den Arbeitsalltag erleichtern. Autonome Fahrzeuge können demnach den Zusteller auf der letzten Meile entlasten. Um den vielfältigen Herausforderungen des städtischen Lieferverkehrs gerecht zu werden, legt der Konzern seinen Innovation Van daher an die virtuelle Leine. Das Zustellfahrzeug ist mit vollautomatisierten Fahrfunktionen nach Level 4 ausgestattet. Das heißt, dass es dem Paketboten selbstständig und mit maximal 6 km/h Geschwindigkeit folgt, während er die Sendung abliefert. Findet sich dort wieder kein Parkplatz, kann der Zusteller den Van zum nächsten Stopp vorausschicken und ihn anweisen, eine Haltemöglichkeit zu suchen. Dabei manövriert der Lieferwagen eigenständig durch das urbane Umfeld. ZF hat den ­Innovation Van mit Kamera-, Radar- und soge­nannten Lidarsensoren ausgestattet, damit er seine Umgebung erfassen kann. Statt der Radiowellen wie beim Radar werden dabei zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung Laserstrahlen verwendet. Dieses umfassende Sensorset von ZF ermöglicht dem Lieferwagen eine 360-Grad-­Umfeldanalyse, die ständig aktualisiert wird.

Foto: ZF
Cloudbasierte Unterstützung für den Paketboten: Im ZF Innovation Van liefert eine Datenbrille dem Zusteller Informationen darüber, ob der Empfänger zu Hause ist oder er das Paket bei einem namentlich genannten Nachbarn abliefern soll.

Im cloudbasiertes Supportsystem sind Zustellort und gewünschte Lieferzeit hinterlegt

Die enorme Datenflut – allein eine Kamera generiert ein Giga­bit pro Sekunde – wird von der Recheneinheit ZF ProAI in Echtzeit analysiert. „Die künstliche Intelligenz verhilft den Fahrzeugen zu der für innerstädtischen Verkehr notwendigen Seh- und Denkfähigkeit“, erläutert Torsten Gollewski, Leiter Vorentwicklung der ZF Friedrichshafen AG. „Es geht darum, aus der Flut der Daten wiederkehrende Muster in den Verkehrssituationen zu erkennen, etwa einen Fußgänger, der die Fahrbahn überqueren will“, fügt er hinzu. Der Innovation Van kann darüber hinaus die Spur auch bei Straßen ohne Fahrbahnmarkierungen halten und erkennt Ampeln ebenso wie Verkehrszeichen. In Gefahrensituationen bremst das Fahrzeug sofort ab, weicht aus oder umfährt etwa in zweiter Reihe geparkte Fahrzeuge. Intelligente mechatronische Systeme wie die elektrische Servolenkung und das inte­grierte Bremssystem IBC setzen die Anwei­sungen des Zentralcomputers um. Das elektrische Achsantriebssystem sorgt für emissionsfreie Fahrten. Doch damit nicht genug. Um jederzeit die ­effizienteste Zustellroute finden zu können, greift der Lieferwagen auf ein cloudbasiertes Supportsystem zu. Dort sind für jede Sendung Daten wie der Zustellort und die gewünschte Lieferzeit hinterlegt.

Im System gespeichert sind zudem Informationen wie beispielsweise die Haltbarkeit bei verderblicher Ware. Aus ­Parametern wie Verkehrslage oder Energie­verbrauch errechnet der Algorithmus dann die optimale Zustellreihenfolge. „Das Päckchen sucht sich quasi selbst den besten Weg zum Empfänger – und das Fahrzeug folgt“, sagt Projektleiter Georg Mihatsch. Über eine sogenannte Mixed-Reality-Datenbrille, die über Kameras, Sensoren und eine Verbindung mit dem Internet verfügt, erhält der Paketbote ­alle relevanten Angaben zur Sendung. Auch Empfänger profitieren vom ZF-­Supportsystem. Sie können ihre Sendung über eine App verfolgen und kurzfristig die Zustelldaten ändern. Falls sie nun doch nicht, wie bei der Bestellung angenommen, zu Hause sind, können sie das Paket an einen Nachbarn umleiten oder die Lieferzeit um eine Stunde verschieben. Alles in allem kommt das vor allem auch dem Zusteller zugute. Er weiß, dass der Empfänger nicht zu Hause ist. Er spart sich den vergeblichen Weg dorthin und damit eine Menge Zeit.

Foto: ZF
e.GO Moove will einen autonomen People- und Cargo-Mover entwickeln.

AUTONOME ELEKTROMOBILITÄT

Der Technologiekonzern ZF hat über seine Tochter Zukunft Ventures mit der e.GO Mobile AG ein Joint Venture geschlossen. Ziel des Gemeinschaftsunternehmens. e.GO Moove mit Sitz in Aachen ist es, einen autonomen People- und Cargo-Mover zu entwickeln, zu produzieren und zu vertreiben. Mit diesem autonom fahrenden Bus sollen später einmal Personen sowie Güter befördert werden. ZF wird bei der Elektrifizierung des Antriebsstrangs unterstützen und seine ADAS-, Fahrwerks- sowie Sensor-Fusion-Technologien beisteuern. Eine zentrale Rolle wird die Supercomputing-Steuerbox ZF ProAI als ein ins Fahrzeug integriertes, Cloudupdate-fähiges System spielen. Die lernfähige, auf Künstliche-Intelligenz- Algorithmen ausgelegte Box kann mit anderen Fahrzeugen und mit der Umgebung kommunizieren. Damit will ZF Fahrzeugflotten sicherer und effizienter machen. Die e.GO Mobile AG hat auf dem Campus der RWTH Aachen eine Industrie-4.0-Infrastruktur aufgebaut und entwickelt derzeit ein serientaugliches Fahrzeug.

Unsere Experten
Jan Bergrath, Experte für Fahrerthemen Jan Bergrath Journalist
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Fachanwalt für Arbeitsrecht
Beliebte Artikel ADAC TruckService ADAC TruckService Profi-Tipp Heiße Pannenzeit MAN RR4 CO 26.500 MAN in Down Under Erster Reisebus mit Euro 6