Corona-Falle in Südtirol

Lkw-Fahrer in Einzelhaft

Foto: Sven Acker, privat
Meinung

Ein deutscher Lkw-Fahrer wurde am 6. März bei der Ausreise aus Italien in Sterzing positiv auf Corona getestet, seither sitzt er in einem Militärferienheim fest. Vor Ende der maximalen Quarantäne bekommt er nun Unterstützung aus Deutschland. Das Problem ist Österreich.

Der Hilferuf von André G., den wir hier zu seiner eigenen Sicherheit nicht mit vollem Namen nennen, erreichte die Redaktion des FERNFAHRER Anfang dieser Woche. Ich habe danach telefonisch Kontakt mit dem 55-jährigen Lkw-Fahrer aus Dresden aufgenommen, der regelmäßig für ein Transportunternehmen aus Thüringen zwischen Deutschland und Italien pendelt. Über WhatsApp hat er mir einige Bilder aus einem Militärferienheim aus Gossensass in Südtirol übermittelt. Dort sitzt er seit dem 6. März in Quarantäne. Nach seinen Schilderungen klingt es eher nach Einzelhaft. Er hat ein einfaches und sauberes Zimmer. Allerdings ohne Balkon. „Ich bekomme Frühstück, Mittagessen und Abendessen“, sagt André. „Das ist meistens lauwarm. Ich schlafe, schaue entweder Fernsehen oder aus dem Fenster auf die Berge. Ansonsten darf ich das Zimmer nicht verlassen.“

Sofort aus dem Verkehr gezogen

Unter dem Titel „Quarantäne made in Südtirol“, den ich jedem Italienfahrer empfehlen kann, hat das Magazin Salto bereits am 3. März die Frage aufgeworfen, auf welcher rechtlichen Grundlage italienische und ausländische Fahrer, die an der Teststation in der Sterzinger Sadobre positiv auf Covid-19 getestet werden, sofort aus dem Verkehr gezogen werden. Immerhin passieren dort täglich bis zu 1.800 Lkw die Grenze nach Österreich. Faktisch geht das ganze Problem auf das deutsche Einreiseverbot aus dem Februar zurück, das damals zu langen Staus eführt hat. Es wurde an die Grenze zwischen Italien und Österreich auf die Brennerautobahn vorverlagert. Südtirol muss es ausbaden.

André war mit seinem beladenen Lkw aus Mailand gekommen, hatte am Samstag vor der Ausfahrt seine Ruhezeit genommen und machte laut der amtlichen Bescheinigung der beauftragten Privatklinik Brixsana zunächst den Antigen Schnelltest auf Covid-19. Der war leider positiv. „Danach musste ich einen PCR-Test machen“, so André. „Der war ebenfalls positiv. Zunächst kam ich vor Ort in Quarantäne, dann haben mich Mitarbeiter des Weißen Kreuzes in Schutzanzügen abgeholt. Ich konnte noch kurz zum Lkw, habe meinen Chef informiert und wurde dann in die Unterkunft gebracht.“

Das Bargeld geht aus

André durfte seither das Zimmer nicht verlassen, wie er schildert. Er hat auch keinen Kontakt zu den laut Medienberichten derzeit 70 anderen Lkw-Fahrern aus ganz Europa. Nach den ersten zehn Tagen Quarantäne wurde er am 17.3. wieder positiv getestet. Das heißt: „Ich musste erstmal hier blieben. Ich darf aber noch nicht einmal zum nur 150 Meter entfernten Bankautomaten, um mir Geld für etwas Tabak oder andere Dinge zu holen. Selbst mein Chef konnte über einen Anwalt in Bozen nichts erreichen.“ Nun gibt es etwas Hoffnung: Falls der für diesen Donnerstag angesetzte nächste Test negativ ist, darf er die Quarantäne verlassen. „Wenn nicht, muss ich die gesamte Frist von 21 Tagen absitzen. Dann, so hat man mir gesagt, wäre ich theoretisch nicht mehr ansteckend.“

Sorge vor der deutschen Presse

Sein Chef hatte den Lkw bereits abholen lassen. Auch er möchte nicht genannt werden. Aus Sorgen um mögliche Repressalien. Der Artikel aus Bozen wirft am Ende eine, leider nicht beantwortete Frage auf: „Was tut man aber, wenn plötzlich Dutzende Lkw-Fahrer positiv getestet werden? Und wer trägt die Kosten dieser mindestens 10-tägigen Quarantänen? Dazu bewegt man sich auch rechtlich auf dünnem Eis. Denn was passiert, wenn sich ein deutscher asymptomatischer Lkw-Fahrer an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel wendet und berichtet, dass er im schönen Südtirol zwei Wochen lang interniert wurde, während die Parmaschinken in seinem Lkw in der Sadobre verenden und er seine Kunden und damit seine Existenz verliert? Die Geschichte ist sicher ein gefundenes Fressen für die deutsche Presse.“ Im Grunde ja – aber die ist gerade selbst mit den neuen deutschen Corona-Maßnahmen beschäftigt.

BGL schaltet sich ein

In der Tat hat der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) auf meine Bitte über seinen Repräsentanten in Berlin, Jens Pawlovski, nicht nur Kontakte ins Gesundheits- und Verkehrsministerium sowie ins Auswärtige Amt genutzt, um auf den Fall von André aufmerksam zu machen, sondern auch die überregionale Presse informiert und die Zustände so beschrieben: „Er darf sein Zimmer nicht verlassen, ist verzweifelt und möchte schnellstmöglich nach Hause. Er hat zudem gesundheitliche Probleme, jedoch keine Symptome, die auf eine Coronainfektion schließen lassen. Er empfindet das Vorgehen und den Umgang mit seiner Person unmenschlich und fühlt sich wie ein Schwerverbrecher behandelt.“ Die Haltung des BGL ist eindeutig: „Unserer Einschätzung nach folgt die Einweisung in Italien einem System, das schnellstmöglich beendet werden muss. Solche menschenunwürdigen Bedingungen haben nichts mit Gesundheitsschutz zu tun, das ist Freiheitsberaubung.“

Handelskammer in Bozen hilft

Doch ähnlich wie in der UK-Corona-Krise vor Weihnachten ist die Frage der Zuständigkeit kompliziert. Als ersten Schritt hat der BGL die Handelskammer in Bozen um Hilfe gebeten. In der Tat wird nun Dr. Michael Andergassen vom Generalsekretariat im Bereich Verkehr, Mobilität und Erreichbarkeit 50 Euro Bargeld Unterstützung im Auftrag des BGL an André weiterleiten. „Es ist allerdings nicht so einfach“, so Andergassen am Telefon, „ich muss es an das Weiße Kreuz übergeben, die können es vor Ort an den Fahrer übergeben lassen. Nach italienischem Recht darf ein Mitarbeiter des Weißen Kreuz selbst nicht mit einer EC-Karte Geld eines Fahrers am Bankautomaten abholen.“ Die Kosten für die Unterbringung, so Andergassen, trägt die öffentliche Hand. Das Problem, dass der deutsche Fahrer immer noch in Südtirol in Quarantäne sitzt, sei allerdings nur der strikten Haltung Österreichs zu verdanken. „Normalerweise sollte es ja möglich sein, dass der Fahrer unter Auflagen in sein Ursprungsland zurückkehren kann, um dann in seiner gewohnten Umgebung in Quarantäne zu gehen. Doch hier stellt sich Österreich weiter quer. Der Fahrer braucht auf alle Fälle einen negativen Test.“

Infektionsherd Rollende Landstraße?

Mittlerweile stellt sich André die Frage, wo er sich infiziert haben könnte. Sein Verdacht fällt auf die Rollende Landstraße (ROLA) von Wörgl zum Brenner, die unter Italienfahrern auch „Corona-Express“ heißt. Die Fahrt dauert nur drei Stunden. „Die ROLA hat alte Waggons mit Abteilen für sechs Mann“, so André, der regelmäßig mit der ROLA fährt. Auch der Zug, den er auf der Hinfahrt nach Italien in der Nacht genommen hat, war voll besetzt gewesen. Fahrer aus ganz Europa. „Es sind immer zwei bis vier Mann im Abteil, und es gibt vorher keine Kontrolle.“

Mit diesem Vorwurf habe ich die ÖBB in Wien konfrontiert. Die Pressestelle weist den Vorwurf natürlich zurück. „Wir können Ihnen versichern, dass es von Seiten der ÖBB auch im Schienengüterverkehr der ÖBB Rail Cargo Group für die ROLA ein Sicherheitskonzept gibt. So befinden sich Aushänge zur Maskenpflicht und dem richtigen Verhalten in den ROLA-Zügen, in den Wartebereichen und Agenturen der entsprechenden Terminals.“ Weiter heißt es: „Wir monitoren aktuell den Belegungsgrad in den Begleitwagen auf der Brennerachse, indem wir nicht zu viele Lkw mit Fahrerdoppelbesetzung gleichzeitig am Zug mitnehmen. Lkw mit doppelter Fahrerbesetzung können bei einer zu hohen Personenanzahl im Zug auf den nachfolgenden Zug verwiesen werden. So kann der Abstand zwischen dem Lkw-Fahrpersonal erhöht und das Ansteckungsrisiko minimiert werden.“

Größtmöglicher Schutz für Lkw-Fahrer

„Um den größtmöglichen Schutz der Gesundheit des Lkw-Fahrpersonals, unserer MitarbeiterInnen und sämtlicher Personen im System ROLA zu gewährleisten, setzen wir auf umfassende Sicherheitsmaßnahmen. Dabei stehen wir im stetigen Austausch mit Agenturpartnern und unserem Cateringdienstleister. Folgende Maßnahmen sind laut ÖBB derzeit gültig:

FFP2 Tragepflicht seit dem 25.01.2021! Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (ausschließlich FFP2 Masken ohne Ventil) für alle Personen, welche sich im ROLA Begleitwagen, den Agenturen sowie Aufenthaltsräumen an den ROLA Terminals aufhalten, ist verpflichtend einzuhalten und die Regeln für Zugfahrten in COVID-Zeiten zu beachten. FFP2 Masken sowie Desinfektionsmittel stehen für alle Lkw-FahrerInnen für einen geringen Aufpreis zur Verfügung. Gleichzeitig sind verstärkte Schutz- und Desinfektionsmaßnahmen aufrecht“, so die ÖBB. „So werden zum Beispiel in den Begleitwagen die wichtigsten Kontaktstellen wie WC-Anlagen, Kabinen, Tische, Türgriffe, Handläufe, Oberflächen und Polster nach jeder Zugwende desinfiziert. Es wird ausschließlich Einweggeschirr und Besteck an Bord verwendet, zudem finden regelmäßige COVID-Testungen des Begleitpersonals statt.“

Dennoch – trotz dieser offiziellen Aussage bleiben bei vielen Fahrern die Sorgen bestehen, in der aktuellen Lage mit der ROLA zu fahren. „Das kann ich bestätigen“, sagt auch der Mann der Handelskammer in Südtirol.

Das Essen wird besser

Dem deutschen Fahrer André bringt das alles nur wenig Trost. Die lange Isolation hat ihn so langsam an die Grenze der zumutbaren psychischen Belastung gebracht. Er will einfach nur raus, nach Hause. Er hofft, dass sein Chef einen Kollegen mit einem Lkw vorbeischickt, um ihn in Sterzing abzuholen. Es bleibt bis dahin immer noch die Unsicherheit, ob er nach der langen Quarantäne endlich auch einen negativen Test bekommt. Immerhin hat die Tatsache, dass sich der FERNFAHRER, der BGL und die Handelskammer in Bozen eingeschaltet haben, laut André etwas Positives bewirkt. „Bei der Ausgabe des Essens bin ich jetzt an erster Stelle. Und es gibt sogar Obst.“ Und ein Arzt hat sich André jetzt auch endlich mal angeschaut.

Nachtrag 26.3.2021:

Am heutigen Freitag hat André nun erfahren, dass der PCR-Test von gestern negativ ist und er damit das Militärferienheim nach 20 Tagen Quarantäne endlich verlassen darf. Sein Chef kümmert sich um die Rückkehr. Denn nun darf er auch im Transit durch Österreich.

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