BusBlog zur Corona-Krise

Bremse raus, Vernunft rein!

Foto: Thorsten Wagner
Meinung

Die Busbranche in der Corona-Krise: Langsam rollt das Geschäft wieder an, mit dem Workshop des Internationalen Bustouristik-Verbands (RDA) gab es sogar die erste reale Großveranstaltung. Probleme bleiben trotzdem – und ein bizarrer Streit der unabhängigen Unternehmer lässt aufhorchen.

Die Corona-Pandemie begleitet die Busbranche nun schon seit gut einem halben Jahr und hat sie wie die Touristik allgemein schwer getroffen. Wir haben schon mehrfach ausführlich darüber berichtet. Langsam jedoch wird die blockierte Bremse wieder gelockert, Hygienekonzepte wurden erarbeitet und vereinheitlicht. Fahrzeuge werden wieder angemeldet, erste Reisen sind wieder erfolgt. Finanzhilfen für die mittelständischen Unternehmen können beantragt werden – wenn sie auch zumeist noch nicht ausgezahlt und nicht ganz unumstritten sind. So gab es einen mittleren Eklat, als ein Branchenblatt mutmaßte, der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) habe Hilfen nur für Euro-5- und Euro-6-Busse anvisiert und abgesegnet.

Die große Insolvenzwelle ist bisher ausgeblieben. Es wird im Justizministerium sogar darüber nachgedacht, die Aussetzung der Insolvenzregeln noch bis März 2021 zu verlängern. Allerdings nur, wenn die betroffenen Unternehmen nicht vollends zahlungsunfähig sind. Das dürfte auch in der Busbranche nochmal einigen Unternehmen helfen – bei manchen aber vielleicht nur das "Ende auf Raten" hinausschieben. Es geht teilweise immer noch ums blanke Überleben und oft auch ans Eingemachte.

Bizarre Vorgänge bei Unternehmerinitiative

Ähnlich plakatives lässt sich über die teilweise bizarren Vorgänge sagen, die sich rund um die schon im April entstandene, unabhängige Unternehmerinitiative "Honk for Hope" abspielen. Wir erinnern uns: Unter der Führung von zwei bekannten Vermittlern in der Branche, dem Österreicher Alexander Ehrlich und dem Deutschen Joachim Jumpertz, hatte sich ein Teil der eher verbandsunabhängigen Unternehmerschaft organisiert, um schon im Mai eine erste Demo von hupenden Bussen in Berlin zu organisieren. Eigenständig und teilweise offen gegen die drei Busverbände agierte das Bündnis auch auf politischer Ebene bis hoch zum Petitionsausschuss des Bundestags – bisher allerdings weitgehend erfolglos.

Das vom Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ausgelobte und schließlich auch mit heißer Nadel umgesetzte Rettungspaket von rund 170 Millionen Euro kritisierten die europaweit organsierten Unternehmer als völlig unzureichend, gleichzeitig entwarfen sie auch ein eigenes umfängliches Hygienekonzept für Busreisen, das zwar recht krude daherkam, aber als einziges sinnvollerweise eine Empfehlung von FFP2-Masken für Risikopersonen mit Vorerkrankungen an Bord aussprach.

Umso kruder die Tatsache, dass sich am Thema Masken jetzt ein handfester Krach um die veritable Spaltung der ohnehin ohne feste Strukturen arbeitenden "Honk for Hope" entzündete. Schon zum 17. Juni solidarisierte sich die Bewegung mit der Tourismusbranche in Berlin, um die offizielle Verbände-Sause nicht über Gebühr zu torpedieren – damals ein geschickter Schachzug. Das jedoch löste einen ungezügelten Zustrom von Corona-Protestlern wie "Querdenken 711" aus Stuttgart und anderen Gruppen aus, deren Ziel es gerade nicht ist, Masken zu tragen und Hygienekonzepte zu beachten. Und so kam es wie es kommen musste, der von diesen Gruppen ausgerufene "Tag der Freiheit" am 1. August ließ "Honk for Hope" die Solidarität intern um die Ohren fliegen! Und zwar mit einem Scholz'schen "Wumms", um in der Sprache der Corona-Zeiten zu bleiben.

Joachim Jumpertz, streitbarer deutscher Koordinator der Initiative äußert sich auf seinem regen Facebook-Kanal dazu so: "Ich möchte an dieser Stelle nicht dramatisieren, verstehe aber nicht, warum eine Anzahl 'Querdenker' das Angebot einer bequemen Busreise torpedieren, indem sie die uns auferlegten Bedingungen schlicht missachten wollen. Wenn dann der Gründer von #honkforhope, Alexander Ehrlich aus Österreich, der wie ein Diktator in die gleiche Kerbe schlägt und die auch von anderen Kollegen geäußerten Bedenken auch zu Impfmaßnahmen mit ebenso abstrusen 'Argumenten' widerlegen möchte, ist für mich der Zeitpunkt gekommen, die ursprüngliche Intention der Gründung von #honkforhope zu hinterfragen. Diese Bewegung wurde ins Leben gerufen, um die Interessen des Busreisegewerbes in Europa zu vertreten. Mit der jetzigen, allein auf Umsatz ausgerichteten Vorgehensweise, wird die Existenz unseres Gewerbes auf höchst fahrlässige Art und Weise gefährdet."

Streit um die Maskennutzung an Bord

Damit war das Tuch durchschnitten, es folgt ein bizarrer Streit um Maskennutzung an Bord und die Zahl gebuchter oder nicht durchgeführter Beförderungen und deren Vergütungen. In einem staatstragend daherkommenden Youtube-Video äußert sich Alexander Ehrlich von City Tours zu den Vorwürfen und weist jede Verbindung zu rechtextremem Gedankengut der querdenkenden Kundschaft weit von sich: "Ich trete ein für Demokratie und selbststimmte Freiheit des Bürgers und Busunternehmers. Mich interessiert die Lage der Dinge und wie können wir damit umgehen, nicht ob es Verschwörungen hinter Dingen gibt. Ich distanziere mich sehr stark von Nationalisten oder anderen -isten aller Art, denn ich bin ein Europäer durch und durch. Es ist unsinnig, sich nur von Nazis zu distanzieren und nicht von allen anderen -isten."

Dann aber geht es ums Geschäft, das oft im Hintergrund dieser Diskussionen zu stehen scheint: "Ich halte alle meine Verpflichtungen ein, die ich vertraglich eingegangen bin, das ist selbstverständlich." Man weise sehr wohl auf die Maskenpflicht an Bord hin, aber man kontrolliere weder Arztatteste noch die erlaubte Essensaufnahme. "Honk for Hope kämpft weiterhin mit allen Mitteln darum, das Überleben der Branche in ganz Europa sicherzustellen – die Grundidee ist nicht verlorengegangen." Das hinderte den Unternehmer aber nicht daran, werbewirksam mit einem 20-Minuten-Redebeitrag auf der Querdenken 711-Demo in Berlin mit unterstützenden Worten aufzutreten, was nicht allen Sympathisanten in der Busbranche gefiel.

"Kriminelle Strukturen" stehen im Raum

In einem ungewöhnlichen Schritt der Annäherung – das Wort "Charmoffensive" lehnt er allerdings ab – bittet Joachim Jumpertz als ehemaliger Vertreter des deutschen Honk for Hope-Zweiges sogar den bdo demonstrativ und schriftlich um Unterstützung, um solche Fahrten mit mutmaßlich Corona leugnenden oder verschwörungstheoretischen Fahrgästen zu unterbinden. Dieser denkwürdige mediale Gang nach Canossa endet mit der ultimativen Frage: "Sind sie informiert über die tatsächlichen Zusammenhänge? Wenn ja, welche Maßnahmen sind angedacht, um weitere Imageschäden zu vermeiden? Wir hoffen, dass der bdo zusammen mit den Landesverbänden eine geeignete Strategie entwickeln wird, um dieser kriminellen Struktur Einhalt zu gebieten."

Dass es Jumpertz sehr ernst meint mit diesem deftigen Vorwurf wird nicht zuletzt dadurch offensichtlich, dass er sich eurotransport.de gegenüber ausdrücklich rechtliche Schritte gegen Alexander Ehrlich und zwei weitere "Honk for Hope"-Protagonisten vorbehält, die bereits eifrig die nächsten Bustransfers zu Demos organisieren.

bdo bekennt Farbe im Unternehmer-Streit

Entgegen der bisherigen bdo-Strategie des weitgehenden offiziellen Ignorierens von "Honk for Hope" erfolgte die Verbands-Reaktion diesmal auf den Fuß und Hauptgeschäftsführerin Christiane Leonard versicherte Jumpertz per Mail: "Der bdo wird alles in seiner Macht stehende tun, um die Unternehmen entsprechend aufzuklären und zu informieren. Die Landesverbände sind hierzu mit mir in ständigem Kontakt. Es sollte jedem Unternehmen klar sein, was hierbei auf dem Spiel steht und ich bin optimistisch, dass die Unternehmen vernünftig reagieren und das wie Sie und wir sehen – in ihrem eigenen Interesse."

Es dürfte nicht die letzte Aufführung gewesen sein im öffentlichen Drama um die Pandemie und der Busbranche, die zu einem guten Stück ein identisches Abbild dessen ist, was sich gerade in der zutiefst verunsicherten Gesellschaft abspielt. Auch Jumpertz will mit seiner neuen, lose per Social Media organisierten "Interessengemeinschaft Reisebus" weiterarbeiten zum Wohle der Branche. Wie und mit wem genau, ist aber noch offen.

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