BusBlog zum E-Bus-Hype

Zeitenwende auf Raten

Foto: Daimler AG
Meinung

In Hamburg wurde dieser Tage der erste in Deutschland entwickelte und gebaute Elektro-Stadtbus von Mercedes-Benz in den Verkehr entlassen. Der Spiegel titelt vollmundig: "Das war's Diesel!" und packt schon in den Vorspann einen inhaltlichen Fehler, es handele sich um "den ersten in Serie gefertigten Elektrobus". Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit und Realitätssinn.

Es gibt Traditionen, die ändern sich kaum über die Gezeiten, und solche, die man schnell mal ändern sollte. Der schmissige Spielmannszug, der dem mit einer überdimensionalen "1" (gemeint war der erste von 1.000 Elektrobussen bis 2030) geschmückten eCitaro auf dem Weg zum Rathaus vorwegschmetterte, gehört wohl eher zur ersten Kategorie – und wird dem gebürtigen Hamburger und Daimler-Buschef Till Oberwörder noch lange in guter Erinnerung bleiben. Denn bei der Übergabe konnte er sogleich die extreme Geräuscharmut der elektrischen Achse von ZF mit schier unglaublichen 22.000 Newtonmetern an maximalem Drehmoment hervorheben, die den straßenmusikalischen Genuss begünstigte.

Henrik Falk, Vorstandsvorsitzender der Hamburger Hochbahn, zeigt sich ebenfalls sehr zugfrieden bei der Übergabe, zu der für den Anlass viel regionale Presse zugegen war: "Dieser Bus markiert eine Zeitenwende für eine umweltschonende Mobilität in Hamburg und in Deutschland – und das nach Plan. Mit dem ersten serienreifen Elektrobus leiten wir jetzt den Umstieg auf eine grüne Busflotte ein. Innerhalb der nächsten Dekade werden wir die gesamte Flotte auf emissionsfreie Antriebe umstellen." Und immerhin hat man es als traditionsreicher "Mercedes-Stall" geschafft, die Nummer Eins zu sein, Mannheim und Heidelberg bekommen ihre jeweils drei Busse erst im Dezember ausgeliefert. Ob diese Ehre oder schlichtweg die unauflösbare physische Integration des riesigen Mercedes-Sterns der Grund dafür ist, an diesem Tag mit der Hochbahn-Tradition zu brechen, die Bugmaske von fremden Logos rein zu halten, sei mal dahingestellt. Design ist ja durchaus entwicklungsfähig, erst recht in einer Zeitenwende. Die mag wirklich im Anmarsch sein, allein es wird eher eine Evolution der Fuhrparks als eine Revolution.

Glückwunsch an den Combo 2!

Eine andere Tradition liegt uns schon länger quer im Magen und wurde ebenfalls bei der Übergabe offenbar: Schlüsselübergaben der konventionellen Art, bei der sich mehrere Vertriebler und örtliche Honoratioren mehr oder weniger stilvoll am einem großen Werbeträger aus Pappmaché festklammern und dazu leicht verkrampft lächeln. In Hamburg war das Lächeln auch dank des herrlichen Wetters ganz unverkrampft, auch wenn der neue, parteilose Wirtschaftssenator wohl eigentlich nicht mit aufs Beweisfoto sollte – aber mit dem Thema Elektrobusse schmückt sich in Zeiten der Dieselkrise jeder Politiker nur zu gerne. Und was hielt der erste Bürgermeister der stolzen Hansestadt, die seit 2014 schon extensiv mit der Innovationslinie 109 mit diversen umweltfreundlichen Antrieben experimentiert, Dr. Peter Tschentscher, frohgemut in die Kameras und Objektive? An seinem hanseatischen Zeigefinger baumelte unschuldig der echte Zündschlüssel, den der Hochbahn-Fahrer Joachim Will kurzerhand entwendet hat und nicht größer ist als der eines eSmart, der gerade leider nur homöopatisch aus Hambach lieferbar ist – aber das ist wieder ein ganz anderes Kapitel. Ist das ein passendes Zeichen für eine paradigmatische Zeitenwende auf deutschen Straßen? Wie wäre es mit einem großen USB-Stick, dem Insignium der 2000er Digitalwelt? Ach ja, blau sollte er sein und ein wenig elektrisiert schimmern. Wer es dann doch traditioneller mag, der könnte auch zum 230 Volt-SchuKo-Stecker (patentiert anno 1925 vom Bayern Anton Büttner) oder seinem modernen Pendant, dem Combo 2 aus dem Hause Mennekes, greifen. Der ist seit dieser Woche rechtzeitig zur Zeitenwende eichrechtlich mit höchsten Weihen versehen worden – Glückwunsch!

Derartige Standardisierung bleibt dem Pantografen bisher noch verwehrt, wenn auch viele Hersteller schon damit unterwegs sind. Daimler will in einiger Zeit nachziehen – MAN wird die Technik überhaupt nicht anbieten. Die Reichweite des eCitaro, der in Hamburg mit realistischer Stehplatzberechnung nur 70 Passagiere befördern kann (rund 30 Prozent weniger als ein Dieselkollege) wird von der Hochbahn mit garantierten 150 Kilometern angegeben, "unabhängig von Außentemperatur, Linienprofil und anderen Einflussfaktoren." Dass es an einem schönen Herbsttag wie dem der Auslieferung auch mal 250 sein können, will sich die Hochbahn lieber erst gar nicht zu eigen machen – es könnte zu Unmut und Missverständnissen kommen. Die zweite Tranche Busse, die ab 2020 anrollt, wird schon über die zweite Generation der Akasol-MNC-Batterien verfügen, die dann die "systemrelevante Reichweite" auf bis zu 200 Kilometer erhöhen soll. Zudem zeigt sich Hochbahn-Chef Falk gerade für längere Linien sehr interessiert am Brennstoffzellen-Range-Extender, den Daimler bereits für 2022 angekündigt hat. Vor einigen Jahren, als der Wasserstoffhype in vollem Schwange war, wollte Hamburg noch zu einer der ersten Wasserstoffstädte Deutschlands werden. Auch so eine Zeitenwende auf Raten.

Beschaffung als PR-Show?

Derweil kommt auch der Oberleitungsbus wieder in Mode, allerdings auch mit einer moderat dimensionierten Batterie, die dann optimal am Fahrdraht aufgeladen werden kann und eine aufwendige elektrische Isolation der Karosserie unnötig macht, wie Torsten Mareck, Leiter des Bereiches Omnibus bei der BVG als ausgebildeter Elektriker und lange für den Straßenbahnbereich zuständiger Experte zu berichten weiß. Beim Interview kommt er sichtlich ins Schwärmen bei dem Thema. Erstmal kommen aber auch in Berlin Busse mit Übernachtladung zum Einsatz. Die gerade georderten 400 ADL-Doppeldecker müssen vorerst aber wohl mit hiesiger, hocheffizienter Dieseltechnik leben – an die Hybridtechnologie glaubt Mareck eher nicht. Und dass der letzte große Auftrag über 950 Mercedes Citaro ebenfalls auf Euro 6 lautet (dies wohl mit milder Hybridisierung), wird dann sehr verständlich, wenn Mareck den Einsatz der ersten 135 E-Busse als ersten Feldtest beschreibt, der über das weitere Vorgehen entscheiden werde.

Die Opposition in der Hamburger Bürgerschaft kritisierte die Beschaffung derweil als wohlfeile "PR-Show", wie der NDR berichtet: "Bevor der Senat tönte, ab 2020 nur noch Elektrobusse zu bestellen, hatte man den städtischen Fuhrpark in den letzten Jahren noch schnell mit über 250 weiteren Dieselbussen ausgestattet", sagte der Bürgerschaftsabgeordnete Stephan Gamm von der CDU. "Wenn man diese Fahrzeuge nicht mindestens bis in die 30er Jahre betreibt, wäre dies eine erhebliche Steuergeldverschwendung." Die Hochbahn sah sich hier denn auch genötigt, in ihrem sehr gelungenen Blog Stellung zu nehmen, als ob man ein veritables Verbrechen begangen habe – in diesen Zeiten der absoluten Dieselverunsicherung wird sich dieses Symptom sicher weiter verstärken.

Sehr erhellend auch der Beitrag, warum die Hochbahn keine chinesischen Busse kaufe, ein gern gemachter Vorwurf von Politikern und selbsternannten Experten. Da heißt es sehr offen und zutreffend: "Nicht alle chinesischen Hersteller haben Deutschland überhaupt als Markt im Blick. Heißt: Die Busse können noch gar nicht die hier gewünschten Anforderungen erfüllen. Mehr noch: Auf eine Ausschreibung wie unsere für eine für uns sehr hohe Zahl von E-Bussen bewerben sich (noch) keine chinesischen Hersteller. Manche haben sogar nicht mal eine Zulassung für ihre Busse auf europäischem Boden."

Also lassen wir die Kirche doch vorerst im Dorf und lassen dem Diesel, der im Nutzfahrzeug schon seit Jahren sehr sauber und noch effizienter ist, seine Daseinsberechtigung, die er zumindest im Fernverkehr noch einige Zeit haben wird, auch wenn es wirklich Zeit würde für hochentwickelte Hybridtechnik. Technologische Hype-Wellen sind nett in der Tageszeitung zu lesen, bringen aber selten das, was an hochfliegenden Erwartungen geschürt wird. Schalten wir also einen Gang runter und geben der Technologie und dem Markt die nötige Zeit, um sich optimal aufeinander einzuschwingen. Das war's – Hype!

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