Bus-Blog zu Kooperationen

Alle Köche an den grünen Brei!

Man Lions City E Elektro-Bus Foto: MAN
Meinung

Ungeahnte Kooperationen in der deutschen Automobilbranche sollen Waymo, Google und Co. in Sachen Autonomes Fahren Paroli bieten. Wir hätten da eine noch bessere Idee!

Das mit den knackigen Überschriften in einer Zeitschrift kann schon mal nach hinten losgehen – zumal, wenn es um die für ihre kongenialen Aufmacher bekannte lastauto omnibus-Schwesterzeitschrift "auto motor und sport" geht, die das Spiel mit den Worten über die Jahrzehnte in den Stand eines heiligen Grals erhoben hat. Da konnte man unlängst über dem ersten Vergleichstest der beiden Mittelklasse-Boliden Mercedes C-Klasse und BMW 3er die bekannte Diktion "Beste Feinde" lesen – so kennt und will es der geneigte Leser. Ungewohntes war dann weiter hinten unter dem Titel "Ziemlich beste Freunde" zu sehen: Die beiden ewigen Kontrahenten arbeiten künftig bei den bisher wenig lukrativen Mobilitätsdienstleistungen zusammen. Dass dies auch beim Thema autonomes Fahren – also dem Kernstück der Fahrzeugtechnik von Übermorgen – der Fall sein wird, konnte das Fachblatt aber nur vorsichtig andeuten, wie schon das manager magazin vor ein paar Wochen unter dem Titel "Autonome Front".

Das Echo in der deutschen Presse ist positiv. Vor allem das Thema Kosten und die übermächtige Konkurrenz der digitalen Riesen wie Uber, Google, Waymo und Co. werden allenthalben als so starke Argumente gesehen, dass man den beiden Premium-Platzhirschen gnädig nachsieht, den allzu harten Kampf um die Vorherrschaft ein wenig zurückzustufen. Hinter der Ankündigung steht allerdings nichts weniger als eine veritable Zeitenwende. Alte Gewissheiten und sorgsam gepflegte Feindschaften auf dem ehemals wichtigsten Automarkt der Welt verblassen zusehends und werden irgendwann nur noch Randnotizen der Industriegeschichte sein. Dabei ist es ja keineswegs so, als seien die beiden Unternehmen in den nun vernetzten Technikgebieten untätig oder gar erfolglos gewesen. Schon alleine die pure denkbare Möglichkeit, bei den Themen der Zukunft von den Big Playern abgehängt werden zu können, hat hier scheinbar die unternehmerische Phantasie beflügelt und eingefleischte Animositäten hinweggefegt.

Allianz der Großen für alternative Antriebe?

Das sieht im Nutzfahrzeugbereich etwas anders aus, besonders in Sachen alternative Antriebe. So haben es vor allem Mercedes-Benz und voraussichtlich auch Traton mit den Marken MAN und Scania mit großer Verspätung im Stadtbusbereich gerade noch so geschafft, den Anschluss zu finden. Die Musik der großen Stückzahlen spielt aber bekanntlich längst in China, wo mittlerweile Hundertausende von Elektrobussen laufen, und sich die Ingenieure sogar an elektrische Reisebusse herantrauen. Hierzulande hat man aus der Misere im Stadtbusbereich, die sich mit den Dieseleinfahrverboten extrem beschleunigt hat, scheinbar noch nicht einmal die offensichtlichen Lehren gezogen: Erst unlängst hat Daimler Buses Chef Till Oberwörder wieder das Lied der wahlweisen Unnötigkeit oder gar Unmöglichkeit von alternativen Antrieben im Fernverkehr gesungen.

Man möchte meinen, die Konzernlenker hätten etwas aus der rasanten Entwicklung im Stadtbusbereich gelernt, und würden zeitnah in den Segmenten Überland- und Reisebus technologisch in Vorlage gehen – auch wenn die Kunden hier noch nicht auf den Barrikaden sind, wie in vielen Städten mit Emissionsproblemen (Daimler schiebt sogar der "bisher eher verhaltenen Nachfrage" den schwarzen Peter zu). Alleine dem ist nicht so – es tut sich beinahe nichts. Man muss also allem Anschein nach davon ausgehen, dass es ein einzelner Konzern nicht zu schaffen scheint, sinnvolle und vor allem preiswerte Lösungen zu schaffen und Hybrid-, CNG-, LNG- oder Wasserstoffantriebe zu entwickeln. Oder ist es die pure Unlust? Das wollen wir schon aus Respekt lieber nicht vermuten.

Die Herausforderung sollte sich vor allem für Traton und dessen Marke MAN in Grenzen halten, steht doch das Hybridmodul von ZF und sein Traxon-Geriebe in den Startlöchern – und das nicht erst seit gestern. Schwerer dürften es da Daimler und Scania haben, die seit Jahren selbstentwickelte Automatikgetriebe einbauen, die mit großem Aufwand und Invest erst noch elektrifiziert werden müssten. Warum also nicht das Gewicht dreier oder mehr großer Unternehmen zusammenwerfen, um auf diesem Gebiet endlich weiterzukommen? Oder man tut sich mit Iveco zusammen und verfolgt den LNG-Weg konsequent weiter, den auch Scania mit dem Interlink MD auf der IAA ja zaghaft betreten hat. Sicher, der Korruptionsskandal des vergangenen Jahrzehnts mit Milliarden-Strafzahlungen, der noch immer zivilrechtliche Implikationen hat, sitzt den Vorstandschefs noch deftig in den Knochen – aber ähnliche Ehrenrührigkeiten haben die Pkw-Kollegen ebenso hinter sich gelassen. Derzeit ist eine solche Kooperation kaum denkbar, zu stolz und eigenwillig scheinen die großen Hersteller. Aber hey! Das hätte man von der kleinen "Ehe im Himmel" zwischen Stuttgart und München bis vor kurzem auch noch mit Fug und Recht behauptet.

Beim Wasserstoff auf dem Abstellgleis?

Noch dringlicher wäre eine übergreifende Nutzfahrzeug-Kooperation beim Thema Wasserstoff, der bei Experten immer größere Bedeutung erlangt. Erst vor Kurzem gab Prof. Stefan Bratzel vom CAM-Institut und einer der renommiertesten Branchenkenner Deutschlands in der "Welt" zu Protokoll, "gerade die deutschen Hersteller müssten deutlich mehr tun, um Fahrzeuge mit Wasserstoffantrieb weiterzuentwickeln. In der Technologie steckt viel Potenzial." Folgerichtig sieht der Experte aber die sinnvolle Anwendung eher im Nutzfahrzeug als im Pkw: "Bei größeren Fahrzeugen wie Lkw oder Bussen (...) wird sich die Brennstoffzelle rechnen. Schwere Lasten zu beschleunigen, kostet viel Energie, da ist die Brennstoffzelle Batterieautos überlegen." Und bis 2012 sah es durchaus noch so aus, als würde wenigstens Daimler diesen Pfad auch im Busbereich konsequent und mit Power verfolgen – mit dem Flop beim Großauftrag zur Olympiade in Tokyo 2020 scheint hier die Luft aber ziemlich entwichen zu sein. Geblieben ist von diesen jahrzehntelangen Bemühungen eine emissionsfreie Gebrauchtbusflotte in Hessen und ein Eintrag für die MAN-Verbrennertechnologie ins Geschichtsbuch sowie die Ankündigung von Daimler, ab 2022 eine kleine Brennstoffzelle als Rangeextender für die große Batterie des eCitaro fit zu machen. Es sollte sich dabei um eine kompakte Pkw-Zelle aus dem SUV GLC F-Cell handeln, der gerade handverlesen und medienwirksam an Politiker und andere Multiplikatoren verleast wird. Im Grunde genommen ist es eine ähnliche Synergie mit dem renditestarken Pkw-Bereich wie beim 48-Volt-Mildhybriden, der den E-Motor der S-Klasse auf der Kurbelwelle trägt. Beides ist beileibe nicht ehrenrührig, aber alles andere als der große technologische Wurf, der Deutschland in die Poleposition katapultieren würde.

Ob dies der Wasserstoffbus Sora von Toyota leistet, der 100 Mal als Technologiebotschafter bei der Olympiade 2020 dienen wird, sei einmal dahingestellt. Immerhin wird sein Hybridsystem überwiegend von zwei großen Brennstoffzellen mit jeweils über 100 kW angetrieben, verfügt er über zukunftssichere 700 bar-Technik bei der Speicherung, und kann im Notfall sogar als fahrendes Notstromaggregat eingesetzt werden! Selbst wenn Toyota den Bus nicht auf dem europäischen Markt verkaufen will, so steht einer Kommerzialisierung der Technologie durch den portugiesischen Aufbauer Caetano nichts im Wege. Wenn sich dann noch der Hyundai-Chaebol (koreanisch für "Konzern") dazu entschließen sollte, statt jahrelang ergebnislose Marktforschung zu betreiben beherzt an die Marktbearbeitung zu gehen, dann dürfte es auch in Europa schnell gefährlich werden für die hiesigen Hersteller. Dann hätte man leichtfertig die weltweite Marktführerschaft bei E-Bussen an China abgegeben, die in Sachen Wasserstoff sodann ans benachbarte Korea und Japan. Kein Ruhmesblatt für "Ingenieurskunst aus Deutschland"!

So darf es nicht weitergehen!

Die Zeit drängt, mit einer derart angezogenen Handbremse darf es in Sachen alternative Antriebe nicht weitergehen – auch wenn das Thema CO2 im Busbereich wohl nicht vor Mitte der 20er Jahre rechtlich akut werden wird, weil das Simulationstool Vecto noch nicht angepasst wurde. Vor allem macht es keinen Sinn, dass jedes Unternehmen seine eigene „grüne" Suppe kocht, und der Kunde immer weniger durchblickt, was er denn jetzt sinnvollerweise kaufen möge, um auf das richtige Pferd zu setzen. Zwar kennt man das Bonmot mit den Köchen und dem Brei zu Genüge, aber immerhin wäre ein gemeinsamer Brei, den man dem Kunden anbieten kann und der mit Hochdruck weiterentwickelt wird besser als eine zersplitterte Suppenküche mit verfeindeten Sterne-Köchen! Nur Mut liebe Hersteller, werft eure anerkannt hohen Kompetenzen und Kapazitäten zusammen und lasst es uns reißen! Auf diesem wichtigen Gebiet zu versagen wäre einfach nur peinlich!

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