Werksvisite bei DAF, XF 12 Bilder Zoom
Foto: Thomas Küppers

Werksvisite bei DAF

Angenehme Ruhe

Ist der DAF XF tatsächlich ein Fahrerauto? Dieser Frage sind wir anlässlich einer Visite der Produktionsstätten des neuen Flaggschiffs in Belgien und den Niederlanden nachgegangen – einschließlich Übernachtung an der Autobahn.

Der DAF XF ist ein Fahrerauto – so lautet das Fazit des jüngsten 1000-Punkte-Tests (Ausgabe 1-2/2014). Das große Haus mit alltagstauglicher Ausstattung und der gemütliche Schlafbereich sollen den Lkw zum attraktiven Zweitwohnsitz machen. Auf einer zweitägigen Tour durch Belgien und die Niederlande muss der XF beweisen, ob er die ihm zugesprochenen Eigenschaften auch abseits des Testumfelds, nämlich im Fahreralltag, aufweist. DAF begrüßt Gäste mit Super-Spacecab und 510 PS Am DAF-Stammsitz in Eindhoven steht dafür ein auf 40 Tonnen ausgeladener Sattelzug bereit. Nicht kleckern, sondern klotzen, haben sich die DAF-Mannen wohl gedacht und unter der Super-Spacecab-Kabine den kräftigsten Sechszylinder aus dem XF-Programm verbaut: den 510 PS starken MX-13. Mit dem soll es sogleich auf die Straße gehen, die zur ersten Station der Reise führt: der Achsen- und Kabinenproduktion im belgischen Westerlo.Zuvor ist aber häuslich einrichten angesagt. Bei einer Zwei-Tages-Tour kommt nur wenig Reisegepäck zusammen. Das wirkt in den geräumigen Staufächern des XF ein wenig verloren. Hier findet Gepäck für mehrere Wochen definitiv locker Platz. Für die vereinfachte Abfahrtskontrolle bietet DAF, wie die meisten anderen Hersteller auch, mittlerweile eine Taste an der Schlüssel-Fernbedienung an, die alle Beleuchtungseinrichtungen nacheinander kurz aktiviert. Nach dem pflichtgemäßen Rundgang ums Fahrzeug ist es nun endlich Zeit, Platz zu nehmen. Die richtige Sitz- und Lenkradposition ist dank mannigfacher Verstellmöglichkeiten schnell gefunden. Telefon: Anmeldung hakt etwas Während der Motor läuft, um Luftdruck aufzubauen, bleibt noch ein Moment Zeit, um das Mobiltelefon über Bluetooth mit dem Radio zu verbinden. Das misslingt allerdings beim ersten Versuch. Eine Verbindung direkt mit dem Radio akzeptiert das Fahrzeug nicht. Das Telefon muss sich über das Kombiinstrument mit dem Fahrzeug verbinden. Dass dennoch das Radio eine direkte Verbindung anbietet, die nicht funktioniert, ist technisch nicht ausgereift. Sei’s drum – nach erfolgreicher Anmeldung im Bordnetz ist telefonieren während der Fahrt einwandfrei möglich. Los geht’s. Es geht auf die A 67 Richtung Belgien. Die Route ist für DAF ein wichtiger Transportweg, da die Standorte Westerlo und Eindhoven sich rund um die Uhr gegenseitig im Just-in-time-Verfahren beliefern. Der Tempomat steht bei Tempo 83 mit Über- und Unterschwinger von je 5 km/h. Die braucht es auf der nahezu topfebenen Route allerdings selten. So verläuft die Fahrt von den Niederlanden nach Belgien unaufgeregt. Es bleibt Zeit, um einen Blick in die Bordinformationen zu werfen. Über einen Drehschalter rechts vom Lenkrad blättert der Fahrer durch die logisch aufgebauten Menüs. Driver Performance Assistent: Lkw bewertet Fahrer Interesse weckt das Fahrerbewertungssystem. Wenn der Fahrer den Lkw bewerten darf, dann muss das dem Lkw auch zustehen. Der Driver Performance Assistent gibt vor allem zum Einsatz von Dauer- und Betriebsbremse Rückmeldung und stuft den Fahrer auf einer Skala von 0 bis 100 Prozent ein. Letztere sind allerdings nur auf den ersten Metern zu erreichen. Danach pendelt sich die Bewertung je nach Fahrleistung irgendwo zwischen 85 und 95 Prozent ein und erhält so einen konstanten Ehrgeiz beim Fahrer. Nach rund zwei Stunden Fahrt passiert der XF das Werkstor in Westerlo. Rund 2.000 Mitarbeiter produzieren hier unter anderem rund 180 Kabinen pro Tag. Das XF-Haus ist eines davon. Außerdem laufen die Kabinen des kleinen Bruders CF vom Band. Wie viele Fahrerhäuser jeden Tag entstehen müssen, planen die Verantwortlichen des Werks immer eine Woche im ­Voraus und richten sich dabei nach den Zahlen, die aus Eindhoven kommen. "Die Kabine ist das Erste, was im Produktionsprozess gebaut wird", erklärt Marc Collen, der die Abteilung Kabinenbau verantwortet. Erste Baugruppe entstand in Handarbeit Die erste Baugruppe der Lkw entstand bis zum Produktionsstart der Euro-6-Varianten zumeist in Handarbeit. Erst danach hat DAF den Grad an Automatisierung erhöht. Wobei die Mitarbeiter in Westerlo Euro-5- und Euro-4-Kabinen auf einer Linie gleich neben den Euro-6-Ausführungen nach alter Herangehensweise fertigen. Direkt neben der Kabinenproduktion entstehen die Achsen. Der Variantenreichtum hält sich hier im Vergleich zur Fahrerhauswelt in Grenzen. Stückzahlen sind gefragt. Rund 2.000 Achsen produziert Westerlo Woche für Woche. Am Ende des Produktionsprozesses gehen Achsen und Kabinen in die zentrale Logistik und von dort per Lkw nach Eindhoven zur Weiterverarbeitung. Das Werk dort ist auch das Ziel des letzten Reiseabschnitts. Der XF wartet schon vor der Halle auf die Abfahrt nach Hause. Bevor er dort hindarf, geht es durch die Ardennen mit dem Zwischenziel Asten in den Niederlanden. Es gilt eine Nacht auf dem Autohof zu verbringen, um den Komfort des Fahrzeugs in alltäglicher Umgebung am eigenen Leib zu erfahren. MX-13 liebt die Ardennen Auf der Fahrt ins Heimatland spielt der ­MX-13 seine Souveränität aus. Die bergigen Etappen durch die Ardennen meistert er problemlos und muss insgesamt nur zweimal auf den Autobahnen am Berg vom zwölften in den elften Gang wechseln. An einigen Stellen empfiehlt es sich, das automatisierte AS-Tronic-Getriebe auf manuell zu schalten, um auch bei Drehzahlen knapp unter der 1.000er-Marke im zwölften Gang zu bleiben. Die Zugkraft reicht auch auf langen Steigungen meist aus. Das gilt ebenso für Fahrten auf der belgischen Landstraße bei Tempo 60. Eine sinnvolle Erweiterung im XF ist die Eco-Roll-Funktion, die bei eingeschaltetem Tempomaten von Zeit zu Zeit den Gang herausnimmt, um Rollphasen zu verlängern, um so den Verbrauch zu senken. Das passiert manchmal etwas spät, spart aber auch dann noch Kraftstoff. Nach vier Stunden Fahrt erreicht der XF den Autohof Asten. Hinter der Schranke zu den Lkw-Parkplätzen findet sich schnell eine freie Lücke, obwohl die Ankunft um 20 Uhr für deutsche Verhältnisse einen vollen Autohof erwarten ließ. Asten ist großzügig angelegt.Motor aus, Tachograf auf Pause, Abendessen im Truck Stop und dann geht es ab in die Koje. Allen Gerüchten zufolge kann sich der Fahrer eines DAF XF auf sein Bett freuen. Das soll am Ende eines harten Arbeitstages auch so sein. Nur noch die Türen verriegeln, DAF setzt hierbei auf Night-Lock. Typisch DAF eine robuste mechanische Lösung. Der Fahrer schiebt zwei Stahlstäbe an der Kabineninnenwand in die Türen – ein einfaches, aber wirkungsvolles System. Matratze bekommt Bestnoten So gesichert, sollte doch einer ruhigen Nacht nichts im Wege stehen. Beim ersten Kontakt mit der Matratze ist klar: Hier schläft es sich bestimmt gut. Wer aber beim Einsteigen vergisst, das Licht auszumachen, hat vor der Reise ins Land der Träume noch einen Zwischenstopp am Armaturenträger vor sich. Anders als beispielsweise beim Volvo FH lässt sich im DAF XF nur ein Teil der Kabinenelektrik vom Bett aus bedienen. Die Festbeleuchtung gehört nicht dazu. Als am nächsten Morgen die Sonne schon hoch am Himmel steht, ist es in der Kabine noch stockfinster. Die Vorhänge halten dicht. Das ist nach einer unruhigen Nacht mit vielen ankommenden und abreisenden Lkw ein Segen. Trotzdem ist der Geräuschpegel in der Kabine recht niedrig und das Bett so gut wie vor dem Bettgang erhofft. 5.600 Menschen arbeiten in Eindhoven Gut erholt und gestärkt geht es zurück auf die Autobahn Richtung Eindhoven ins Stammwerk zur zweiten Produktionsbesichtigung. Von der angelieferten Kabine bis zum fertigen Lkw ist es ein langer Weg in Eindhoven. Zahlreiche Baugruppen entstehen erst vor Ort, darunter auch die Motoren. 5.600 Mitarbeiter von der Forschung bis zur Produktion bringen hier Lkw auf die Straßen der ganzen Welt. Deshalb findet sich in der Motorenproduktion auch noch die Euro-4-Linie, die Aggregate für Afrika und Teile Asiens herstellt. Gleich daneben entstehen Antriebsstränge für Russland, die mit der Abgasstufe Euro 5 das Werk verlassen. Ähnlich wie in Westerlo ist der Grad der Automatisierung in Eindhoven bei der Euro-6-Produktion am höchsten. Damit keiner den Überblick verliert, verfügen alle Fahrzeug­teile über einen sogenannten Datenmatrixcode, der einem QR-Code ähnlich sieht. So kommen die richtigen Teile am Ende im Fahrzeug zusammen. Speditionen liefern Getriebe just in time Speditionen liefern derweil just in time Getriebe zwei Mal am Tag am Band an. Für DAF sind die rollenden Autobahnlager ein riesiger Vorteil. Wo bislang 15 Meter ­hohe Regale mit Teilen standen, ist nun Platz für Produktionsmaschinen. Eindhoven produziert die Baureihen XF und CF. Im vergangenen Winter lag der Produktionsrekord bei 212 Fahrzeugen an einem Tag. Wenn nötig, kann DAF in zwei Schichten bis zu 165 Fahrzeuge täglich fertigen. Trotz der großen Anzahl an Fahrzeugen produziert DAF an keinem Tag zwei identische Lkw. Die Wünsche der Kunden variieren von Fahrzeug zu Fahrzeug. In Sachen Qualität ist DAF in Eindhoven um eine Null-Fehler-Quote bemüht. Zahlreiche Kontrollinstanzen prüfen die Produktionsprozesse und in Stichproben untersuchen Ingenieure die Endprodukte. Das Ganze gewinnt zwei Mal pro Jahr an Brisanz. Dann kommen Kollegen vom Mutterkonzern Paccar in Belgien und den Niederlanden vorbei und machen sich ein Bild vom Qualitätsniveau. Grund zur Sorge haben die DAF-Mannen nicht. Die Lkw aus Eindhoven können sich sehen lassen, allen voran der XF mit Super Spacecab, der vor der Tür auf seine letzte Tour wartet. Die führt noch mal nach Belgien, nämlich nach St. Vith an die Grenze zu Deutschland. Dort trennen sich die Wege am Abend. Viel zu früh! An einem ruhigen Ort wie St. Vith wäre eine weitere Nacht im XF durchaus reizvoll. Zu Recht wurde der DAF im 1000-Punkte-Test zum Fahrerauto erklärt.

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13. Mai 2014
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Markus Bauer, Experte für Trucksport Markus Bauer Truck Sport
Redakteur beim ETM Verlag. Truck Sport in allen Variationen ist sein Steckenpferd… Profil anzeigen Frage stellen
Prof. Dr.-Ing. Heinz-Leo Dudek, Experte für Telematik Heinz-Leo Dudek Telematik
Prof. Dr. Dudek ist Studiengangsleiter für das Wirtschaftsingenieurwesen an der DHBW Ravensburg… Profil anzeigen Frage stellen
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