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Volkswagen Crafter: Automatisiertes Fahren im Transporter

VW hat den Crafter neugeboren. Dank zahlreicher Assistenzsysteme hält das automatisierte Fahren Einzug in die große Transporterklasse.

Beim Umstieg von der noch aktuellen Generation in den neuen Crafter wird klar: Dieses Auto trägt nun ganz und gar die VW-DNS in sich. Das Exterieur orientiert sich sichtbar am kleinen Bruder T6 und auch der Innenraum folgt dem Konzern-Design. Daran haben nicht zuletzt die vielen Gleichteile aus dem Pkw-Programm ihren Anteil. Das Lenkrad beispielsweise stammt direkt aus dem VW Golf, das moderne Entertainment-System mit Acht-Zoll-Display steckt üblicherweise im Passat. Die Pkw-Anmutung ist es auch, die diese Generation vom Mercedes-VW-Hybriden unterscheidet. Der alte war sicher kein schlechter Transporter. Mit der Eigenentwicklung zeigt VW aber, dass es noch besser geht. Nach einigen Kilometern im Cockpit des Crafter vergisst man, wie viele Kubikmeter hinter den Sitzen auf Ladung warten. Doch dieser Bereich gerät angesichts der Neuerungen weiter vorne beinahe ins Hintertreffen. Ja, VW bietet im Laderaum vorbildliche LED-Beleuchtung, zahlreiche Verzurrösen am Boden, den Wänden sowie an der Decke und auch sonst alles was das Herz eines Transporteurs begehrt. Die Pritsche der Doppelkabine verfügt sogar über gummigedämpfte Ösen. Auch ohne Ladung klappert nichts.  

Entwickler in engem Dialog mit den Kunden

Tatsächlich hat VW beim neuen Crafter versucht, so gut wie möglich auf die Kunden zu hören, wovon besagte Detaillösungen zeugen. Dafür spricht auch das hochwertige Interieur. Selbst die puristischste Version mit Kunststofflenkrad ohne Tasten wirkt zumindest solide. Angenehmer fasst sich dagegen das auf Wunsch beheizte Ledervolant an. Komfortabel sind auch die Sitze. Diese bietet VW auf Wunsch als aufs Gewicht einstellbaren Schwingsitz oder gar mit Massagefunktion an. So genügen sie in den Varianten ergoComfort und ergoActive laut VW den AGR-Anforderungen der Berufsgenossenschaft. Tatsächlich ist es während der Testfahrt plötzlich gar nicht so abwegig, den Heimweg statt im Flugzeug mit dem VW zu anzutreten. Zahlreiche Ablagen in den Türen, im geradlinigen Armaturenträger und im Dachbereich – diese fassen sogar vollwertige Ordner – vervollständigen das Bild eines angenehmen Arbeitsplatzes. 

Knackige Getriebe

Zur Markteinführung im März 2017 bietet VW den Crafter zunächst nur als Fronttriebler an. Später folgen der Hecktriebler und eine Allradvariante. Die Motoren beginnen bei 75 kW (102 PS) und übertragen ihre Kraft über Sechsganggetriebe an die Antriebsräder. Die Versionen mit 103 kW (140 PS) und 130 kW (177 PS) bietet VW zusätzlich mit einer Achtgangautomatik an. Schon beim Handschalter ist das Pedalgefühl kaum zu verbessern. Beim ersten Kuppeln fühlt sich der Wagen an wie ein alter Bekannter. Der Schalthebel flutscht geradezu durch die Gassen. Lediglich der erste Gang verlangt nach minimalem Druck. Noch bequemer verhält sich die Wandlerautomatik. Die Stufenwechsel sind praktisch nicht zu spüren. Die Anschlüsse passen sowohl bei der manuellen als auch bei der automatischen Schaltbox. Die Schaltstrategie der Automatik ist bestens abgestimmt. So kommt nicht einmal bei Kickdown der Gedanke auf, das Getriebe gerate in Hektik oder wäre gar überfordert. 

Bärenstarker Basis-Diesel

Unterwegs auf engen, kurvigen Bergstraßen kann der Crafter seine Stärken ausspielen. Dabei muss nicht einmal der große knapp 180-PS-starke Biturbo unter der Haube werkeln. Bereits der 102-PS-starke einfach aufgeladene Motor fühlt sich zumindest bis zur Autobahnrichtgeschwindigkeit deutlich stärker an, als er auf dem Papier ist. Das maximale Drehmoment von 300 Nm liegt bereits bei 1.400 Umdrehungen an und schiebt den Crafter anständig vorwärts. Speziell Nutzern, die den Crafter nicht komplett ausladen oder lange Strecken auf der Autobahn überbrücken müssen, wie beispielsweise Handwerker, sei dieser Motor ans Herz gelegt. 550 Kilogramm Testladung jucken den wackeren Gesellen überhaupt nicht. Bei einem knapp drei Tonnen schweren Transporter mit „nur“ 102 PS kommt tatsächlich Fahrspaß auf. Der 177-PS-Biturbo ist sowieso über alle Zweifel erhaben. Ein weiterer enormer Pluspunkt, der alle Motor-Derivate meilenweit vor den Vorgänger katapultiert: Die Triebwerke wirken so viel leiser als die bisherigen Aggregate. VW hat bei der Schalldämmung ganze Arbeit geleistet.

Komfortables Fahrwerk, präzise Lenkung

Am Steuer verliert der Fahrer dank des neu entwickelten Fahrwerks auch auf engen Straßen nie die Kontrolle. Das Fahrzeug folgt präzise der Spur und lässt sich auch bei flotterer Gangart nicht aus der Ruhe bringen. Die Arbeit, welche die Ingenieure in Vorder- und Hinterachse gesteckt haben, ist deutlich spürbar. Vorn setzt VW eine McPherson-Achse ein. Diese folgt laut den Ingenieuren ebenfalls dem Komfort-Diktat des Innenraums. Gleichzeitig habe man aber großen Wert auf Fahrdynamik, Lenkpräzision und sicheres Fahrverhalten bei allen Beladungszuständen gelegt. Als Hinterachse setzt VW eine Starrachse mit Parabelfeder in verschiedenen Varianten ein. Dazu kommen Stabilisatoren an beiden Achsen, die erfolgreich den Wankwinkel reduzieren und so tatsächlich zu einem beinahe Pkw-ähnlichen Fahrgefühl beitragen. 

Großen Anteil an diesem Gefühl hat überdies die neue elektromechanische Lenkung. Sie entkoppelt das Lenkrad von störenden Lenkeinflüssen seitens der Straße oder auch aus dem Antrieb. Dabei vermittelt sie aber dennoch eine ausgezeichnete Rückmeldung und verhält sich sehr präzise. Diese Technik ist laut VW bisher noch einmalig in der Fahrzeugklasse. Ohne die neue Lenktechnik müsste VW neben den Verbrauchsvorteilen – die elektrische Unterstützung arbeitet nur, wenn der Fahrer sie tatsächlich braucht – auch auf echte Highlights in der Aufpreisliste verzichten. Im Crafter arbeitet beispielsweise ein aktiver Spurhalteassistent, ein Parkassistent und ein Anhänger-Rangierassistent. Alle drei sind grundsätzlich dem Feld des automatisierten Fahrens zuzuordnen. 

Aktiver Spurhalteassistent und automatisches Parken

Der aktive Spurassistent arbeitet mit einer Multifunktionskamera zusammen, die erfasst, wo sich das Fahrzeug auf der Fahrspur befindet. Das funktioniert in der Praxis natürlich nur dann, wenn die Spuren anständig markiert sind. Dann tut der Assistent genau das, was er soll. Nähert sich der Crafter der Markierung, lenkt das System automatisch weich und zunächst kaum merklich zurück in die Spur. Der Fahrer könnte die Elektronik jederzeit überstimmen. Theoretisch kann er aber auch einfach die Hände vom Lenkrad nehmen – zumindest testweise. Auch auf etwas langgezogenen Landstraßenkurven funktioniert der Assistent tadellos, pendelt das Auto zwischen den Fahrbahnmarkierungen hin und her und gewährt so schon einen tiefen Einblick ins automatisierte Fahren. 

Ebenso effektiv geht der Parkassistent im immerhin mindestens sechs Meter langen Crafter zu Werke. Im niedrigen Geschwindigkeitsbereich sucht der Assistent über die Sensoren parallele Parklücken bis zwei Meter Abstand vom Fahrzeug – Knopfdruck genügt. Sobald die Elektronik eine passende Lücke erkannt hat, schlägt es diese dem Fahrer im Display vor. Die Lücke muss gerade einmal einen Meter länger sein als der Transporter selbst. Stimmt der Fahrer dem Vorschlag zu, muss er lediglich die Hände vom Lenkrad nehmen und langsam je nach Anweisung im Display vorwärts oder rückwärts fahren. Ein Balken zeigt an, wie weit das Auto noch in die jeweilige Richtung rollen muss. Verpasst der Fahrer den Haltpunkt, legt der Crafter selbständig eine Notbremsung ein, um den Unfall zumindest teilweise zu verhindern. Die komplette Lenkarbeit übernimmt das Auto. In der Praxis funktioniert der Assistent zuverlässig und setzt den Transporter in zwei bis drei Zügen in die Lücke. Beim Ausparken verfährt das System analog, braucht aber lediglich Lücken mit 0,5 Metern Überhang. 

Anhänger-Rangierassistent und erweiterter aktiver Tempomat

Ein weiteres Sahnestück des Crafter und sicherlich ein künftiger Liebling unter den Fahrern ist die Anhänger-Rangierhilfe. Wer kein ausgesprochener Anhängerprofi ist, dem graut davor, ein Gespann rückwärts zu bewegen. VW hat darum eine zusätzliche Rückfahrkamera auf Nummernschildhöhe eingebaut, die normale Rückfahrkamera sitzt eigentlich an der Dachkante. Diese zweite Kamera behält den Anhänger im Blick und überwacht, wo dieser hinläuft. Auch der Fahrer muss nun lediglich den Trailer im Auge behalten. Das Lenkrad kann er loslassen. Über den kleinen Joystick zur Spiegelverstellung bestimmt er, wo der Hänger hinfährt und konzentriert sich aufs Gas, ähnlich wie bei der Parkhilfe. Im Cockpit-Display zeigt eine Grafik, welche Marschrichtung aktuell vorgegeben ist. Zusätzlich sieht er das Bild der zweiten Kamera im Navi-Bildschirm. Das umständliche spiegelverkehrte Um-die-Ecke-Denken entfällt also. Und unnötige peinliche Rangierversuche glücklicherweise auch. 

Ebenfalls neu in dieser Fahrzeugklasse und eigentlich eher in der Oberklasse verortet spendiert VW dem Crafter einen verbesserten aktiven Tempomaten (ACC Follow to Stop). Dieser kann nicht nur dem Vordermann in definiertem Abstand mit vorgegebener Geschwindigkeit folgen. Vielmehr hält er das Fahrzeug, beispielsweise im Stau, auch komplett an, ohne dass der Fahrer eingreifen müsste. Rollt die Autoschlange weiter, fährt auch der Crafter automatisch weiter. 

Dazu kommen noch zahlreiche weitere Assistenz- und Sicherheitssysteme wie beispielsweise die City-Notbremse (ebenfalls Teil des ACC), Verkehrszeichenerkennung, Seitenwindassistent, sensorgesteuerter Flankenschutz und die elektronische Gespannstabilisierung. Die technische Entwicklung endet aber nicht bei den Assistenten, sondern geht auch beim Antrieb weiter. Ende 2017 soll ein elektrischer Crafter hinzukommen. 

Fazit 

Den Anspruch, einen Transporter nach den Wünschen der Kundschaft auf die Räder zu stellen hat VW eingelöst und noch einiges mehr. Sicherheit ist gerade in diesen Fahrzeugen, die teils mit mehr als 160 km/h unterwegs sind von enormer Wichtigkeit. Mercedes muss sich also warm anziehen, um mit der nächsten Sprinter-Generation (folgt Mitte 2017) aufzuholen, was VW mit dem Crafter vorgelegt hat. Die Emanzipation aus dem Gemeinschaftsprojekt ist den Hannoveranern jedenfalls geglückt.

Ford Transit Custom

Autor

Foto

Markus Bauer

Datum

25. November 2016
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