Unterwegs mit dem Kühlzug, MAN, Kraftverkehr Nagel 14 Bilder Zoom

Unterwegs mit dem Kühlzug: Gelernt ist gelernt

Sabrina Neumann macht bei Kraftverkehr Nagel die Ausbildung zur Kühlzug-Fahrerin. Kurz vor der Prüfung ist sie in ihrem Job perfekt.

Die spielerische Leichtigkeit, mit der Sabrina Neumann am frühen Morgen einen Sattelzug erst zusammenkoppelt und dann an ein freies Tor des Kühllagers von Kraftverkehr Nagel in Eschweiler setzt, passt im ersten Moment nicht so ganz zur Optik der jungen Frau. Ein weißes Halstuch mit Schmetterlingen, silberne Ohrringe und dezenter Lidschatten – wäre da nicht die blaugraue Arbeitskleidung, kein Lagermitarbeiter würde sie für eine Berufskraftfahrerin halten, die hier 33 Paletten gekühlte Lebensmittel für ihre Auslieferungstour laden möchte. Sicher, gegenüber den meisten Herren der Warenkette ist Sabrina aufgrund ihrer Erscheinung klar im Vorteil. Doch an diesem Donnerstag Ende Februar sticht sie selbst Ralf Rheinberg, dem Disponenten der Frühschicht, ins Auge. "Normalerweise gehe ich so natürlich nicht zur Arbeit", lächelt Sabrina, "aber wenn der FERNFAHRER schon mal mitfährt, wollte ich ein klein wenig Eindruck machen."

Schon jetzt routiniert unterwegs

Das ist schön – hätte sie aber gar nicht nötig. Denn den größten Eindruck macht Sabrina, die im Mai nach drei Jahren Ausbildung vor der IHK Aachen ihre Prüfung ablegen wird, schlicht und einfach durch die Perfektion, mit der sie ihren Job beherrscht. Als hätte sie nie etwas anderes getan. Sie fegt erst den Auflieger aus, holt eine Ameise, scannt die Paletten ein, schiebt sie in den Trailer und schnappt sich an der Fahrertheke ihre Distributionspapiere. "Die Fracht geht zu Aldi nach Zolder in Belgien", sagt sie, nachdem sie die Türen geschlossen und das Kühlaggregat auf zwei Grad plus eingestellt hat. Dann schnallt sie sich wie selbstverständlich an. "Das habe ich zuerst gelernt."

Sabrina ist bei Kraftverkehr Nagel derzeit das "Aushängeschild" für die professionelle Ausbildung zur Berufskraftfahrerin. Wie die aktuellen Zahlen des DIHK belegen, drängen immer mehr junge Frauen in einen Beruf, der sich von den Anforderungen her allmählich verändert. Dabei hat Sabrina schon eine Lehre beendet – als Zahntechnikerin. "Aber die Aussicht, den ganzen Tag mit anderen Frauen in einem engen Raum arbeiten zu müssen, hat mich dann doch nicht begeistert." "Mein Opa war Lkw-Fahrer am Schlachthof in Köln, mein Cousin ist es heute noch. Ich selbst war mit Hilfe meiner Eltern früh motorisiert. Als ich dann in unserer Lokalzeitung las, dass Nagel Berufskraftfahrer ausbildet, habe ich mich gleich beworben."

Informieren, bevor die Ausbildung beginnt

Es gibt viele Gründe, warum junge Menschen, die hoffnungsfroh bei einer Spedition eine Lehre beginnen, schnell wieder aufgeben. Einige wurden bei einem Workshop des ETM Verlags ausgiebig diskutiert. Die wenigsten Azubis machen sich offenbar ein Bild davon, was sie in der rauen Welt der Transportwirtschaft wirklich erwartet. "Ich habe erst ein zweiwöchiges Praktikum absolviert und bin bei fast jedem der langjährigen Fahrer einmal mitgefahren. Da musste ich richtig ran. Es waren auch nicht nur die Sahnetouren, die mir ein falsches Bild vermittelt hätten. Mein Ausbildungsleiter wollte sehen, ob ich mit den möglichen Problemen zurechtkomme."

Natürlich gab es anfänglich eine große Skepsis unter den Kollegen, dass sie als erste Frau bei Kraftverkehr Nagel nun auch noch in diese Männerdomäne eindringt. "Als ich mich dann für die Lehre entschieden habe, musste ich lange Zeit immer wieder beweisen, dass ich es auch wirklich kann." Anekdoten zu diesem Thema hat sie reichlich auf Lager. "Einmal kam ich im heißen Sommer mit einem fast leeren Trailer zurück und bekam die Türen nicht auf. Typisch Frau, hieß es dann zuerst, bis die Kollegen selber mit vier Mann versucht haben, die Türen zu öffnen, es hatte sich im Auflieger Unterdruck gebildet. Heute ist das alles kein Thema mehr. Ich bin voll und ganz akzeptiert."

Ausbildung durch alle Stationen

Im August 2009 begann sie die Ausbildung und durchlief alle Stationen, die der Lehrplan für sie vorsah: Werkstatt, Lager, Disposition. Und zwischendurch, bevor sie bei der Aachener Fahrschule Dovermann den Lkw-Führerschein machte, übte sie im Shuttle-Verkehr zwischen den beiden Kühllagern auf dem Nagel-Gelände das Rangieren. Mit Erfolg: "Ganz normale Rampen sind für mich irgendwie langweilig geworden", lacht sie. Und dennoch kommt es auch heute noch hin und wieder zu kleinen Malheuren, wenn sie auf dem Gelände hinterm Steuer sitzt: Fahrer anderer Speditionen vergessen bei ihrem Anblick schon mal glatt, auf die Bremse zu treten. "Erst neulich wieder ist ein Spanier rückwärts durch einen Zaun gebrochen. Ich wollte ihn noch warnen. Aber da war es schon zu spät."

Es sind aber eben nicht nur die reinen Fahrkünste, die sie gelernt hat, sondern auch das korrekte Beladen, den richtigen Umgang mit den verschiedenen Ladehilfsmitteln, den Frachtpapieren selbst und dem Barcodescanner. Mit ihm gibt sie vor jeder Tour die Paletten ins EDV-System ein und meldet sie sofort nach der Entladung beim Kunden als "zugestellt" zurück. Eine Woche lang wurde sie bei Eigro Transportkälte zum Thema Kühlaggregate topfit gemacht, Hotel auf Kosten der Firma natürlich. Dazu der Blockunterricht in der Schule. Bei allen Fragen zur Motorentechnik hat sie früh Hilfe von Bruder und Vater bekommen, die heute mächtig stolz sind. "Und kurz vor der Prüfung traf ich mich mit den anderen Auszubildenden des Unternehmens in der Nagel-Akademie in Versmold zur gemeinsamen Vorbereitung", sagt sie mit Stolz. Beide, Sabrina und Arbeitgeber, streben einen Abschluss mit Bestnote an. Dieses Engagement war überdurchschnittlich – auf beiden Seiten.  Ein Kontrast zur Wirklichkeit. "Von den 25 Mitschülern der Berufsschule in Simmerath, die mit mir die Lehre begonnen haben, ist leider gut ein Drittel nicht mehr da."

Investition in Ausbildung lohnt sich

Rund 30 Fahrer sind am Nagel-Standort Eschweiler in Früh- und Spätschicht beschäftigt. Sie bewegen zehn Sattelzüge (mit 23 Aufliegern) und sieben Distributionsfahrzeuge. Dazu kommen feste Unternehmer mit 23 Fahrzeugen. Ausbildungsleiter Stefan Contzen begegnet der demografischen Falle im eigenen Betrieb konsequent. Zwei junge Fahrer wurden nach der Lehre bereits übernommen. Contzen wählt die Aspiranten ganz genau aus, vor allem sollen sie nicht zu jung sein.

Auch Vanessa Seipp, 21, Tochter eines Subunternehmers bei Nagel, hat ihre Lehre erst vor einem Jahr begonnen. "Die besten Erfahrungen haben wir mit den jungen Menschen gemacht, die schon eine Lehre abgeschlossen haben, sich aber in dem früh gewählten Beruf nicht wohl fühlen", so Contzen. Sabrina ist das beste Beispiel, auch dass die Investition in die Ausbildung für das Unternehmen nicht nur Kosten produziert. Sie fährt die gleichen Touren wie die fest angestellten Fahrer – für ein Lehrlingsgehalt von knapp tausend Euro im dritten Jahr und eine Jobgarantie. "Auf mich wartet schon ein festes Auto. Wenn ich fertig bin, geht ein Kollege in Rente."

40-Tonner sind ihr am liebsten

Bis dahin muss sie als Springerin noch jeden Lkw fahren, der gerade frei ist. Mit den kleinen Lastern hat sie nicht wirklich Spaß, wie sie sagt, sie ist lieber mit den 40-Tonnern unterwegs. Ihre Schicht beginnt meist gegen fünf Uhr morgens. In der Regel gehen die Touren in die Niederlande oder nach Belgien, manchmal bis nach Zeebrügge. "Ich schätze allerdings die Abwechslung bei uns", sagt sie offen, "jeden Tag immer dieselbe Strecke wäre mir auf Dauer zu langweilig. Ich freue mich auf die Menschen, die ich bei den Kunden immer wieder treffe. Und ich gebe offen zu, dass ich keine Probleme damit habe, den Lkw selber zu entladen. Es ist oft die einzige Bewegung, die ich am Tag habe. Denn seit ich überwiegend im Lkw sitze, habe ich leider ein paar Kilo zugelegt."

Natürlich verlangt der Beruf Disziplin, vor allem bei der Freizeitgestaltung. Nach der Schicht kümmert sich die langjährige Hobbyreiterin noch um ihre beiden Pferde. Spätestens um halb neun ist sie im Bett. Obwohl sie nur fünf Minuten mit dem Auto zur Arbeit hat, klingelt der Wecker bereits um viertel nach drei – der Hund muss raus. Ihr Freund hat dafür Verständnis, er arbeitet als Disponent bei einer anderen Spedition in Eschweiler. "Wir führen praktisch eine Wochenendbeziehung, aber wir kommen gut damit klar. Und es gibt nur ganz selten Tage, an denen ich meinen Beruf nicht mag."

Fahrzeugschein

Hersteller: MAN (Salzgitter)
Motorwagen: TGX 18.400 (4x2) Euro 5 Standardsattelzugmaschine mit
Automatikgetriebe und Vollverkleidung
Auflieger: Dreiachsiger luftgefederter Tiefkühlauflieger Typ SKO 24 / L-13.4 FP 60 Cool mit Liftachse von Schmitz Cargobull, Stellfläche für insgesamt 33 Europaletten (66 bei Doppelstockverladung) und Kühlaggregat SLX 200 von Thermo King
Zulässiges Gesamtgewicht des Zuges: 40 Tonnen
Leergewicht Zugmaschine:
7.100–7.625 kg
Leergewicht Auflieger: 7.960 kg
Gesamtlänge des Zugs: 13,60 m

Fahrerkarte

Name: Sabrina Neumann
Alter: 22
Wohnort: Eschweiler
Familienstand: ledig
Fahrer seit: 2009
Arbeitgeber: Kraftverkehr Nagel, Eschweiler
Kilometerleistung: ca.130.000 km/Jahr

Autor

Foto

© Jan Bergrath

Datum

5. Juni 2013
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Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Arbeitsrecht
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