Feinstaub Straßenreinigung 14 Bilder Zoom
Foto: Mario P. Rodrigues

Stuttgart

Reinigungsprojekt gegen Feinstaub

Stuttgart hat ein Feinstaub-Problem. Regelmäßig überschreiten Messpunkte in der Innenstadt die gesetzlichen Grenzwerte. Was liegt da im Herzen Schwabens näher, als den Kehrwisch auszupacken?

Die Schwaben und ihre Kehrwoche – das ist eine traditionsreiche Liebe, die dem Rest Deutschlands oft seltsam erscheint. Als würden die Anwohner mit ihren Hausschuhen zum Bäcker spazieren wollen, um anschließend im Treppenhaus zu frühstücken, werden Haus und Hof wöchentlich herausgeputzt. Widersetzt sich ein Bewohner dem allgemeinen Reinemachen, wird er schnell geächtet. Ausgerechnet in der Landeshauptstadt aber ist es der Region Baden-Württemberg dennoch nicht sauber genug. Im Zug eines Feldversuchs zur Feinstaubbekämpfung setzte die Prüforganisation Dekra daher in Kooperation mit den Straßenreinigungsprofis von Faun, Kärcher und Reuther sowie dem städtischen Eigenbetrieb Abfallwirtschaft Stuttgart (AWS) rund um das besonders belastete Neckartor, das mit seinen Rekord-Messwerten deutschlandweit traurige Berühmtheit erlangt hat, auf einen kürzeren Zyklus.

Gut fünf Wochen lang waren Mensch und Maschine im Einsatz, reinigten die Straßen von Sonntag bis Freitag in der Nacht von 22 bis 5 Uhr. Die Idee hinter der aufwendigen Aktion klingt einleuchtend: Mit den Reinigungsfahrzeugen soll die berüchtigte Strecke, deren Messstation allein seit dem 27. Oktober 2016 schon an über 70 Tagen teils enorme Überschreitungen des Feinstaub-Grenzwerts von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft registriert hat, gereinigt und grobe Partikel entfernt werden, bevor sie überhaupt zu Feinstaub zerrieben werden.

Nur sechs Prozent des Feinstaubs entstehen durch Abgas-Emissionen

Warum Dekra Automotive-Vorstand Clemens Klinke dabei hauptsächlich an den Dreck auf der Straße und nicht an die Abgase denkt, liegt für ihn auf der Hand: "Untersuchungen belegen, dass nur sechs Prozent des Feinstaubs durch Abgas-Emissionen vor Ort entstehen, aber 31 Prozent durch den Abrieb von Reifen und Bremsen sowie durch Aufwirbelung." Grund genug, den konkreten Ergebnissen, die bis Redaktionsschluss noch nicht vorlagen, freudig entgegenzuschauen? Dekra-Immissionsexperte Jürgen Bachmann verrät nur so viel: "Wir sind guter Dinge!" Kein Wunder, denn vergleicht man die Werte der umgebenden Stationen mit den Messungen am Neckartor, lässt sich schon jetzt absehen, dass sie deutlich näher aneinanderrücken.

Die genaue Analyse aber übernehmen die Experten der Dekra in Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) erst im Nachgang des Versuchs, der auf Bitten der Stadt um eine Woche bis in die Nacht des 6. Aprils verlängert wurde. Für Jürgen Bachmann nicht unerheblich ist auch die Zusammensetzung des Feinstaubs: "Neben der Messung der Konzentration wollen wir die Feinstaubbelastung auch auf Inhaltsstoffe untersuchen. Wir bestimmen die Staubinhaltsstoffe wie Gummi, Bremsenabrieb und Schwermetalle. So gewinnen wir Erkenntnisse darüber, welcher Anteil der Partikel aus welchen Quellen stammt."

Feinstaub durch Fahrbahnreinigung bekämpfen

Einer der entscheidenden Faktoren für das Gelingen des Versuchs ist am frühen Abend schon fleißig bei der Arbeit: Hanno Steudten ist der richtige Mann für diesen Job, kann auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Seit gut neun Jahren fährt er große Lkw schon mächtig langsam. Von Beginn des Versuchs an war er im Auftrag seines Unternehmens Faun Umwelttechnik in der baden-württembergischen Landeshauptstadt unterwegs. Bevor er mit seiner imposanten Kehrmaschine auf Mercedes-Arocs-Basis in die Stuttgarter Nacht startet, füllt er satte 2.500 Liter in den hinter der Fahrerkabine stehenden Wassertank seines Faun Viajet 8 und säubert die mit 150 bar arbeitenden Düsen am Heck seines Geräts.

"Normalerweise bin ich im Baustellenbetrieb unterwegs", sagt Steudten, während er sich dem Wasserfilter widmet. "Ich reinige die Fahrbahn, nachdem der Asphalt abgefräst wurde. Zuerst kehren die Besen in der Mitte den groben Schmutz unter den Lkw, dann wird er abgesaugt und hinten die Fahrbahn mit Hochdruck bewässert. Das schmutzige Wasser wird dann direkt in den liegenden Tank gesogen." Für seinen Einsatz im Dienste der Feinstaub-Bekämpfung lässt der Kehrmaschinen-Profi die Besen und die mittlere Ansaugung aber ruhen. Der Staub soll nicht aufgewirbelt, sondern mittels extra für die Stuttgarter Straßen installierter Nebeldüsen, die um den Lkw verteilt sind, behutsam angefeuchtet werden.

Autofahrer nehmen wenig Rücksicht auf Straßenreinigungsprofis

Punkt 22 Uhr startet Steudten in seine erste Runde. Er entert den Fahrersitz, der wie in Kehrmaschinen üblich auf der rechten Seite montiert ist, um die Randsteine besser im Blick zu haben. Auf dem Weg zum Neckartor ist noch Zeit für ein paar grundlegende Informationen: Die Maschinen von Faun und Reuther wechseln sich von Nacht zu Nacht ab, jeden zweiten Einsatz begleitet sie die schmale Kommunalkehrmaschine MC50 von Kärcher, die zusätzlich zur Fahrbahn auch die verschmutzten Gehwege in Angriff nimmt. Neben dem Sicherungs-Lkw ist auch ein Fahrzeug der Firma Oberheiden im Einsatz. Im Windschatten des Faun Viajet 8 reinigt es versetzt, aber überlappend die mittlere Spur gen Schwanentunnel.

Mit sechs Kilometern pro Stunde rollen die Saubermacher auf der Bundesstraße dahin, Steudten aber ist alles andere als entspannt. Hochkonzentriert steuert er seine Maschine die Straße entlang, hat den Rückspiegel immer im Blick. Zu den hohen Bordsteinen lässt der Profi circa 10 bis 15 Zentimeter Abstand, zu groß wäre sonst die Gefahr, die empfindliche Ansaugvorrichtung in einer Kurve zu beschädigen. Während des gemächlichen Dahinrollens überholen stark beschleunigende Autofahrer immer wieder die Straßenreinigungsprofis, die Feinstaub-Problematik nehmen sie offenbar kaum ernst. Steudten aber kümmert das nicht, er ist mit der Füllstandsanzeige seines Wassertanks beschäftigt. Nach 25 Minuten leuchtet diese rot auf – der Tank ist leer und die Strecke geschafft. Er fährt seinen Arocs zurück zur Abfallwirtschaft, lässt das schmutzige Wasser ab und nimmt frisches wieder auf.

Feldversuch scheint Wirkung zu zeigen

Fast eine Stunde dauert die Zwangspause, doch mit Dekra-Immissionsexperte Jürgen Bachmann vergeht sie wie im Fluge. So viele Fragen sind noch offen: Warum wechseln sich die Fahrzeuge von Faun und Reuther Nacht für Nacht ab? Wieso scheint der Feldversuch Wirkung zu zeigen, wo die Universität in Kooperation mit der Stadt im Jahre 2007 bei einer ähnlichen Aktion doch keinen messbaren Erfolg vorweisen konnte? Und wen kostet die aufwendige Reinigung eigentlich was? Bachmann ist geduldig, gibt ausführlich Auskunft: Während das Fahrzeug von Reuther, das sonst beispielsweise zur Säuberung von Landebahnen zum Einsatz kommt, die Fahrbahn wirklich porentief reinigt, kann der Faun Viajet 8 die Straße in ihrem sauberen Zustand halten. Er ist der zuverlässige Stabilisator, der Reuther der kraftvolle Reiniger.

Während des Jahre zurückliegenden Feldversuchs wiederum wurde mehr auf das Kehren gesetzt, weniger Strecke gemacht und mit weniger Wasserdruck gearbeitet, der saubere Zustand der Straße konnte zudem nur vergleichsweise kurz aufrechterhalten werden. Die Kosten der fünfwöchigen Feldtestphase beziffert der Dekra Experte auf rund 120.000 Euro – jeder Kooperationspartner habe seine Ausgaben dabei selbst getragen. Der finanzielle Aufwand der städtischen Abfallwirtschaft lässt sich für ihn nicht beziffern. Wird das Projekt dauerhaft betrieben, dürfte es mit 6.000 Euro pro Woche zu Buche schlagen. Doch mit Zukunftsaussichten gibt sich Bachmann zurückhaltend: "Warten wir erst einmal die wissenschaftlich fundierten Ergebnisse ab." Dann wird sich zeigen, ob aus der traditionellen schwäbischen Kehrwoche zumindest auf Stuttgarts Hauptverkehrsadern in Zukunft Kehrnächte werden.

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Kostenlos herunterladen Faun Viajet 8 auf Mercedes Arocs 1845 (PDF)

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Datum

4. Mai 2017
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