Sisu Polar Rock 625, Fahrzeuge, Nappi 12 Bilder Zoom
Foto: Owimedia

Sisu Polar Rock 625

Ausdauernd und zäh

Der finnische Traditionshersteller Sisu hat die schwere Lkw-Baureihe Polar mit Mercedes-Komponenten auf Euro-6-Norm getrimmt. Der Fünfachser ist mit 625 PS fit für stattliche 76 Tonnen Lastzuggewicht. Wir sind den nordischen Schwerarbeiter gefahren.

Sisu – der eigentlich unübersetzbare Begriff aus dem finnischen Wortschatz – steht für die Kernqualitäten der Nordmänner: zäh, ­unnachgiebig, ausdauernd und beharrlich. Seit 84 Jahren rollen Sisu-Lkw im Land der tausend Seen. Jüngstes Produkt der trotz zahlreicher ­Besitzerwechsel unnachgiebig und ausdauernd fertigenden Finnen ist das schwere Modell Polar. Dabei bedienen sich die finnischen Sisu-Werker heute zahlreicher Mercedes-Komponenten, vom Arocs-Kabinen-Rohbau über das neue ­Euro-6-Triebwerk bis hin zum automatisierten Powershift-Getriebe, das wahlweise neben ­rustikalen Fuller-Schaltboxen zur Wahl steht.

Wobei eine extrem breite Auswahl wohl zu den größten Trümpfen des nordischen Truck-Herstellers zählt. Wer die Produktion bei Oy ­Sisu Auto Ab in Raseborg besucht, ist überrascht, was alles in der kompakten Fertigungshalle entsteht. Klassische Serienfertigung sucht man hier vergebens. Wie aus einem riesigen Bauteilepuzzle werden hier fast alle Fahrzeuge individuell nach Kundenwunsch mit unterschiedlichsten Komponenten konfiguriert. Am Ende verlässt ein maßgeschneiderter Lkw die Produktions­halle, um auf dem angrenzenden Testgelände seine erste Bewährungsprobe zu bestehen.

Der hohe Grad an individualisierter Zusammenstellung erlaubt entsprechend spezielle Fahrzeuge wie den von uns gefahrenen fünfachsigen Kipper, der zusammen mit einem vierachsigen Trailer in Finnland stattliche 76 Tonnen – auf insgesamt 30 Räder und neun Achsen verteilt – über finnische Straßen befördert.

Auch 100-Tonner sind in Finnland anzutreffen

Damit ist in Finnland das Gewichtsmaximum freilich noch nicht erreicht. Während deutsche Verkehrsbedenkenträger schon vor 44 Tonnen Zuggewicht zurückschrecken, rollen in Finnland auf ausgewählten Strecken bis zu zwölfachsige Lastzüge mit 31 Meter Gesamtlänge und 102 Tonnen. 80-Tonner laufen von den ­Häfen Helsinki und Kotka auf fünf ausgewählten ­Routen in Städte im Norden und Osten des Landes. Diese Lastzugkombinationen können auf ­einen Schwung zwei 40-Fuß-Container oder vier 20-Fuß-Container befördern.

Unser Kiesabsetztransporter aus der "Sisu Rock"- Produktreihe – es gibt tatsächlich auch eine "Sisu Roll"-Baureihe –  hält sich mit 76 Tonnen dagegen an die überall in Finnland gängigen Höchstgewichte. Mit dem vierachsigen Abroller-Anhänger im Schlepp kommt der Sisu Rock auf knapp 22 Meter Länge und lässt sich auf dem eisglatten Geläuf während des finnischen Spätwinters trotzdem erstaunlich einfach manövrieren.

Dazu trägt wesentlich die Achskonfigura­tion des Sisu Polar bei. Von den fünf Achsen sind zwei angetrieben und drei gelenkt. Während die erste Lenkachse mit 30 Grad Lenkeinschlag arbeitet, folgt die mit 2,5 Meter Radstand weit nach hinten und fast bis zur Fahrzeugmitte versetzte zweite Lenkachse dem Weg mit maximal 16 Grad Einschlag. Am Heckende steuert die luftgefederte Lenkachse mit 13 Grad gegenläufig mit. Damit erreicht der fast zehn Meter lange Sisu-Motorwagen einen sensationell kleinen Wenderadius von 12,5 Metern, dem der langgekuppelte Kome-Trailer mit seinem zweiachsigen Lenkdolly willig über die Eispisten folgt.

Angenehme Lenkung kommt ohne rohe Kräfte aus

Bei Leerfahrt lassen sich die zweite und die Nachlauflenkachse liften, was die Fahrwiderstände weiter senkt oder als kurzzeitige Trak­tionshilfe willkommen sein kann. Die elek­trohydraulische Servotwin-Lenkanlage tut ein Übriges, um die Rangierfahrt im Sisu-Schwergewicht fast zum Kinderspiel werden zu lassen. Mit Hilfe der zusätzlichen Lenkhilfskraftunterstützung lässt sich das Volant spielerisch bedienen, die Lenkkorrekturen während der Fahrt werden deutlich minimiert. Wie viel eine präzise Lenkanlage Wert ist, weiß jeder Nordland-Fahrer zu schätzen, der je einem entgegenkommenden Schneepflug oder Langholztransporter auf den engen Überlandstraßen ausweichen musste.

Freilich bleibt Handarbeit beim Be- oder Umladen nicht außen vor. Um den knapp 20 Kubikmeter fassenden Hardox-Absetzcontainer über die verschiebbare Laufschiene vom Trailer in den abgasbeheizten Sisu-Aufbau umzusetzen, muss die mit knapp fünf Meter ausgesprochen lange, aber dafür umso rangierfreudigere Deichsel getrennt werden, was bei Temperaturen unter minus 30 Grad weder angenehm, noch verhältnismäßig leicht vonstattengeht.

Die Rückkehr in die von Sisu erfolgreich auf das eigene Firmengesicht umgetrimmte Arocs-Kabine wärmt dann nicht nur den Körper, sondern auch die Sinne. Das aus dem Mercedes vertraute Cockpit-Layout haben die Finnen mit Sisu-Polar-Emblemen veredelt. Luxuriöse ­Ex­tras wie Ledersitze im Sisu-Design unterstreichen den Stolz des finnischen Kleinserienherstellers und seiner Kunden.

Auch ansonsten kann man den Wechsel von der früher verwendeten Renault Kerax-­Kabine auf das Arocs-Haus nur gutheißen. Das Platz­angebot fällt in der 2,3-Meter-Variante der Mercedes-Kabine mehr als zufriedenstellend aus. Ergonomie und Übersichtlichkeit sind auf Mercedes-Niveau. Die für den Skandinavien-Einsatz notwendigen Adaptionen wie der neben dem Fahrersitz montierte Streckbremshebel wirken in der fast perfekten Cockpitwelt indes etwas ungeschlacht.

Beharrlicher Motor aus dem Daimler-Regal

Über jeden Zweifel erhaben ist dagegen der Euro-6-Antrieb des Sisu Polar. Unter der hoch liegenden Kabine kommt bei dem Absetzer-Zug die stärkste Version des 15,6 Liter großen Reihensechszylinders OM 473 zum Einsatz. Seine 625 PS nehmen auch auf den langgezogenen Steigungen der finnischen Landstraße den 76 Tonnen Gesamtgewicht ihren Schrecken. Zäh, ausdauernd und beharrlich – eben ganz Sisu – zieht der grummelnde Sechszylinder die schwere Last den Berg hoch.

Das Powershift-Getriebe sortiert die 16 Gänge schnell und passend. Gut so, denn eine zu lange Zugkraftunterbrechung bestraft das hohe Zuggewicht mit radikalem Tempoverlust. Neueinsteigern ist deshalb die automatisierte Schaltung wärmstens empfohlen. Alte Hasen und da gibt es unter den finnischen Fahrern erstaunlich versierte Vertreter, schwören auf das unsynchronisierte Eaton Fuller-Getriebe mit seinen laut ­Sisu "unglaublichen Schaltgewindigkeiten", das beim Polar als Option auf der Orderliste steht.

Mit 16 Fahrstufen plus zwei Crawlern des legendären Fuller benötigt man die Kupplung nur zum Anfahren, der Rest der Gangwechsel ist Routine, Tempo und Gefühlssache. Die un­kaputtbare Fuller-Box war beim Vorgänger des Polar-Topmodells, dem Sisu mit Renault-Haus und 630-PS-Triebwerk von Caterpillar, noch das einzige Getriebe, das sich mit dem Drehmoment des US-Triebwerks vertrug. Mit den kraftvoll von unten heraus durchziehenden 3.000 Newtonmetern des Mercedes-Motors kommen ­heute Fuller wie auch Powershift zurande.

Motorbremse mit 646 PS

Auch talwärts vertrauen die Finnen der mittlerweile vier Jahre dauernden Verbindung von Mercedes und Sisu. Die High-Performance-Motorbremse liefert mit bis zu 646 Brems-PS kaum Gründe, um auf die Dienste der Betriebsbremsanlage zurückzugreifen. Diese ist ganz im Stil der Finnen eine Mischung aus scheibengebremster Vorderachse und Trommelbremsen an den beiden weiteren Lenkachsen und am doppelt untersetzten Antriebsachstandem. Einen Mix sieht das Sisu-Chassiskonzept auch bei den Radaufhängungen vor. Die schwere Neun-Tonnen-Lenkachse vorne stützt sich ebenso wie das Doppelantriebsaggregat über solide Vierblatt-Federpakete gegen den Rahmen ab. Die zweite Lenkachse und der Lenkachsnachläufer arbeiten mit liftbaren Luftfederbälgen.

Trotz der rustikalen Federungscharakteristik bietet der Sisu Polar erstaunlich guten Fahrkomfort. Auch hier ist der zähe Finne in der Produktentwicklung einen wichtigen Schritt weitergegangen. So präsentiert sich der neue Sisu Polar für ein Fahrzeug aus Kleinserienherstellung als überraschend ausgereift und praxis­tauglich. Auf deutschen Straßen dürfte der Polar freilich mangels Nachfrage nach entsprechend hohen Nutzlasten ein Exot bleiben. Chancen auf dem europäischen Festland hat der Finne dagegen eher bei einem Völkchen, das den manchmal eigensinnigen Finnen gar nicht so fremd scheint. In der Schweiz werden immer wieder ein paar ­Sisu ausgeliefert. Zäh, beharrlich und unnachgiebig verrichten die finnischen Exilarbeiter dort ihren Dienst. Solo-Fünfachser dürfen dort nämlich 40 Tonnen tragen und gewinnen damit die Herzen vieler eidgenössischer Fuhrunternehmer.

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Datum

14. Juli 2015
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