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Setra S 519 HD 11 Bilder Zoom
Foto: Jacek Bilski

Setra S 519 HD: Setras langer Kapazitäts-König

Der Setra S 519 HD krönt die Comfort-Class mit einem der seltenen 15-Meter-Wagen. Wir testen, was der Bus außer Kapazität noch alles kann.

Lange Jahre galt in Deutschland die Zwölf-Meter-Klasse für Reisebusse als so etwas wie das Urmeter der Branche. 50 Plätze, rund sieben Kubikmeter Kofferraum und gute Wendigkeit – passt! Allerdings gilt das nicht für jeden Einsatzzweck und Kundenwunsch. Ergebnis der Bedürfnislage war nicht zuletzt der legendäre, vierachsige Doppeldecker Neoplan Megaliner, der mit 15 Meter Länge ab 1991 mit Ausnahmegenehmigung auch in Deutschland fahren durfte; ab 1993 dann ganz offiziell. Die Marke aus Stuttgart-Möhringen leistete beharrliche Lobbyarbeit, von der am Ende alle anderen Hersteller profitierten. Schon 1997 münzte Konkurrent Setra den Erfolg von Neoplan in einen für die eigene Marke um, in dem man mit dem S 319 UL den "weltweit ersten 15-Meter-Omnibus" als Solowagen vorstellte.

Setra heimst Preis für höchste Kapazität bei Eindeckern ein

Kurz darauf folgte der Reisewagen S 319 GT-HD. Heute ist immer noch die 2001 mit der 400er-Baureihe gestartete UL-Variante im Programm. Nur der Reisewagen S 519 HD darf sich in der 15-Meter-Klasse mit den Insignien der 500er-Baureihe schmücken. So heimst der S 519 HD denn auch im 20. Jubiläumsjahr der 15-Meter-Busse bei Setra den Preis für die höchste Kapazität bei Eindeckern ein. Mit bis zu 71 Sitzen bietet er noch zwei Plätze mehr als sein niedriger gebauter und positionierter UL-Bruder aus der 400er-Serie. Ganz zu schweigen vom Kofferraumvolumen, das mit maximal 13,6 Kubikmetern oder 235 Litern pro Person fast doppelt so groß ist und fast schon Top-Class Niveau hat. Das gilt jedoch nur, wenn der Kunde den seit Kurzem verfügbaren optionalen und preisneutralen Heckeinstieg ordert. Der passt aufgrund des einen halben Meter längeren Überhangs gerade so ins Busheck. Das kann kein anderer Dreiachser von Setra bieten.

Mit diesen Werten pirscht sich der lange Lulatsch schon an die Kapazität des Doppeldeckers S 431 DT heran, der im Serientrimm 78, maximal aber bis zu 93 Passagiere befördern kann. Das allerdings mit einem eher kleinen Kofferraum von rund neun Kubikmetern oder 110 Liter pro Person. Preislich liegt der S 519 HD zwar über der Dreiachser-Schmerzgrenze von 400.000 Euro, aber noch rund 50.000 Euro unter dem Doppeldecker. Dieser Preisvorteil schmilzt allerdings großteils dahin, wenn man den im Solowagen für die Fernlinie – einer der Business-Cases für den Wagen – nötigen Hublift hinter der Vorderachse mit 30.000 Euro einrechnet.

Wagen lässt sich trotz der Länge unbeschwert durch Verkehr zirkeln

Äußerlich unterscheidet den Kapazitätskönig außer dem längsten Überhang und den längsten Radständen der Comfort-Class wenig von seinen kurzen Brüdern. Im eleganten und aerodynamisch optimierten Bug leuchten aufpreispflichtige LED-Scheinwerfer taghell. Sie bleiben auch mittelfristig den Reisebussen der Premium-Marke vorbehalten. Durch das Comfort-Class-Design mit den optisch hochwertigen Abschwüngen in Heck und Front wirkt der Wagen bei Weitem nicht so lang, wie er es auf dem Papier ist.

Aber Design kann die Physik nicht austricksen. Trotz der elektrohydraulisch gelenkten Nachlaufachse fällt der Wendekreis mit 23,6 Metern 30 Zentimeter größer aus als der des beliebten 13-Meter-Zweiachsers S 516 HD/2 und ganze 60 Zentimeter größer als der des aktuellen Doppeldeckers. Das flößt zunächst Ehrfurcht ein. Der Wendekreis wirkt sich aber in der Praxis weniger aus als vermutet. Ein guter Tag Eingewöhnung und erhöhte Aufmerksamkeit an T-Stücken und in Kreisverkehren sind vonnöten, aber grundsätzlich lässt sich der Wagen unbeschwert durch den Verkehr zirkeln. Unterstützt wird der Fahrer dabei durch die präzise Lenkung, die durch das recht hohe Fahrzeuggewicht von rund 16 Tonnen eine zupackende Hand erfordert, aber nie schwergängig wirkt. Auch das Fahrwerk ist komfortabel. Nichts klappert oder rappelt, obwohl sich Setra beharrlich der Verwendung von wenigstens mechanisch-adaptiven Dämpfern verweigert, auf die nun nach Neoplan und Van Hool auch Volvo und MAN ihre Reisewagen umstellen.

CO2-Wert sinkt bei Maximalbestuhlung is zur Zehn-Gramm-Grenze

Negativ fällt Setras Verzicht jedoch nicht ins Gewicht; der schwere Wagen läuft stoisch geradeaus und verkneift sich jede Nervosität. Zu dieser Unaufgeregtheit gesellen sich traumhafte Geräuschwerte von kaum mehr als 60 dB(A). Das begründet sich nicht zuletzt darin, dass der bärige OM 471 des Testwagens weit hinten seiner Arbeit nachgeht und 476 PS sowie stämmige 2.300 Newtonmeter auf die Kurbelwelle wuchtet. Serie ist jedoch der zwei Liter kleinere OM 470 mit maximal 428 PS. Dank der letzten Effizienz-Kur für Motor und Antrieb und auch dank des vorausschauenden Tempomaten PPC schafft es der S 519 HD, auf der Teststrecke bei guten Fahrleistungen unter 30 Liter Gesamtverbrauch zu bleiben. Eine Leistung, die sonst kaum ein Dreiachser vollbringt. So schafft es der Mannheimer Big Block – der auch langfristig wohl den Setra-Reisebussen vorbehalten bleiben wird – den wichtigen CO2-Wert pro Personenkilometer voll ausgelastet bei Maximalbestuhlung bis hinunter zur magischen Zehn-Gramm-Grenze zu drücken.

Beim Testwagen, der mit 58 gemütlichen Setra-Voyage-plus-Sitzen mit verstellbaren Kopfstützen ausgestattet ist, sind es immerhin noch sehr gute 13,2 Gramm CO2 pro Personenkilometer bei voller Auslastung. Zudem könnte sehr schnell eine neue Leistungsstufe des kleineren OM 470 mit 456 PS und 2.200 Newtonmetern in diesem Segment relevant werden. Interessant wäre sie vor allem fürs Flachland und für Fahrzeuge ohne maximal mögliche Bestuhlung. Dass noch weiteres Potenzial im ebenfalls optimierten OM 470 steckt, hat der Test des Zwölf-Meter-Wagens (lastauto omnibus 7/2013) bewiesen. Dort glänzte ein solches Fahrzeug mit einem Rekord-Verbrauch von 25,4 Litern.

Glanz und Eleganz im Innenraum

Glanz und Eleganz verstrahlt auch der Innenraum des langen Wagens. Er ist edel in warmen Farbtönen ("Vincent Mokka") mit knackig türkisfarbenem Kontrast eingerichtet. Für viel Licht sorgen die zwei in Glas ausgeführten Dachluken, die sich im Heck sogar zum Glasdach erweitern lassen, das dann bis hin zur Klimaanlage in Fahrzeugmitte reicht. Den Blick auf die serienmäßig mit feinem Stoff bespannte Mitteldecke stören nur die billig anmutenden, weißen Plastikabdeckungen der Leuchten an den Befestigungsstäben der offenen Gepäckablagen. Die passen nicht zum edlen Innenraum, der als einer der wenigen Reisebus-Lounges sogar eine elektrische Brüstungstemperierung bietet. Neu im Angebot ist ebenso die besonders geräumige Toilette mit Notrufknopf, die jetzt auch wieder in Kombination mit Zusatzkühlschrank im Gang geordert, jedoch nicht überbaut werden kann. Drei 19-Zoll-Monitore bespielen den Innenraum, HD-Auflösung ist aber immer noch nicht zu haben. Bosch Media-Router und USB-Ladebuchsen – hier praktisch zwischen den Sitzen montiert – sind ebenfalls an Bord, etwa um die Tablet-PCs der Passagiere zu versorgen.

Das Cockpit ist und bleibt Benchmark für den Reisebus – zusammen mit dem der Top-Class. Außer einem Head-up-Display fehlt diesem Kommandostand nichts. Die Sicht ist nicht zuletzt dank der neuen LED-Scheinwerfer perfekt. Ergonomie und Sitzposition mit dem neuen Isri NTS2 sind ebenso makellos. Wer auf den zweiten Begleitersitz verzichten kann, ordert stattdessen einen schicken Schrank neben der Tür, der im Testwagen einen Defibrillator beherbergte – keine schlechte Idee! Wenn der Kapa-König vom Schlage S 519 HD auch eher von bodenständiger als hochdynamischen Natur ist, er lässt nicht nur das Fahrerherz höherschlagen.

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Datum

4. Mai 2017
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