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Volvo, FH16, Scania, R730, Vergleichstest 19 Bilder Zoom

Vergleichstest: Scania R 730 gegen Volvo FH 16-700

Vergleichstest: Die beiden derzeit stärksten Serien-Lkw der Welt treten zum Kräftemessen an. Ein spannendes Rennen mit erstaunlichen Ergebnissen. Den Unterschied machen schlussendlich Getriebe und Verbrauch.

Auf den ersten Blick lassen die Eckdaten der Motoren vermuten, dass der stärkste Volvo wenig Chancen gegen den Scania R  730 hat. 730 gegen 700 PS und – mehr noch – 3.500 Newtonmeter (Nm) Drehmoment gegen 3.150. Doch Volvo-Ingenieur Jeff Bird rechnet sich durchaus Chancen aus. Zum einen liefert der große Sechszylinder (16,1 Liter Hubraum) des FH 16 im mittleren Drehzahlbereich etwas mehr Leistung als der nochmals größere Achtzylinder (16,4 Liter) im Scania. „Und zum anderen setzten wir auf unser I-Shift-Getriebe“, erklärt Jeff Bird, „ Schon die ersten Steigungen zeigen, was Jeff Bird gemeint hat. Da, wo der Scania beim Schalten in Steigungen drei bis vier km/h verliert, da bleibt die Tachonadel des Volvo dank extrem schneller I-Shift-Schaltung wie festgenagelt stehen. Stürmen dann beide im elften Gang mit mittlerer Drehzahl eine fünfprozentige Steigung hoch, dann ist der Volvo sogar etwas schneller – trotz geringerer Nennleistung. Tatsächlich ist es so, dass der Volvo bei 1.550/min (gleich 85 km/h im elften Gang) schon 700 PS, der etwas länger übersetzte Scania unter gleichen Bedingungen bis zu 30 PS weniger liefert.

Mit Blick auf die Fahrleistungen der beiden Schweden stellte sich schon lange vor dem Vergleich die Frage, wo sich Unterschiede herausfahren lassen – auf der normalen Testrunde jedenfalls kaum. Denn sämtliche Steigungen auf dieser Strecke vernaschen die beiden mit 85 km/h. Auf der Suche nach wirklichen Herausforderungen ging es schließlich in die Eifel rund um den Nürburgring. Bis zu 13 Prozent Steigung auf den Bundesstraßen B 412 und B 258 verlangen hier auch den starken Schweden einiges ab. Zwei Mal wird der Parcours befahren, einmal im normalen Automatikmodus (also ohne Kickdown oder Power-Funktion), einmal manuell und auf Tempo getrimmt. Dabei zeigt sich, dass der Scania wie erwartet jeweils etwas schneller vorankommt, sich dafür aber auch mehr Diesel genehmigt. Interessant ist aber, dass die Schere im sparsamen Automatikmodus weiter auseinanderklafft als bei verschärftem Tempo: Der Scania V8 reagiert also unempfindlicher auf höhere Drehzahlen als der große Reihensechszylinder aus Göteborg.

Schiere Faszination vermitteln beide Triebwerke. Dabei bleibt der etwas sparsamere FH 16 – auf der gesamten Teststrecke verbraucht der Volvo im Mittel 0,4 Liter Diesel und 0,3 Liter Adblue weniger – dem Scania am Berg meist dicht auf den Fersen. Und manchmal ist er sogar einen Hauch schneller. Fahren beide mit niedrigen Drehzahlen, dann ist der Scania allerdings deutlich stärker. Bei 1.300 U/min ergeben sich 650 PS für den Scania und nur knapp 590 für den Volvo.

An diesem Umstand kann auch I-Shift nichts ändern. Doch immerhin geht ein Teil des günstigeren Verbrauchs auf das Konto dieses Getriebes, das im Schubbetrieb die Kupplung öffnet und mit einem kleinen Trick sogar noch versucht, den einen oder anderen Tropfen Diesel zu sparen. Und zwar folgendermaßen: Bei Tempomat 85 lässt I-Roll das Tempo auf 83 bis 82 km/h sinken. Zum einen in der Hoffnung, dass sich die Straße wieder ein wenig neigt, und zum anderen mit dem Wissen, dass es mit Blick auf den Dieselverbrauch billiger ist, kurz mit Vollgas wieder auf 85 km/h zu beschleunigen, statt auf einer längeren Strecke Tempo 85 mit Teillast zu halten. Schade nur, dass der Volvo beim kurzen Beschleunigen über das Ziel (bis auf 87 km/h) hinausschießt und die eingesparten Dieseltropfen wieder verfeuert. Der R 730 hält sich dagegen strikt ans vorgegebene Marschtempo. Überhaupt überzeugt der Scania mit seinem äußerst exakt arbeitenden Tempomaten. Auch die eingestellte Bremsgeschwindigkeit überschreitet er so gut wie nie. Dabei erweist sich der eingebaute Retarder als nützlicher Helfer, der – stufenlos – genau so viel Bremskraft einsteuert, wie es das Gefälle verlangt. Die Volvo-Motorbremse arbeitet da nicht ganz so feinfühlig. Die Bremsleistung aber überzeugt. 580 PS (oder 425 kW) liefert die Volvo Engine Brake in ihrer stärksten Ausführung. Die automatisierten Getriebe in beiden Lkw verrichten einwandfreie Dienste, bei Schaltgeschwindigkeit und -komfort gehen die Punkte aber nach wie vor nach Göteborg. Mit dem Multifunktionslenkrad, inklusive einfach bedienbarer Tasten für Tempomat, Bremstempomat und Trip-Daten im Bordcomputer setzt aber der Scania ein weiteres Ausrufezeichen.

Relativer Gleichstand herrscht rund um das Fahrerhaus. Große Außenstaufächer, bequemer Einstieg, sicherer Frontaufstieg und solide Blindstecker an der Rückwand geraten beiden zur Ehre. Beim Lenkrad-Verstellbereich liegen die Schweden im Wettbewerbsvergleich ebenfalls an der Spitze, mit Scania als klarer Nummer eins: Steiler lässt sich das Steuer nirgendwo sonst stellen. Die Auslösung des Verstellmechanismus mit dem Pedal für den linken Fuß ist im Volvo aber bequemer gelöst – wobei das sicher in die Rubrik Geschmackssache fällt. Ohne zusätzliche Kosten unterstreichen beide Schweden den besonderen Charakter mit einigen blitzenden Chromteilen außen und exklusivem Dekor innen. Das zumindest ist in den hohen Anschaffungspreisen von mindestens 120.000 Euro enthalten. Annehmlichkeiten wie Kühlschrank, Klimaautomatik, Sicherheitssysteme oder auch der drehbare Beifahrersitz im FH 16 kosten einige Scheine zusätzlich. Gemessen am Topline muss sich der Globetrotter XL bei den Innenmaßen mit dem zweiten Platz begnügen.

Einen Gesamtsieger bei diesem Vergleich zu küren wäre müßig. Wie zu vermuten ist der Scania in vielen Fällen marginal schneller unterwegs. Für Überraschung aber sorgte der – auf den ersten Blick – unterlegene Volvo. Er kann oft mithalten, ist manchmal sogar schneller und etwas sparsamer. Und: I-Shift erweist sich einmal mehr als beste Automatik. Also: Vorteil Volvo bei Verbrauch und Getriebe, Vorteil Scania bei Fahrleistung und Fahrerhaus

Autor

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

1. Dezember 2010
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