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Mercedes Travego Edition 1, Safety Coach 10 Bilder Video Zoom

Mercedes Travego Edition 1: Einser-Kandidat

Das Aushängeschild der Reisebusse mit Stern bildet die Vorhut für alle Busse des Konzerns nach Abgasstufe Euro 6. Verdient sich der Mercedes Travego Edition 1 auch die Note eins?

Die Farbkombination Schwarz und Gelb steht für die aktuelle Regierungskoalition, den mehrfachen deutschen Fußballmeister Borussia Dortmund und gilt in der Natur als Warnfarbe. Fährt ein entsprechend herausgeputzter Mercedes Travego vor, trumpft das Flaggschiff der Marke stets mit neuer Sicherheitstechnik auf. Diesmal stecken unter der Hülle mit der Warnbeklebung außerdem Motor und Getriebe für Euro 6.

Der Activ Brake Assist entdeckt den mit dem Auge kaum zu erkennenden Radfahrer

Die tief stehende blendende Wintersonne hält gleich eine Probe für den Active Brake Assist parat: Rechtzeitig entdeckt das System den mit bloßem Auge kaum zu erkennenden Radfahrer vorne auf der Landstraße, und warnt vor einer Kollision. Die Technik schaut genau hin, nennt selbst das Tempo des Radlers. Rupft später einmal an der Bremse, als der ­Travego auf ein langsameres Auto aufläuft. Ein Test auf stehende Hindernisse darf ausbleiben, man spielt auf öffentlichen Straßen nicht mit Autos.

Ein Eingriff des ABA erzieht selbst routinierte Fahrer: Die Gelb-Warnung geht ja noch, eine Rot-Warnung und das folgende automatische Bremsmanöver ist mit Fahrgästen im Nacken peinlich. Ebenso wie der Hinweis eines zweiten Aufpassers: Bis zum Ende des langen Testtags bleibt der neue Attention Assist ruhig, zeigt dem Fahrer nicht die Kaffeetasse als Hinweis für eine Pause wegen allzu lässiger Fahrweise. Travego und Sicherheit: Note eins, klare Sache.

Der Fahrerplatz ist geräumig mit einem klassischen Vierspeichen-Lederlenkrad

Aber Lässigkeit kommt im Travego ohnehin kaum auf, als echter Mercedes ist der Paradebus der Marke kein Fall für Unfug am Steuer. Das beginnt schon am Fahrerplatz: geräumig, mit einem klassischen Vierspeichen-Lederlenkrad und perfekt ablesbaren Instrumenten. Die Bedienung der Funktionen in den Lenkradtasten ist so einfach wie möglich und die Klaviatur im Cockpit ordentlich und verwechslungssicher in Vierergruppen aufgeräumt. Eine Kleinigkeit: Ausgerechnet die Türbedienung versteckt sich hinter dem Lenkradkranz. Bitte bei Gelegenheit mit den selten genutzten Tasten für die Dachklappen rechts tauschen, dann stimmt’s.

So fit das jüngst aktualisierte Cockpit auch wirkt, einige Details sind nicht mehr taufrisch. Zum Beispiel hat der neue Setra seinen Kollegen beim Thema Unterhaltungselektronik überholt. Die Fensterbrüstung ist etwas verbaut, die Staufächer in der Mittelkonsole sind klein und nur kompliziert zu öffnen. Vorbildlich sind die Außenspiegel mit großem Zusatz-Weitwinkelglas. Aber Vorsicht mit dem Sonnenrollo auf der Beifahrerseite, es kann die Gläser rechts verdecken. Lampenwechsel und Waschwasserkontrolle bereiten Mühe. Zugegeben, das ist Leiden auf sehr hohem Niveau. Note zwei für die Edition 1.

Das Triebwerk säuselt vibrationsfrei und fast unhörbar

Ganz ohne Leid geht es rund um den Antrieb zu. Das beginnt mit netten Spielereien um die neue Prozedur zum Anlassen der Maschine: elektronischen Schlüssel einschieben, Starterknopf drücken. Lustvoll beobachten, wie bei Zündung ein die Nadeln von Tacho und Drehzahlmesser kurz bis zum Anschlag hochschnellen. Ein zweiter Druck auf den Starterknopf weckt den Motor. Doch vom Triebwerk ist vorne nichts zu bemerken, es säuselt vibrationsfrei und fast unhörbar im Hintergrund.

Die Papierform des Diesels ist mit 350 kW (476 PS) Leistung und 2.300 Nm Drehmoment beachtlich, die Realität beeindruckend. Im Unterschied zum etwas kurzatmigen früheren V8 packt der Diesel mit festem Händedruck schon unter 1.000 Touren kräftig zu. Überzeugt im mittleren Drehzahlbereich mit deftiger Schubkraft, dreht bei Bedarf leichtfüßig bis zur Nenndrehzahl. Spielerisch geht die bärige Maschine mit dem gut 20 Tonnen schweren Bus um, hält sich mit turbinenartig hellem Klang dezent im Hintergrund. Der Klotz mit 12,8 Liter Hubraum türmt sich hoch ins Heck, verlangt nach einer kleinen Stufe im Fond und drückt aufs Gewicht – man findet ihn wohlweislich nur im Dreiachser. Und verdient die Note eins für die Edition 1.

Schnelle und extrem komfortable Gangwechsel

Verbunden ist das Triebwerk mit der neuesten Ausführung des Powershift-Getriebes. Es portioniert die Leistung mit acht Gängen passend, zumal Mercedes von Hause aus keine überlange Achsübersetzung wählt. Der Travego schnürt mit 1.280 Touren über die Autobahn, verträgt den höchsten Gang auch mit 80 Sachen auf schnellen Bundesstraßen. Hervorstechend sind die schnellen und extrem komfortablen Gangwechsel. Schaltungen zwischen den Gängen sieben und acht sind nur am Drehzahlmesser und an der Frequenz des Motorgeräuschs spürbar. In den unteren Stufen hilft sich die Technik beim Abwärtsschalten mit einem Schubs Zwischengas.

Im Unterschied zum Vorgänger ist auch die Bedienung per Lenkstockhebel sofort eingängig. Manuelle Eingriffe sind nur sehr selten notwendig. Überflüssig erscheint gar der mögliche Wechsel in den Power-Modus mit 200 Touren höheren Schaltdrehzahlen, derlei Aktionismus hat der Dicke im Heck nicht nötig. Aber die Kickdown-Stellung des Gaspedals könnte etwas stärker ausgeprägt sein: Auf stark welliger Piste rutscht der Fuß mitunter ungewollt von Vollgas über die Sperre in Kickdown. Trotzdem: Note eins für das Getriebe der Edition 1.

Trotz Winterreifen fuhr der Testwagen einen Rekordwert heraus

Zumal Motor und Getriebe so aufeinander abgestimmt sind, dass daraus ein außergewöhnlich niedriger Kraftstoffverbrauch resultiert. Besonders gut schnitt der Travego auf Etappen ab, auf denen er gefordert war. Trotz Winterreifen fuhr der Testwagen einen Rekordwert heraus: Noch nie erreichte ein Dreiachser auf der anspruchsvollen Teststrecke einen Schnitt von nur 30 Litern. Note eins, ganz klar.

Natürliche Heimat eines Dreiachser-Hochdeckers aber ist die Langstrecke. Hier zieht der Gelb-Schwarze souverän dahin, weitgehend frei von Windgeräuschen, mit leisem Motor und sehr ruhigem Fahrwerk. Auch abseits von Fernstraßen schlägt sich der überraschend handliche Travego tapfer. Sein Fahrwerk agiert hier ebenfalls verbindlich, auch wegen einer Nachlaufachse mit Einzelradaufhängung. Wer genau hinhört, vernimmt vorn mitunter leichte Poltergeräusche. Die Fußbremse verlangt einen festen Tritt, ist nicht ganz so perfekt dosierbar wie der kräftige, wenn auch hinten im Fahrgastraum nicht gerade leise Retarder. An ihm missfällt der etwas grobe und laute rastende Bedienhebel, das geht auch feinfühliger. Ergibt Note eins bis zwei.

Travego punktet mit sehr breiten Gepäckablage

Bleibt der Fahrgastraum, bei der aktuellen Entwicklungsstufe eine Konstante. Mit seiner Innenhöhe setzte der Ur-Travego einst Maßstäbe, andere haben aufgeholt. Die Sitze sind gut, aber die skulpturartigen Service-Sets ebenso in die Jahre gekommen wie die Deckengestaltung. Pluspunkte sammelt der Travego unverändert mit seinen zwar hoch angesiedelten und recht flachen, aber sehr breiten Gepäckablagen, sie schlucken den Testkoffer mühelos. Sehr angenehm ist die Geräuschkulisse. Die nominell eher mäßigen Werte täuschen, denn im Hintergrund sangen die Winterreifen ihr Lied. Macht unter dem Strich eine zwei bis drei für die Edition 1.

Insgesamt nimmt der Travego auch im reifen Alter von fast 14 Jahren eine Spitzenposition in seiner Klasse ein. Die neue Antriebs- und Sicherheitstechnik setzt Maßstäbe. Manche Reisebusse altern eben nicht – sie reifen. Nach G-Klasse, Vario und 100er-Unimog ist der Travego mittlerweile der älteste Mercedes im weitgespannten Programm. Die anderen munteren Senioren gelten längst als Kultfahrzeuge, der Travego ist auf dem besten Weg dorthin.

Meinung

Noch nie war er so wertvoll wie heute: Immer wieder setzt der unermüdliche Travego durch eine kontinuierliche Modellpflege neue Meilensteine. Die Kombination aus neuem Antriebsstrang und nochmals weiterentwickelter Sicherheitstechnik setzt wieder einmal Maßstäbe. Geboren als Sondermodell mit kleiner Auflage von 25 Exemplaren, firmiert die Edition 1 mit Euro 6 inzwischen als serienmäßige Top-Ausführung der Baureihe. Auch wenn es die Reisebusse der Luxusklasse zurzeit nicht ganz einfach haben: Man braucht Leuchttürme wie den Travego, der sich gleichzeitig im Rahmen seiner langen Bauzeit als grundsolider und verlässlicher Geschäftspartner bewährt hat.

Download
Kostenlos herunterladen Mercedes Travego Edition 1: Technische Daten (PDF)

Autor

Foto

Karl-Heinz Augustin

Datum

9. April 2013
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