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Foto: Daimler

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Vierachser für den Londoner Stadtverkehr

London hat strenge Sicherheitsregeln für Lkw aufgestellt. Um das sogenannte "Safer Lorry Scheme" zu erfüllen, setzt der Baukonzern FM Conway aus Dartford auf vierachsige Econic-Kipper von Mercedes-Benz.

Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen in der britischen Hauptstadt. Abhilfe sollen verschärfte Zulassungsregelungen für Lkw schaffen – zumindest auf Londoner Stadtgebiet. Vorgeschrieben sind mindestens Zusatzspiegel, die tote Winkel rund ums Fahrzeug minimieren sollen. Für den Straßenbauer Conway, der für die Londoner Verkehrsgesellschaft Transport for London arbeitet, genügt die Regelung "Safer Lorry Scheme" aber nicht. Problematisch sind laut Conway nicht nur die toten Winkel. Mit Spiegeln sieht der Fahrer schwächere Verkehrsteilnehmer nur indirekt. Wichtig sei, den anderen nicht nur zu sehen, sondern auch mit einem direkten Blick kommunizieren zu können. Das ist in gewöhnlichen Lkw aufgrund der hohen Sitzposition schwierig. Darum setzt Conway für die Innenstadt zunächst zwei Mercedes Econic in ungewöhnlicher Konfiguration ein. Der Econic rollt standardmäßig auf drei Achsen. Econic hält den Kurvenradius und sorgt so für mehr Sicherheit Die Conway-Version hingegen steht auf vier Achsen. Für den Straßenbau benötigt Conway Kipperfahrzeuge mit Ladekran und ausreichender Nutzlast. Drei Achsen können das technisch nicht leisten. Dank der vierten Achse verfügt das Modell über 20 Tonnen Nutzlast bei 32 Tonnen Gesamtgewicht. Allerdings bringen die zusätzlichen Räder nicht nur Vorteile beim Gewicht, sondern auch im Stadtverkehr. Während normale Lkw in Kurven ausholen müssen, sorgt die gelenkte hintere Achse dafür, dass der Econic den Kurvenradius hält. "Wenn Sie ausholen, nutzt sofort einer die entstandene Lücke aus und drückt sich rein", sagt Peter Parle, Transport Manager bei FM Conway. Das führe zu gefährlichen Situationen. Eine Fahrt durch die Innenstadt sei unheimlich anstrengend. Doch auch ohne solche Vorfälle bringen sich Fahrradfahrer und Fußgänger immer wieder selbst in Gefahr. Das sei kein Wunder. Schließlich sei der öffentliche Personennahverkehr am Limit. Die Straßen sind voll und der Trend geht zum Fahrrad. Allerdings sei dafür kein Führerschein nötig, so Parle. Jeder könne sich ein Fahrrad kaufen und sich in den Verkehr stürzen. Umso wichtiger sei daher der direkte Augenkontakt mit den schwächeren Verkehrsteilnehmern. "Im Actros wäre das zum Beispiel sehr stressig", argumentiert Parle. Auf Augenhöhe mit den Fahrradfahrern Während man einen Spiegel nach dem anderen checkt, kann sich trotzdem ein Fahrradfahrer dazwischenmogeln. Der Econic erleichtert den Fahrern die direkte Kommunikation. Durch die bodenlange Glastür sieht der Fahrer bereits die Pedale des Fahrrads. Der Lkw-Fahrer sitzt also mit dem Fahrradfahrer auf Augenhöhe. In einem regulären Lkw beginnen die Scheiben erst am Scheitel des Radfahrers. Doch auch das erreicht nicht jeden Radfahrer. Darum gibt der Econic beim Linksabbiegen, also im Linksverkehr in Richtung Gehsteig, eine gesprochene Warnung aus, dass der Lkw nun abbiegt. Dazu kommen Rundumkameras, um die toten Winkel auszumerzen. Außerdem hat der Econic bei Conway ein Notbremssystem an Bord. Die Kameras dienen indes nicht nur dazu, Live-Bilder ins Cockpit zu übertragen.  Gleichzeitig zeichnen die elektronischen Augen das Umfeld des Lkw auch auf. Das dient einerseits als Beweis bei Unfällen. Andererseits wird das Filmmaterial auch für Schulungen verwendet. Weder die großen und tiefen Scheiben noch die Kameras sind im Safer Lorry Scheme vorgeschrieben. Dennoch findet der im Vergleich zu konventionellen Lkw rund 20.000 Pfund (gut 25.000 Euro) teurere Econic Zuspruch unter den Londoner Unternehmern. Neben Conway haben laut Daimler bereits weitere ansässige Firmen Econic-Vierachser geordert. Für Firmenchef Michael Conway stand deshalb auch weniger der Preis im Vordergrund als vielmehr, die möglichst sicherste Lösung zu finden. "Wenn Sie sieben Spiegel an einen Lkw schrauben müssen, damit er innenstadttauglich wird, dann ist beim Design etwas schief gelaufen", kommentiert Parle. Auch die Fahrer nehmen die Neuzugänge in ihrem Fuhrpark positiv auf.  Zwar habe es zunächst "männlichkeitsgetriebene" Ressentiments gegen die "Müllwagen" gegeben. Doch nachdem sie sich einen Tag an den Econic gewöhnt hätten, habe das ganz anders ausgesehen. Die Fahrer liebten ihn. Dazu trage nicht nur die gute Sicht, sondern auch die verbaute Sechsgang-Wandlerautomatik von Allison bei. Gerade im Stadtverkehr fühle sich das Fahrzeug flott an, trotz des relativ kleinen 7,7-Liter-Motors mit 354 PS. Für die Innenstadt sei die Leistung aber völlig ausreichend. "Meistens sind die Fahrzeuge mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von gerade einmal acht Meilen unterwegs", sagt Parle. Umkonstruktion vom klassischen Müllsammler zum Baufahrzeug Für Fahrten außerhalb des Stadtgebiets greift das Unternehmen auf andere Fahrzeuge zurück. Schließlich sei der Econic kein Allheilmittel. FM Conway unterhält eine gemischte Flotte mit insgesamt 983 Fahrzeugen – darunter zahlreiche Transporter, Pick-ups, Sonderfahrzeuge und 57 Vierachs-Kipper. Der Zähler für die Econics steht bei zwei. "Aber unser nächster Lkw wird definitiv wieder ein Econic", so Parle. Allerdings sieht auch er den hohen Preis. Er hofft, dass sich dieser bei höheren Stückzahlen etwas verringere. Aktuell verkauft Daimler in ganz Großbritannien 600 Econic pro Jahr. Die Vierachser-Version steht gerade erst am Anfang.  Dabei ist die Umkonstruktion vom klassischen Müllsammler zum Baufahrzeug recht unproblematisch verlaufen. Die Aufbauten für die ersten beiden Bau-Vierachser hat Fruehauf konstruiert. Mit diesem Aufbauer arbeitet Conway auch bei den Arocs zusammen. "Den Kipper-Aufbau zu integrieren war kein Problem, nur ein wenig anders als beim Arocs", sagt Simon Wood von Mercedes-Benz Trucks UK. Die eigentliche Herausforderung war der Kran. Während bei konventionellen Bau-Vierachsern jeweils zwei Achsen die Last tragen, ist der Econic als 1+3-Achser konzipiert, also eine einzelne Vorderachse und drei eng stehende Hinterachsen. Daher habe man einige Zeit in Berechnungen stecken müssen und getüftelt, um die Vorderachse nicht zu überladen. Doch genau dort setzt das Gewicht des Ladekrans an.  Aber auch dieses Problem habe man letztlich gelöst. Insgesamt sieht Conway den Econic nicht nur im Bausegment als Lösung für den innerstädtischen Verkehr, sondern unter anderem auch als Verteilerfahrzeug. Dank des optionalen Gasmotors ist das Modell mit besonders niedrigen Emissionen unterwegs. Leider fehle noch die entsprechende Tankinfrastruktur. Doch daran arbeite die Stadt bereits. "Reine Luft ist das nächste große Ding für Transport for London", sagt Parle. Das stehe für die nächsten drei bis vier Jahre auf der Agenda.

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Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 05/2016.
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15. April 2016
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