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Test, MAN, Lion’s Regio C, Linienbus, Überlandbus, Reisebus 12 Bilder Zoom

Einzeltest: MAN Lion's Regio C

Test: Der MAN Lion’s Regio C ist leicht, sehr sparsam und komfortabel – der aufgefrischte Überlandbus von MAN mit Talent zum Kombi hat eine neue Chance verdient.

Hoffnungsgrün schimmert der Lack in der Herbstsonne: Der MAN Lion’s Regio rollt modellgepflegt in seinen zweiten Frühling. Sechs Jahre hat der Überlandbus auf dem runden Buckel, man sieht sie ihm nicht an. Unverändert frisch wirkt der Bus. Ein Zeichen für gutes Design, das ihm Preise eingetragen hat. Wer nach sechs Jahren ohne augenfällige Retuschen in die zweite Lebenshälfte geht, der hat sich hervorragend gehalten.

Ohnehin ist beim aktuellen Lion’s Regio wichtiger, was man nicht sieht. Hatte er sich doch vorzeitig seine Midlife-Crisis genommen. Faulende Exemplare kratzten am Ruf des MAN. Sie mussten mit viel Aufwand nachgearbeitet werden. Das Werk in Ankara kennt keine KTL-Grundierung, wenn dann nachlässig gearbeitet wird, verwandelt sich das typische Verkehrsrot eines Überlandbusses vorzeitig in hässliches Rostrot. MAN hat die Hohlraumkonservierung verbessert, verwendet andere Scharniere, hat die Klappen aus neuartigem Kunststoff gegen solche aus herkömmlichem Aluminium gewechselt, auf dem der Lack keine Blasen wirft. Es ist mühsam, ein ramponiertes Ansehen zu retten.

Dabei hat der Lion’s Regio hervorragende Anlagen. Da streckt sich der zweiachsige Testwagen auf 13 Meter Länge und bringt doch trotz Doppelverglasung, Klimaanlage, ausflugstauglicher Bestuhlung, Rollstuhllift sowie Automatikgetriebe nur 12,85 Tonnen Leergewicht auf die Waage – Respekt. So einem ist’s abzunehmen, dass er sich polierte Aluminiumräder nur als Zierrat gönnt und nicht aus Schlankheitswahn. Über ein Reserverad muss hier keiner diskutieren, ohne Übergewicht gehen mehr als 70 Fahrgäste auf die Fahrt.
Sie darf ruhig über weitere Strecken führen als von Dorf zu Dorf und von Haltestelle zu Haltestelle. Das Untergeschoss nimmt problemlos das Übernachtungsgepäck für ein Wochenende auf. Der Stauraum verbirgt sich hinter einer Vielzahl von Klappen – ein Schelm, wer jahreszeitlich passend an einen Adventskalender denkt. Und beim Bestellen nicht die Zentralverriegelung vergessen. Hier im Untergrund versieht auch das Fahrgestell seinen Dienst. Es stammt vom Reisebus und filtert Unebenheiten aller Art souverän, eine Wonne für Fahrgäste und Fahrer. Mit gewissen Einschränkungen: Je nach Belastung heult die Hinterachse gequält. Die Lenkung lässt Fahrbahngefühl und Rückstellkraft vermissen. Die Bremse verlangt, typisch für MAN, nach einem festen Tritt. Mit dem feinfühligen Bremsomaten – er hält bergab die Geschwindigkeit nach Loslassen des Bremspedals konstant – und Feinheiten von der elektronischen Bremsanlage bis hin zum optionalen Lebensretter ESP bleiben kaum Wünsche offen.

Das gilt sogar noch mehr für die Maschine im Heck, den liegenden MAN D20. Ihm ist einzig ein dezentes Leerlaufschütteln anzukreiden. Ansonsten läuft das in schrillem Lila lackierte Triebwerk schäfchenweich. Die 265 kW (360 PS) des Testwagens klingen angesichts von 18 Tonnen Testgewicht zwar nach Graubrot, doch 1.800 Newtonmeter (Nm) Drehmoment lassen eine dicke Schicht Butter darauf vermuten. MAN spendiert sogar einen Klacks Marmelade: Die Höchstleistung steht bereits ab 1.400 Touren an. Prompt zeigt die Maschine im mittleren Drehzahlbereich einen bemerkenswerten Biss.

Dies unterstützte im Testwagen das Ecolife-Getriebe von ZF. Der Vollautomat passt seine Schaltprogramme fortlaufend an die aktuelle Leistungsanforderung an, lässt die Maschine einerseits bei Bedarf am Berg munter drehen und nicht verhungern, schaltet andererseits nach Möglichkeit in spritsparende Regionen um 1.000 Umdrehungen hinein. Das Zusammenspiel von Motor und Getriebe ist eine wahre Freude, zumal fast alle Schaltungen nahezu unmerklich ablaufen. Bei MAN gibt’s AS-Tronic/Tipmatic und Ecolife fürs gleiche Geld von rund 5.000 Euro. Bei diesem Automaten darf man schwach werden, zumal Getriebe, Motor und Achse sich bestens zusammenfügen. Bei Tempo 100 dreht die Maschine mit 1.450 Touren, gemütlich genug für flache Autobahnetappen. Minimale Windgeräusche deuten auf eine gute Aerodynamik hin. Gleichzeitig schnappt die Maschine an Steigungen wie ein gut trainierter Kampfhund zu, gerade recht für schwere Überlandpassagen. Schon bei etwa 70 km/h gönnt sich die Automatik den sechsten Gang und der Bus schlendert mit sparsamen 1.000 Umdrehungen auf der Landstraße dahin. Ortsdurchfahrten absolviert der MAN in der vierten Stufe entspannt mit 1.200 Touren und ist doch stets sprungbereit.

An der Tankstelle folgt die nächste Überraschung. Trotz 1,5 Tonnen mehr Ballast als vorgegeben und zusätzlich gequält mit Haltestellen auf Überlandetappen und entsprechend vielen Anfahrmanövern, gab sich der Testwagen mit nur 30,3 Litern über 100 Kilometer zufrieden – ein klasse Wert. Ohne den anderswo nötigen Zuschlagstoff Adblue, versteht sich. So ein Fahrzeug schreit geradezu nach kombiniertem Einsatz auf Linie und Ausflug rund um die Uhr. Und er kann’s. Typisch Überlandbus sind 860 Millimeter Bodenhöhe, mehr als zwei Meter Stehhöhe, sehr flache Trittstufen, doppelt breite Tür (wahlweise einflügelig) und Stehperron in der Mitte. Ein Fauxpas dagegen, dass die grundsätzlich unten geschlossenen und sehr hoch angesiedelten Gepäckablagen kerzengerade durchlaufen. Das schränkt die Nutzbarkeit der Stehfläche ein, genauso wie die Kopffreiheit in den hinteren Sitzreihen.

Typisch Linie ist der Kunststoffbelag der Seitenwände, auch wenn die silbrig strukturierte Oberfläche fast wie ein Stoffbezug wirkt. Zu den prächtigen Schachzügen zählt ein Boden in Schiffsbodenoptik, er bringt Gediegenheit und Behaglichkeit in den von Haus aus kühl gestalteten Bus. Zumal MAN den Belag auch im Cockpit und an den Sichtflächen der Podeste einsetzt. Unten sind die Radkästen sehr dezent versteckt. Oben ist die einteilige Bugkuppel neu.

Servicesets mit LED-Leselampen zählen ebenso zu den Extras wie die Bestuhlung des Typs Kiel Avance Slim mit schlanker und verstellbarer Rückenlehne sowie Klapp-Armlehnen. Serie sind dagegen Dachheizung und -lüftung. Gleiches gilt für die Warmwasserheizung, die beim Testwagen indes durch lautes Knacken die Ruhe an Bord störte. Zu den Eigenheiten der 13-Meter-Variante gehören schmale Füllfenster links und rechts nach der Vorderachse. Hier wird allzu deutlich, dass es sich beim langen Zweiachser um einen zunächst ungeplanten Nachkömmling handelt. Er lässt sich mit einer Küche (häufig) und sogar einer Toilette (selten) bis zum ansehnlichen Reisebus aufwerten. Wer dies im Auge hat, kann sich in absehbarer Zeit auf weiteren Zuwachs freuen: In Vorbereitung ist ein Lion’s Regio mit einem Meter Bodenhöhe, wie man hört. Er bekommt eine neue Fensterlinie, bedeutet doch die Niederflur-Verglasung heute ein optisches Handicap im Reiseverkehr.

Wer viele Ausflüge fährt, wird sein Augenmerk auch auf den Begleiterplatz legen. Sitzfläche und Gurt sind ein wenig knapp bemessen. Reichlich fällt dagegen der Beinraum aus, jedenfalls in der Ausführung mit 15 Zentimeter nach hinten versetztem Sitz. Die Aussparung in der Frontverkleidung für die Füße ist ein wenig nach links versetzt, deshalb nehmen auch männliche Begleiter zwangsläufig im Damensitz Platz. Der Fahrerplatz des Lion’s Regio ist bestens bekannt, also auch die eingeschränkte Längsverstellung des Sitzes. Das unverändert extravagante Cockpit erfreut mit übersichtlichen Instrumenten und ärgert mit teils verdeckten Tasten. Ablagen sind im direkten Umfeld nicht eben reichlich gesät.

Viel Wert legt MAN auf den Service rund um den Lion’s Regio. Das neue Bugteil klappt komplett nach vorn auf. Die Elektrofächer sind auf der Bordsteinseite angeordnet. Dort findet sich hinten rechts auch ein separater Werkzeugschrank. Nur der große Behälter der Scheibenwaschanlage versteckt sich ein wenig vorn links hinter der Führung des elektrischen Fahrerfensters. Auffallend sind auch langlebige LED-Leuchten als Positionslampen, Nummernschildbeleuchtung und Seitenmarkierungen. Womit sich der Kreis schließt, denn neben vielen guten Eigenschaften muss der MAN Lion’s Regio jetzt vor allem seine Dauerhaltbarkeit unter Beweis stellen. Damit der zweite Start erfolgreich ist. Die hoffnungsfrohe grüne Lackierung trägt Lion’s Regio bereits.

Autor

Foto

Thomas Küppers

Datum

1. Februar 2011
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