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MAN Lion‘s City Hybrid, Efficient 13 Bilder Zoom

MAN Lion‘s City Hybrid: Im grünen Bereich

Außen grün lackiert, grün im Umgang mit Ressourcen und dazu eine Anzeige, die bei optimalem Einsatz das grüne Feld nicht verlässt. Erster Test des MAN Lion’s City Hybrid.

Heute ist ein Tag der Rekorde. Und ein Tag der Ruhe: Anderthalb Stunden angestrengtes Hin und Her auf der Innenstadtlinie 42 in Stuttgart – doch nur zwei Drittel der Zeit läuft der Motor. Rund 45 Liter Durchschnittsverbrauch mit einem zu zwei Dritteln ausgelasteten Solobus auf dieser Strecke – so günstig war noch keiner. Nur 62 dB(A) Anfahrgeräusch in der letzten Reihe, erneut ein Bestwert. Rund  360.000 Euro für einen zweiachsigen Solo-Stadtbus – auch das ein Rekord. Der Bus der Superlative heißt MAN Lion’s City Hybrid. Er ist der erste Hybridbus, der sich zum Test traut.

MAN verspricht bis zu 30 Prozent Spriterspanis

Mit breiter Brust tritt der Lion’s City Hybrid an. Rund 75 Exemplare rollen auf den Straßen. MAN verspricht bis zu 30 Prozent Spriterspanis. Dahinter steht ein anspruchsvoller serieller Hybridantrieb. Seriell heißt: Der Bus fährt stets elektrisch, der Diesel dient als Stromerzeuger. Eine Start-Stopp-Einrichtung legt den MAN an Haltestellen und Ampeln still. Superkondensatoren (siehe Profiwissen 8/2011) bunkern blitzschnell Strom und geben ihn ruck, zuck wieder ab.

Die ehemalige Solitude-Rennstrecke vor den Toren Stuttgarts ist gewiss keine Vorzeigestrecke für einen Hybriden. Aber gut, um Leistungsfähigkeit und Leistungsverhalten zu studieren. Bis vor 50 Jahren warfen sich hier Rennwagen in die scharfe Steigung hinter dem Glemseck, jetzt wagt’s der Lion’s City Hybrid. Zu Beginn  gibt’s gleich einen Rüffel von der Begleitmannschaft: Ein Start mit voll durchgetretenem Gaspedal gehört sich im MAN-Elektriker nicht, wenn sich noch Strom in den Supercaps staut.

Ausschlag ins grüne Feld

Von nun an bestimmt die Effizienzanzeige den Tag, sie nimmt den Platz des Drehzahlmessers ein. Ausschlag ins grüne Feld links heißt rekuperieren im Schiebebetrieb oder beim leichten Bremsen. Ein weiter Ausschlag ins rote Feld bedeutet Betriebsbremse, also Umwandlung von Energie in Wärme – falsch. Leichter bis mittlerer Ausschlag ins grüne Feld rechts heißt dezentes Beschleunigen. Der Diesel liefert mit maximal 1.400 Touren Strom. Wer voll auf dem Gas steht, treibt ihn auf 1.700 Umdrehungen. Das heißt mehr Strom, mehr Mumm, aber auch höherer Dieselverbrauch. Also nur im Notfall nutzen. Der tritt bereits kurz nach dem Start in einer engen Rechtskurve mit heftiger Steigung ein – voll drauf. Danach wird’s ein wenig flacher, es folgen 15 Prozent Steigung wie eine Wand vor dem Bus. Er strengt sich bis zum Äußersten an, trotzdem sackt das Tempo auf weniger als 20 km/h – auch Hybridbusse vollbringen keine Wunder.

In der folgenden milderen Steigung bleibt der Ausschlag im grünen Feld. Gas weg kurz vor dem Scheitelpunkt, schon regt sich die Anzeige des Stromspeichers. In der folgenden Senke füllt er sich dank elektrischen Bremsens. Prompt startet der MAN an der Ampel elektrisch in eine Steigung hinein. Danach rollt er mit Tempo 60, leichtes Gaswegnehmen und Bremsen füllt die Supercaps. Auf welliger Strecke geht’s mit dem Stromhaushalt auf und ab. S-Kurve und steiles Gefälle vor dem Schattengrund füllen den Speicher bis zur Halskrause, gut beim Hinausbeschleunigen aus dem anschließenden Kreisverkehr. Den Rückweg legt der Bus gegen eine minimale Steigung zurück. Er tankt beim Bremsen vor dem Abzweig Glemseck wieder voll, schleicht die letzten Meter auf leisen Sohlen zum Ziel. Und hat elf Prozent weniger verbraucht als der letzte vergleichbare Diesel-Stadtbus – lohnt sich das? Falsche Frage, falsche Strecke.

Die Anzeige im Auge behalten

Nach Stuttgart hinein geht es anspruchsvoller zu, jetzt gilt es, Haltestellen anzufahren. Zügiges Hineinbremsen lässt den Zeiger der Effizienzanzeige ins rote Feld ausschlagen und führt zu kritischen Blicken der Begleiter – Energieverschwendung,  schnelles Hinausbeschleunigen ebenfalls. Also mit einem Auge auf die Anzeige schielen und im grünen Bereich bleiben. Die Taktik erfordert etwas Konzentration, aber der MAN spart 19 Prozent Sprit – das lohnt sich.

Auch auf der berüchtigten Linie 42 in Stuttgart, beliebte Teststrecke für Hersteller von Bussen, Motoren und Getrieben. Teils eng, teils kurvig, gut gewürzt mit deftigen Steigungen und Gefällen. Hier in der Innenstadt treten weitere Eigenschaften des Hybriden zutage. Unter zehn km/h erstirbt der Diesel, rollt der MAN schweigsam an die Haltestelle, steht dort mucks-
mäuschenstill, startet flüsterleise. Ab Tempo 30 ackert der Dieselmotor, ebenso bei einem Stromvorrat kleiner 50 Prozent oder bei hoher Leistungsanforderung. Passen Strecke, Bus und Fahrer zusammen, rollt der MAN hunderte Meter rein elektrisch – Erholung für die Umgebung, Faszination für den Fahrer. Außer dem Luftpresser sind alle Nebenaggregate elektrisch angetrieben. Indes schaltet sich der Diesel mitunter zu, wenn man’s nicht erwartet: Dann ist der Stromspeicher voll, etwa in einer Gefällestrecke, der Bremswiderstand gibt seine Wärme ans Kühlwasser ab, dessen Kreislauf muss in Gang gehalten werden.

Das futuristische Design

Auf der Strecke erntet der MAN neugierige Blicke: Das futuristische Design mit dem markanten Buckel, Designerhaken an der B-Säule und die Lackierung wie ein saftiger Granny Smith ziehen Blicke auf sich. Die angedeuteten Bullaugen an der Seite des Dachaufbaus sind nur Attrappe, nicht aber die Luftschlitze oberhalb der Windschutzscheibe: Sie leiten Luft zur Kühlung gezielt an die sechs Module der Supercaps. Dass die Optik mit dem Dickkopf parallel dazu den Luftwiderstand deutlich verringert, ist bei einem Stadtbus nettes Beiwerk.

Die Wartenden an den Haltestellen bleiben ausgesperrt, an Bord liegen stapelweise Sandsäcke. Das Platzangebot hält sich ohnehin in Grenzen: Nur 77 Fahrgäste dürfen in den geräumigen, zwölf Meter langen Hybridbus einsteigen – seine Technik wiegt knapp eine Tonne mehr als die eines Dieselbusses. An die Stelle des Automatikgetriebes rücken ein Generator und zwei Elektromotoren. Alles ist gut versteckt, hinter der Motorklappe mit dem kompakten MAN D08 nur zu ahnen. Dort macht ein kurzes, dickes, oranges Kabelbündel auf die Hochvolttechnik aufmerksam, MAN verlegt die Leitungen gut geschützt in Körben.

Wer genau hinschaut, entdeckt rechter Hand außerdem den unauffälligen schwarzen Kasten des Bremswiderstands. Und dann wären da ja noch die Stromspeicher auf dem Dach – teuer und gewichtig, ähnlich den anderswo verwendeten Lithium-Ionen-Batterien, aber mit einer Haltbarkeit über die komplette Omnibus-Lebensdauer, verspricht MAN.

Die Geräuschkulisse im Heck

Innen nimmt der Turm für den stehenden Reihensechszylinder wenig Platz ein, daneben warten hinter der dritten Tür drei Anlehnplätze auf Kurzstrecken-Fahrgäste. Eigenwillig ist der Kunststoffsockel für den Doppelsitz vor dem Turm – man kennt die Konstruktion aus anderen Lion’s City. Die Geräuschkulisse im Heck ist gewöhnungsbedürftig: Der E-Antrieb singt leise, pfeift sich eins beim Beschleunigen. Und der Betreiber pfeift auf den Dieselpreis: Auch auf der 42er-Linie holt der MAN gegenüber einem vergleichbaren Dieselbus etwa 20 Prozent heraus.

Bei der anschließenden Strecke hinaus aus Stuttgart gerät der MAN dann an seine Grenzen: Eine lange Steigung zwingt ihn in die Knie, obwohl der Fuß voll auf dem Gas steht – bei derart rüden Anforderungen entpuppt sich der MAN eher als Leichtmatrose. Und der Verbrauch bei Dauervollgas – wen wundert’s – steigt auf das Niveau eines konventionellen Diesel-Stadtbusses. Ohnehin ist Tempo nicht seine Sache: auf anspruchsvollem Geläuf knickt der Hybridbus ein, als hätte man ihm ein Dämpfungsmittel in den Tank geschüttet. Da können Busfahrer garstig reagieren, die ansonsten MAN schätzen. Nehmen sie doch im gewohnten Cockpit Platz. Mit genug Platz, Spiegeln mit guter Sicht, wenig Ablagen und der markentypisch sanften Bremse. Sie verlangt einen festen Tritt, sichert allerdings fahrgastfreundlich-ruckfreies Andocken an der Haltestelle. Die Konzentration des Fahrers dient also der Effizienzanzeige – nur wer mit ihr umzugehen weiß, wird auf Dauer mit dem teuren Flüsterbus namens MAN Lion’s City Hybrid Verbrauchsrekorde herausfahren können. Und bleibt dann voll im grünen Bereich.

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Kostenlos herunterladen MAN Lion’s City Hybrid (PDF)

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

9. November 2012
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