International Lone Star 15 Bilder Zoom

International Lone Star: Grandioser Supertruck

"Großer Gott!", wird es manchem Passanten entfahren, wenn der Lone Star vorüberzieht. Der charismatische Ami löst fast religiöse Verehrung aus.

Spontan ziehen die Leute ihre Handys und schießen ein Foto nach dem anderen. So viel Aufmerksamkeit bekommt nicht einmal  der neueste Ferrari. Kein Wunder, die monumentale Präsenz des gestandenen US-Trucks kann eine flache Italoflunder auch gar nicht bieten. Noch dazu hat der International Lone Star hierzulande den Status der Einzigartigkeit. Marco Barkanowitz handelt europaweit mit US-Trucks und ist sich ziemlich sicher, dass er diesseits des Atlantiks die einzige dieser auffälligen Zugmaschinen besitzt.

Beim Lone Star dreht sich jeder um

Die amerikanische Werbebroschüre verspricht, dass dieser Truck die Köpfe herumfliegen lässt. Endlich mal ein Werbespruch, der tatsächlich wahr ist, denke ich und schaue zu, wie Marco den nächsten Gang nachlegt. Der Cummins-Diesel baut heiser grollend Drehzahlen auf. Selbst hier im Industriegebiet, wo die Firma American Truck Promotion ihren Sitz hat und die Leute einiges gewohnt sein müssten, funktioniert das Kopfverdrehen. Und da ist die kleine Einführungsrunde auch schon zu Ende.

"Jetzt bist du dran", grinst Marco und geht nach hinten in die gute Stube, wo ein riesiges Sofa den Platz an der Rückwand ausfüllt. Beim Wechsel auf den Fahrersitz registriere ich noch das Echtholzparkett. Ja, Echtholz. Der Fahrersitz empfängt mich weich und typisch amerikanisch, das Lederlenkrad hingegen wirkt sportlich. Es ist relativ klein, hat rote Ziernähte und einige Funktionstasten. Es lässt sich unglaublich weit verstellen, auch axial zum Fahrer hin, ähnlich wie man es von Scania kennt. Auch der Blick in die Spiegel beruhigt: alles gut zu sehen. Wo das Auto vorne endet, lässt sich ebenfalls gut erkennen. Auf der Nase hat der Lone Star noch einen zusätzlichen Spoiler aus Edelstahl. Meine Augen blicken auf immerhin 14 Rundinstrumente. Zehn davon stecken im Cockpit direkt vor mir. Unter anderem zeigt der International dort sogar die Getriebetemperatur an. Schön in Griffnähe, zum Fahrer geneigt, liegt eine ganze Batterie an Schaltern. Mittendrin, nicht einmal besonders auffällig gekennzeichnet, eine dreistufige Taste für die Motorbremse, Jake Brake genannt. Das hätten europäische Ingenieure sicher anders gelöst, aber US-Trucker kommen damit schließlich auch heil über die Rocky Mountains.

Revolvertrommel krönt Schaltknüppel

Mein Blick bleibt am Schaltknüppel hängen. Er ist gekrönt von einer geladenen Revolvertrommel mit Kippschaltern für die große und kleine Gruppe und zum Splitten. "Der ist noch von Wyatt Earp", flachst Marco vom Beifahrersitz. "Die eins ist vorne links, das Kupplungspedal ebenfalls vorne links, du brauchst es eigentlich nur zum Losfahren." Nun wird sich also erweisen, ob der von perfekten europäischen Schaltautomaten verwöhnte Redakteur mit dem kultigen Exoten zurechtkommt. Plötzlich fallen mir wieder die ganzen neugierigen Passanten ein, aber was soll’s, genau dafür bin ich doch angereist.

Uff, die Kupplung verlangt nach einer kräftigen Wade, aber der Schaltknüppel lässt mich deutlich spüren, in welche Gasse er hinein soll. Das geht doch ganz gut an. Ebenso geschmeidig entlässt die Kupplung das Drehmoment auf die Kardanwelle und der mit voll geladenem Showtrailer knapp 30 Tonnen schwere Lastzug setzt sich sanft in Bewegung. Reflexartig trete ich bei jedem Gangwechsel die Kupplung. "Musst du gar nicht, das Fuller ist unsynchronisiert, wie bei den Amis üblich, gut für zwei Millionen Meilen", meint Marco. Also dann mal ohne. Aufwärts klappt es erstaunlich gut, ein Schuss Zwischengas hilft. Beim Runterschalten knirscht es dann doch hin und wieder. Allerdings nur kurz und unauffällig. Marco fällt es natürlich trotzdem auf: "Das hat sich spätestens nach zwei Wochen erledigt, dann hat man das im Blut." So lange dauert unsere Probefahrt dann doch nicht – leider.

Lone Star vermittelt cooles Fahrgefühl

Auch wenn die Schaltung meine volle Aufmerksamkeit fordert, vermittelt der Lone Star doch ein richtig cooles Fahrgefühl. Der Blick über die rote Haube ist grandios. Die Lenkung ist viel präziser, als ich erwartet hatte, und die Bremsen haben mein volles Vertrauen. Wieso eigentlich auch nicht, ganz Nordamerika wird mit solchen Fahrzeugen versorgt. Ja, in der Tat, dieses famose Gefährt ist eigentlich ein Arbeitsgerät.

Der im Prospekt als besonders leise beworbene Lone Star erreicht sicher nicht die erhabene Ruhe eines MAN TGX, aber der kernige Sound passt gut zu der chromblitzenden Maschine. Und welcher Harley-Fahrer wollte auf diesen Teil der Ausstrahlung verzichten? Das gilt ganz klar auch für den International – die Harley unter den Trucks.

In Kurven ist Umsicht gefragt

In engen Kurven verlangt der langnasige Dreiachser etwas mehr Umsicht als übliche Standardsattelzugmaschinen, aber Stress ist das nicht. Selbst auf engen deutschen Landstraßen kommt nicht das Gefühl auf, hier deplatziert zu sein. Hiermit macht einfach jeder Meter Freude. Putzmunter zeigt sich der Reihensechszylinder auch beim Durchzug aus niederen Drehzahlen. Seine 485 PS holt er immerhin aus 15 Liter Hubraum und ein Turbolader mit variablen Schaufelblättern  sorgt für guten Antritt. Also von mir aus können wir jetzt nach Spanien durchstarten und einen Trailer voll Erdbeeren holen. Aber nein, wir müssen ja dieses Heft fertig kriegen.

Truck: International Lone Star 6x4 in Fernverkehrsausführung "long haul" mit "Hi Rise Sleeper"

BBC-Maß: 132 Zoll (bumper to back of cabin), Länge von der vorderen Stoßstange zur Rückwand des Fahrerhauses beträgt 335,3 cm

Sleeper: 73 Zoll (185,4 cm)

Abmessungen: Länge 820 cm, Breite 255 cm, Höhe 400 cm

Leergewicht: 8,5 t
technisches
Gesamtgewicht: 27,5 t
Motor: Cummins ISX 15-Reihensechszylinder mit Common-Rail-Einspritzung, Euro-5-tauglich, 
15 l Hubraum, 485 PS bei 
2.000 U/min, 2.508 Nm 
Drehmoment bei 1.200 Nm
Getriebe: Eaton Fuller 13-Gang

Fahrwerk: Einblattstahlfeder vorne, Luftfederung hinten, Bereifung vorne 11 R 22,5 radial, hinten 
je zweifach 295/75 R22, 5,
Trommelbremsen mit ABS und ESP.

Andreas Techel, Chefredakteur

Autor

Foto

© Jacek Bilski

Datum

4. Juli 2013
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