Temsa LD 9 Bilder Zoom

Flexibler Überlandbus LD 13: Neustart im deutschen Markt

Der türkische Hersteller Temsa zeigt mit dem LD 13 einen flexiblen Überlandbus und will seine Qualität weiter verbessern. Das dürfte beim Neustart im deutschen Markt helfen.

Die Türkei darf man getrost wie auch Polen seit vielen Jahren schon als eines der wichtigsten Länder für die Busproduktion bezeichnen. Neben den deutschen Herstellern, die hier vor allem wegen der Personalkosten produzieren, sind es die inländischen Firmen wie Temsa und Otokar, die in der Türkei tätig sind und sich den heimischen Markt, der vor allem auf Mini­busse fokussiert ist, teilen. Seit 1987 baut Temsa bereits Busse – zuerst auf Mitsubishi-Basis, meist im CKD-Verfahren. Man habe von den Japanern und ihrer Arbeitsdisziplin viel gelernt, erklärt denn auch Entwicklungsleiter Hakan Akgün. Doch die Märkte für diese Busse seien begrenzt gewesen. Daher startete der Busbauer bereits 2001 mit dem ersten selbst konstruierten Fahrzeug: dem Reisebus Safari, der auch 2007 seinen Weg als Preisbrecher auf den für Temsa bis dato unbekannten, aber deutschen Markt fand. Der eine oder andere Buskunde wird sich auch noch an den ersten, überwiegend glücklosen Versuch eines Superhochdeckers aus der Feder von Ex-Neoplan-Chef Bob Lee erinnern: den Temsa Diamond. In Deutschland blieb dieser etwas aus der Zeit gefallene Reisewagen immer eine Ausnahmeerscheinung – bisher ohne adäquaten Nachfolger, was sich aber bald ändern könnte.

So richtig bekannt dürfte die Marke deutschen Kunden erst durch den Erfolg des Midi-Busses MD 9 geworden sein, der seit 2011 in allen gängigen Busgattungen recht erfolgreich angeboten wird. In den USA hat es Temsa sogar geschafft, die Nische der 30 und 35 Fuß langen Busse in kurzer Zeit weitgehend in Beschlag zu nehmen. In den vergangenen beiden Jahren hat das 1968 gegründete Unternehmen mehr durch Restrukturierungen und Rücktritte des Führungspersonals auf sich aufmerksam gemacht als durch Markterfolge.

Komplett neue Geschäftsaufstellung und Übernahmegerüchte

Mit dem Rückzug des bisherigen Geschäftsführers Metin Ataman Anfang 2014 wurde die deutsche Vertriebsorganisation komplett neu aufgestellt. Auch die belgische Zentrale von Temsa Europe wurde geschlossen und in drei Business Units unterhalb von Temsa Global aufgeteilt, in denen man sich nun ausschließlich um das Busgeschäft kümmert – allerdings mit neuem Geschäftsmodell. Immer wieder machen in diesem volatilen Umfeld auch Übernahmegerüchte die Runde. Hier im Stammwerk versichert man uns eindringlich, stolz darauf zu sein, zum breit aufgestellten Sabanci-Konzern zu gehören. Rund die Hälfte der 4.000 im südtürkischen Adana bei Temsa jährlich gebauten Busse entfallen auf den sehr marktgerecht positionierten Minibus Prestij, der auf einem Transporter-Chassis von Mitsubishi aufgebaut wird, das hier auch gerne zum Klein-Lastwagen komplettiert wird – und das in erklecklicher Stückzahl. Ein schöner "Doppelverdiener", könnte man sagen, um einen branchenspezifischen Begriff zu benutzen, der sonst eher für Kombibusse verwendet wird.

Und tatsächlich sind wir auch hier ins Buswerk gekommen, in dem auf rund 550.000 Quadratmeter Fläche mehr als 1.500 Menschen arbeiten, um uns einen echten Doppelverdiener näher anzuschauen und auch erstmals selbst zu fahren: nämlich den auf der vergangenen Busworld in Kortrijk vorgestellten Hochbodenbus LD. In feiner Varianz bietet Temsa diesen Vorboten einer neuen Ära in zwei Längen und drei Modellen an – als ultra­preiswerten Schulbus, als Überlandvariante IC (beide mit 860er Bodenhöhe) sowie als ausflugstauglichen Hochbodenbus mit rund 1.080 Millimeter Bodenhöhe. Dieser gerade für Deutschland in der Klasse von Iveco Crossway, Mercedes Intouro und Co. angesiedelte Wagen ist mit 190.000 bis 205.000 Euro marktgerecht, wenn auch nicht als Schnäppchen eingepreist. Die IC-Variante kostet circa 10.000 Euro weniger. Mit rund 120 verkauften Bussen war er 2014 das meistverkaufte Temsa-Modell.

Ergonomie wird großgeschrieben, Fahrkomfort und -leistung überzeugen ebenfalls

Schon äußerlich macht der LD einen sehr soliden und gekonnt gezeichneten Eindruck. Trotz einer gewissen Kantigkeit schafft es die  Frontpartie auf Anhieb, den Betrachter für sich einzunehmen. Das Heck wirkt dagegen etwas pummelig, die Lüftungsgitter à la Evobus vermitteln aber etwas optische Spannung. Ein Hauch von Luxus umweht den Fahrer beim Einladen der Koffer, Hubklappen sind nicht gerade Standard in dieser Klasse. Spannend ist auch auch das Cockpit mit dem schicken neuen Lenkrad, hier ohne Multifunk­tionstasten – muss ja nicht immer sein. Zumal wenn die darunterliegende "Arbeitsplatte" derart aufgeräumt und übersichtlich ist. Wie von selbst fällt die rechte Hand auf Tür- und Getriebeschalter. Das gefällt ebenso wie die hohe Position des DTCO. Viele Zusatzfunktionen sind ganz im Stil der neuen Zeit in einen praktischen Dreh-Drück-Steller gepackt und links auf die Ablage gewandert.

Ergonomie wird großgeschrieben, der Fahrer findet zudem jederzeit seinen optimalen Platz. Der Begleiterplatz ist zwar nicht sehr üppig bemessen, bietet aber bis hin zum Becherhalter alles, was nötig ist. Die  63 Fahrgäste (Drei-Sterne-Sitzteiler) finden auf den Inova-Sitzen ausreichenden Komfort und funktio­nale wie schicke Servicesets über sich – auch ein Rollstuhllift kann geordert werden. Die Überraschung kommt dann beim Fahreindruck: Der Wagen kann sowohl was Fahrkomfort als auch -leistung betrifft durchaus überzeugen. Der DAF-Motor mit 368 PS (alternativ 330 PS) geht mit dem ZF-Ecolife-Getriebe eine schöne Symbiose ein, die man sich kaum anders wünschen würde. Im wuseligen Verkehr der Küstenstadt Adana schwimmt der LD 13 ohne Mühe und Probleme mit und nimmt Kurs auf die Toros-Berge am Horizont. Motorleistung oder Komfort werden der Strecke absolut gerecht. Zudem gibt sich das Triebwerk im Heck manierlich leise. Gut so! Wir verlassen Adana nicht, ohne auch einen Blick auf die anderen Produkte für das Reisesegment zu werfen. Da wäre der in Deutschland und mehr noch in Italien erfolgreiche Midi MD 9, der genau wie der LD in drei Varianten zu bekommen ist und sich so im Feld der ausgewachsenen Midis in Integralauweise einen Sonderplatz erarbeitet hat.

Alles in allem eine echte Kaufempfehlung

Mit 9,38 Meter Länge und 2,40 Meter Breite ist er passgenau für alle Kleinstädte oder Bergpässe Anatoliens oder des Kleinwalsertals bestens proportioniert. Das Fahrwerk des Kleinen mit ZF-Einzelradaufhängung gibt sich komfortabel – fast schon wie ein Großer. Zudem ist der Kofferraum dank Heckeinstieg geräumig genug, um für die Mitnehmsel der 39 Personen an Bord zu genügen. Auch der MAN D08 in seiner 290-PS-Version macht große Freude im wendigen Midi. Alles in allem also eine echte Kaufempfehlung. Das dürfte sich auch mit dem in Zukunft verbauten Cummins-Motor kaum ändern. Etwas warten sollte man aber noch mit einem Hochdecker-Reise­bus von Temsa. Derzeit gib es nur den Reisebus Safir/HD12/13 zu kaufen, den die Redaktion leider nur in der türkischen Ausführung in die Finger bekam. Eklatant ist bei dem Wagen der krasse Unterschied des durchaus modernen Äußeren und des eher in die Jahre gekommenen Inneren. Das will nicht so recht zusammen-passen. Ebenso wenig wie einige Abmessungen, die eher auf kleinwüchsige Menschen ausgelegt zu sein scheinen. So ist der Verstellweg des Fahrersitzes derart kurz, dass man in Verbindung mit den altbackenen, stehenden Pedalen mit einer Normgröße von rund 1,80 Metern einfach keine optimale Sitzposition finden kann. Und der Heckeinstieg ist mit 1,70 Meter Höhe und geringer Breite alles andere als ein herzlicher Willkommensgruß für die Fahrgäste.

Insgesamt merkt man dem Hochdecker an, dass er einer gänzlich anderen Ära als der frische LD entstammt. Das belegt auch das Interieurdesign, das mit der schicken Außenhaut an keiner Stelle mithalten kann. Aber Abhilfe ist unterwegs, man munkelt sogar hinter kaum vorgehaltener Hand, schon in Kortrijk werde das neue Modell zu sehen sein. Es gab bereits vor ­einigen Jahren recht frühe Prototypen eines Safari HDH, mit denen man intern aber nicht hundertprozentig zufrieden gewesen sei, räumt Entwicklungschef Hakan Akgün freimütig ein. In das neue Projekt setzen die Türken hingegen große Hoffnungen, der Wagen treffe die Kundenanforderungen genau, und das sowohl mit neuer Überschlagsrichtlinie als auch einem "sehr wettbewerbsfähigen Leergewicht". Dies sei immerhin die "größte Herausforderung der Industrie heute", erzählt Akgün. Wenn der neue Reisebus sich ein Vorbild am flexiblen Überlandwagen LD nimmt, wovon sehr stark auszugehen ist, so dürfte der zweite Anlauf von Temsa mit dem erneuerten Produktprogramm durchaus von Erfolg gekrönt sein.

Temsa Deutschland setzt verstärkt auf Qualität

Nicht nur das Modellprogramm erfährt derzeit eine Erneuerungskur, auch die Organisationsstrukturen von Temsa in Europa und Deutschland sind komplett neu. Nach dem Rücktritt des bisherigen Temsa Deutschland-Geschäftsführers Metin Ataman hat der aus dem Konzern kommende Manager Umut Kamay mit seinem Team in Bad Rappenau im April 2014 die Geschäfte übernommen. Er führt sie gemeinsam mit seinem Co-Geschäftsführer Acar Kocaer. Dabei wollen beide nun Nägel mit Köpfen machen: "Wir brauchen einen Neustart, das Businessmodell war bisher nicht professionell genug." Man wolle sich in Zukunft weniger auf den reinen Marktanteil als vielmehr auf die höhere Kundenzufriedenheit fokussieren. Für 2015 plant Temsa Deutschland etwas mehr als 80 Busse abzusetzen, Deutschland gehört zu den dezidierten Temsa-Fokusländern. Um den Aftersales-Service zu verbessern, wurden insgesamt zwölf Vertragswerkstätten verpflichtet, zudem wird  das europäische Ersatzteillager vergrößert, um den Markt noch besser zu versorgen.

Die Qualität der Fahrzeuge steht auch bei der Produktion weiter im Fokus: ein professionelles, auf japanischen Kaizen-Prozessen basierendes Qualitätsmanagement wurde im Werk Adana eingeführt, bei dem sich jedes Team selbst überwachen muss. Die Gerippe werden bisher für Deutschland aus hochwertigem Edelstahl hergestellt, allerdings ist die Phosphat-Anlage in Adana bereits im Bau. Wann genau umgestellt wird, kann Temsa derzeit noch nicht sagen.

The American Way of Drive

Die USA gehören zu den Fokusmärkten von Temsa. Dabei hat sich Temsa auf dem amerikanischen Markt mit seinem Importeur CH Bus Sales mit vier Standorten (Faribault, Orlando, Las Vegas, Dallas-Fort Worth) bisher auf den Nischenmarkt der 30- und 35-Fuß-Busse (9 beziehungsweise 10,5 Meter) eingeschossen. Diese werden sonst mit sogenannten "Cut-aways" bedient, also Fahrgestellaufbauten. Auf der diesjährigen UMA in New Orleans (ausführlicher Bericht im nächsten Heft) wurde nun ein Fahrzeug im US-Standard vorgestellt: 45 Fuß (13,5 Meter) und nur ein Einstieg vorne. Mittelfristig will sich Temsa in den USA mit allen drei Bussen im Luxussegment festsetzen. Das gelingt teilweise bereits gut, allein 20 Busse laufen schon für ein Filmstudio an der Westküste, der Marktanteil im Reisesegment beträgt in den USA laut Temsa schon rund zehn Prozent. Allein 2014 wurden mehr als 160 Busse verkauft.

Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 03/2015.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Foto

Thorsten Wagner

Datum

25. April 2015
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