Alle Marken
Hier zu allen Marken des Fahrzeugtyps
Mercedes Citaro NGT 14 Bilder Zoom
Foto: Jacek Bilski

Erster Test mit Citaro NGT

Mercedes erneuert Erdgas Bus

Mercedes hat den Erdgas-Citaro erneuert und mit einem kompakteren Motor bestückt. Der erste Test zeigt, wie nahe der leise Saubermann seinen Dieselbrüdern in Sachen Leistung und Fahrwerk kommt und warum das Konzept bisher zu Unrecht ein Schattendasein führte.

Drohende Einfahrbeschränkungen in Innenstädten, steigende NOx-Belastung, CO₂-Ausstoß – diese Schlagworte prägen zunehmend den Alltag von Verkehrsunternehmen und Kommunen. Fieberhaft versuchen alle Beteiligten, die Emissionen im ÖPNV weiter zu senken. Die Lösung dafür scheint aber nicht einfach zu sein, immer wieder gibt es neue technologische und mediale Hypes. Zudem klafften "auf dem Weg nach morgen Wunsch und Wirklichkeit mitunter auseinander," so Daimler Buses-Chef Hartmut Schick Anfang 2016 bei der Vorstellung des neuen Citaro NGT in Mannheim. Der Wunsch heiße "emissionsfreies Fahren", die Wirklichkeit seien oft jedoch "leere öffentliche Haushalte".

Eine naheliegende Lösung für die vielfältigen Emissionsprobleme der Städte ist jedoch seit Jahren vorhanden und serienreif. Erdgasbusse bauen auf der konventionellen Verbrennungsmotortechnik auf, sind vergleichsweise kostengünstig und bieten ohne großen Aufwand erheblich bessere Emissionswerte als der Euro-6-Diesel, der vor zwei Jahren mit rund 10.000 Euro Aufpreis und einer kleinen Chemiefabrik im Heck eingeführt wurde.

Daimler konzentriert sich auf alternative Antriebe

Dass Daimler gerade jetzt diesen Antrieb wieder in den Fokus nimmt, kommt nicht von ungefähr – hat man doch seit Euro-5/EEV-Zeiten keinen Hybridbus mehr im Angebot und steht in Sachen alternative Antriebe weitgehend nackt da, von sündhaft teuren Prototyp-Brennstoffzellenbussen einmal abgesehen. Keine schöne Situation für den Marktführer in Europa. Zudem brüstet sich MAN seit Jahren mit den eigenen CNG-Stückzahlen, auch Iveco und Solaris beackern das Feld mit Ausdauer. Mercedes kann seit den Zeiten des O405 auf lediglich 1.300 Erdgasbusse mit dem schweren Vorgängermotor M447HLAG verweisen, der seit einiger Zeit nicht mehr angeboten wurde. Dabei sieht auch Hartmut Schick den jährlichen Bedarf von rund 1.000 Bussen in Europa weiter steigen.

Der Marktanteil von Daimler soll jetzt aber deutlich anziehen: Mit dem unvermeidbaren Downsizing-Ansatz hat man den stehenden Dieselmotor OM 936 in die Hand genommen und auf den alternativen Kraftstoff getrimmt. Das bringt vor allem die Umstellung von Selbstzündung auf Fremdzündung mit sich – mit Zündkerzen nach Otto-Prinzip. Zudem wurde der Motor auf das stöchiometrische Brennverfahren umgestellt: Bei diesem wird nur genau so viel Sauerstoff zugeführt, wie für die Verbrennung notwendig ist, wodurch vor allem die NOx-Emissionen im Vergleich zum Vorgänger erheblich sinken. Leistungs- und Drehmomententfaltung bleiben dank der variablen Turboaufladung weitgehend vergleichbar zum stehenden OM 936 mit 220 kW, eine 260-kW-Variante wie bei dessen liegendem Pendant gibt es jedoch nicht. Mercedes spricht von einer Verbrauchsreduzierung von rund 15 bis 20 Prozent zum Vorgängermodell. Obendrein ist die Abgasreinigung denkbar einfach und völlig wartungsfrei: Vorkatalysator, zwei Lambdasonden, Hauptkatalysator – ein klassischer 3-Wege-Kat. Feinstaub kennt der Motor so gut wie überhaupt nicht, die verrufenen Stickoxide wurden weiter reduziert.

Sechs Flaschen erreichen vergleichbare Reichweite wie der Diesel

Zudem ist der fremdgezündete Motor wesentlich leiser, Mercedes spricht von bis zu vier dB(A), wir konnten beim Test konkret drei db(A) im Stand messen – das ist fast eine Halbierung der Lautstärke. Packaging und Ausstattung des Citaro NGT sind weitgehend identisch mit dem Diesel, den wir in Heft 8/2013 als Solo- und 8/2014 als Gelenkbus getestet haben. Lediglich die Höhe von 3,39 Metern unterscheidet den Saubermann von den Dieseln. Neu sind unter der nach beiden Seiten zu öffnenden Dachhaube die jetzt 227 Kilogramm fassenden Alu-Composite-Flaschen, die deutlich leichter sind. Der Testbus bietet mit seinen optionalen sechs Flaschen (Serie sind vier Flaschen im Solowagen) daher eine vergleichbare Reichweite wie der Diesel. Das CNG-spezifische Mehrgewicht des Solowagens wurde durch den kleineren Motor insgesamt auf 300 bis 400 Kilo gedrückt, daher fasst der Testwagen schon mit 18- Tonnen-Zulassung maximal 96 statt wie bisher nur 93 Personen.

Mit dem neuen zulässigen Gesamtgewicht von 19 Tonnen und der möglichen Auflastung der Vorderachse auf 7,5 Tonnen sind es sogar bis zu 105 Personen, analog zum Diesel. Der CO₂-Ausstoß sinkt bei vergleichbarem Verbrauch von rund 38 Kilogramm gegenüber dem Diesel nochmals um 20 Prozent auf 8 beziehungsweise 16 Gramm pro Personenkilometer (volle/halbe Auslastung bei 18 Tonnen). Diesen Wert erreichen kaum Doppeldecker, mit Biogas lässt er sich zudem noch weiter nach unten reduzieren .Auf die bekannten Vorzüge des Mercedes Citaro C2 brauchen wir hier nicht weiter einzugehen – der bereits 8.000-mal gebaute Stadtbus kommt dem Optimum an Technik und Ausstattung sehr nahe. Sei es das ergonomisch perfekte Cockpit mit seinem modernen Ambiente, die verwendeten, hochwertigen Materialien, das narrensichere Fahrwerk, das mit elektronisch gesteuerter Wank-Nick-Regelung noch mal komfortabler ausgelegt ist, oder der leise Antrieb – an dieser Grundlage gibt es kaum etwas auszusetzen oder zu verbessern. Der Citaro ist und bleibt Benchmark.

Verhalten des Saubermanns auf der Stadtroute durch Stuttgart

Die ersten Erdgasbusse hatten noch oft den Ruch der lahmen Ente, zumal selten Turbolader verbaut wurden. Mit seiner Beladung von über 15 Tonnen zeigt sich der Mannheimer jedoch durchaus flink in der Ebene und ausreichend kraftvoll im Berg. Die gemessenen Durchschnittsgeschwindigkeiten liegen nur geringfügig unter denen des Dieselkollegen. Freilich merkt man ihm die Anstrengung zuweilen an, aber nie wird er ungebührlich laut dabei. Überhaupt sind die gemessenen Geräuschwerte hinten kaum höher als vorne, der Motor spielt also nicht wie sonst üblich die Rolle als größter Geräuschproduzent.

Mercedes bietet den Motor auch für den Gelenkbus an, den Citaro G in Dieselvariante gibt es dagegen erst ab 260 kW. Ein von uns befragtes Unternehmen, das seit zehn Jahren Erdgasbusse einsetzt, hält dies nach eigenen Tests ebenso für etwas zu optimistisch wie wir auch, allerdings kommt es immer auf die konkrete Topografie an. Nicht jederzeit optimal wirkte gerade an Steigungen die Abstimmung des Ecolife-Getriebes mit neuester Software im Zusammenspiel mit der etwas längeren Achse. Außer im ersten Gang wagt sich das Räderwerk selten über 1.100 Touren hinaus, so kommt des Öfteren ein eingeschnürtes Gefühl auf. Der Sinn des sechsten Ganges ist zudem für den Stadteinsatz fraglich, senkt er doch erst ab 50 km/h die Drehzahl gerade mal um 200 Umdrehungen ab. Bei anspruchsvoller Topografie raten wir daher dringend zur ganz bewussten Wahl der Achsübersetzung und des gewählten Schaltprogramms. Nicht immer ist die Eco-Variante auch die beste.

Ökologische Lichtausrüstung im Citaro

Sehr ökologisch wiederum ist das Energiemanagement und die Lichtausrüstung des Citaro. Neben dem innovativen Rekuperationssystem mittels Superkondensatoren, das im Schubbetrieb aufgeladen wird, sorgt das intelligente Energiemanagement auch dafür, dass beim Anfahren die Nebenverbraucher nicht mit angetrieben werden. Erstmals gibt es für den Stadtbus optional auch Voll-LED Scheinwerfer, deren Farbtemperatur dem des Tageslichts sehr ähnlich ist. Die Ausleuchtung ist zwar nicht unbedingt besser als beim serienmäßigen Bi- Xenon-Licht, aber es wirkt entspannend auf den Fahrer.

Für die Passagiere gibt es auf Wunsch zudem taghelle LED-Leisten unterhalb der Türen. Der neuerliche Anlauf von Mercedes in Sachen Erdgas ist rundherum gelungen. Wer serienreife Technik mit geringsten Emissionen und wenig Wartungsaufwand erhalten will, wird um diese ernsthafte alternative Bewegung nicht herumkommen.

Dieser Inhalt ist exklusiv für unsere Digital-Abonnenten

Melden Sie sich an und prüfen Sie, ob Ihre Abonummer in Ihrem Profil hinterlegt ist. Wenn Sie Abonnent sind, aber noch kein Profil haben, können Sie sich hier registrieren. Weitere Informationen zu Registrierung und Anmeldung finden Sie hier.

› Jetzt anmelden

Sie haben noch kein Digital-Abo? Angebote und Informationen zu unseren Titeln und den Digital-Abos erhalten Sie in unserem Shop.

› Jetzt informieren
Dieser Artikel stammt aus Heft lastauto omnibus 10/2016.
Hier finden Sie alle Artikel dieser Ausgabe im Überblick.

Autor

Datum

28. Dezember 2016
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Unsere Experten
Götz Bopp, unser Experte für Sozialvorschriften im Straßenverkehr (Lenk- und Ruhezeiten) Götz Bopp Sozialvorschriften und Güterverkehr
Beratung von Unternehmen und Fahrern rund um das Thema Lenk- und Ruhezeiten. Schwerpunkt im… Profil anzeigen Frage stellen
eurotransport-Experte Klaus Willems Klaus Willems Inspektor der belgischen Polizei i.R.
Consulting für den Straßentransport - Aus- Weiterbildung der Berufskraftfahrer - Gerichtsgutachten Profil anzeigen Frage stellen
Aktuelle Fragen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.