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VDL Futura, Klassik und Moderne 15 Bilder Video Zoom

Einzeltest: VDL Futura

Der VDL Futura ist Nachfolger von gleich zwei Modellreihen. Er verbindet Klassik und Moderne. Und er hat das Zeug zu einem neuen Hit.

Kurze Pause am Gasthof Glemseck bei Leonberg. Plötzlich rauscht schwungvoll ein nicht mehr ganz taufrischer Bova Futura eines Unternehmens aus der Region heran. Der Bus verlangsamt seine Geschwindigkeit, zieht dann in Zeitlupentempo vorbei - der Fahrer hat offensichtlich den neuen VDL am Straßenrand erspäht. Auch Ausflügler bestaunen neugierig Front und Heck des Hochdeckers, der neue Futura ist ein Blickfang. Damit hat er seine Eintrittskarte in den Klub der arrivierten Reisebusse schon fast gelöst.

Der Futura beerbt den Magiq und den alten Futura zugleich

Im Jahr 2000 startete Bova einen ersten vergeblichen Versuch: Der neue Magiq sollte als Hochdecker aus Designerhand mittelfristig den Futura ablösen, seinerzeit schon ein 18 Jahre alter Klassiker. Das Vorhaben missglückte, der Magiq war zu wenig Futura. Jetzt ist der gute alte Futura nach 29 Jahren längst reif für die Rente. Die Marke heißt heute VDL und stellt sich im zweiten Anlauf geschickter an: Der mäßig erfolgreiche Magiq wird rundum überarbeitet, erhält den Namen Futura und löst gleich beide Baureihen ab.

Der Neue hat Gene von beiden Vorgängern. Die Frontscheibe zum Beispiel stammt ebenso vom Magiq wie die modulare Bauweise. Vom Futura bringt er den Leichtbau mit und das praktische Denken einschließlich des günstigen Preises. Vorbei ist es mit den hübschen Designspielereien des Magiq, der Futura ist ein handfester Geselle. Mit sechs von vorne bis hinten sowie links und rechts identischen Seitenscheiben. Mit gleichen Gepäckraumklappen links und rechts.

Selbstbewusst trägt der Futura das Markenlogo, VDL steht für die Initialen des Firmenpatriarchen van der Leegte. Bug- und Heckteile bestehen aus einem Kunststoff mit der unaussprechlichen Bezeichnung Polydicyclopentadien, selbst die Abkürzung PDCPD ist anspruchsvoll. Der Stoff jedoch ist leicht form- und lackierbar, sehr passgenau und widerstandsfähig. Dann wären da diese markant geschlitzten Augen mit fünf LED als Tagfahrlicht, Xenon-Abblendlicht und einem matten H7-Fernlicht. Unten schauen etwas böse die Nebellampen heraus, gleichzeitig Kurvenlicht. Die Rückleuchten im wohlproportionierten Heck à la Magiq nehmen die Form der Scheinwerfer auf und sind fast durchweg mit LED bestückt. Beim neuen Futura ist das Auge des Betrachters gut beschäftigt.

Ansprechender Fahrgastraum mit komfortablen Details

Fast geht beim Rundgang unter, dass es sich beim Testwagen um einen 13 Meter langen Zweiachser mit entsprechend langem Radstand handelt. Anderswo eine kritische Kombination, doch der Futura kann sie sich leisten: Der Testwagen bringt nur knapp über 13 Tonnen auf die Waage, das passt zu einer Vier-Sterne-Bestuhlung. VDL montiert sie nach Art des Hauses auf einem ebenen Fußboden. Darüber lässt sich trefflich diskutieren: Der erhöhte Mittelgang kommt dem Gepäckraum zugute und die Ablagen sind gut erreichbar. Gleichzeitig fällt die Stehhöhe knapp aus und älteren Fahrgästen bereitet das Aufstehen mehr Mühe.

Die neuen Sitze türkischer Herkunft haben Passform und sind anschmiegsam, die Gurtschlösser stören nicht. Die Topversion zeichnet sich durch eine Besonderheit aus: Die Kopfstütze lässt sich um fünf Zentimeter herausziehen, ihre Seiten wie bei einem gemütlichen Ohrensessel aufklappen - ein bemerkenswertes und zurzeit einzigartiges Komfortdetail.

Die Sitze fügen sich in einen warm und harmonisch gestalteten Fahrgastraum ein. Velours an den Seitenwänden, unter den Luftkanälen, in den Gepäckablagen sowie an der Mitteldecke schafft eine anheimelnde Atmosphäre und dämpft das Geräuschniveau. Die indirekte Beleuchtung mit Warmtonröhren verstärkt den Eindruck von Behaglichkeit. Die Moderne zieht mit Leselampen in LED-Technik ein.

Punktabzug fürs stille Örtchen

Weniger geglückt ist der Zugang zur tief eingebauten Toilette, auch fehlt drinnen ein Haltegriff. Und in der letzten Reihe sitzen die Fahrgäste nicht gerade erster Klasse. Wegen der steil hochgezogenen Gürtellinie fehlt es an Aussicht, auch sind die Sitze hoch über dem ansteigenden Boden angeordnet - eine ehrliche Stufe wäre besser. Der mittlere Passagier muss auf Luftdüse und Leselampe verzichten - Punktabzug.

Pluspunkte sammelt der Fahrgastraum durch gekonnte Verarbeitung und dezente Geräusche. Flüsterleise arbeitet der Diesel, gleitet der Hochdecker über die Autobahn. Erst unter Last an Steigungen macht er sich kraftvoll grollend, aber nicht unangenehm bemerkbar. Vorn geht’s weniger vornehm zu. Der Wind zischt hörbar um den Bug, die Achsaufhängung poltert auf kurzen Unebenheiten, meldet sie dazu durch Stöße weiter. Über lange Bodenwellen dagegen rollt der Futura souverän dahin, bevorteilt durch den langen Radstand.

Trotz seiner Länge ist der Futura überraschend wendig

Dieses Achsmaß werden Fahrer misstrauisch beäugen, wenn Überlandetappen anstehen oder Fahrten in die Stadt. Doch auch hier zeigt der Futura seine Praxisnähe: Der Radeinschlag von 60 Grad ist rekordverdächtig groß. Prompt windet sich der Lange mit einem Wendekreis von nur 22 Metern überraschend gelenkig durch enge Biegungen. Dabei hilft die leichtgängige und doch präzise Lenkung, flink wirbelt das Steuer durch die Hände des Fahrers. Die Aufteilung des elegant geschwungenen Cockpits erinnert - obwohl neu - an den Magiq. In seiner Zweifarbigkeit ähnelt es der aktuellen Pkw-Mode, ebenso die farbig unterlegten Instrumente. Die Schalter sind in drei Gruppen logisch verteilt, das Zündschloss sitzt links - ein sportlicher Gruß von Porsche. Eigenwillig ist allein das Klimatableau linker Hand. Seine Anzeigen sind nur mäßig ablesbar. Weshalb nicht den freien Einschub in der Mittelkonsole nutzen, dann könnte auch der Begleiter eingreifen? Er nimmt rechts im Einstieg eine tiefe Sitzposition ein, auch fehlt die Leselampe.

An Beinfreiheit mangelt es aber nicht, das gilt noch mehr für den geradezu üppigen Fahrerplatz mit einer Sitzposition ähnlich wie in einem Pkw. VDL spendiert eine Vielzahl kleiner Ablagen, hinzu kommen Staufächer unter dem Dach. Einzig der Schlitz beim Griff zur Feststellbremse ist ein wenig schmal und das stehende Bremspedal altmodisch.

Technisch eher sparsam ausgestattet, aber auch pragmatisch

Stichwort Bremse: Der Retarder packt mit leichter Verzögerung zu, auch fehlt ihm der rechte Biss. Doch technisch entspricht der Futura ohnehin nicht dem allerletzten Schrei, es fehlen Assistenzsysteme wie Abstandsregler oder Spurwarner zeigt. Statt einer Warmwasserheizung sind vier Unterflur-Gebläseheizer angebracht. Andererseits - viel simpler geht’s nicht und eventuelle Defekte haben überschaubare Folgen. Dies betrifft auch die Verwendung von jeweils einem Klimakompressor pro Wagenseite. Eher schlicht wirken auch einige sichtbare Verschraubungen an den Abschrankungen im Innenraum.

Diese typisch niederländisch-pragmatische Denkweise kennt man ebenfalls von dem Motorenlieferanten DAF. Er steuert hier seinen bulligen MX-Motor bei. Und wer nun meint, 300 kW (410 PS) Nennleistung seien in einem ausgewachsenen Hochdecker nicht der Rede wert, muss sich eines Besseren belehren lassen. Der gut trainierte Diesel hat seine Muskeln dort, wo man sie braucht. Er arbeitet elastisch, verbeißt sich in Steigungen wie ein Terrier. Klingt dann tief und stark, schiebt die 18 Tonnen mit erstaunlicher Mühelosigkeit an. Da kann sich VDL sogar eine superlange Achsübersetzung mit nur 1.200 Touren bei Tempo 100 leisten - den Testberg schnellte er überraschend behände hinauf.

Nur an der Abstimmung des Getriebes gäb’s noch Feinarbeit zu erledigen: Generell glänzt der Futura mit einer sehr sanften Ausführung der ZF AS-Tronic. Aber schon beim Start an mildesten Steigungen hangelte sich der voll ausgeladene Testwagen unnötig mühsam Gang für Gang nach oben. Die Vielzahl von Zugkraftunterbrechungen ist unkomfortabel, kostet Zeit und teuren Sprit. Generell indes gehört der DAF zu den Knausern. Und wie man hört, wird die nächste Generation noch einige Prozent sparsamer. Obendrein arbeitet die Maschine sauber, erreicht EEV-Einstufung ohne Filter.

Stärken beibehalten, alte Fehler diesmal vermieden

An der Tankstelle zeigt der neue Futura nicht nur seine Rangierkünste, sondern auch ein nettes Accessoire vom Vorgänger Magiq: Über dem rechten Radlauf versammelt er hinter einer Klappe fein säuberlich die Einfüllstutzen für Diesel und Adblue sowie ein Fach für die Tankhandschuhe. Die weiteren kleinen Fächer über den Achsen sind beim Modellwechsel allerdings verschwunden - wohl Teil eines Sparprogramms. Das praktische Werkzeugfach hinten rechts aber hat VDL erhalten.

Ebenso das extrem leichte und gut isolierte Sandwichdach, seine Struktur entspricht einem Kühlaufbau. Neu ist die Verwendung von rostfreiem Stahl im Unterbau - die braune Pest gehörte zu den Leiden der Vorgängermodelle. Und damit jeder sieht, dass sich VDL bei der Verarbeitung des Neuen redlich Mühe gibt, verwendet man nicht nur den unaussprechlichen Kunststoff für die Beplankung, sondern passt die Klappen für ein perfektes Fugenbild nun bereits vor der Montage exakt auf den Zentimeter an. Es gibt eben viel zu entdecken am neuen VDL Futura. Ein neugieriger Blick im Vorbeifahren genügt nicht, bei diesem Bus von überraschender Rasse und Klasse lohnt genaues Hinschauen. Die Zukunft heißt Futura.

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

25. Oktober 2011
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