DAF XF und MAN TGX 24 Bilder Zoom

DAF XF und MAN TGX: Deutschland : Holland

Ein Klassiker mal anders: DIe aktuellen Euro-6-Baureihen aus München und Eindhoven stellen sich dem direkten Vergleich.

Shit happens, wer weiß das nicht? Als der Termin für das Fahrertest-Doppel MAN TGX und DAF XF endlich für den 12. und 13. März auf dem Autohof Rheinböllen festgeklopft ist, haben alle Beteiligten frühlingshafte Bedingungen im Sinn. Ja, von wegen. Schneeverwehungen, spiegelglatte Straßen, Temperaturen weit unter null – Frühling sieht für gewöhnlich anders aus, sogar im Hunsrück. Aber: Kneifen gilt nicht und so kämpfen sich die Werksfahrer aus München und Eindhoven in das verschneite Mittelgebirge vor, wenn auch mit einiger Verspätung. Deutschland gegen Holland wird somit angepfiffen, miese Platzverhältnisse hin oder her.

DAF mit zwei Übersetzungen

DAF tritt mit zwei nahezu identisch ausgestatteten XF Super Space Cab mit 510 PS starkem Euro-6-Motor an. Der Unterschied zwischen den beiden auf 40 Tonnen ausgeladenen Sattelzügen lässt sich quasi nur auf dem Drehzahlmesser ablesen: Die längste Achsübersetzung (2,53 : 1) von Kandidat eins gegenüber der kürzeren 2,69er in Nummer zwei senkt das Drehzahlniveau auf der Autobahn um rund 75 Touren. MAN kontert die Super Space Cab mit dem XXL-Fahrerhaus, allerdings in Form eines Dreiachs-Motorwagens vom Typ 26.480 – ein anderer XXL mit Euro-6-Motor stand auf die Schnelle nicht zur Verfügung. Vor den beladenen Sattelauflieger hat MAN einen TGX 18.440 mit kleinerem XLX-Fahrerhaus gespannt.

Trotz geringerer Stehhöhe würden sich einige Testteilnehmer als Alleinfahrer ohnehin für diese Variante entscheiden, was nicht völlig überraschend kommt. Die riesige Panoramascheibe des XXL entzweit seit jeher die Gemüter. Detail am Rande: Das Lenkrad im TGX gibt es mit 50 oder 45 Zentimeter Durchmesser, wobei der Dreiachser der höheren Lenkkräfte wegen die größere Variante aufweist, die XLX-Zugmaschine die „handlichere“ Version. Das Kleinere kommt eindeutig besser an oder, wie ein Kollege im Vorbeilaufen trocken meint: "Mit der Zeit werden die Bäuche dicker, da müssen die Lenkräder kleiner und die Betten breiter werden."

MAN bringt alle Euro-6-Motoren mit

So ganz nebenbei hat MAN zum Test das komplette Euro-6-Angebot des 12,4 Liter großen D26-Motors aufgeboten: 440 oder 480 PS, damit hat es sich. Die bisherige Topmotorisierung mit 540 PS fällt flach. Die Ursachen dürften wohl in den gegenüber Euro 5 nochmals höheren Anforderungen an die Kühlleistung zu finden sein. Beim DAF XF bleibt es dagegen bei den gleichen Leistungsstufen wie zuvor, also 408, 462 und eben 510 PS als Maximum. Unter den befragten Fahrern ist die Abgasnorm Euro 6 aber noch weitgehend Zukunftsmusik, obwohl sie für Neufahrzeuge schon in wenigen Monaten, ab Januar 2014, verbindlich ist. "In unserer Firma wurde gerade alles komplett auf Euro 5 erneuert, Euro 6 ist noch kein Thema", erzählt zum Beispiel der Niederländer Bjorn Leuvenink. Was den ein oder anderen aber bereits interessiert, ist der zusätzliche Aufwand mit dem Partikelfilter.

Kevin Riedel erkundigt sich zum Beispiel nach dem Stichwort "manuelle Regeneration" bei vollem Filter. Die kann bei kaltem Fahrzeug tatsächlich bis zu einer dreiviertel Stunde dauern. Allerdings, das werden neben DAF und MAN auch andere Hersteller nicht müde zu betonen, soll die manuelle Regeneration in der Praxis die absolute Ausnahme darstellen und nur unter extrem ungünstigen Einsatzbedingungen erforderlich sein. Ein echter Vorteil der neuen Technik: Der Adblue-Verbrauch sinkt mit Euro 6 gegenüber Euro 5 deutlich, je nach Einsatz um bis zu 50 Prozent. Das spart immerhin das ein oder andere Mal Schlange stehen an den wenigen Tankspuren mit zusätzlicher Adblue-Zapfsäule.  

Holland und Bayern setzen beide auf SCR

Partikelfilter, SCR-Abgasreinigung und Abgasrückführung bilden den gemeinsamen Nenner der Euro-6-Motoren aus Eindhoven und München. Bei der Aufladung trennen sich die Wege: DAF setzt auf einen einzigen Turbolader mit variabler Geometrie, MAN dagegen auf eine zweistufige Aufladung mit Hochdruck- und Niederdruck-Turbolader. Unterschiedlich fallen auch die "Begleitumstände" zu den Euro-6-Generationen aus. So hat sich MAN beim TGX fast völlig auf die Neugestaltung der Frontpartie zum Zweck höherer Kühlleistung konzentriert, verbunden mit einem leicht abgewandelten Design und einer verbesserten Aerodynamik entlang der A-Säulen, Windleitblenden und Stoßfänger. DAF hingegen hat das Thema Euro 6 zum Rundumschlag genutzt und den Modellwechsel vom XF105 zum neuen XF eingeläutet: mit neuem Rahmen, neuen Federungen, neuen Achsen und einer neuen Inneneinrichtung.

Am Rohbau der Fahrerhäuser haben die Niederländer dagegen nicht gerüttelt. 
Da ist es angesichts des riesigen Kabinenvolumens der Super Space Cab einerseits auch absolut verständlich, im Detail hätten aber die Außenstaufächer eine Überarbeitung verdient gehabt. Die Luken sind immer noch zu klein, wie gleich mehrere Testteilnehmer anmerken, gerade im direkten Vergleich zum TGX vis-à-vis. Keine zwei Meinungen gibt es dagegen zu den neuen Seitenscheiben im DAF: Ein Spruch in der Art "Der Holm ist endlich weg!" ist häufig zu hören. Innen bekommt der XF durchweg gute Noten für die verarbeiteten Materialien sowie die gegenüber dem XF105 modernisierten Schalter und Instrumente. Holzdekor wie im XF oder Carbon-Look im TGX – reine Geschmacksache.

Unter dieses Stichwort fallen auch die unterschiedlichen Anordnungen der Lenkradtasten. Waagerecht zur Nabe hin im DAF oder senkrecht den Kranz entlang im MAN: Für beide Konzepte finden sich Pro und Kontra. Während zum Beispiel Actros-Fahrer Ugur Atas die klappbare Sicherungsschiene am unteren Bett spontan richtig gut findet, ist MAN-Fahrerin Biggi Wenzel im täglichen Gebrauch von dem Teil genervt: "Der Schutzbügel vor dem Bett drückt mir unangenehm gegen die Beine, wenn ich auf dem Bett sitze." Ein Manko in beiden Fahrzeugen: Eine dimmbare Innenbeleuchtung fehlt (wobei sich in der neuesten TGX-Generation wenigstens das Rotlicht dimmen lässt).

DAF punktet im Innenraum

Die "demokratische Mehrheit" befürwortet die bauchige Armatur im XF mit dem solidem Ausziehtisch und den großen offenen Ablagen oben drauf und über dem Motortunnel. Die flache Brüstung im TGX mit den beiden Schubladen kommt zahlenmäßig auf weniger Fans, aber es gibt sie. Die zerklüftete Architektur unter dem Bett dagegen, mit dem Kühlschrank bis weit vor der Liegenkante und der Schaltkonsole daneben, wirkt auf die meisten schlicht nicht mehr zeitgemäß. "Mit den beiden Schubladen unter dem Bett sieht das im DAF einfach aufgeräumter auf", meint zum Beispiel Actros-Fahrer Kevin Riedel. Auch bei MAN wird sich intern schon herumgesprochen haben, dass der niedrige Becherhalter für kleine Flaschen oder Thermobecher mit hohem Schwerpunkt weniger taugt.

Die beiden ausklappbaren Pendants im XF hinterlassen bei den meisten jedenfalls einen besseren Eindruck. Im Vergleich zum sportlichen Wurf in die obere Koje des XXL kommt auch die verschiebbare Leiter mit breiten Sprossen im Super Space eindeutig besser an. Was die Betten insgesamt anbelangt: Der XF erntet viel Lob für die dicken Taschenfederkernmatratzen, die soliden Holzlattenroste im MAN machen jedoch nicht weniger Eindruck. Mit jeweils knapp 80 Zentimeter Breite und 2,20 Meter Länge schenken sich die unteren Betten im XXL und Super Space nichts. Da kommt es beim Liegenkomfort letztlich auf individuelle Vorlieben an, zumal MAN optional unterschiedlich dicke Kaltschaummatratzen mit fünf oder sieben Härtezonen anbietet. 

DAF und MAN treten in Vollausstattung an

Apropos "optional": Natürlich lassen sich DAF und MAN bei einer solchen Gelegenheit nicht lumpen und spendieren den Vorführfahrzeugen eine Vollausstattung. Das beginnt bei Luxussitzen und Lederlenkrädern und reicht über Xenon- (MAN) und LED-Scheinwerfern (DAF) bis zu kompletten Sicherheitspaketen, unter anderem mit Retarder, Spurwächter und Abstandsregler. Vor allem bei Letzterem ist die Einschätzung "sollte längst Serie sein" oft zu hören.

Aus aktuellem Anlass, mit dicken Schneeflocken vor der Scheibe, wünscht sich Norbert Barth auch eine Pflichtausstattung mit aufblasbaren Luftpolstern unter Planendächern: Die gefährlichen Eisplatten-Geschosse lassen grüßen. Das durchzusetzen ist aber weder Aufgabe von MAN noch von DAF. Stattdessen gibt es für beide aus Fahrersicht noch die ein oder andere Hausaufgabe zu erledigen – vor dem Rückspiel, sozusagen.

Download
Kostenlos herunterladen Technische Daten (Euro-6-Motoren) (PDF)

Autor

Foto

© Jacek Bilski

Datum

5. Juni 2013
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