Zetros im Schutt 11 Bilder Zoom

Aufbau nach Tsunami: Zetros liefert Hoffnung

Neun Monate nach dem verheerenden Erdbeben und dem Jahrtausend-Tsunami ist in Japan noch kein Ende des Wiederaufbaus abzusehen. 

Mitsuru ist in heller Aufregung: "Fish, Fish“, radebricht er heiser zwischen einem Schwall japanischer Wörter, als er seinen Truck vorbei an einer völlig zerstörten Halle am Küstenstreifen von Ishinomaki über die Geröllstraße steuert. Ziemlich genau vor neun Monaten war hier direkt am Hafenpier sein Lebensmittelpunkt. In dieser zerschlissener Ruine mit den ausgehöhlten Fenstern, die nur noch auf den Abbruch wartet, fand früher der Fischmarkt statt. Dort lud der 52-Jährige frischen Meeresfang auf seinen Lkw und lieferte ihn ins Landesinnere aus.

Jetzt ist alles anders: sein Leben, seine Stadt, seine Arbeit – einfach alles. Am 11. März um 14.46 Uhr brach die Jahrhundertkatastrophe über Japan herein. Ausgelöst von einem gewaltigen Seebeben walzte eine über zehn Meter hohe Tsunami-Welle einfach alles nieder – Schilder, Autos, Häuser, Straßenzüge, Eisenbahnen, ganze Fabrikanlagen wurden von der unbändigen Gewalt des Wassersturms wie Spielzeug weggefegt. Alles Leben ertrank in der Jahrhundertflut. Über Hunderte von Küstenkilometern hatte der Tsunami Tod und Verderben bis zu zehntausend Meter tief ins Landesinnere gespült. Allein in Ishinomaki, Mitsurus Heimatstadt mit damals 180.000 Einwohnern, starben mehr als 3.100 Menschen. Über 29.000 Bewohner der Küstenstadt verloren ihr Zuhause und konnten nur ihr Leben retten und was sie auf dem Leib trugen.

Mitsuru transportiert Hoffnung

Mitsuru hat nach dem schwärzesten Freitag in der Geschichte Japans nicht aufgegeben. Ganz im Gegenteil, heute fährt der Lkw- Fahrer wieder und transportiert Hoffnung in Form einer vier Kubikmeter großen Ladung Erdreich. Die bringt er aus fast 50 Kilometer Entfernung bis an die Küste eines Fischerdorfes nahe seiner Heimatstadt. Dort wartet schon die greise Bäuerin Noriko, die am 11. März alles verloren hat und seitdem in einer schlichten Behelfshütte leben muss. Mitsuru fährt seinen Truck vorsichtig an den Straßenrand und kippt die fruchtbare Erde auf das vom Meersalz vergiftete Land. Ein kleiner Garten soll hier zwischen kopfüber gestrandeten Fischerbooten und wie willkürlich in der Landschaft verteilten Autowracks im nächsten Frühjahr wieder Blumen und Gemüse wachsen lassen.

Ein kleines Stückchen Zuversicht als ein Zeichen der Hoffnung und mentalen Unterstützung für die völlig traumatisierten Bewohner. Lastwagenfahrer Mitsuru, Vater von zwei Kindern, bewegt selbst ein Symbol internationaler Unterstützung für Japan. Er hat das Lenkrad seines leichten Fischlasters, der in der Monsterwelle spurlos versank, gegen das ungewohnte Volant eines Mercedes Zetros getauscht. Der grüne Allrad-Truck kam aus Deutschland als Spende von Daimler zusammen mit weiteren Zetros und Unimogs. Die Konzerntochter Mitsubishi Fuso stellte noch zehn Canter in Kipperausführung dazu, um Selbsthilfeinitiativen wie die IDRAC (Ishinomaki Disaster Recovery Assistance Council) vor Ort zu unterstützen.

250 Freiwillige kämpfen für den Wiederaufbau

Für IDRAC-Präsident Shuki Ito ist der stämmige Allradlaster ein Vertreter für das japanische Sinnbild eines "heldenhaften Roboters", ein Symbol der starken Unterstützung, die Daimler leistete. Ito hat das verheerende Seebeben und den Tsunami in seiner Heimatstadt selbst erlebt und will nun etwas zurückgeben an sein Land und seine Mitmenschen. "Wir hatten nach der Tsunami-Warnung nur mit einem 50 Zentimeter hohen Wasseranstieg gerechnet", schüttelt der 49-Jährige seinen Kopf. Doch wer die vom Dach eines Hochhauses gedrehten Handy-Videos der Tsunami-Welle ansieht, wird sprachlos. Zu unglaublich, zu dramatisch sind die Bilder, auf denen eine ganze Stadt in Minuten der Urgewalt des Meeres unterliegt. Doch die Japaner versinken nicht in Fatalismus. Das stolze Volk wächst in Zeiten härtester Prüfung ganz eng zusammen und kämpft – jetzt erst recht!

IDRAC-Chef Ito, der bis zu dem Katastrophentag im März ein 17 Mann starkes Bauunternehmen leitete, koordiniert nun in seiner gemeinnützigen Organisation den Strom der "Ishonimaki Volunteers“. Eine Heerschar von Freiwilligen, die in Spitzenzeiten kurz nach dem Tsunami auf bis zu 10.000 Menschen pro Tag anwuchs. Heute sind es noch rund 250 Freiwillige wie Mitsuru, die täglich für den Wiederaufbau kämpfen. "Wir wollen etwas zurückgeben, Leute direkt an Leute", beschreibt Ito die typisch japanische Eigenschaft des Gemeinschaftssinnes. Dazu sei auch die Unterstützung des Auslands wie zum Beispiel die aus Deutschland sehr wichtig.

Mit seinem Zetros schafft Mitsuru drei Fuhren täglich

Wie lange der Hilfseinsatz noch dauern wird, weiß der Cheforganisator nicht: "Ich sehe heute kein Ende der Arbeit …" Darüber hat sich auch die 26 Jahre alte Studentin Aska noch keine Gedanken gemacht. Seit mehr als sechs Monaten ist die angehende Klimaforscherin schon im Dauereinsatz in der Katastrophenregion um Sendai. Die Wissenschaftlerin will den betroffenen Menschen vor Ort helfen, einen Sinn im Wiederaufbau zu finden. "Wenn alles verloren ist, dann sind es die kleinen Dinge wie unsere Gärten, auf denen wieder zarte Hoffnung wächst", sagt die engagierte Tokyoterin, während sie mit Bäuerin Noriko und Mitsuru zwischen zerschlagenem Geschirr und den Resten eines Fischerbootes herumklettert und den idealen Abladeplatz für die Muttererde aussucht.

Nachdem die Ladung zielgenau von der Pritsche gekippt ist, macht sich der Zetros-Fahrer mit seinem 330 PS starken Zweiachser wieder auf den Weg zurück zur Sanddeponie. Zwei bis drei Fuhren schafft er am Tag. Wie es weitergeht? Er weiß es auch nicht. Bis dahin fährt er aber gerne seinen exotischen Geländelaster. Fahrspaß – in dieser Situation eine kleine Freude immerhin. 23 Trucks sind momentan für Itos IDRAC-Hilfsorganisation unterwegs. Die meisten transportieren die überall verbreitete Melange aus Hausrat, Sand, Schlamm und Steinen auf die Deponien. In Anbetracht des apokalyptischen Szenarios, das streckenweise an die Verwüstungen des Atombombenabwurfs in Hiroshima erinnern mag, eine wahre und beschwerliche Sisyphusarbeit.

Lesen bedeutet Normalität

Einer der Leicht-Lkw, ein umgebauter Fuso Canter, der als Spende vom japanischen Lkw-Hersteller zur Verfügung gestellt wurde, beherbergt etwas ganz anderes – eine rollende Bücherei. Das mag in Anbetracht der totalen Verwüstung, welche die Todeswelle an den küstennahen Stadtteilen hinterlassen hat, etwas eigenartig erscheinen, hat aber bei näherer Betrachtung durchaus seinen Sinn. Denn den Kindern, die dem wütenden Ansturm des Pazifiks entkommen konnten, ist buchstäblich nichts geblieben. In den wenigen halbwegs intakt gebliebenen Wohnhäusern treffen sich die Kleinen nun, um wiederein Stück Normalität wie gemeinsames Kochen, Kartenspielen oder eben das in Japan über alle Altersklassen durchgängig beliebte Lesen von Manga-Comics zu zelebrieren.

Einer dieser Treffpunkte ist bei Abe Kazuko. Der Seniorchefin einer Maler- und Lackierfirma ließ der Wassersturm wenigstens das Wohnhaus. Rund 15.000 Euro Spenden bekam die rüstige Geschäftsfrau aus Taiwan. Der japanische Staat zahlte ihr rund 2.000 Euro Soforthilfe und eine Kopfprämie für jeden Bewohner der stark zerstörten Firmengebäude. Nach dem Tsunami wollte sie weg, konnte sich nicht vorstellen, hier weiter zu leben. "Aber es fehlt das Geld für den Umzug mit der Firma." Statistisch betrachtet käme die nächste Riesenwelle erst in tausend Jahren, sagen die Wissenschaftler, aber Abe Kazuko hat das Vertrauen in die Natur verloren. Wichtig sei ein verbessertes Frühwarnsystem, dann werde das nächste Mal niemand sterben, sagen die Politiker. Aber die, so meint Abe Kazuko, sagen sowieso viel und halten wenig. Das habe man jab eim Drama um die Atomhavarie in Fukushima gemerkt.

Fukushima spielt hier keine allzu große Rolle

Erstaunlich, dass bei allem Elend und Schrecken, den der 11. März ins Land gespült hat, die Furcht vor dem nur gut 100 Kilometer entfernten Unglücks-Atomreaktor bei den meisten Menschen keine größere Rolle zu spielen scheint. Strom aus dieser Ressource gehört zum unverzichtbaren Energiekonzept Japans, deswegen steht er nicht in der breiten Diskussion. Ein Betondeckel drauf und in 30 Jahren wäre alles wieder gut, lautet die Meinung einiger Lkw-Fahrer am Rastplatz vor den Toren Ishinomakis oder dessen, was davon geblieben ist. Überdies, so Zetros-Mann Mitsuru, sei man mit dem Ausmaß der Tsunami- Katastrophe vollauf beschäftigt. Gegen Mittag parkt der Fuso Canter mit seiner Leihbücherei im Kastenaufbau vor dem stark ramponierten Erdgeschoss von Frau Kazukos Wohnhaus. Für die Kinder, die schon aufgeregt parat stehen, eine willkommene Abwechslung.

Genauso wie für Hiroaki Watanabe, 28, der im Dienste von IDRAC den Bücher-Fuso von Schule zu Schule fährt. Die Kinder haben ihm längst den Spitznamen "Freundlicher Kollege“ gegeben. Er selbst hat die Hälfte der 750 Manga-Bücher im Kofferaufbau schon gelesen. Mit seiner dritten Fuhre "Hoffnung" in Form von Erde auf der Kipperpritsche meldet sich Mitsuru am späten Nachmittag in der provisorischen IDRAC-Einsatzzentrale ab. Morgen geht er wieder auf Tour mit seinem "heldenhaften Roboter-Zetros“ – denn: "Das Wichtigste ist jetzt, etwas zu tun“, wie IDRAC Organisator Shuki Ito noch mal betont. "Nicht reden, sondern etwas machen. Denn wir Japaner kämpfen gemeinsam zusammen als ein Team – auch in Ishinomaki!!"

Das Jahrtausenderdbeben

Japan gehört mit seiner Lage auf zwei sich permanent bewegenden Kontinentalplatten zu den erdbebengefährdesten Regionen der Welt. Am 11. März 2011 entlud sich um 14.46 Uhr in 31 Kilometer Tiefe die unvorstellbare Spannung zwischen der nordamerikanischen und eurasischen Platte in dem stärksten Erdbeben, das Japan seit Beginn der seismologischen Aufzeichnungen erlebte. Das Epizentrum lag nur 370 Kilometer von Tokyo und 130 Kilometer von der Küstenstadt Sendai entfernt. Unweit von Sendai, das durch die Live-Bilder des überfluteten Flughafens bekannt wurde, liegt die Hafenstadt Ishinomaki, die sich nach dem Erdbeben teilweise um bis zu 1,5 Meter absenkte.
Das Beben verursachte einen verheerenden Tsunami (jap. "große Welle im Hafen"), der mit durchschnittlich zehn, teilweise auch 38 Meter Höhe über Hunderte von Kilometern an der Südküste enorme Verwüstungen anrichtete. Dabei kam es auch zur Havarie der Atommeiler von Fukushima Daiichi, die in einer unkontrollierten Kernschmelze endete. Unmittelbar nach der Katastrophe, welche die japanische Hauptinsel um 2,4 Meter nach Osten versetzt hat und viele Küstenregionen absinken ließ, mussten Hunderttausende Bewohner in Notunterkünfte evakuiert werden. Allein in Ishinomaki wurden 28.000 Gebäude zerstört. In Tokyo brach das tägliche Leben zusammen. Die Auswirkungen des mit einer Kraft von 780.000 Hiroshima- Atombomben aufgetretenen Bebens werden Japan noch über Jahre hinweg beschäftigen. Neben den Schäden an Wohn- und Geschäftshäusern wurden Flughäfen, Straßen, Eisenbahnlinien und Stromversorgungsleitungen schwer in Mitleidenschaft gezogen.
Der wirtschaftliche Gesamtschaden der Katastrophe wird mit rund 220 Milliarden Euro veranschlagt. Außerdem wurde sogar die Erdrotation durch das gewaltige Erdbeben beeinflusst. Seit dem 11. März dreht sich die Erde durch die Verschiebung der Kontinentalplatten ein bisschen schneller. Bis heute kann man die Zahl der Toten wegen der zahlreichen Vermissten nicht genau festlegen, über 16.000 Menschen überlebten das Erdbeben und den nachfolgenden Tsunami definitiv nicht. Statistisch kommt ein Mega-Erdbeben wie am 11. März 2011 nur alle tausend Jahre vor.

Autor

Foto

OWImedia, IDRAC

Datum

11. März 2012
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