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Reise durch den Tigerstaat Malaysia: Von Teepflückern und Holzfällern

Malaysia ist auf dem besten Weg in die wirtschaftliche Weltelite – doch der Aufschwung schafft nicht nur Gewinner

Es dauert mal wieder eine Ewigkeit, bis die Vorglühanzeige an Ranchids knallrotem Mercedes 911 erlischt und der über 30 Jahre alte Benz endlich anspringt. „Das ist immer so eine Glücksache, aber wenn er läuft, dann läuft er, und zwar sehr zuverlässig.“ Für Ranchid ist der betagte Benz das Arbeitsgerät schlechthin, muss er doch täglich mehrere Ladungen Baumstämme in das gut 30 Kilometer entfernte Sägewerk transportieren. Hier tritt der wertvolle Rohstoff dann seinen Weg in die ganze Welt an.
 
Aufstieg zur internationalen Wirtschaftsmacht
 
Wie Ranchid arbeitet noch immer ein Großteil der Bevölkerung Malaysias in der Landwirtschaft. Diese jedoch hat mit dem Aufstieg zur internationalen Wirtschaftsmacht nichts zu tun. Verantwortlich hierfür sind vor allem Rohstoffe und Bodenschätze, darunter vor allem das Erdöl. Als Symbol für den neuen Wohlstand gelten die Twin Towers von Erdölmulti Petronas, die die Skyline von Kuala Lumpur weithin sichtbar prägen.
 
Aufstrebender Tigerstaat
 
Die Aufbruchsstimmung ist jedoch im ganzen Land zu spüren. Die seit Beginn der 1990er-Jahre anhaltende industrielle Entwicklung hat das Land in die Reihe der aufstrebenden Tigerstaaten zusammen mit Thailand, Indonesien und Vietnam aufrücken lassen. Malaysia gilt ökonomisch und politisch als eines der stabilsten Länder Südostasiens, in dem Tradition und Moderne, Islam und Kapitalismus problemlos nebeneinander existieren können. Durch diese offene Ausrichtung erfuhr das Land einen grundlegenden Wandel, von einem zuvor mehrheitlichen Agrarstaat hin zu einer technisierten und wichtigen Handelsnation im Bereich der IT-Güter. Diese Entwicklung geht auch an Ranchid und seinen Fahrerkollegen nicht spurlos vorbei. „Immer mehr Kollegen ziehen mit ihren Familien nach Kuala Lumpur, weil dort die Jobs und der Verdienst besser sind.“ Ranchid selbst kann sich diesen Schritt nicht vorstellen. „Ich verdiene zwar weniger als die ehemaligen Kollegen, trotzdem kann ich mir und meiner Familie alles kaufen, was wir zum Leben brauchen.“ Dieses Glück haben nicht alle Menschen in Malaysia. Besonders deutlich zeigt sich das im östlichen Teil Malaysias, im Bereich der Insel Borneo. Hier ­fristen rund 20 Prozent der Bevölkerung ihr Dasein unterhalb der Armutsgrenze.
 
Tägliche Teezeremonie
 
Ranchid lebt mit seiner Frau und drei Kindern in der Nähe der Stadt Ipoh. Dort pflegt er, wenn möglich, sein ganz eigenes Ritual. „Unser Haus liegt in der Nähe des Sägewerks. Wenn ich es schaffe, trinken wir jeden Tag um 16 Uhr eine Tasse Tee zusammen“, erklärt er und lächelt. Der Tee für die tägliche Zeremonie kommt aus den unweit entfernten Cameron Highlands, einer Gebirgskette etwa 200 Kilometer nördlich von Kuala Lumpur.
 
Tee von den Cameron Highlands
 
Schon allein die Fahrt ins Gebirge ist ein echtes Abenteuer, denn es ist nur über eine kleine schmale Straße erreichbar, die links und rechts riesige, uralte Urwaldbäume ­säumen. Hat man die Tortur überstanden, dann bietet sich ein atemberaubender Anblick: endlose, akribisch angeordnete Reihen von Teesträuchern, die sich an die Hänge schmiegen, so weit das Auge reicht. Aufgrund der Nähe zur Hauptstadt sind die Cameron Highlands mittlerweile ein beliebtes Reiseziel für viele Erholungssuchende aus dem In- und Ausland geworden.
 
Die Woche besteht aus sechs Arbeitstagen
 
Auch Ranchid ist immer wieder gerne in „seinem“ Gebirge, aber die Zeit zum Genießen hat er nicht immer. Für ihn und seinen Lkw, den er „roter Drache“ getauft hat, besteht die Woche aus sechs Arbeitstagen. Schwer zu schaffen machen ihm vor allem die schlecht ausgebauten Straßen, denn fernab der Ballungszentren ist die Infrastruktur mehr schlecht als recht. Tiefe Löcher und fehlender Asphalt auf den Pisten lassen die Fahrten mit dem roten Drachen oftmals zu abenteuerlichen und gefährlichen Reisen mutieren. „Da wird es mir manchmal richtig mulmig, wenn ich über diese Straßen fahren muss“, meint er nachdenklich. Doch es gibt auch Ausnahmen, so wie beispielsweise der North-South Expressway, der sich, vergleichbar mit europäischen Autobahnen, von der thailändisch-malaysischen Grenze über 966 Kilometer die Westküste entlang bis nach Johor Bahru am südlichen Ende der Westinsel schlängelt. Die Schnellstraße ist eine der modernsten Malaysias.
 
Die Hauptstadt Kuala Lumpur steht für den Fortschritt
 
Auch die Hauptstadt Kuala Lumpur, die von ihren Einwohnern gerne mit „KL“ abgekürzt wird, ist ein Sinnbild für den Wohlstand und Fortschritt des ehemaligen Agrarstaates. Sie steht anderen internationalen Metropolen in nichts nach. Als weiterer Inbegriff des Fortschritts wurde vor elf Jahren die Stadt mit dem klangvollen Namen „Cyberaja“ rund 70 Kilometer südlich von Kuala Lumpur aus dem Boden gestampft. Dort siedelten weltweit agierende Hightech-Unternehmen an und machten das einstige Schwellenland zum mächtigen Industriestaat. Ranchid muss trotzdem zwölf Stunden am Tag arbeiten. Aber er klagt nicht: „Ich liebe meinen Job und möchte ihn für kein Geld der Welt hergeben.“ Besonders stolz ist er, wenn sein zehnjähriger Sohn Tuca mitfährt, denn seinen Kindern gilt Ranchids ganze Sorge.
 
Steigende Verkehrsaufkommen
 
Genau so geht es Meor, der 100 Kilometer nördlich lebt und gerade wild gestikulierend mit drei Polizisten am Straßenrand steht. Seine beiden acht- und sechsjährigen kleinen Söhne spielten im Garten, als ein Sattelschlepper von der Straße abkam und nur wenige Meter neben ihnen die Böschung hinabraste. „Es ist schon das fünfte Mal, dass ein Lkw beinahe unser Haus abgeräumt hat“, berichtet der sichtlich besorgte Vater. „Unsere Familie lebt bereits seit 150 Jahren hier. Im Laufe der Zeit wurde die Straße immer weiter ausgebaut und der Verkehr nahm immer mehr zu. Eigentlich müssten wir woanders hinziehen. Es ist einfach zu gefährlich, aber das Grundstück lässt sich kaum verkaufen und wir können uns nichts anderes leisten.“ Die Familie lebt in dem kleinen Örtchen Bukit Mertajam, das direkt an der Hauptstraße in Richtung der 13,5 Kilometer langen Penang-Brücke liegt. Die Schrägseilbrücke verbindet das Festland mit der Insel Penang und ist die längste Brücke Südostasiens. Doch nicht nur Meors Familie, sondern auch der sechsspurigen Brücke macht das steigende Verkehrsaufkommen immer mehr zu schaffen. Deshalb begann die Regierung mit dem Bau einer weiteren Brücke. Hoffentlich nicht zu spät für Meor und seine Familie.

Foto

Dustin Schaber

Datum

27. April 2011
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