Alles über Fernfahrerleben in Nordamerika
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Mit dem Lkw unterwegs in Amerika: Mit Rita und Adelheid auf Tour in den Norden

Werner Stumreiter ist zusammen mit seiner Frau Rita als Fernfahrer in den USA unterwegs. Dieses Mal startet er seine Tour von der "Salatschüssel Amerikas". Allerdings verläuft die Tour nicht ganz nach Plan. Er muss eine Werkstatt ansteuern, sein Lkw hat ein Problem mit der Harnstoffzufuhr.

Eigentlich sollte es eine "gemütliche Tour" werden. Bislang lief auch alles nach Plan. Um 10 Uhr morgens hatten wir unseren Auflieger mit den Pommes in Sacramento abgestellt, einen leeren Auflieger aufgesattelt und nachmittags sollten wir in Salinas an drei Ladestellen Gemüse für Edmonton laden. Der Landkreis (County) Salinas, südlich von San Francisco nennt sich in den Prospekten der Chamber of Commerce stolz die Salatschüssel Amerikas. Salat im Gesamtwert von 1,2 Milliarden Dollars wird rund ums Jahr produziert, insgesamt wird hier Gemüse im Wert von über vier Milliarden US-Dollar produziert.  Fast das ganze Jahr über wird gesät, gedüngt, bewässert, gehackt und geerntet. Die Ware wird meist mit dem Lkw an die Kundschaft in ganz Nordamerika verfrachtet. Es dauert seine Zeit, bis man dieses Geschäft als Fahrer im Griff hat.

Fahrt Richtung Salinas

Kathy, unsere Gemüsedispatcherin schickt nur den Namen der Ladestelle und die Telefonnummer, alles andere musst du selbst herausfinden. Rita ist dafür zuständig. Während ich schon mal in Richtung Salinas fahre, erkundet sie telefonisch, wo die Firmen sind, (manchmal ziemlich weit draußen in den Gemüsefeldern), ob ein Ladetermin abgestimmt werden muss, ob die Ladenummer korrekt ist, wann die Ware fertig ist, ob "first come, first serve" üblich ist und wie lange die Ladestelle geöffnet ist.
Es sind eine Menge Telefonate nötig, bis der Plan steht. Es rächt sich jetzt, dass sie nie Spanisch gelernt hat, denn hier spricht jeder spanisch. Arbeiter aus Mexico und ganz Mittelamerika erledigen hier die Arbeit. Es gibt eine starke und einflussreiche Landarbeitergewerkschaft und es gibt einen Mindestlohn. Die Arbeiter direkt auf den Gemüsefeldern arbeiten für Verleiher und werden in den typischen amerikanischen Schulbussen, hinten dran ein Anhänger mit Dixie Klos, von Feld zu Feld gefahren.

Irgendwo ist immer Ernte

Die Ladearbeit erledige ich.Mittlerweile haben wir die Gemüseladerei im Griff und drei Lader am Nachmittag sind kein Problem. Kritisch wird es, wenn es regnet und nicht geerntet werden kann. Dann stauen sich die Trucks in großer Zahl rund um Salinas, und es braucht "Verhandlungsgeschick", dass man an die Rampe kommt. Aber das hat man ja in Europa gelernt.

"Nächste Werkstatt anfahren, Harnstoffzufuhr ist defekt" 

Unser Gemüse-Plan steht, wir sind guten Mutes, bis mir das Display meines Bordcomputers anzeigt: "Nächste Werkstatt anfahren, Harnstoffzufuhr ist defekt." Nach acht Jahren leidvoller Erfahrung mit nordamerikanischen Lkw-Werkstätten schwant mir nichts Gutes. Die nächstgelegene Werkstatt ist in Tulare, riesengross, neu und weit draußen zwischen Weingärten. Der Typ an der Reparaturannahme meint nur kurz, Samstagfrüh könne er meine Adelheid dran nehmen. Es ist Donnerstag - früher Nachmittag!  Aber diskutieren oder bitten und betteln hätte keinen Zweck.

San-Francisco-Sightseeing

Rita sieht es gelassen, als ich ihr das Ergebnis meiner Bemühungen mitteile. Sie meint: "Du wirst sehen, wir haben ein freies Wochenende in Kalifornien und in San Francisco waren wir eh noch nie." Sie denkt an San-Francisco-Sightseeing.

Am Abend  haben wir die 250 Kilometer zum Pilot/Flying J Truckstop in Salinas geschafft, ohne dass uns der Bordcomputer stillgelegt hat. Die Fahrt begleitet ein ungutes Gefühl.

Peterbilt-Werkstatt in Salinas

In Salinas haben wir sogar einen freien Parkplatz ergattert, und gleich um die Ecke ist die Peterbilt-Werkstatt. Jetzt kann nichts mehr schiefgehn. Jetzt ist alles nur noch eine Zeitfrage. Und Zeit totschlagen rund um San Francisco ist kein Problem. Ich vermute nämlich, dass es ein freies Wochenende in Kalifornien werden wird. Amerikas Werkstattmisere ist für Fahrer aus Deutschland schwer vorstellbar.

Am Freitagmorgen springt Adelheid an, aber mehr als 1.100 Umdrehungen im zweiten Gang lässt der Bordcomputer nicht zu. So zuckle ich mit der Zugmaschine um den Block und bin um 6 Uhr früh in der Werkstatt. Gleich hinter mir kommt John aus  Jacksonville/Missouri mit einem grasgrünen 379.  Glück gehabt. Ich bin immerhin schon mal Erster. Die Werkstatttür ist schon auf und Meister Steve ist dabei, die Arbeit für die Mechaniker einzuteilen. Ab 7 Uhr trudeln die Mechaniker ein, missmutig, verschlafen, verkatert. Gegen 8 ist die Mechanikerschaft vollzählig. Steve meint, man muss um jeden Mann froh sein, der kommt. Alle Mechaniker sind "unionized", gewerkschaftlich organisiert.

Adelheid ist auf der Bühne

Eine Schnellspur hat auch Steve nicht, aber er ist dabei eine Hebebühne für Quickservice freizuhalten. Und heute morgen ist diese Hebebühne frei. Unfassbar! So viel Glück hatte ich noch nie. Um 10 Uhr ist Adelheid auf der Hebebühne und das Problem ist auch gleich gefunden.

Die Harnstoffdosierpumpe ist direkt unterm Harnstofftank. Der Tank leckt und hat die Elektronik zerfressen. Eine glatte Fehlkonstruktion, jedermann ist das eigentlich klar, aber bis diese Erkenntnis bis Nashville durchdringt, wird es wohl noch eine Weile dauern. Bis dahin wird der Harnstoff noch einige Pumpen zerfressen. Theoretisch könnte der Truck um Mittag wieder einsatzfähig sein, wenn die Werkstatt eine Pumpe auf Lager hätte - theoretisch! 

Natürlich hat die Werkstatt keine Dosierpumpe auf Lager. "Morgen", sagt Steve, "ist die Pumpe da". Wir kommen mit John und Maria vom grünen Pete ins Gespräch. Sie fahren im Team für die Firma von Johns Eltern. Die Firma hat vier Petes und vier Volvos, fährt von Küste zu Küste, im Akkord.

Schnell wird in dem Gespräch klar, dass Kleinunternehmer wie Johns Eltern in den USA nicht auf Rosen gebettet sind, kein bezahlter Urlaub und keine Krankenversicherung. "Ist nicht drin2, hat der Vater erklärt. Die beiden haben drei Kinder, die sie selten sehen, sie wachsen bei der Mutter von Maria auf, aber nächsten Sommer, wollen die beiden für eine ganze Woche mit den Kids nach Disneyland fahren. Selbstausbeutung auf Amerikanisch. Erst wenn das Haus bezahlt ist, wollen die beiden etwas kürzer treten. Auch Johns Pete wird heute nicht fertig. John ist leicht nervös.

Meist tauchen Probleme mit der Elektronik auf

Aber wir hatten einen netten sonnigen Tag, es kommen noch einige Fahrer in den Driversroom, und keiner scheint sich wirklich über die Reparatur und deren Dauer aufzuregen. Die meisten Probleme verursacht die Elektronik.  Wir suchen uns ein Hotel und gehen mit John und Maria Abendessen.

Als wir am Samstag gegen 10 Uhr leicht verkatert - das Lokal hatte eine eigene kleine Brauerei und richtig gutes süffiges Bier - in der Werkstatt aufkreuzen, strahlt John. Der 550-PS-Cummins seines Pete scheppert wieder wie ein Cummins scheppern soll. Seine Ladung steht und die beiden werden versuchen, die verlorene Zeit reinzuholen. Papa zahlt nichts für Werkstattaufenthalte. Der Pete ist nicht abgeregelt und in manchen Staaten im Westen dürfen Trucks jetzt bis zu 80 mph (128km/h) brettern. Plus rund 5 mph polizeiliche Toleranz. John wird das ohne Rücksicht auf den Spritverbrauch ausreitzen.
Für uns sieht die Lage nicht so gut aus, schon am Gesicht von Steve ist das abzulesen. Das Ersatzteil ist das Falsche. "Montag", sagt Steve, "Sorry", und wir glauben ihm die Entschuldigung. Das Gesetz von Murphy, alles was schiefgehn kann, geht auch schief, hat wieder mal zugeschlagen.

Nur Rita ist selig, Sightseeing in Kalifornien! Wir mieten uns einen Leihwagen. San Francisco ist eine Reise wert, und mit dem Truck in die Stadt zu fahren ist eh nicht anzuraten. Viel zu viele Lkw- Verbotsschilder. Sie zu ignorieren oder zu übersehen kann richtig teuer werden.

Gegen 10 Uhr schnurrt Adelheid wieder

Am Montag gegen 10 Uhr schnurrt Adelheid wieder, Kathy hat eine Ladung Erdbeeren für uns, ganz in der Nähe, bei Dole, für Toronto (rund 4.000 Kilometer).  Um zwölf haben wir ein Ladeappointment. Die Erdbeeren sind luftdicht in Plastiksäcken eingeschweisst, der Luft wurde Stickstoff zugesetzt, die Erdbeeren wurden für die lange Reise „schlafen gelegt“. Damit die Temperatur von 37 Grad Fahrenheit genau im ganzen Auflieger eingehalten wird, werden die Paletten mittig geladen, links und rechts bleibt ein Spalt von zirka 20 Zentimetern, das heißt, langsam in die Kurven gehen.

Erdbeeren sind leichte Ladung

Es ist Montag 14 Uhr, wir sind geladen, haben die Papiere und sind gewogen, ausbalanciert, und auf keiner Achse überladen. Erdbeeren sind leichte Ladung. Wir können also relaxed die vielen Berge bis zu 2.200 Meter rauf- und runterfahren. Abladetermin Toronto ist Donnerstag 6 Uhr früh. Jetzt gibt‘s zwei Möglichkeiten: gemütlich fahren, in Reno einen Stop einlegen, am Großen Salzsee etwas Badesalz für zu Hause einsammeln oder: Gas geben! Wir sind erholt und richtig ausgeruht. So dass wir am Mittwochabend in unserem Firmenhof in Toronto sein können.

Wir hoffen darauf, dass Phil am selben Abend noch eine Ladung Sammelgut westwärts für uns hat, und wir uns mit diesem Trick das Ausladen im Supermarkt Zentrallager ersparen. Ein Citydriver wird das dann erledigen. Wir entscheiden uns für brettern, die Interstate 80, den Donnerpass hinauf, vorbei am Lake Bonneville, bis Chicago, über Detroit nach Toronto! 53 Stunden! Aber das ist eine andere Geschichte. 

Autor

Foto

Werner Stumreiter

Datum

6. Oktober 2014
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