Porträt, Isabella Kirschbaum Zoom

Vom Konzern zum Mittelstand: Zauber der Zahlen

Wer seine Zahlen kennt und die Kosten im Griff hat, ist unschlagbar im Vorteil. Davon ist Isabella Kirschbaum überzeugt. Seit vier Monaten fungiert sie als kaufmännische Geschäftsführerin beim Unternehmen Transco in Konstanz.

Vom Ballungsraum an den Bodensee, vom Konzern zum Mittelstand – extremer könnte der Wechsel kaum ausfallen. Doch Isabella Kirschbaum ist zumindest der Branche treu geblieben: Erneut hat sie eine Leitungsfunktion in der Logistik inne – ein Wirtschaftszweig, der sie seit Jahrzehnten begeistert. Seit vier Monaten verantwortet die 50-Jährige als kaufmännische Geschäftsführerin bei der Logistikgruppe Transco in Konstanz die Bereiche Finanzen, Controlling, Versicherung, Qualitätsmanagement (QM), Personal und IT. Sechs Ressorts auf einmal? Kirschbaum schmunzelt. "Ja, es ist ungewöhnlich, dass auch QM und IT dabei sind", sagt sie. Kirschbaum sieht ihre neuen Aufgaben als Herausforderung an.

Zuletzt hat Kirschbaum bei Wincanton ein Controllingsystem aufgebaut

Deshalb hat sie auch nicht lange gezögert, als der Headhunter fragte, ob sie nicht Lust hätte, ihren Wirkungskreis an die Schweizer Grenze zu verlagern und bei dem betreffenden Unternehmen Herrin über die Zahlen zu werden. Denn an Herausforderungen ist Kirschbaum gewöhnt. Zuletzt hatte sie bei Wincanton in Mannheim ein Controllingsystem aufgebaut und es mit einem entsprechenden Berichtswesen den Verantwortlichen ermöglicht, das Unternehmen auf Effizienz zu trimmen.

Wie hoch fallen die Deckungsbeiträge bei den einzelnen Kunden aus? Wie wirtschaftlich sind die Touren in den Bereichen Stückgut, Teil- und Komplettladung? Was kostet eine Abfertigung im Büro oder der Umschlag einer Sendung? Diese Fragen konnten die Wincanton-Chefs in Deutschland erst beantworten, nachdem Kirschbaum ihnen entsprechende Werkzeuge an die Hand gegeben hatte.

Doch das war im Vergleich zu den restlichen Aufgaben, die sie bei Wincanton erwarten würden, noch die leichteste Übung. Die Finanzexpertin war maßgeblich daran beteiligt, den Verkauf des Stückgutgeschäfts an die Raben-Gruppe sowie der Kontraktlogistik-, Container- und Binnenschiffaktivitäten an Rhenus vorzubereiten und umzusetzen. Eine Herkulesaufgabe, die sie mit allen damit zusammenhängenden Aufgaben bis 15. Januar forderte – bis einen Tag vor ihren Wechsel zu Transco, wo am 16. Januar nach dem Rhenus-Jahresabschluss schon der nächste Jahresabschluss rief.

Kirschbaum pendelt zwischen Allenbach und Mannheim

Wirklich zum Durchatmen kam die neue Transco-Geschäftsführerin, die sich die Geschäftsführung mit Christian Bücheler und Thomas Schleife teilt, also noch nicht. Und vom Bodensee-Panorama mit den weißen Gipfeln auf der Schweizer Seite hat sie noch nicht viel mitbekommen. Das alles will sie aber nachholen. Denn Kirschbaum fährt gerne Ski und liebt die Berge. Was die Logistik- und Finanzexpertin aber in jedem Fall schon registriert hat, ist ein leichter Klimawechsel mit milderen Temperaturen. "Du siehst so frisch und erholt aus", attestieren ihr Ehemann und ihr 23-jähriger Sohn, wenn sie am Wochenende nach Mannheim fährt. Dort ist noch immer der Hauptwohnsitz. Unter der Woche lebt Kirschbaum in Allensbach.

Die Betriebswirtin und Geografin – Kirschbaum studierte beide Fächer parallel in Mannheim – hat den Wechsel zu Transco nicht bereut, auch wenn er ihr bislang noch keinen Urlaub und nur wenig Freiraum für die Familie ließ. "Es war die richtige Entscheidung", bilanziert sie. Kirschbaum schätzt die Besonderheiten des Mittelstands und den Geist der Familienunternehmen, wozu sie einen hohen Freiheitsgrad, schnelle Entscheidungswege und vor allem eine sehr loyale Belegschaft zählt. "Man merkt, dass die Mitarbeiter zusammen halten", sagt sie. "Viele schauen nicht auf die Uhr und arbeiten, wenn Not am Mann ist, auch am Samstag oder Sonntag."

Effizientes Controlling auf den Weg bringen

Das sieht Kirschbaum auch als ideale Voraussetzungen für ihre Vorhaben an. Denn sie hat umfangreiche Pläne, was sie bei Transco in den nächsten Monaten alles anstoßen möchte. Auch bei dem Konstanzer Unternehmen will sie ein effizientes Controlling auf den Weg bringen. Im Gegensatz zu Wincanton beginnt die neue Geschäftsführerin aber nicht bei null, sondern kann auf ein 2012 eingeführtes Management-Informations-System zurückgreifen. Zielsetzung ist auch bei Transco, mehr Kostenwahrheit und Transparenz zu erreichen.

Konkret geht es darum, eine prozessorientierte Kostenstellenrechnung einzuführen. Konkret geht es darum, dass Transco nach festen Vorgaben einheitliche Prozesse definiert hat, die mit Kennzahlen hinterlegt sind und die es nun in allen 21 Niederlassungen umzusetzen gilt. Dahinter steht auch hier der Wunsch nach schneller Information und Transparenz. "Bei den geringen Renditen, die wir in der Logistik erwirtschaften, müssen wir wissen, wo wir Geld verdienen und wo nicht", erklärt Isabella Kirschbaum.

33 Projekte zu Finanzen, Prozesse, Mitarbeiter und Kunden angestoßen

Die Mitarbeiter müssen den Eindruck gewinnen, Kirschbaum sprudele nur so vor Ideen: Innerhalb ihrer ersten Wochen bei Transco hat sie mit ihren Geschäftsführerkollegen nicht weniger als 33 Projekte angestoßen – etwa zu den Bereichen Finanzen, Prozesse, Mitarbeiter und Kunden. Die Verantwortlichen wurden benannt, und im Sommer soll es erste Ergebnisse geben. Doch Kirschbaum will den Mitarbeitern auch nicht zu viel zumuten. "Wir müssen sie bei unseren Plänen mitnehmen und sie mitreißen", erklärt sie. Außerdem könnten sich die Beschäftigten darauf verlassen, dass es bei diesen Projekten bleibe. "Wir kommen dann nicht jede Woche mit neuen Ideen."

Die neue Finanzchefin wird dann auch sehen, ob es junge Menschen im Unternehmen gibt, die wie sie eine Leidenschaft für das Finanzwesen haben. Sie selbst brennt für dieses Thema seit Jahrzehnten. Bereits als Studentin kam sie damit in Berührung. Alles hatte ganz unverfänglich begonnen: Um ihr Studium zu finanzieren, fuhr Kirschbaum Brillen zu Optikern und Medikamente zu Apotheken aus. Und eh sie sich versah, machte sie für das Subunternehmen des Pharmagroßhändlers Phoenix auch die Tourenplanung. Ebenfalls noch im Studium führte sie bei Transmed – zu dieser Phoenix-Tochterfirma war sie inzwischen gewechselt – ein Tourenplanungstool ein. Zahlen und Sachverhalte mussten hinterfragt werden.

Drei Dinge auf einen Streich

Mit ihrem jetzigen Spezialgebiet schließlich kam Kirschbaum kurze Zeit später in Berührung. Drei Dinge auf einmal brachte sie problemlos in Einklang: Beim Schnelllieferdienst Trans-o-flex stampfte sie erstmals ein Logistikcontrolling aus dem Boden. Und weil diese Herausforderung nicht reichte, machte sie nebenher ihren doppelten Studienabschluss und brachte ihren Sohn zur Welt. Bei Trans-o-flex stieg Kirschbaum bis zur kaufmännischen Leiterin auf. Einige Jahre später hatte die Geschäftsleitung das Unternehmen restrukturiert und auf Effizienz getrimmt. Kirschbaums Mission war erfüllt. Die nächste Herausforderung konnte kommen.

Das Unternehmen

Die Transco-Gruppe aus Konstanz beschäftigt an 21 Standorten 500 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2011 einen Umsatz von 110 Millionen Euro. Neben Stückgutverkehren sowie Teil- und Komplettladungen ist Transco in der Kontraktlogistik sowie in der Luft- und Seefracht tätig. In den vergangenen Jahren war das Unternehmen stark gewachsen, so dass die Zeichen 2013 auf Konsolidierung stehen. Zwei Drittel der Transporte erledigt Transco im Selbsteintritt. Zu 58 ziehenden Einheiten kommen 295 Trailer und 175 Brücken. Das Unternehmen ist über den Kombi-Operateur Hupac auch auf der Schiene unterwegs. Wegen der ungünstigen Verkehrsanbindung in Konstanz zieht die Transco-Zentrale mit ihren 149 Mitarbeitern bis 2014 nach Singen um.

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

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© Transco

Datum

13. Juni 2013
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