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Volvo FH: Schwergewicht mit vielen Neuerungen

Volvo präsentiert den neuen FH mit Einzelradaufhängung vorn, Zahnstangenlenkung, bärenstarkem Euro-6-Motor, neuem Doppelkupplungsgetriebe und neuer Fahrerkabine.

Lang ließ der neue Volvo FH auf sich warten. Jetzt ist er da und schlägt – wie schon der Vorgänger einst – ein neues Kapitel Lkw-Geschichte auf.

Er tritt ein schweres Erbe an. Denn würdig in die großen Fußstapfen des aktuellen FH zu treten, das will was heißen. Definierte der Ur-FH von anno 1993 seinerzeit doch gleich einmal den Lkw ganz neu und trat als Prototyp des modernen Trucks im heutigen Sinn an.
 
Der FH von morgen lässt nun zwar alles Bekannte nicht ganz so weit hinter sich wie ehedem sein Vorgänger. Aber trotzdem macht er wieder einen riesengroßen Sprung nach vorn. Die vier wichtigsten Neuerungen im Technischen: Einzelradaufhängung vorn, Zahnstangenlenkung sowie bärenstarke Euro-6-Motoren im Verein mit einem neuen Doppelkupplungsgetriebe.

Ganz so verwegen, wie das auf den ersten Blick aussieht, prescht Volvo dann aber doch nicht vor. Denn es gelten gewisse Einschränkungen. So sind die neuen Volvo zwar ab der IAA bestell- und kommendes Jahr dann lieferbar. Doch gibt es etwa die Einzelradaufhängung vorn samt Zahnstangenlenkung nur als Option. Die neue Motorengeneration in Euro 6 sowie das Doppelkupplungsgetriebe werden wohl mindestens noch ein Jahr auf sich warten lassen.

Bis dahin ist in Euro 6 einzig die bereits vorgestellte  und auf Basis des heutigen 13-Liter-Aggregats konfigurierte Maschine D13K460 zu haben. Was darauf folgt, ist aber allemal einen näheren Blick wert: Denn die neue Motorengeneration führt beim Drehmoment nichts Geringeres als Thors Hammer im Gepäck.

Es kann sich der Big Block D16 warm anziehen. Die Rede ist von satten 2.800 Newtonmeter Drehmoment von 900 U/min an aufwärts – aus 13 Litern Hubraum. Aufhorchen lässt dabei aber auch, dass der Bereich des maximalen Drehmoments nur bis 1.200 U/min reichen soll: Das deutet auf neue, besonders lange und spritsparende Achsen hin, die den Motor bei Autobahntempo dann womöglich sogar dicke unterhalb von 1000 Touren brummen lassen.

Da kommt das neue, bis dahin in Aussicht gestellte Doppelkupplungsgetriebe namens I-Shift wie gerufen, das ohne Zugkraftunterbrechung zwischen den Gängen hin- und herhangeln kann. Aber auch anderweitig greift Volvo für I-Torque – so heißt der neue Triebstrang – tief in die Trickkiste. So werden die Schweden zudem einen »neuen Turbo« (vermutlich mit variabler Geometrie) ebenso in die Pflicht nehmen wie Common-Rail-Einspritzung anstelle der mittlerweile klassischen Pumpe-Düse-Elemente. Abgasrückführung wird sich ebenfalls, und zwar in gekühlter Form dazugesellen. Und nicht zuletzt reanimiert Volvo für diese 13-Liter-Wuchtbrummen das Turbocompound-Prinzip in Gestalt einer zusätzlichen Turbine, die eine Extra-Portion an Kraft aus dem heißen Abgas des Motors zapft und an den Triebstrang weiterleitet. »Nur so«, sagt Volvo, »sind solch exorbitanten Drehmomente aus 13 Liter Hubraum zu gewinnen.«

Einzelradaufhängung verbessert Fahrverhalten

Ist I-Torque noch fernere Zukunft, so sind mit der Vorstellung des neuen FH nun doch zumindest  die Einzelradaufhängung sowie Zahnstangenlenkung in greifbare Nähe gerückt. Zwar gehen damit rund zwei Zentner mehr an Eigengewicht einher. Doch kommt damit auch ein Fahrverhalten, das sich an dem von noblen Pkw orientiert.

Vorteil der Einzelradaufhängung: Da die Räder nicht mehr über eine starre Achse miteinander verbunden sind, kann das eine Rad das andere auch nicht mehr beeinflussen.  Positiv bemerkbar macht sich das vor allem auf holpriger Bahn sowie bei Kurvenfahrt.

Im Herzen der Konstruktion – inmitten des Querträgers – aber sitzt schließlich die neue Zahnstangenlenkung, die ihren Teil zum Pkw-ähnlichen Handling beitragen wird. Zahnstangenlenkung steht für eine nahezu spielfreie Verbindung zwischen Fahrer und Rad: Ein über die Lenkwelle mit dem Lenkrad verbundenes Zahnrad greift dabei in die Zahnstange unten, die durch Drehen des Volants verschoben wird und somit die Räder schwenkt. Noch direkter als bei der heute sonst im Lkw üblichen Kugelumlauflenkung  reagieren die Räder bei der Zahnstangenlenkung auf die Bewegungen des Lenkrads.
 
Ebenfalls schon bei den ersten neuen FH mit von der Partie: der adaptive Tempomat namens I-See, mit dem Volvo den Verbrauch auf eigenwillige Weise ins Visier nimmt. Im Gegensatz zu den vorausschauenden Systemen von Mercedes oder Scania ist I-See nicht GPS-basiert. Stattdessen merkt sich I-See von Volvo ganz einfach jede Steigung, die der Lkw einmal unter die Räder nimmt und ruft sein Wissen dann bei nächster Gelegenheit ab.
 
Außerdem kalkuliert I-See, wann ein Gefälle endet und steuert den Einsatz der Motorbremse entsprechend. Exakt 3.500 Steigungen passen in den Systemspeicher hinein. »Immer außer beim ersten Mal«, so Volvo, sollen sich damit bis zu fünf Prozent Sprit sparen lassen.

Weite Voraussicht in jeder Hinsicht ist überhaupt ein ganz charakteristischer Zug am neuen Volvo. Das beginnt mit dem optional erhältlichen Kurvenfahrlicht für die Xenon-Scheinwerfer. Das setzt sich fort mit einer Art Online-Unterstützung auf der Straße, für die ein Druck auf die mit »VAS« beschriftete Taste genügt: automatisch werden Fahrgestellnummer, Position und die Codes möglicher Fehler übermittelt.

Fahrzeugparameter online kalibrieren

Und endet noch lange nicht beim sogenannten Telematik-Gateway, über das die Werkstatt beim neuen Volvo sogar drahtlos auf alle Eckdaten des Fahrzeugs zugreifen und sich so optimal auf das vorbereiten kann, was sie beim Einlaufen des Lkw erwartet. Umgekehrt kann die Werkstatt so auch warnen, um es zu einer Panne erst gar nicht kommen zu lassen. Per »Fahrzeugparameter online« können die Serviceleute generell auch aus der Ferne auf den Lkw zugreifen und zum Beispiel gewisse Parameter zu kalibrieren.
 
Obendrein wird Volvo diese Telematik-Plattform nutzen, um die Software der vielen elektronischen Helferlein im neuen FH bei Bedarf und aus der Ferne ein regelmäßiges Update angedeihen zu lassen. Das Spektrum reicht von der I-Shift Schaltstrategie bis hin zu Motorsteuerung. Insgesamt verspricht und garantiert Volvo sogar jedem, der den neuen Service-Vertrag Gold abschließt, eine hundertprozentige Fahrzeugverfügbarkeit in den ersten sechs Jahren (Ersatzfahrzeug im Pannenfall eingeschlossen).

Verbesserung der bewährten Kabine

Bei der Kabine wiederum sind die Neuerungen nicht so radikal wie beim Rest des Fahrzeugs, in mehrerlei Hinsicht aber dennoch bemerkenswert. Bewährtes verbessern, zugleich aber manch alten Zopf abschneiden und radikal erneuern: Das dürfte das Motto gewesen sein, unter dem sich Volvo an die Neukonzeption der FH-Kabine gemacht hat. Beispiel Innenarchitektur: Da bleibt es oben unter der Stirn bei der praktischen Aussparung mittig in der Front, die für viel Ellenbogen- respektive Schulterfreiheit beim Umkleiden steht. Einst aus der Not der deftig schräg gestellten Frontscheibe geboren, verleiht dieses Merkmal jetzt dem Inneren neuen FH-Kabine ein besonders luftiges Wesen.

Obendrüber setzt zudem eine überdimensionale Dachluke an, die den Raum zudem mit Licht flutet. Auch bei diesem Detail verknüpfen die Schweden noch einmal das Angenehme mit dem Nützlichen: Im Falle eines Falles fungiert dieses Oberlicht zudem als Notausstieg.

Den hält Volvo im neuen FH für nötig, weil die Frontscheibe nun geklebt ist und somit nicht mehr herausgetreten werden kann. Auch ihr Layout steht übrigens ganz im Zeichen von mehr Licht und besseren Sichtverhältnissen. Zusammen mit den deutlich schlankeren A-Säulen und den stark nach unten gezogenen Seitenscheiben bringt diese neue Architektur deutlich mehr Panoramaqualitäten als der bisherige FH.

Dritte im Bunde der das Fahrerhaus erhellenden Maßnahmen sind schließlich die neuen, nahezu gehäuselosen und entsprechend schlank ausgeführten Spiegel. Ganz neue Saiten zieht Volvo aber auch bei der Armaturentafel auf. Vorbei sind mit dem neuen FH zum Beispiel die Zeiten des dicken Knubbels, der knorrig aus der Mitte der Armaturentafel hervorwuchs. Ihn hat eine sanftere Innenarchitektur abgelöst, die ganz im Zeichen fließender Formen und nobel mattierter  Flächen steht.
 
An Format gewonnen hat nicht zuletzt der Stauraum im FH. Dank größer ausgelegten Kabinengehäuses konnten auch sie wachsen. Auf 300 Liter mehr Stauraum beziffert Volvo den Gewinn, den der neue FH beim Gesamtstauraum erzielen soll. Mit von der Partie sind da jetzt jeweils zwei Außenstaufächer (das obere von innen wie von außen zugänglich) pro Flanke statt bislang nur jeweils einem Bunker. Für die unteren Außenfächer bietet Volvo als Novum einen passgenauen Siebenliter-Wassertank mit Zapfhahn an.
 
Es gibt es nun auch im Volvo endlich (nach Mercedes und MAN) eine Standklimaanlage, die aber ganz anders funktioniert als die eisblockbasierten Anlagen der deutschen Wettbewerber. »I-Park-Cool«, wie Volvo die integrierte und besonders leichte Anlage nennt, arbeitet batteriegespeist auf Kompressorbasis. Zu kühlen hat sie im Maximum ungefähr einen Kubikmeter mehr an Raum als beim alten FH. Auf genau diesen Wert beziffert Volvo den Raumgewinn mit der neuen Kabine bei Globetrotter XL.

Der große Wurf

Der größte Glücksfall in der Geschichte der Volvo-Lkw: So wird der FH von 1993 in die Annalen eingehen, mit dem Volvo einen mutigen Schritt in wirtschaftlich prekärer Zeit tat..Schon äußerlich schien der Neue mit seiner extravaganten Erscheinung seinerzeit von einem andern Planeten zu stammen. Auch bei der Technik schlug der FH von 1993 ein ganz neues Kapitel auf. Der neue Motor-Stückzahlträger D12A zum Beispiel (340 bis 420 PS) war der erste seiner Art mit elektronisch gesteuerten Pumpe-Düse-Elementen.

Mit dem FH war der erste moderne Lkw heutiger Prägung geboren. Der Zuspruch von Käuferseite war entsprechend. Sobald es Mitte der 90er Jahre wirtschaftlich wieder aufwärts ging, konnte sich Volvo vor Aufträgen kaum retten. Lange waren gang und gäbe. Nur logisch also, dass Volvo den Renner auch nach Südamerika brachte und bald zur weltweiten Plattform fürs globale Geschäft inklusive den US-Aktivitäten kürte. Der bekannte FH stand stetig unter Dampf und ist auch heute noch – von ganz wenigen Abstrichen abgesehen – weiterhin ein Fahrzeug von Format. Er legt die Latte hoch. Für den neuen FH gilt derweil: Anlauf hat er nun ja schon reichlich genug genommen.

Tradition und Innovation

Bis Ober- statt wie bisher Unterkante Windschutzscheibe reicht nun der Kubus bei der FH-Kabine. Weiter aber auch nicht. Drüber geht's in bekannter Manier windschlüpfrig weiter. Nicht Raumgewinn, sondern Aerodynamik muss also ganz oben auf der Prioritätenliste gestanden haben. Und: Das Anknüpfen ans gewohnte FH-Bild spielte beim Design eben eine zentrale Rolle: »Unser Ziel bestand darin«, sagt Designer Asok George, »den neuen FH genau zu dem Lkw zu machen, der den höchsten Wiedererkennungswert besitzt.« Der Rest der stattlichen Erscheinung zeigt aber ganz klar, dass Volvo mit dem neuen FH eben auch einen ganz neuen Aufschlag macht. In trutziger V-Form und mit kräftigem Strich modelliert präsentiert sich zum Beispiel der neue Kühlergrill. Keinen Platz mehr hat auf ihm nun das Markenemblem mit dem Zeichen des Mars am silberfarbenen Rund. Es wandert nach oben in die abgedunkelte obere Partie der Frontklappe, die den optischen Schwerpunkt senkt. Die Flanke des neuen FH schließlich steht von Kopf bis Fuß ganz im Zeichen dynamisierter, nach vorn hin steil abfallender Linien, die auch noch im Stillstand schwer nach Schubkraft aussehen.

Autor

Foto

Magnus Pajnert

Datum

7. September 2012
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