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Verdi verprellt Fahrerorganisationen: Jetzt erst recht

Drei Tage vor einem lang geplanten Treffen mit vier Fahrerorganisationen sagt Mario Klepp, der Verdi-Fachgruppenleiter, den Termin in Kassel einfach ab. Die Kollegen sind schockiert, geben aber nicht auf.

Am siebten Tag seines Amtsantritts gibt Mario Klepp sein erstes Interview – dem FERNFAHRER. Es ist eine gute Woche nach der Fahrerdemo in Berlin am 1. Juni. Der resolut wirkende Bundesfachgruppenleiter Speditionen, Logistik und KEP bei der Bundesverwaltung von Verdi in Berlin will frischen Wind in den Fachbereich bringen. Er hat zuvor für Verdi im Norden Deutschlands Fahrer vertreten. Auf seinem jetzigen Posten herrschte, auch durch die lange Krankheit seines Vorgängers bedingt, fast anderthalb Jahre ein Vakuum, vor allem bei der strategischen Planung, wie man die Gewerkschaft für die Gruppe der Fahrer wieder etwas attraktiver machen könne. Bislang werden die rund 20.000 Fahrer überwiegend in den Betrieben betreut. Natürlich ist man in der Tarifpolitik aktiv. Trotzdem denken viele Fahrer auf der Straße immer noch, Verdi tue grundsätzlich nichts für sie, also lohne sich ein Beitritt für sie erst gar nicht.

Fahrer sind für Verdi Kostenfaktoren

So einfach ist es aber nicht. Das Problem ist viel komplexer: Die Bundesfachgruppe, der Klepp als hauptamtlicher Leiter vorsteht, wird mitbestimmt von den ehrenamtlichen Vertretern aus den Bundesländern. Hier dominieren heute überwiegend Büro- und Lagermitarbeiter aus der Logistik, einstige Vertreter aus dem Lager der Fahrer spielen kaum noch eine Rolle. Kein Wunder: Es ist viel leichter, stationäres Personal zu betreuen. Fahrer, die Individualisten sind und außerhalb von Bürozeiten erreicht werden müssten, sind schlicht Kostenfaktoren. Andererseits engagieren sich nur wenige Kollegen gewerkschaftlich. Mancher Fachsekretär ist daran verzweifelt. Neue Ideen, wie etwa Fahrer an der Autobahn dauerhaft anzusprechen, wurden intern gekippt.

Fünf Prozent der Fahrer sind organisiert

Im Report "Das Versprechen" (FERNFAHRER 8/2013) äußert Klepp seine Absicht: Er möchte verstärkt um die Fahrer werben, er kann sich durchaus vorstellen, über Facebook aktiver zu werden und will auch nicht ausschließen, mit den beiden Organisatoren der Berliner Demo gemeinsame Aktionen bei der ITF-Woche in diesem Herbst zu planen. Keine drei Monate später ist die Luftblase geplatzt – und das, obwohl sich Klepp noch Anfang September in einem Bericht von trans aktuell gerade bei Fahrern einen höheren Organisationsgrad wünscht. Der liegt nach früheren Angaben immer noch bei rund fünf Prozent.

Dachverband für die Fahrerinteressen

Drei Tage vor einem schon im Juni geplanten Treffen mit Vertretern der verschiedenen Fahrerorganisationen Mitte September in Kassel sagt Klepp das Treffen ab. Neben ihm waren dazu geladen: Vertreter der Kraftfahrer-Clubs Deutschland (KCD), der Actie in de Transport Deutschland, die zusammen eben erst eine zweite erfolgreiche Demo in Lübeck organisiert hatten, weiter Pro Lkw und die Truckerfreunde. Im Autohof Lohfeldener Rüssel sollte an einem runden Tisch erörtert werden, wie man Fahrer auf der Straße besser erreichen kann – und wie man sich gegen das Sozialdumping wehren könne. Ein Verdi-Thema eben. Den Fahrerorganisationen selbst schwebte so etwas wie ein Dachverband vor, in dem jeder seine Individualität behalten könnte und Verdi die Möglichkeit hätte, Inhalte über die Facebook-Gruppen und Fahrerforen an die Fahrer zu "transportieren" – sie also sogar rund um die Uhr zu erreichen.

Schwerer Schlag für die Kollegen

Den Fahrern den versprochenen Dialog zu versagen, ist ein schwerer Schlag für die Kolleginnen und Kollegen da draußen im Lkw. "Es ist sehr bedauerlich und für uns absolut unverständlich, dass Herr Klepp uns sehr kurzfristig abgesagt hat", schreibt Ingo Schulze vom KCD. "Denn wir halten es für wichtig, dass die Fahrer in Deutschland und die Vertreter der Gewerkschaften endlich aufeinander zugehen und den gemeinsamen Dialog suchen. Ausgerechnet in dieser Phase der Annäherung schlägt uns Verdi die Tür vor der Nase zu. Ist ein Bündnis mit dem BGL wichtiger als ein Bündnis mit den aktiven Fahrergruppierungen und -vereinen? Leid tun uns jetzt die vielen engagierten Verdi-Vertreter an der Basis, wenn durch solche Absagen ihre Arbeit von Monaten auf einen Schlag zunichtegemacht wird. Denn es ist das Vertrauen der Fahrer, das sie erst wieder von null an neu aufbauen müssen."

Jetzt erst recht

So gibt es derzeit aus Berlin keine konkrete Antwort, wie Verdi in Zukunft für neue Fahrer werben möchte. Das Treffen in Kassel fand auf Anregung des KCD dennoch statt – im kleinen Arbeitskreis. "Jetzt erst recht", meint Udo Skoppeck. "Wir wollen in Zukunft enger zusammenarbeiten und mögliche Synergien besser nutzen." Michael Martini bringt es auf den Punkt. "So hat der Affront der Gewerkschaft uns Fahrern gegenüber vielleicht doch noch einen positiven Effekt."

Eine spannende Entwicklung, den vollständigen Artikel findet ihr im aktuellen FERNFAHRER 12/2013. Hier könnt Ihr das Heft bestellen .

Autor

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Jan Bergrath

Datum

2. Oktober 2013
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