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Van Hool TX 16 Astronef: Rot auf Weiß

Ein neuer Van Hool gehört zu den raren Ereignissen. Der Van Hool TX 16 Astronef muss sich im ersten Test sogleich unter härtesten, winterlichen Bedingungen bewähren.

Mit manchen Traditionen muss man sich einfach abfinden. Die Queen ist Staatsoberhaupt in Großbritannien, der FC Bayern München gewinnt meistens im Fußball, die Griechen... – lassen wir das. Und wenn ein Van Hool zum Test antritt, dann herrschen üble Bedingungen: Strenger Frost und Schneefall drohen Straßen unpassierbar zu machen.

Die TX-Reihe bietet genug Neuheiten

So war es vor sieben Jahren beim Astron und vor zwei Jahren beim ersten Astronef. Prompt passiert’s: Kaum steht der brandneue Van Hool TX vor der Tür, sackt das Thermometer tagsüber auf minus zehn Grad Celsius und aus einem wolkenverhangenen Himmel rieseln dicke Schneeflocken. Doch wenn anderswo die Reisebusse ängstlich fröstelnd und schlotternd durch die Fenster des Depots nach draußen schauen, zieht ein Van Hool unerschrocken los. Tests eines Van Hool erinnern an Eisschwimmen oder ähnliche Bräuche.

Vergessen wir deshalb den Spritverbrauch mit Winterreifen, Eiseskälte und Schneematsch und Defekt des Messgeräts. Oder Etappenzeiten unter dem Diktat widriger Bedingungen. Zwar fährt selbst ein Van Hool inzwischen mit ESP und anderen Sicherheitsassistenten vor. Aber man muss sie mit einem beladenen Dreiachser nicht mutwillig in jeder Kurve prüfen. Die TX-Reihe bietet genug andere Neuheiten.

Mit 16-Jahres-Rhythmus bei Modellwechseln

Übrig vom T9 sind Eckmaße wie Radstand, das Gerippe, auch die Frontscheibe. Ansonsten ließen die Entwickler keinen Stein auf dem anderen. Das heißt etwas bei einer streng konservativen Marke mit 16-Jahres-Rhythmus bei Modellwechseln. Womit muss man bis gegen Ende des nächsten Jahrzehnts rechnen? Zum Beispiel mit einem markentypisch freundlich-neutralen Gesicht, geprägt von eigenen Scheinwerfern mit Xenon-Fahrlicht und LED-Tagfahrleuchten. Eine dunkle Blende verlängert die Frontscheibe optisch elegant nach unten. Genau an der richtigen Stelle setzt seitlich die schmückende, nun angespitzte Edelstahlleiste an, schwingt sich hinauf bis zum Heck. Streifen aus Edelstahl schmücken auch den Bug und das kantige Heck mit wuchtigen Leuchten – LED, klar. Riesige Lüftungskiemen sowie viel Platz um den Motor deuten auf den Luftbedarf künftiger Euro-6-Maschinen hin. Ein Bus wie aus dem Vollen gefräst, mit solide-schwerem Auftritt.

Drinnen folgt ein luftig-leichter Kontrast. Neu bei Van Hool ist Helligkeit statt Höhle. Lichte Farben weiten den Raum, unterstrichen vom ansteigenden Boden, der üppigen Dachverglasung und neckischen Lichtspielen. Das Interieur trägt geschmackssicher gedecktes Rot und Weiß. Der Stoff an Wänden, Klappen der Gepäckablagen, Sitz- und Rückenflächen spiegelt sich sogar vorne an den Abschrankungen wider. Die Unterseite der Gepäckablagen sind weich mit hellem schaumstoffkaschiertem Kunstleder verkleidet. Das fasst sich angenehm an und ergibt zusammen mit viel Holz in den Bauteilen eine behagliche und akustisch angenehme Atmosphäre. Nun überzeugen auch die Sitze aus eigener Fertigung. Sie machen ihrer Bezeichnung Grand Luxe Ehre: 750 Millimeter hohe Lehne, stützende Ausformung, oben sanfte, darunter feste Polster – so lässt sich’s reisen. Nur der Griff für die Seitenverstellung dürfte weniger rustikal ausfallen.

Der Blick nach oben lohnt

Die Gepäckablagen sind im Astronef vier Zentimeter flacher als in anderen Modellen, also knapp. Van Hool kann sie aber deshalb trotz Theaterbestuhlung kerzengerade durchziehen. Bis zur schmucken Heckkuppel gibt es genug Kopffreiheit. Hier hinten stört nur das lästige Rauschen der Entlüftung. Der Blick nach oben lohnt, nicht nur wegen des verglasten Dachs, denn die Service-Sets sind todschick: Ihre Form erinnert an feine skandinavische 
Hi-Fi-Anlagen. Der Ring um den Lautsprecher schimmert in Farbe der Innenbeleuchtung, wechselt beim Betätigen des Hostessrufs auf Rot – faszinierend.

Schon traditionell sprudeln bei Van Hool Ideen rund um die Küche. Diese hier brilliert mit Espresso- und Kaffeemaschine, mit zwei Kühlschränken, Mikrowellenherd, großer Spüle, wuchtiger Arbeitsfläche. Fein, aber wenn der Kaffee im Passagier durchgelaufen ist, irritiert gleich nebenan der enge und unbequeme Zugang zur geräumigen Toilette.

Van Hool setzt auf eine integrierte Klimaanlage

Generell schreibt Van Hool aber den Fahrgastkomfort groß. Perfekte Aussicht etwa ist im Astronef selbstverständlich, auch eine Trittstufenbeleuchtung mit Wechsel von blauer auf rote Farbe bei geöffneter Tür. Beim TX kommen eine neue Heizung und Klimatisierung hinzu. Die Konvektoren im Fußbereich knacken nicht wie anderswo. Das Ergebnis sorgfältiger Verarbeitung. Oben setzt Van Hool auf eine integrierte Klimaanlage. Zugunsten der Temperaturverteilung werden die vordere und die hintere Hälfte des Busses getrennt geregelt. Mit einem gefühlt sehr guten Ergebnis.

Komplett erneuert hat Van Hool auch das bisher altbackene Cockpit. Seine Form ist geschwungen, die Abdeckung auf der Fahrerseite abgedunkelt. Der Platz ist üppig, von gestern sind nur stehende Pedale. Etwas mau sieht’s mit Ablagen in Griffweite aus, karg ist das Kunststoff-Lenkrad. Ansonsten gibt es klar gezeichnete Instrumente, eine Joystick-Schaltung, eine neue Audio-Anlage und eine ganze Sammlung von DIN-Einschüben. Der Tachograf sitzt griffbereit gleich oben.

Eine Revolution in der Bedienung: Das Cockpit ohne Schaltern

Höhepunkt des Cockpits ist ein Multifunktions-Drehregler linkerhand, ähnlich gehobenen Autos. Taste antippen, schon öffnet sich im Farbdisplay zwischen den Instrumenten das passende Menü. Gewählte Funktion ansteuern, einstellen. So kommt man zu Spiegelverstellung und Klimaregelung, selbst zu kompletten Diagnosesystemen. Van Hool läutet damit eine Revolution in der Bedienung ein und befreit das Cockpit von Schaltern. Die auf dem Smartphone-Betriebssystem Android fußende Technik eröffnet noch viele Spielmöglichkeiten. Da schaut man über die etwas labile Konsole hinweg, sie steht schon auf der Änderungsliste.

Gewöhnungsbedürftig ist der Blick zurück durch gleich drei Spiegel. Van Hool verwendet vergleichsweise kurze Spiegelarme. Das verbessert die Rangierfähigkeit, schränkt aber den Sichtwinkel ein, deshalb das zusätzliche Glas unten. Der zweite Spiegel links ist geschickt außerhalb der Schmutzzone angesiedelt. Indes erhöht er auch die Windgeräusche, sie fallen beim Astronef generell zu hoch aus. Besserung ist in Sicht, Van Hool will ab Herbst auf die dicke Gummi-Einfassung der Frontscheibe verzichten und ausschließlich kleben.

Verbesserungswürdig bleibt die Sitzposition

Von besonderer Güte ist der Begleiterplatz. Eine ausziehbare Schreibplatte dient als Ablage, die Beleuchtung ist im Haltegriff darüber integriert. Rechts gibt es ein Tastenfeld für Kofferklappen, Mikro und Licht, oben eine geschlossene Ablage, links einen Monitor. Entfällt die Kühlbox zugunsten des Eisschranks an der Mitteltür, ist die Beinfreiheit üppig. Verbesserungswürdig bleibt die Sitzposition: Bei elektrischer Verstellung stört der Sitz hochgeklappt im Einstieg. Was spricht gegen eine platzsparende Nullposition weiter hinten?

Schließlich ist Van Hool von Hause aus praktisch orientiert. Innenliegende Türbügel können nicht angefahren werden. Hubklappen mit doppeltem Griff und Arretierung oben wie unten schließen leicht und sicher. Diverse Zusatzstauräume rund um die Achsen und die Schlafkabine vor der Vorderachse nehmen Vorräte und Fahrergepäck auf. Die optionale Bordsteinbeleuchtung hilft den Fahrgästen, dreiteilige Stoßfänger dem Unternehmen.

Der DAF-Motor im Einsatz

Gewaltige Behälter mit mehr als 700 Liter Diesel sowie 100 Liter Adblue sichern enorme Reichweiten. Der bärenstarke DAF-Motor im Heck ist darauf nicht angewiesen, da kein Verschwender. Er trumpft mit bulligen 2.300 Nm Zugkraft auf, das passt zum wuchtigen Van Hool. Dazu schaltet die AS-Tronic in der hier gefahrenen Ausführung zwar meist butterweich, überspringt aber viele Gänge und dreht dabei entsprechend hoch. Mit weniger Gängen käme man nicht schlechter vom Fleck. Oder bei gleicher Zahl gut mit einer längeren Achse: Van Hool wird bei den nächsten Modellen die Drehzahl bei Tempo 100 von 1.350 Touren um zehn Prozent senken. Den DAF wird’s nicht jucken, er grummelt grimmig, aber dezent unter Last, in der neuesten Ausführung ackert er mit anderen Kolben und verbesserter Einspritzung.

Die Lenkung arbeitet in Mittellage indifferent

Gewöhnung verlangt die Bremsomat-Funktion, der Bus hält das Tempo per Retarder, geht nur der Fuß vom Gas. Wer Schwung nutzen will, muss leicht auf dem Pedal stehen bleiben. Aufmerksamkeit könnte das Fahrwerk vertragen, die Lenkung arbeitet in Mittellage indifferent, das Rückstellmoment ist gering. Auch gibt es komfortablere Vorderachsen. Die hier wippen, dass der Fahrer den Sitz am besten starr stellt, bevor es ihn Richtung Decke katapultiert. Die Hinterachsen dagegen liegen dank CDC-Dämpfern ruhig.

Da wären dann noch kleine Aufgaben, nachdem Van Hool beim neuen TX Optik, Cockpit und Fahrgastraum auf ein hohes Niveau gehievt hat. Der Hochdecker trägt seinen Markennamen mit erhabenen Buchstaben stolz über der Bugblende. Dazu die schmucke Lackierung – Rot auf Weiss – Van Hool, das funktioniert in Schnee und Kälte.

Meinung

Randolf Unruh, Testredakteur

Van Hool greift an: In Mazedonien wird ein zusätzliches Werk entstehen, mit Scania ist man eine Kooperation bei Doppeldeckern für Skandinavien eingegangen. Dazu startet nach rund 10.000 Exemplaren des T9 die neue TX-Serie – die Marke macht sich fit für die Zukunft. In Deutschland aber hat man sich mit einer noch nicht abgeschlossenen Neustrukturierung des Vertriebs zum Start selbst ein Bein gestellt. An den Produkten jedenfalls wird es nicht scheitern. Die TX-Serie hat das Zeug zu einem großen Wurf. Der Astronef mit Theaterbestuhlung spielt dabei die Rolle eines Aushängeschilds für den Fuhrpark. Das muss noch nicht mal teuer sein: Zwar summiert sich der Preis des feinen Testwagens auf 396.000 Euro, doch los geht’s für den 13-Meter-Dreiachser bereits bei 310.000 Euro – fast schon ein Sonderangebot.

Autor

Foto

Jacek Bilski

Datum

10. Mai 2012
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