Tundra Buggy 5 Bilder Zoom

Sonderfahrzeugbau: Unterwegs mit dem Tundra Buggy

Nach Churchill, Manitoba, führt keine Straße, dennoch residiert hier eine kleine Schmiede für Spezialfahrzeuge. Wegen der Lage im Norden Kanadas, unmittelbar an der Hudson Bay, wird das Nest auch als Welthauptstadt der Eisbären bezeichnet.

Hier warten alljährlich im Spätherbst rund 1.000 Eisbären darauf, dass die Bucht zufriert und so der Weg frei wird zu ihrem Jagdrevier in der Arktis. Die Ansammlung der prächtigen Robbenjäger lockt Forscher ebenso an wie Touristen. Um beiden Gruppen die Möglichkeit gefahrloser Eisbär-Beobachtung zu bieten, erfand der Abenteurer Len Smith im Jahr 1979 den Tundra Buggy, ein hochbeiniges, allradgetriebenes Fahrzeug, das ursprünglich 16 Passagieren Platz bot. "Len war ein Cowboy, das war die Zeit, als Männer noch Männer waren", sagt augenzwinkernd Werkstatt- und Fuhrparkchef George Crombie.

Platz für bis zu 40 Reisende

Die Zeit der Cowboys ist vorbei. Was aus einer Bierlaune heraus entstand, ist heute ein florierender Betrieb, der mit großer Ernsthaftigkeit betrieben wird. Der Fahrzeughersteller gehört inzwischen zum Touristikunternehmen Frontiers North, einst größter Kunde von Tundra Buggy. Derzeit baut das Team um den gelernten Lkw-Mechaniker Crombie vor allem Buggys fürs eigene Unternehmen, die bis zu 40 Reisenden Platz bieten. Einzelne Fahrzeuge gehen auch an Forschungsteams. Dazu bauen sie in Churchill auch große Anhänger, die entweder Schlafabteile oder Küche plus Speisesaal enthalten. Aus den einzelnen Fahrzeugen baut Frontiers North dann draußen in der Tundra Wagenburgen, die tage- und wochenweise als Lodges vermietet werden.

Die Bezeichnung Buggy lässt zunächst an ein kleines, leichtes Fahrzeug denken, doch das Gegenteil ist der Fall. Auf den ersten Blick sieht der Tundra Buggy aus wie ein weißer Bungalow, der auf ein hochbeiniges Gelände-Lkw-Fahrgestell verpflanzt wurde. Dieser Bungalow verfügt auch über einen Balkon im Heck des Fahrzeugs, von wo aus die Passagiere bei stehendem Fahrzeug Eisbären beobachten und fotografieren können. Tatsächlich ist die Kabine ähnlich aufgebaut wie die eines Wohnmobils. Sie besteht aus einem Aluminiumgerippe, das mit Isolierplatten aus dem Hausbau ausgefacht und von einer weiß lackierten Aluminiumhaut überzogen wird. Schiebefenster gewähren den Passagieren Ausblick auf die Tundra-Landschaft und ihre Bewohner, ein großer Gasofen sorgt für wohlige Wärme an Bord.

Auch bei 50 Grad unter Null funktionsfähig

Schließlich operieren Tundra Buggys bei Temperaturen bis zu 50 Grad unter null. Da bedarf es auch einer robusten und zuverlässigen Mechanik. Hier verlässt sich George Crombie zum großen Teil auf Material aus dem amerikanischen Nutzfahrzeugbau. Als Antrieb dient ein 7,6 Liter großer Sechszylinder-Diesel des Lkw-Herstellers International. "Wir kaufen gebrauchte, aufgearbeitete Aggregate, die wir anschließend an unsere Bedürfnisse anpassen", erläutert der Werkstattchef. So wird im Hinblick auf die Zuverlässigkeit und Reparaturfreundlichkeit der Ladeluftkühler entfernt und die Zahl der Zahn- und Keilriemen von sieben auf einen reduziert. Auch auf den in polaren Regionen üblichen Blockheater verzichten die Kanadier. Statt der elektrischen Motorblockheizung kommt deutsche Technik zum Einsatz. "Wir bauen Kraftstoffheizungen von Webasto ein, die das Kühlwasser aufheizen und so den Motorblock auch im Stand auf Betriebstemperatur halten", sagt Crombie.

Den Antriebsstrang bauen sie in Churchill selbst. Er setzt sich zusammen aus einem Dreigang-Automatikgetriebe von Allison, das die Kraft über ein zweistufiges Untersetzungsgetriebe an die Achsen überträgt. Letztere stammen aus Flughafen-Feuerwehrfahrzeugen des US-amerikanischen Herstellers Oshkosh. Die Achsen mit sperrbaren Differenzialen kauft Crombie ebenfalls gebraucht. Die Reifen allerdings sind immer neu. Die Pneus, rund 1,5 Meter hoch und einen Meter breit (Dimension 66 x 43.00-25), kommen von der US-Marke Primex. "Die kosten rund 8.000 Dollar, wir müssen sie mindestens ein halbes Jahr im Voraus bestellen, denn solche Reifen haben Händler nicht auf Lager", erzählt George.

Tundra Buggy gräbt sich durch tiefe Matschlöcher

Die Riesenwalzen werden auch in der Forstwirtschaft verwendet, um Baumstämme aus schwer zugänglichem Gelände zu ziehen. Das Operationsgebiet der Tundra Buggys ist zwar unbewaldet, doch der Untergrund ist ähnlich schwierig zu befahren. Die Wege sind nur teilweise geschottert, zum großen Teil aber naturbelassen. So müssen sich die Reifen teilweise durch tiefe Matschlöcher graben, sollen aber andererseits keine zu tiefen Eindrücke im Boden der Tundra hinterlassen. "Deshalb fahren wir mit einem sehr geringen Reifendruck von rund einem Bar," erläutert Crombie.

Damit verbessern die Reifen zwar einerseits den Federungskomfort für die Passagiere, tragen andererseits zu einem Lenkverhalten bei, das mit "indirekt" nur sehr unzulänglich umschrieben ist. Erfahren haben wir dies auf einer kurzen Testfahrt während einer Eisbären-Fotosafari. Wir nehmen Platz auf einem einfachen, aber zumindest gefederten Sitz, das in kanadischer Schreinerarbeit gefertigte Armaturenbrett aus gebeiztem Holz ist rudimentär instrumentiert, die Funktionen der wenigen Schalter sind von Hand gekennzeichnet. Angezeigt werden nur Luft- und Öldruck, der Füllstand im Kraftstoffbehälter sowie die Temperaturen von Öl und Kühlwasser. Drehzahlmesser und Tachometer – Fehlanzeige.

Geschwindigkeiten zwischen 15 und 45 Stundenkilometern

Ein kräftiger Tritt auf das riesige Gaspedal setzt den Zehn-Tonnen-Koloss in Gang. Er nimmt langsam Fahrt auf, von Beschleunigung möchte man hier nicht sprechen. Das Allison-Automatikgetriebe schaltet zuverlässig zwischen den drei Gängen hin und her. Im Gelände liegen Geschwindigkeiten von maximal 15 km/h an, auf ebener Strecke können es bis zu 45 km/h sein. Aber darauf kommt es hier nicht an, schließlich bewegen wir uns in einem Naturschutzgebiet und würden mit schneller Fahrt genau die verjagen, die alle Besucher sehen wollen – die Eisbären.

Foto

Martin Häußermann

Datum

8. März 2012
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