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Türkei: Ohne Vitamin B geht nichts

Der Tiger vom Bosporus zeigt den EU-Staaten die Krallen und punktet mit enormen Wachstumsraten – auch in der Logistik. Europäische Dienstleister beißen sich beim Versuch, dort Fuß zu fassen, aber meist die Zähne aus.

Die Türkei ist die siebtgrößte Volkswirtschaft Europas mit einem Bruttoinlandsprodukt von rund 569 Milliarden Euro im Jahr 2011. Damit lässt der Tiger vom Bosporus mehrere EU-Staaten (Polen, Tschechien Rumänien, Kroatien und Bulgarien) weit hinter sich. Zum Vergleich: Deutschland liegt bei 2.648 Milliarden Euro. Wobei die Türkei ein weit überdurchschnittliches Wachstum aufweist. Für 2014 soll das laut Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bei vier Prozent liegen.

Vieles funktioniert nur über Beziehungen

"Zwischen der EU und der Türkei besteht ein sehr enges Abhängigkeitsverhältnis", erklärt Prof. Dr. Stefan Iskan, der zusammen mit dem dortigen Speditionsverband Utikad einen Logistik-Report zur Türkei veröffentlicht hat. Dabei sei die vielfach verbreitete Goldgräberstimmung zwar nachzuvollziehen – so einfach lasse sich der türkische Markt allerdings nicht erobern. Das wiederum liege zu einem nicht zu unterschätzenden Teil daran, dass in der Türkei vieles nur über Beziehungen funktioniere. Erschwerend komme hinzu, dass die zehn einflussreichsten Holdings für ein Umsatzvolumen von 72 Milliarden Euro stehen. Die größte ist Koc, gefolgt von Sabanci und Oyak (siehe Kasten). "Darüber hinaus verfügen Holdings wie etwa Okay, Borusan oder Ülker über eigene Dienstleister."

Die Chefposten sind – wie bei türkischen Firmen üblich – mit Nahestehenden der Holding-Geschäftsführer besetzt. "Das geht dann bis zum kleinsten Unternehmen, bei dem dann der Vetter zweiten Grades das Sagen hat. Aber auch der ist der Holding und insbesondere deren Chef verpflichtet", erklärt Iskan. Daher sei es auch nur dann möglich, mit einem der heimischen Verlader zusammenzuarbeiten, wenn es eine Geschäftsbeziehung zur übergeordneten Holding gibt.

"Krieg um die Exporte"

Das Gesamtvolumen des türkischen Logistikmarkts wird laut Iskan auf rund 40 Milliarden Euro geschätzt. Wobei die negative Außenhandelsbilanz in Zusammenhang mit einem Importüberschuss zu einem "Krieg um die Exporte" führt, wie es der Logistik-Professor der Hochschule Ludwigshafen formuliert. Etwa ein Drittel des Volumens ist an Logistikdienstleister outgesourct. Der größte Teil davon entfällt auf den Transport (16,8 Milliarden Euro), wovon etwa die Hälfte fremd vergeben ist. Es folgt die Kontraktlogistik mit einem Volumen von 10,1 Milliarden Euro, wobei hier gerade einmal zwei bis maximal drei Milliarden Euro ausgegliedert sind.

Im Bereich der Kontraktlogistik beziehungsweise Fertigung ist dabei ein interessanter Trend zu beobachten: "Einfache Montagetätigkeiten verlagern die Unternehmer nach Bulgarien und Rumänien, um Kosten zu sparen", berichtet Iskan. Waren die Lohnkosten in den vergangenen Jahren kein Thema, vollzieht sich ein Wandel. "Spannend ist vor allem, dass die verlängerte Werkbank nicht weiter östlich liegt – sondern in der EU." Für den Tiger am Bosporus bedeutet dies aber auch, dass der Transport und die Logistik an Bedeutung zunehmen.

Infrastruktur befindet sich im Umbruch

Dieses Ziel verfolgt übrigens auch die türkische Regierung, die ihre ganze Wirtschaftspolitik auf das Jahr 2023 ausrichtet, das Jahr, in dem die
Türkische Republik 100 Jahre alt wird. Weshalb sich auch die Infrastruktur im Umbruch befindet. "Derzeit werden die Häfen privatisiert und modernisiert."

Darüber hinaus entstehen elf Güterverkehrszentren im ganzen Land, wobei die ersten kurz vor ihrer Fertigstellung sind, berichtet Iskan. Dass es bei so vielen Baustellen zu Behinderungen kommt, bleibt nicht aus. Ganz besonders ist das im Kombinierten Verkehr spürbar.

Dort landen die Güterzüge mangels Alternative gerade in Cerkezköy rund 80 Kilometer vor Istanbul. "Dabei handelt es sich allerdings um einen Personenbahnhof mit gerade einmal vier Bahnsteigen und ohne jegliche Gerätschaften zum Entladen der Güterwaggons", berichtet Iskan, der seit 2006 vor Ort im Markt aktiv ist.

Ekot hat Fähren angeschafft

Kein Wunder also, dass der türkische Logistiker Ekol auf eine eigene Lösung setzt. Dazu hat das Unternehmen Fähren angeschafft. Soll heißen, dass die Auflieger per Bahn bis an den Hafen nach Triest gebracht werden. Von dort aus werden sie dann mit der Fähre nach Istanbul, Izmir oder Mersin gebracht. Ein Kunstgriff, ohne den der KV in die Türkei ansonsten relativ schleppend verläuft. "Wer den Weg per Schiene über Cerkezköy nimmt, verliert rund vier Tage – und das bei einer Regellaufzeit von sieben Tagen ohne Verzollung", erläutert Iskan. 

Daher läuft immer noch viel über die Straße, wobei die Lkw meist die sogenannte Balkanroute nehmen. Die Laufzeit beträgt ebenfalls rund sieben Tage plus Verzollung. Aber mit dem Transport ist kaum Geld verdient. "Fakt ist allerdings, dass die türkischen Logistiker sehr gut aufgestellt sind. Für das Geschäft im Inland und auch nach Russland oder in die sogenannten Maghreb-Staaten brauchen sie keine Hilfe."

Mit einer Kooperation in der Türkei Fuß fassen

Anders sieht das bei Verkehren nach Europa aus. Wer sich in der Türkei positionieren möchte, der kommt um eine Partnerschaft nicht herum. Nur mit einer Kooperation oder einem Joint Venture ist es nach Ansicht von Iskan möglich, auf türkischem Boden Fuß zu fassen. Bislang haben das eher die Konzerne gewagt – etwa DB Schenker mit der Reederei Arkas, Geiss mit Horoz oder Dachser mit Ran Lojistik. Dabei dürften eigentlich vor allem größere Mittelständler im Vorteil sein: Schließlich kommen die familiären Strukturen den dortigen Verantwortlichen durchaus entgegen.

Wer gehört zu wem

Die größte türkische Holding ist Koc. Sie steht für zwölf Prozent des gesamten türkischen Exportvolumens und zählt zu den 50 weltgrößten Familienunternehmen außerhalb der USA. Zu Koc gehörende Unternehmen sind beispielsweise die Automobilhersteller Ford Otosan oder Fiat Tofas.

Die Nummer zwei ist die Sabanci Holding. Deren Vorsitzende Güler Sabanci ist Mitglied im Aufsichtsrat von Siemens. Der Konzern unterhält ein Joint Venture mit Carrefour, dem größten Einzelhandelsunternehmen Europas. Auch Bushersteller Temsa gehört zu Sabanci.

Oyak Holding liegt auf Platz drei. Dabei handelt es sich um den Pensionsfonds der türkischen Armee. Der Fonds ist beispielsweise an der Produktion der Pkw und Lkw von Renault in der Türkei beteiligt. Ebenfalls zu Oyak gehört Omsan Lojistik.

Zur Borusan Holding, dem Generalimporteur für Fahrzeuge von BMW, gehört auch Borsusan Lojistik. Mit der Übernahme des Logistikers Balnak im Jahr 2013 ist die Holding der wohl größte türkische Logistikdienstleister. Ansonsten ist Borusan etwa zusammen mit Mannesmann in der Stahlrohrproduktion tätig oder betreibt mit der EnBW und Siemens mehrere Windkraftanlagen.

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Fotolia/Faraways

Datum

22. Januar 2014
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