Alles über Kabotage
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Adalbert Wandt im Gespräch: Soziale Verantwortung übernehmen

Fällt die Kabotage-Beschränkung, stehen die großen Flotten aus Mittel- und Osteuropa schon bereit. Davon ist Adalbert Wandt, Präsident des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL), überzeugt. Er warnt vor einem drastischen Preisverfall.

Nach dem Auftakt folgen die nächsten Aktionen. Mitte Juli hatte der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) im Kampf gegen Sozialdumping ein Bündnis mit der Gewerkschaft Verdi besiegelt. Bei der BGL-Mitgliederversammlung am 10. und 11. Oktober in Mainz soll der Dialog mit der Arbeitnehmerseite fortgesetzt werden. Verbandspräsident Adalbert Wandt verspricht sich von einer Podiumsdiskussion große Impulse, wie er gegenüber trans aktuell-Redakteur Matthias Rathmann sagt.

trans aktuell: Herr Wandt, was würde passieren, wenn die EU-Kommission die Kabotage komplett freigeben würde?

Wandt: Am Markt würde jeder Auftrag weiterhin erledigt. Es würde aber die ruinöse Verdrängung der deutschen Transportunternehmen sehr beschleunigt. Jeder könnte innerhalb von Deutschland machen, was er wollte. Große Flotten aus dem Ausland würden sich diese Chance nicht entgehen lassen. Das kann man nicht wollen.

Das klingt sehr düster.

Wenn es keine politischen Verbote mehr gibt, wird es bei Auftraggebern auch keine psychologische Hemmschwelle mehr geben. Man wird noch stärker Transportunternehmen aus dem kostengünstigeren europäischen Ausland einbinden. Das treibt die Preisspirale weiter nach unten.

Wären diese Unternehmen überhaupt in der Lage, Binnentransporte in Deutschland auszuführen? Dazu braucht es ja nicht nur Deutsch- und Ortskenntnisse.

Man sollte das nicht unterschätzen. Ich gehe aber davon aus, dass man diese Dinge lernen kann. Wir schulen unsere Fahrer ja auch ständig, so könnten auch die Fahrer aus Mittel- und Osteuropa hinzulernen. Es wären dann für uns sehr undankbare Jahre.

Aber kämen die Unternehmen denn so schnell bei deutschen Verladern zum Zuge?

Das müssen sie gar nicht. Es reicht, wenn sie in Kontakt zu deutschen Speditionen treten. Diese werden, bei entsprechenden Kostenvorteilen, für Beschäftigung sorgen und ihre Vermittlungsmarge erhöhen.

Es gibt einen Vorstoß aus dem Berliner und Brandenburger Landesverband, Kabotage innerhalb eines 150-Kilometer-Korridors hinter der Grenze zu verbieten. Das würde die grenznahen deutschen Unternehmen zumindest ein Stück weit vor ­illegaler Kabotage schützen. Was halten Sie davon?

Es gibt eine Menge praktikabler Vorschläge, wie sich meine Kollegen Beschränkungen bei der Kabotage vorstellen können. Europarechtlich umsetzbar ist davon keine. Einer allein gegen Brüssel hat keine Chance, die Gesetze dort zu beeinflussen. Denn auch die anderen EU-Länder sind nicht allesamt auf unserer Seite. Es gibt Randstaaten, die würden die Kabotage sofort vollständig freigeben.

Damit es gar nicht erst so weit kommt, hat der BGL mit der Gewerkschaft Verdi im Juli ein entsprechendes Bündnis geschlossen. Wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Allianz?

Wir haben ein Interesse an regulären Beschäftigungsverhältnissen ohne Sozialdumping. Wir wollen ja unseren Töchtern und Söhnen eine Perspektive bieten und den Fortbestand unserer Unternehmen sichern. Wenn wir dafür Unterstützung bekommen können, nehmen wir diese dankbar an. Es geht darum, gemeinsam der Politik Verwerfungen aufzuzeigen und soziale Verantwortung zu übernehmen. Das gelingt besser im Schulterschluss. Die Rampenproblematik beweist dies. Wir haben beide ein Interesse daran, die Arbeitsbedingungen unserer Fahrer zu verbessern, also ist gemeinsames Auftreten angesagt.

Sie haben sich darauf verständigt, dass es nach der Auftaktveranstaltung weitere gemeinsame Aktivitäten mit Verdi geben wird, um einer Lockerung der Kabotage entgegenzutreten. Was folgt als Nächstes?

Als Nächstes folgt die BGL-Mitgliederversammlung am 10. und 11. Oktober in Mainz. Die stellvertretende Verdi-Bundesvorsitzende Andrea Kocsis wird an einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion teilnehmen. Davon erhoffen wir uns große Beachtung.

Doch wird die Veranstaltung wahrscheinlich noch ohne Politiker auskommen müssen. Die nächste Bundesregierung muss sich erst einmal finden.

Im Gegenteil: Ich erwarte Impulse für das Regierungsprogramm. Das vergangene Jahr war, was unsere gewerbepolitischen Bemühungen angeht, ein erfolgreiches Jahr. Die deutsche Politik weiß um die Problematik rund um die Kabotage. Daher schließe ich nicht aus, dass der eine oder andere alte wie neue Gesprächspartner aus der Politik unsere Mitgliederversammlung besuchen wird oder zumindest hinhört, welche Botschaft von dort kommt. Die Einladungen sind jedenfalls verschickt.

Zur Person

Adalbert Wandt ist seit einem Jahr Präsident des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Seit knapp 13 Jahren ist er auch Präsident des Gesamtverbands Verkehrsgewerbe Niedersachsen (GVN). Der 64-Jährige engagiert sich daneben ehrenamtlich unter anderem für die IHK Braunschweig sowie als Aufsichtsratsmitglied der Straßenverkehrsgenossenschaft (SVG) Niedersachsen/Sachsen-Anhalt. Im Hauptberuf lenkt der Niedersachse mit seinem Bruder Gerhard die Geschicke der Spedition Wandt.

 

Matthias Rathmann, trans aktuell Chefredakteur

Autor

Foto

Thomas Küppers

Datum

26. September 2013
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