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Transport von Edelgasen : Nebelwerfer

Der Transport von edlen Gasen färbt offensichtlich auf den Job ab. Roland Seitz möchte nichts anderes fahren: saubere Arbeit, glasklare Vorschriften, kein Termindruck.

Die Glitzerwelt einer Tuningshow aus Chrom und Flammen lebt von Effekten wie pneumatischen Fahrwerken oder Unterbodenbeleuchtung. Doch das i-Tüpfelchen jeder Vorführung sind künstliche Nebel, die geheimnisvoll aufsteigen und der Darbietung einen besonderen Zauber verleihen.

Dafür hat Roland Seitz nur ein müdes Grinsen übrig, denn für ihn gehören die wabernden Schwaden zum Berufsalltag. Er fährt im Werksverkehr für die Niederlassung des Chemieunternehmens Linde in Gablingen bei Augsburg das tiefkalte Edelgas Argon aus.

„Ich verdiene mein Geld mit Luft, sozusagen“, lacht Roland, 46 Jahre alt, verheiratet, vier Kinder. Denn das Edelgas entsteht durch den Prozess der „rektifikativen Zerlegung“ von Luft, den sich Linde schon 1902 patentieren ließ. Weitere Produkte sind etwa Stick- und Sauerstoff. Damit wäre auch das Transportgut im Wesentlichen umrissen, mit dem Roland und seine Kollegen im süddeutschen Raum unterwegs sind.

Auf dem Hof in Gablingen stehen 60 Sattelzüge. Insgesamt verfügt die Linde-Group über drei weitere Logistikzentren in Leuna, Worms und Hamburg. Jeder Fahrer muss jedes Fahrzeug mit jeder Ladung bewegen können.

„Schon deswegen, weil die Kollegen auch mal im Urlaub sind.“ Aber jeder Fahrer ist auch ein Spezialist. So trägt Roland die Verantwortung für seinen Gastanker. Das umfasst nicht nur den Überblick über die technische Wartung, sondern auch die Sauberkeit des Lkw. Der Zug ist schließlich die Visitenkarte des Unternehmens beim Kunden.

"Vor mir ist nie Verkehr"

„Deshalb sind auch Namensschilder oder Aufkleber verboten, es dürfen auch keine Löcher gebohrt werden.“ Doch Roland scheint das nicht zu stören. Im Gegenteil, er fühlt sich in seinem MAN pudelwohl. Sein Lieblings-Lkw: großzügig geschnittene Kabine, alles an seinem Platz, „wo’s hingehört – wie bei einem Golf“.

Den Auflieger stellt die Spezialfirma Schwingenschlögel in Österreich her. Er ist eine komplette Aluminiumkonstruktion, doppelwandig gegen Hitze und Kälte isoliert. Der Zug kann bis zu 25 Tonnen laden. Flüssiges Argon ist zwar minus 186 Grad kalt, aber von seiner Substanz her vollständig harmlos, da es ja aus Luft gewonnen wird.

Würde allerdings jemand in eine Pfütze aus Flüssig-Argon treten, wäre die Schuhsohle sofort schockgefrostet und würden zersplittern. Daher macht es Sinn, dass der Lkw die Schadstoffklasse 2 besitzt.

Die Linde-Lkw fahren auf der Landstraße „Strich 60“. „Vor mir ist nie Verkehr“, freut sich Roland. Hinter ihm aber schon. Doch akzeptieren die anderen Lkw-Fahrer die Sicherheitsphilosophie des Chemieunternehmens, die man in der Branche kennt.

Ausgleichssport: mit Axt und Säge in den Wald

„Die Kollegen bleiben entweder hinten oder versuchen, noch vor mir auf die Strecke zu kommen. Ich lasse die natürlich rein, wenn es möglich ist.“ Seine Tagestouren umfassen 250 bis 550 Kilometer, er fährt fünf bis sechs Firmen an. Die brauchen Argon zum Beispiel als Schutzgas beim Schweißen.

Roland kennt seine Kundschaft, weiß, wie er seine Routen legt und wie er am besten an die Tanks rangiert. Er kennt jeden Parkplatz, auf dem er seine vorgeschriebenen Pausen machen kann, am liebsten mit einem Metzger oder Bäcker um die Ecke für einen Leberkäs-Wecken und einen heißen Milchkaffee.

Roland ist in der Regel abends wieder zu Hause und hat Zeit für Hobbys, zum Beispiel das Restaurieren von VW Käfer. „Da spürst du noch die Autoseele. Das lebt.“ Viel Zeit beansprucht auch der selbst entworfene Kachelofen im Eigenheim. Der verschlingt jährlich locker 30 Kubikmeter Holz, die Roland mit Axt und Säge aus dem Wald holt – sein Ausgleichssport zum Fahrerjob.

Sicherheitsschuhe, Arbeitsanzug - immer dabei

Roland steht zwischen vier und sechs Uhr in der Frühe auf. „Alles Gewöhnungssache“, so meint er. Den Lkw hat er schon am Abend vorher betankt, was knapp eine Stunde dauert. Die Dispositionsroute für den nächsten Tag liegt bereits in seinem Postfach. Heute steht unter anderem die Firma Hermann Waldner, Maschinenbau, in Wangen auf dem Programm.

Es läuft zunächst wie geschmiert. Roland fährt gegenüber der Einfahrt in eine Straße, denn er muss rückwärts in den Hof stoßen. „Anders geht’s nicht.“ Der aufmerksame Pförtner hat bereits die Schranke geöffnet und winkt den Lkw über die Straße. Roland sieht ihn auf dem Monitor der Rückfahrkamera und bemerkt auch noch etwas anderes: „Jetzt haben wir ein Problem.“

Vor dem Tank steht eine einsame Wechselbrücke. Roland zirkelt den Zug auf dem engen Hof irgendwie drum herum, kommt aber schließlich nicht nah genug ran. Abbrechen? „Nein, ich habe ja einen Verlängerungsschlauch.“ Roland setzt die Arbeitsbrille auf und rückt den Helm mit Augen- und Lärmschutz zurecht. Er zieht die Handschuhe über, die fünf Sekunden in flüssigem Gas dicht bleiben müssen.

Die Sicherheitsschuhe sind mit Stahlkappen bestückt, der Arbeitsanzug so imprägniert, dass er kein Gas aufsaugt, was besonders im Falle von brennbarem Sauerstoff sehr gefährlich wäre. Roland öffnet die Heckgarage, die mit ihren Ventilen, Absperrhähnen und eisverkrusteten Leitungen aussieht wie ein halbes Wasserwerk in Sibirien zur Winterszeit.

Saubere Arbeit ohne Geruch in den Klamotten

Zunächst montiert er einen Verbindungsschlauch zum Tank, in diesem Fall mit Verlängerung. Dann sucht er einen externen Stromanschluss, den er aber durch einen im Lkw eingebauten Generator notfalls auch ersetzen könnte. Roland hat freien Zugang zu den Tanks, was für den Fahrer eine Reihe von Vorteilen bringt.

Er kann ungefragt die Apparaturen bedienen. Außerdem stehen die Tanks in aller Regel etwas abseits auf dem Firmengelände, so dass sie fast zu jeder Zeit angefahren werden können. Das nimmt ihm auf der Tour den Termindruck.

„Außerdem ist die Arbeit sauber und es bleibt kein Geruch in den Klamotten hängen." So wie früher, als Roland noch als Koch gearbeitet hat. „Den Küchenqualm wirst du einfach nicht mehr so schnell los.“ Sobald der Schlauch montiert ist, spült Roland die Leitung vom Tank her zum Fahrzeug.

Durch abgeleitetes Gas entstehen coole Showeffekte

Sauberkeit allein reicht nicht. Es muss „rein“ sein, frei von jeder noch so kleinsten Verschmutzung. Den richtigen Zeitpunkt überwacht die Pumpensteuerung. Äußerlich reift parallel der Schlauch spektakulär frostig an. Danach stellt Roland die Pumpe „kalt“, bis eine Kontrollleuchte aufblinkt.

Im Prinzip flutet er durch einen geschlossenen Kreislauf das Aggregat mit Flüssig-Argon, damit es später überhaupt anläuft. Erst dann startet er das Abtanken der gewünschten Menge. Der Bordcomputer im Fahrerhaus wartet nur darauf, dass Roland jetzt den Lieferschein ausdruckt, den ein Nadeldrucker mit Geratter ausspuckt.

Fehlt nur noch der Eintrag der exakten Menge, die ein zweiter Drucker in der Heckgarage beisteuert. Und jetzt ist Showtime angesagt, da Roland vor der Weiterfahrt die Leitungen und Pumpe wieder freipustet und das Gas durch ein Ventil an der Unterseite ableitet. Nebel steigen auf, die auch dem Hund von Baskerville zur Ehre gereichen würden – echt cool, aber ganz ohne billige Showeffekte.

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Hammermeister

Autor

Foto

Volker Hammermeister

Datum

22. Mai 2013
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