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Training mit dem Simulator: Grenzgänger

Aus Schaden wird man klug, auch beim Lkw-Fahren. Ein teurer Ansatz. Die Lösung: der Dekra-Hightech-Simulator – Spaß inklusive.

Buchsi ist freudig überrascht: „Oh, Stefan stellt die Spiegel ein. Das ist heute der erste.“ Doch dann will die Karre einfach nicht losfahren. Buchsi, fröhlich: „Starten musst du schon.“ Der quirlige Trainer ist mit breitem Grinsen sichtbar in seinem Element und Stefan nervös.

Eigentlich gibt es ja nicht mehr viel, was den Spezialisten aus Dinkelscherben im Straßenverkehr noch schocken kann. Immerhin vertraut ihm sein Chef eine Titan-Zugmaschine an: Schwerlasttransporte im Straßenbau.

Stefan fährt alles „von 10 bis 250 Tonnen“. Doch eine hautnahe Kontrolle während der Fahrt gehört nicht zu seiner Alltagserfahrung. Zumal Buchsi jederzeit beherzt reingrätscht: „Du hast Fernlicht an, mein Liebling.“ Es herrscht ein lockerer Ton, alle sind per Du beim Simulatortraining der Dekra.

Es herrscht Realitätsnähe in der MAN TGS-Kabine

Projektleiter Reinhard Buchsdrücker nennen alle Buchsi: „Wieso weiß ich eigentlich nicht. Das war schon immer so.“ Heute morgen ist er mit einem Volvo-Sattelzug der besonderen Art auf einem Parkplatz gegenüber der Dekra-Hauptverwaltung in Stuttgart vorgefahren. Er hat zusammen Vernunft, Verständnis und Vorbild.

Und da sind sie auch schon: Stefan Vogele, Manfred Wandl aus München, Dirk Brömsen aus Pforzheim, Gerhard Bielmeier aus Mariaposching und Werner Tandler, Schwabmünchen. Sie haben das eintägige Modul „Fahrsicherheit, Gefahrenlehre und Sicherheitstechnik“ nach dem Weiterbildungsgesetz BKrFQG auf dem Fahrsimulator gewonnen.

Wert: jeweils rund 320 Euro. Alle sind neugierig auf die MAN TGS-Kabine, „original direkt vom Produktionsband“, mitten im Auflieger. Unterflur montierte, mächtige Hydraulikzylinder simulieren die Fahrzeugbewegung. Eine On-screen-Projektion an allen Fenstern und Spiegeln erzeugt Realitätsnähe. Auch die „Verkehrsteilnehmer“ sind aktuelle Fahrzeugmodelle.

Die Schüler nehmen ein Multifunktionslenkrad in die Hand. An Bord sind moderne Assistenzsysteme wie ESP, ACC, Tempolimiter oder Spurhaltefunktion. Ob Handschaltung oder Automatik, freie Auswahl, ebenso ob es ein Sattel- oder Hängerzug sein soll. Möglich macht’s die ausgefeilte Elektronik des Herstellers Krauss-Maffei-Wegmann, auch ein Spezialist im Bereich der wehrtechnischen Simulation.

Am Kommandostand entgeht dem Instruktor nichts

Der Wert des gesamten Zuges: rund eine Million Euro. Je nach Bedarf sind in Deutschland bis zu zwei Lkw mit Simulatoren unterwegs. Ein fest installierter steht bei der Dekra Akademie in Norderstedt zur Verfügung.

Jedes Jahr spulen rund 800 bis 1.000 Lernwillige gut 50.000 Kilometer ab – rein virtuell. Die mobilen Simulatoren rollen überwiegend durch Deutschland, aber ebenso nach Österreich und zu Präsentationszwecken auch schon mal nach Schweden oder Griechenland. Derzeit sind sechs Instruktoren im Einsatz.

Zusätzlich setzt die Dekra Akademie jeweils einen Trainer für die Schulung der Teilnehmer ein, die gerade nicht „fahren“. Beim Fahrtraining sitzt der Instruktor außerhalb der Kabine an einem Kommandostand mit acht Monitoren und Sprechkontakt zur Kabine.

Nichts entgeht ihm. Jede Fahrsituation wird gespeichert. Doch Stefan ist das erst mal egal. Er hat den Unterricht hinten im Auflieger, der die Praxis ergänzt, verlassen. Denn jetzt ist er an der Reihe. Los geht’s.

Alle Gemeinheiten sind per Knopfdruck parat

Stefan bemerkt die spielenden Kinder am Straßenrand und ist nicht nur im Schritttempo vorbeigefahren, sondern hat sie auch im Seitenspiegel weiter beobachtet. Buchsi: „Brav.“ Doch dienen die ersten Meter nur zur Eingewöhnung. Die Instruktoren haben alle Gemeinheiten per Knopfdruck parat.

Sie können mit einer Apparatur, die aussieht wie eine Spielekonsole mit Lenkrad, sogar andere „Verkehrsteilnehmer“ individuell steuern. Und siehe da: Nebel zieht auf, Regentropfen peitschen die Scheibe, Rehe huschen von rechts über die Landstraße und dann auch noch die ersten Schneeflocken.

Blaulicht am Horizont. Was ist denn da los? Doch gleichzeitig wechselt ein Radfahrer vor Stefan die Spur. Keine Panik. Alles im Griff. Ach herrje, da hinten hat es einen Bus aus der Kurve getragen. Polizei ist auch schon da. Die Straße ist aber frei. Na, dann wollen wir mal.

Die Ausbildung schont die Ressourcen

Au verflixt, der Sattel bricht aus. Im Scheitelpunkt der Kurve Gas gegeben. Überfrierende Nässe. Buchsi: „Wisch und weg.“ Doch Stefan fängt den Sattel wie durch ein Wunder wieder ein. „Da hast du noch mal Glück gehabt“, meint der Instruktor später bei der Besprechung am Monitor. Stefan ist noch ganz beeindruckt von seiner Grenzerfahrung.

„Warum hast du nicht noch die zwei Sekunden gewartet und bist durch die Kurve gerollt? Die Zeit hast du doch, oder?“ So lernen die Teilnehmer in lockerer Atmosphäre, wie sie brenzlige Situationen bewältigen können. Dabei hilft der Simulator, Situationen durchzuspielen, in die ein Lkw-Fahrer nie geraten möchte.

Wie wäre es beispielsweise mit einem Ausflug in die Notbremsgasse, weil die Bremsen versagen? Das kostet im wirklichen Leben mit Bergung aus dem Kiesbett und Reparatur am Lkw zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Die Gebühren für das Modul im Simulator sind dagegen ein Nasenwasser. Oder wie es im Dekra-Merkblatt heißt: „Die Ausbildung schont die Ressourcen.“

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Hammermeister

Autor

Datum

5. Juni 2013
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