Zugefrorene Kabel 7 Bilder Zoom

Testfahrten im eisigen Norden: 30 Jahre ABS

Vor 30 Jahren ging das erste ABS für Nutzfahrzeuge in Serie. Eine Voraussetzung:viele Stunden Testfahrt im Dämmerlicht des eisigen Nordens.

Ein Horizont wie die Ewigkeit. Nichts hält den Blick in die endlose Ferne, höchstens ein paar windzerzauste Nadelwälder, der Berg Galtispouda oder das Kirchlein in Arjeplog, dem kleinen Hauptort der Gemeinde gleichen Namens in der historischen Provinz Lappland im Norden Schwedens. Der Ort liegt etwa 56 Kilometer südlich des Polarkreises. Hier ist nicht viel los, vielleicht der im Frühjahr stattfindende Markt der Samen. Und doch zieht es die ganze Welt regelmäßig in die tief verschneite, kalte Wüste – zumindest wichtige Vertreter der internationalen Fahrzeugindustrie.

Denn Arjeplog bietet für ein paar Wochen von Dezember bis März mitten in der Einsamkeit Schneesicherheit und verlässliche Minustemperaturen, welche die nahen Seen zufrieren lassen: ideale Bedingungen, um auf der steinharten Ebene Fahrzeuge und ihre technischen Systeme auf Wintertauglichkeit zu testen. Da drehen rassige Ferraris ebenso ihre Runden wie dröge Stadtautos, da geben sich die aufregendsten Prototypen ein Stelldichein. Zumindest in den alten Zeiten, denn heutzutage sind die Seen in Arjeplog nicht mehr das einzige Testgelände und viele Firmen ziehen sich auf gut abgeschirmte Areale auf dem Festland zurück.

Der hohe Norden ist unwiderstehlich

Doch vor 30 Jahren war hier noch Improvisation und Hemdsärmeligkeit angesagt. In Deutschland startete 1981 die Serienfertigung von ABS für Nutzfahrzeuge. Der Erfolg des Systems ist eng mit Arjeplog und Knorr-Bremse verbunden, denn auch die Entwicklungsingenieure, Mechaniker und Messtechniker des Elektronikspezialisten konnten den Versuchungen des hohen Nordens mit seinen idealen, weil garantierten Testbedingungen einfach nicht widerstehen.

Dieter Hartmann ist ein Mann der ersten Stunde. Er ist Leiter des Teams Fahrversuch München und gleichzeitig einer von drei Standortverantwortlichen in Schweden. In den 80er-Jahren war noch keine Rede von festen Baulichkeiten. "Ein Tross von rund 15 Mann ist auf eigener Achse mit den Lkw von Deutschland aus für vier bis fünf Wochen angereist." Heimflüge? Damals ein Fremdwort. Wer bei Knorr-Bremse für diesen Job anheuerte, wusste schon bei der Stellenausschreibung, dass die regelmäßigen Winterausflüge Teil des Programms sind.

Auf Erfahrungswerte ist meistens Verlass

Vor Ort gehörte Improvisation zum täglichen Alltag. Eine angemietete Garage musste als Entwicklungs- und Auswertungsplatz herhalten. Hartmann: "Wir saßen auf den Alukisten, die wir für den Transport verwendeten, vor den PCs." Keine Halle in Arjeplog war groß genug für die Lkw. "Also haben wir im Freien unsere Messgeräte montiert, teilweise bei minus 30 Grad." Dann ging es hinaus auf den See. Dort hatte der einheimische "Iceman" das Kommando und die Verantwortung. Mit einem langen Bohrer perforierte er das Eis und ermittelte die Dicke der Schicht.

Je nachdem stand dann fest: Heute reicht’s für Tempo 50 km/h und zehn Tonnen Gesamtgewicht. Das waren reine Erfahrungswerte, auf die sich die Crew verlassen konnte – zumindest meistens. Denn ausgerechnet der Lkw des Iceman brach einmal ein: "Der ist auf einer Scholle so langsam eingesackt, dass die Tester noch die Batterie ausbauen konnten", erinnert sich Hartmann. Das Fahrzeug war nicht mehr zu retten. Es ging unter und sank auf den Grund des drei Meter tiefen Sees – Bergung erst im nächsten Frühjahr nach der Schnee- und Eisschmelze.

Sicherheitsgewinn dank ABS

1991 begann schließlich mit dem Bau einer Halle und eines Bürotrakts ein neues Zeitalter. Die Mitarbeiter waren in Appartements statt in Ferienhütten untergebracht und Heimflüge nach Deutschland an der Tagesordnung. Eine Konstante blieb: Arjeplog ist nach wie vor unverzichtbar, da die Simulation am Computer die Fahrzeugprüfungen nicht ersetzen kann. Und der Aufwand lohnt sich. Als Ergebnis ging vor 30 Jahren das erste in einer Kooperation zwischen Knorr-Bremse und der Robert Bosch GmbH entwickelte Antiblockiersystem für Nutzfahrzeuge in Serie. Als Pioniere auf diesem Gebiet stellten die beiden Unternehmen im Jahr 1972 einen Prototyp vor, den sie in den Folgejahren optimierten. 1981 startete der Serieneinbau in Lkw des Entwicklungspartners MAN. Im Jahr 1999 brachte Bosch die Aktivitäten im Bereich Nutzfahrzeugbremsen schließlich bei Knorr-Bremse ein.

Der Sicherheitsgewinn dank ABS steht außer Frage. Die Technik verhindert beim Bremsvorgang das Blockieren der Räder und passt sich wechselnden Fahrbahnbedingungen und Bremszuständen automatisch an. Dadurch vermeidet das System ein Schleudern des Fahrzeugs. Es erhält die Lenkfähigkeit und verkürzt zudem den Anhalteweg. Dadurch werden Unfälle bei Nutzfahrzeugen mit häufig sehr schweren Folgen für weitere Verkehrsteilnehmer wirkungsvoll verhindert.

ESP eweitert das ABS

Knorr-Bremse entwickelt sich mit den Jahren zu einem der führenden ABS-Anbieter weltweit. So wird die ABS-6-Familie seit 2003 auf allen Kontinenten verkauft und seit 2005 als Variante "advanced" mit der Schleuderbremse ESP erweitert. Diese gesteigerte Funktionalität zieht sich wie ein roter Faden durch die Entwicklungsgeschichte, erklärt Knorr-Bremse-SfN-Geschäftsführer Ansgar Fries: "Eine Antischlupfregelung regelt bei durchdrehenden Rädern den Motor zurück, um optimale Traktion zu erreichen. Das elektronische Stabilitätsprogramm ESP stabilisiert sogar Nutzfahrzeuge mit Anhängern in kritischen Situationen. Werden Bremssystem und Radarsensor kombiniert, kann ein Fahrzeug sogar selbstständig den Abstand zum Vordermann halten und so Auffahrunfällen entgegenwirken."

Was die Weiterentwicklung und Produktion von ABS auch 30 Jahre nach der Serienfertigung attraktiv macht, ist nach Ansicht von Dr. Falk Hecker, Bereichsleiter Elektronische Systeme und Standortleiter in Schwieberdingen, die höchst unterschiedliche Nachfrage rund um den Globus: "In Europa und den USA geht der Trend hin zu hoch integrierten Systemen, die über Hightech- Schnittstellen immer mehr Funktionen wie beispielsweise zusätzliche Fahrsicherheitslösungen einbinden können".

ABS wird zur Pflicht

"In den BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika sowie den aufstrebenden Schwellenländern hingegen werden vor allem robuste Systeme benötigt, welche die lokalen Marktanforderungen erfüllen und für eine Vielzahl verschiedener Nutzfahrzeuge spezifiziert sind. Gleichzeitig sollen sie aber auch erweiterte Funktionalitäten wie beispielsweise die Steuerung der Luftaufbereitung zur Kraftstoffeinsparung bereitstellen."

Hinzu kommt ein weiterer Trend: die sukzessive internationale Ausweitung der gesetzlichen ABS-Pflicht. Für Knorr-Bremse bedeutet dies eine gezielte Weiterentwicklung der Systeme für Nutzfahrzeuge, um auch zukünftig alle spezifischen Anforderungen der Länder und Regionen zu erfüllen. Eins ist also sicher: Dieter Hartmann und seiner Mannschaft wird es in Schweden am zugeforenen See von Arjeplog so bald nicht langweilig werden.

Hammermeister

Autor

Foto

Knorr-Bremse

Datum

6. März 2012
5 4 3 2 1 0 5 0
Kommentare
Unsere Experten
Harry Binhammer, Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht Harry Binhammer Arbeitsrecht
Ich bin Rechtsanwalt und Fachanwalt für Arbeitsrecht. Ich vertrete Arbeitnehmer und Arbeitgeber… Profil anzeigen Frage stellen
Götz Bopp, unser Experte für Sozialvorschriften im Straßenverkehr (Lenk- und Ruhezeiten) Götz Bopp Sozialvorschriften und Güterverkehr
Beratung von Unternehmen und Fahrern rund um das Thema Lenk- und Ruhezeiten. Schwerpunkt im… Profil anzeigen Frage stellen
Aktuelle Fragen
Kostenloser Newsletter
Newsletter Small

+++ Tests +++
+++ News +++

Und immer bequem und kostenlos per E-Mail.