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Strategen der Rettung: Feuerwehr Ravensburg - Retter schneiden auf

Die Feuerwehr ist da. Aber Lkw-Unfälle erfordern viel Kompetenz. Ein Kreis von Experten baut sie seit Jahren immer weiter auf.

Rund 800.000 Lastzüge verkehren in Deutschland. Die meisten legen pro Jahr mehr als 100.000 Kilometer zurück. Allein nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip sind Unfälle da nicht auszuschließen. Doch dazu kommen noch vielerlei Bedingungen, die das Risiko erhöhen.

Dagegen steuert, verteilt über die Fahrzeugbauer und deren Zulieferer, ein Heer von Ingenieuren, die immer neue Sicherheitssysteme ersinnen. Ihr Erfolg ist riesig, denn würde die heutige Verkehrsleistung mit den Lastern von gestern bewältigt, sähe die Bilanz weit schlimmer aus. Allerdings ist die elektronische Wunderwelt, Stand heute, nicht in der Lage, alle Eventualitäten auszuschließen.

So ist es nach wie vor wichtig, dem Lkw bei der Sicherheitsforschung ans Blech zu gehen. Und dies geschieht gleich von zwei Seiten: konstruktiv, also beim Bauen crash-optimierter Fahrerhäuser und destruktiv beim Aufbrechen von Unfallfahrzeugen.

Gerade hier haben viele Feuerwehren ein Problem. Es gibt kaum Möglichkeiten, eine Lkw-Rettung zu üben. So mussten die Einsatzkräfte lange Zeit bei jedem Unfall improvisieren.

Rettungseinsätze strukturieren

Dies erkannte bereits vor gut 12 Jahren der Notfallmediziner Dr. Rainer Zinser. Die oft sehr ähnlichen Verletzungsmuster seiner Lkw-Patienten in der BG Unfallklinik Ludwigshafen brachten ihn auf den Gedanken, die Rettungseinsätze zu strukturieren, um damit überlebenswichtige Zeit einzusparen und bessere Heilungsaussichten zu gewinnen.

Mit dieser Idee wandte er sich an die Berufsfeuerwehr der Ludwigshafener Wache Nord. Dort fand er mit Frank Bohm den idealen Konterpart für die Technik. Beide waren sich einig, dass die Retter bestimmte Unfallszenarien am besten mit immer gleichen Einsatzmustern bewältigen könnten.

Durch einen Artikel der Zeitschrift „lastauto omnibus“ erfuhr der Lkw-Freund Rainer Zinser von der Nutzfahrzeug-Unfallanalyse bei Mercedes-Benz und fand dort mit Kay Morschheuser und Andreas Häfele gleich zwei neue Mitstreiter.

Freiwilligen-Truppe perfekt trainiert

Inzwischen ist die ganze Abteilung im Boot. Auf dem Hof der Ludwigshafener Feuerwehr kam es dann zu einer denkwürdigen Rettungsübung, zu der auch die Kollegen von MAN geladen waren. Die Münchner ließen damals die einzelnen Schritte durch ihre Simulatorprogramme nachrechnen. Sprich, wie reagiert die Kabine, wenn Schweller und ASäule durchtrennt sind und der Hydraulikstempel drückt.

Damit ließ sich eine gewisse markenübergreifende Allgemeingültigkeit ableiten. Die Nutzfahrzeug-Retter bemühten sich um schnelle Verbreitung der Erkenntnisse. Mercedes produzierte gar einen Leitfaden für Rettungskräfte.

Später kalkulierten die Mercedes-Mannen das Aufschneiden sogar bei der Konstruktion des neuen Actros ein. „Da der Schweller hier steifer ist als beim Vorgänger, lassen wir den Schnitt dahinein gleich weg und schneiden zweimal an der A-Säule. Künftig tragen alle Actros an den richtigen Stellen Schnittmarkierungen für die Rettungskräfte", erklärt Morschheuser.

Mit Claus Erb erweiterte sich schon früh der Kreis um einen weiteren Retter mit Diesel im Blut. Als Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Ravensburg schob er in Seminaren die Zusammenarbeit zwischen Notfallmedizinern und den technischen Rettungskräften an. Ein Anliegen, mit dem Initiator Zinser auf ihn zu kam. Seine Freiwilligen-Truppe ist mittlerweile nicht minder perfekt auf die Lkw-Rettung trainiert als die Profi-Kollegen in Ludwigshafen. Das hat sie schon auf einigen Vorführungen bewiesen.

Der Auffahrunfall, ein besonders übles Szenario

Ein häufiges und besonders übles Szenario ist der Auffahrunfall. Oft wird dabei der Fahrer eingeklemmt und die Türen blockieren. Dazu kann auch die Kabinenaufhängung Schäden haben. So ist es früher vorgekommen, dass die Retter die Karosserie per Seilwinde aufziehen wollten und sie dabei samt dem Verletzten vom Fahrgestell rissen.

„Heute werfen wir zuerst einen Spanngurt über das Dach und verzurren ihn an beiden Felgen der Vorderachse“, sagt Bohm. Die Seilwinde ist tabu. Während der Notarzt durch die ausgesägte Frontscheibe einsteigt und die Erstversorgung des Verunglückten übernimmt, stemmt die Feuerwehr die Fahrertür heraus und setzt mit der Hydraulikschere Entlastungsschnitte in Schweller und A-Säule. Dann stemmen sie die Karosse auseinander und der Patient kommt frei.

Mietbarer Anhänger zum realitätsnahen Trainieren

„Leider ist unsere Routine keine Selbstverständlichkeit“, sagt Unfallanalytiker Häfele. Er ist ebenfalls bei der freiwilligen Feuerwehr. Zwar ist man auch in Stuttgart auf einem guten Ausbildungsstand, aber in der Fläche ist es für viele Feuerwehren nicht einfach Erfahrungen aufzubauen. Abhilfe könnte da der neue Rettungssimulator der Firmen Dräger und Weber Hydraulik schaffen.

Mit diesem mietbaren Anhänger lassen sich fast alle typischen Lkw-Rettungsaufgaben sehr realitätsnah trainieren. Das spezifische Knowhow, dass in diesem Gerät steckt, sammelte sich in der nun rund zehnjährigen Zusammenarbeit des Rettungsquintetts an. Allen gemeinsam ist die starke Affinität zum Laster.

Während Kay Morschheuser und Andreas Häfele sich schon in der Ausbildung und später im Job auf den Lkw konzentrierten, war Notarzt Rainer Zinser als Kind viel in der Halle eines Fahrzeugbauers und wollte das Fach sogar studieren. Es wurde dann aber doch Medizin. Ein Glück für die Vielzahl von Lkw-Fahrer-Patienten, die er auf der A 61 kennenlernte.

Optikmeister Claus Erb begleitete schon einmal aus purem Interesse einen Lkw-Fahrer auf einer Italien-Tour. Frank Bohm ist früher selbst Lkw gefahren und begeistert sich immer wieder über die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die unter vielen Fahrern herrscht.

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Andreas Techel, Chefredakteur

Autor

Datum

27. März 2013
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Fred Dremel, Experte für Sozialvorschriften für das Fahrpersonal im Strassenverkehr, Arbeitszeitrecht , Kontrollgeräte Fred Dremel Sozialvorschriften
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